Verwandlung des Leidens in projektiven Hass

oder wie und warum Oliver Heraklaukes als halbgöttlicher Ausmister der kapitalistischen Ställe und Siegfried Dehm als selbst ernannter Bezwinger des Drachen Kapitalismus DIE LINKE weiter spalten, die Opfer des Kapitalismus für persönliche Zwecke manipulieren und in ihrem Glaubenskrieg den Endsieg über .das Böse. versprechen.

.Man versucht, das Leiden als ein von außen gemachtes Übel dadurch zu vernichten, dass man seinen bösen Urheber draußen bekämpft (Leidensvernichtung). … Das allgemeine Prinzip dieser Reaktion besteht in der Verwandlung von Leiden in Hass. … Das Ich scheidet die Unlust gewissermassen aus, indem es seinen Schmerz als Hass in die äußere Unlustquelle projiziert. Diese Verhaltensweise kann als eine vorherrschende Abwehrtechnik erhalten bleiben. Ganz verschwindet sie niemals. Sie dient Vielen zeitlebens dazu, sich von Verzweiflung zu entlasten, indem sie das Problem stets äußeren Schuldigen anheften und sich durch deren Bekämpfung inneres Leiden ersparen. Sie retten sich unverzüglich immer wieder in Feindseligkeit, sobald sie Gefahr spüren, innerlich zu verzagen. Das kann dazu führen, dass jemand lebenslänglich Außenfeinde zur Verfügung haben muss, um die anhaltende Gefahr depressiver Zusammenbrüche zu bannen. … Je mehr die Unlust durch niederdrückende Selbstvorwürfe bestimmt ist, um so radikaler muss der Außenfeind verteufelt werden..

.In der politischen Dimension gehören hierzu alle emotional fixierten kollektiven Vorurteilsbildungen gegen Gruppen, Gewohnheiten oder Ideologien, von deren Bekämpfung sich diejenigen eine entscheidende Entlastung von eigenen Schwierigkeiten versprechen, die diesen Vorurteilen unterliegen. Die Betreffenden vernachlässigen eine konstruktive Selbsthilfe, weil sie stereotyp eine Erlösung ihrer Probleme durch Unschädlichmachung der bösen äußeren Einflüsse erwarten. Der Slogan: ‘Macht kaputt, was Euch kaputt macht’ hilft, das eigenen Kaputt-Sein oder das drohende Kaputt-Gehen nicht innerlich verarbeiten zu müssen. Je mehr diese projektive Entlastung unentbehrlich wird, um so größer ist die Anfälligkeit für eine beständige Feindsuche und für kritiklose Übernahme von Feindtheorien, auf denen die Eigenwerbung mancher politischen Gruppierungen hauptsächlich beruht..

.Dass in Deutschland eine besondere Neigung zur Leidensabwehr durch Projektion besteht, zeigt unsere jüngste Geschichte zur Genüge. Diese Tendenz kommt darin zum Ausdruck, dass politische Spannungen hier immer wieder leicht zu manifesten oder verschleierten Glaubenskriegen ausarten. Nirgends sonst in der westlichen Zivilisation färben sich die Ideen des Nationalismus so stark mit Phantasien von der eigenen heiligen Berufung zur Erlösung der Welt – gegen das Böse..

.Die Menschheit werde endlich in Frieden und Freiheit erblühen, wenn Siegfried oder Georg den bösen Drachen töte. Das ist das stereotype Grundkonzept, das sich lediglich in der inhaltlichen Ausführung wandelt..

.Die gleiche projektive Verteufelung, aber mit umgekehrten Vorzeichen, ist bei bestimmten linken Gruppen ebenso deutlich wahrnehmbar. Da werden die Begriffe Kapitalismus, Staatsapparat, Polizei ähnlich dämonisiert. Das System der westlichen Demokratien verwandelt sich aus dieser Perspektive in in eine blosse ‘scheindemokratische’ Ordnung, von einer verschworenen Ausbeuterclique gesteuert, die politisch Andersdenkende foltert und revolutionäre Freiheitskämpfer, die ihnen, wie die RAF, den Krieg erklären, in den Gefängnissen kaltblütig umbringt..

.Zu übersehen ist indessen nicht, dass das Phänomen der projektiven Verteufelung in unserm Lande eine besondere Rolle spielt. Hier ist jedenfalls das Spektrum der von der Gesellschaft tolerierten unterschiedlichen Gruppierungen enger als in den westlichen Nachbarländern. Politische Rivalitäten arten in Deutschland eher zu unversöhnlichen Glaubenskämpfen mit archaischen Verketzerungskampagnen aus..

.Wir verfallen speziell in Deutschland immer wieder leicht in das Missverständnis, uns besonders moralisch sensibel zu dünken, indem wir mit moralischem Verhalten unsere Neigung verwechseln, besonders rasch und radikal Polarisierungen in Gut und Böse vorzunehmen. … Man benötigt ständig den ‘Teufel an der Wand’ bzw Sündenböcke, um sich gut und integer fühlen zu können. Und so entsteht eine außerordentliche Verführbarkeit durch Demagogen, die ohne Unterlass zu kleineren oder größeren Kreuzzügen je nachdem gegen Juden, Kommunisten, Radikale, Polizisten, Wirtschaftsbosse, Träger ‘minderwertigen Erbgutes’ usw. aufrufen. Grotesk mutet die hektische Anstrengung gewisser Politiker an, diese Verführbarkeit permanent wachzuhalten und auszunutzen, indem sie als vermeintliche Moralhüter laufend gesellschaftliche Spaltungsprozesse durch Sündenbockkonstruktionen fördern. Um die politische Macht zu erringen oder zu verteidigen, versuchen sie die archaischen und komplexhaften psychischen Dispositionen in der Bevölkerung zu aktualisieren, mit deren Hilfe man Hass gegen politische Gegner wecken kann. Es besteht hinreichender Anlass anzunehmen, dass die Verantwortlichen diese Manipulationen bewusst betreiben und den Schaden in Kauf nehmen, den sie durch die Entfesselung primitiver psychischer Reaktionsmuster anrichten. Freilich hängt die Wirksamkeit ihrer Strategie von dem mangelnden Reifezustand derer ab, die darauf hereinfallen. Verhetzen lässt sich nur, wer das Angebot von Hexen und Teufeln unbewusst sucht, um sich von Spannungen zu entlasten, die er sonst nicht zu verarbeiten können glaubt..

Zitiert nach: Horst-Eberhard Richter: .Der Gotteskomplex. Die Geburt und die Krise des Glaubens an die Allmacht des Menschen.. Gießen: Psychosozial Verlag, 2005. Seite 129 ff.
(Theiresias)

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