Spiegel-Online: Bürgerliche Presselandschaft bizarr

Wer sich am 21.7.2009 Spiegel-Online anschaute, dem sollte ein Artikel nicht entgangen sein, der sich mit den Finanzsituation in Kalifornien beschäftigt. Unter der Überschrift “Schwarzenegger wendet Finanzkollaps ab”, resümiert die Internet-Ausgabe des bürgerlichen Mainstream-Magazins, dass sich das Parlament der achtgrößten Volkswirtschaft der Welt auf einen Konsolidierungsplan geeinigt hat (bekanntlich drohte der Staatsbankrott).

Die geplanten Einschnitte, vor allem im sozialen Bereich, belaufen sich auf rund 15 Milliarden Dollar, weis der Spiegel zu berichten. Viele Kalifornier – vor allem Ältere und Arme – müssten auf Jahre hinaus mit weniger Dienstleistungen auskommen, berichteten US-Medien. Laut “Los Angeles Times” würden Zehntausende ältere Menschen und Kinder aus der Krankenversicherung fallen. Die Gemeinden würden Milliarden bei Hilfsleistungen einsparen.

Wie das alles aber unter die Überschrift “Finanzkollaps abgewendet” passt, das mögen sich die Autoren des Artikels selber fragen. Denn für zigtausende (oder doch mehr?) Kalifornier hat der Finanzkollaps mit dem terminatorischen Schlussstrich unter sozialen Errungenschaften doch gerade erst begonnen. Das nennt sich Individualisierung der Krise “at it’s best”. Solange das staatsdebitorische System noch eine Prolongation bekommt, schimpft man(n) das Krisenmanagement. Die Unmöglichkeit von Hunderttausenden von Menschen ärztliche und soziale Leistungen in Anspruch zu nehmen, darf dagegen nicht als Kollabierung von Systemkomponenten dargestellt werden, sondern firmiert als vermeintliche Rettung des bürgerlichen Staatsgebildes.

Wir danken dem Spiegel für diese bewusst unbewusste Wertsetzung und eine beispiellose sprachliche Verwahrlosung bei dem Versuch der aktuellen Krise ihren Charakter zu nehmen.
(jpsb)

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