Sozialismus als Geschichtsaufgabe

Teil 1: Historisches Erbe . Historische Hypothek

28. März 2010

Der Spiegel, das Publikationsmedium welches einem Katalog der Werbeindustrie mit eingestreuten zeitgeistigen Artikeln gleicht, resümierte zum Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts von einem verlorenen Jahrzehnt. Nur 20 Jahre nach dem Untergang des Realsozialismus scheint sich die Illusion eines omnipotenten siegenden Kapitalismus derart in Luft aufgelöst zu haben, dass selbst diese wöchentliche Leibspeise des Kulturpessimisten selbstmitleidend bilanziert, dass die Prosperität des Welt- und Geschichtssystems Kapitalismus trügerisch sei. Die düstere Vision des Kapitalismus als defizitärem Prekärkreislauf monetärer Art bestimmt nun schleichend den Nerv der wechselhaften Trendphilosophien der bürgerlichen Moderne. Welche Akzente setzen diese kleinteiligen Erklärungsmodelle der Nach-68er-Normalität noch? Welche ist ihre kulturelle Errungenschaft am Rande eigener Erklärungsnöte? Und wo sind die großen Leitbilder, die insbesondere eine junge Generation motivieren politisch ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, statt sich neurotisch und apathisch ins Nirwana medialer Illusionen und verspielter elektronischer .little-helper. zu paralysieren? Nein, dieser zwanzig Jahre alte Sieg des Kapitalismus ist keiner gewesen, denn keiner der Systemkombattanten des letzten Jahrhunderts hat das Ziel erreicht. Der Eine ist lediglich vor dem Anderen zusammengebrochen und diese Erkenntnis strahlt unheilvoll auch schon in den tagespolitischen Diskurs einer haushaltsdefizitären Umverteilungskrücke namens bürgerlicher Gesellschaft aus. Schon lange fehlt dabei der politischen Debatte die reformpolitische Leitbildfigur, weil jede sog. Reform der letzten zwanzig Jahre im Defizitdiktum der Haushaltspolitik ein sozialer Raubau war, der einer Kannibalisierung der Leitbilder der Moderne mittels der Tagespolitik gleichkam.

Aber auch die gesellschaftliche und parteipolitische Linke scheint wie gelähmt vor der sich abzeichnenden Disfunktionalität der als stabil angenommenen Wert- und Warenbeziehungen des Kapitalismus. In den Rückzugsgefechten der Gewerkschaft nach 1989 spielte der Erhalt der Ausbeutungsverhältnisse eine derart wichtige Rolle, dass schlussendlich Ausbeutungsverhältnisse keine mehr sein durften und Marx samt und sonders aus den Chefetagen der Gewerkschaftstrategen entsorgt wurde. Politisch hat sich die Sozialdemokratie ähnlich entwickelt. Ohne Nutzwert für ihre Mitglieder und Wähler ist sie nun ausgeweidet durch alte bürgerliche und neue linke Kräfte, die allesamt aber weder die Organisationskraft haben, noch den radikalen Willen entwickeln, die Lehren aus der historisch äußert interessanten Gesamtkonstellation zur Kenntnis zu nehmen. Eine gefährliche Tendenz, die auch in der gesellschaftlichen Linken viel mit der Eigenentäußerung historischer Analysewerkzeuge zu tun hat. Ersetzt wird diese Analysekultur durch einen parteikastrierten Betroffenheitsdiskurs, der oftmals hilflos, bisweilen amüsant, aber niemals ideologisch zielführend ist. Zum Glück erschöpfen sich die emanzipatorischen Entwicklungspotentiale einer Gesellschaft jedoch nicht in den überholten Emblemen vergangener Größe der arbeiterbewegten und einheitsparteifixierten historischen Linken (obwohl es hier und dort nicht an Versuchen mangelt Honecker und Ulbricht aus der Mottenkisten zu zaubern). Diese mechanistische Reduzierung des Marxismus konnte nur eine historische Sekunde eine Organisationsfunktion bei der Mitentwicklung der bürgerlichen Moderne stellen. War der Realsozialismus, gerade im deutsch-deutschen Systemwettstreit, nicht auch stilbildend für den bundesdeutschen Kapitalismus, sofern eben ein Kombattant auch sein Gegenüber prägt? Vielleicht ist diese Erkenntnis auch die Motivation das vermeintlich bessere Deutschland (die DDR) erneut als Referenzmodell zu bemühen. Ein gefährlicher Ansatz.

Dagegen gibt es aber ein noch nicht verlorenes Rüstzeug, dessen Wiederentdeckung und Weiterentwicklung das Gebot der Stunde ist. Die gute alte Dialektik kann aber nur da helfen, wo die komplexen Zusammenhänge historischer Widersprüche analytisch fein getrennt werden und nicht in eine besinnungslose Widerstandskultur münden, die oppositionell sauber, aber gesellschaftlich kraftlos bleibt. Die Verbesserung der Ausgangsbedingungen, das ständige Wechseln von Quantität in Qualität, prägt dagegen die notwendige dialektische Sichtweise genauso, wie die Kenntlichmachung gesellschaftlicher Widersprüche, die immer wieder die Menschheitsgeschichte auf die nächste Entwicklungsstufe gehoben haben. Freilich bereits den von Marx attestierten Doppelcharakter gesellschaftlicher Entwicklung zu verkennen war immer die Aufgabe der Vulgärmarxisten. Daher verbleibt ein Teil dieser marxistischen Analphabeten auch in der Logik von reduzierten Protestkulturen hängen, die sich nahtlos als Teil einer negativen Integration in das systemische Konstrukt zurückfügen. Diese geschichtslose Sichtweise verkennt nicht zuletzt auch die eigenen Entwicklungsursprünge. Denn, wenn es bei der Betrachtung des heutigen durchschnittlichen politischen Alltagsgeschäfts auch schwer fällt, bleibt zu attestieren, dass gerade das Bürgertum seine Geburtsstunde in einer bedeutenden Dynamisierung vorgefundener gesellschaftlicher Bedingungen gefunden hat. Die Krönung dieser Dynamisierung sind nicht nur profunde Fortschritte der Menschheit bei der Entwicklung der Produktivkräfte, sondern eben auch in der wissenschaftlichen Manifestierung reeller (nicht unbedingt realer) individueller Menschenrechte und der Herausbildung von kollektiven Umschichtungssystemen gesellschaftlichen Reichtums (Sozialstaat). Gleichsam sind diese Errungenschaften funktional mit einer Spaltung der Gesellschaft einhergegangen, die auf einer Dychotomie der gesellschaftlichen Rollenzuordnung hinsichtlich der Erwirtschaftung dieses Fortschritts beruht. Diese Spaltung ist keine des subjektiven Wollens, sondern eine objektivierende Logik sich durchsetzender Prinzipien, die im systemimmanenten ökonomischen Selbst ihre Trägerschaft findet. Eine nur an Institutionen und Individuen des bürgerlichen Herrschaftssystems entwickelte linke Kritik (im Sinne eben dieses verkürzten Betroffenheitsdiskurses und einer subjektiven Schuldzuweisungskultur) kann dabei nicht herausarbeiten, dass auch die kritische Linke in der Dynamisierung der Gesellschaft durch das Bürgertum ihre Wurzeln hat, so dass man im besten Sinne Antipode des gleichen historischen systemischen Prozesses ist und daher auch aktuell eine gemeinsame ideologische Krise durchlebt, weil die Objektivierung und Ontologisierung dieser abstrakten Herrschaftsform die Faktoren Arbeit und Kapital zu gleichen Teilen betrifft.

Die Frage nach ideologischen Perspektiven löst sich somit nicht in einem vulgären Antikapitalismus auf, sondern verpflichtet sich eher der alten materialistischen (marxschen) Erkenntnis über die Weiterentwicklung von immanenten Prozessen. Dies umso mehr, wenn es einen Nexus zwischen der Krise des Kapitals und der Krise der Arbeitsgesellschaft gibt. Das dialektische Umschlagen der gesellschaftlichen Verhältnisse ist Bedingung von Wechselprozessen. In der linken tagespolitischen Adaption wurde dieser den Status Quo in Frage stellende Ansatz sowohl bei der bundesdeutschen arbeiterbewegten Linken aber auch bei den Sozialdemokraten immer zu kurz gedacht. Die Wiederentdeckung der marxschen Ästhetik des Widerspruchs könnte in solchen Momenten zum zentralen Leitbild eines Ansatzes werden, der sich selber als linksradikal definiert, weil die Herrschaft des Bürgertums über das Bürgertum, ohne die Auflösung in einer Synthese neuer gesellschaftlicher Praxis, das menschliche Gattungswesen an den Rand seines eigenen zivilisatorischen Offenbarungseides treiben wird.

Am Beginn einer gedanklichen Aufgabe, deren Sinn sich somit nur erschließt, wenn politische Prozesse auf die in ihnen befindlichen kontextverändernden historischen Momente richtig verstanden werden, stellt sich zunächst aber zwangsläufig die Frage, ob die Bewegungsgesetzlichkeit der materiellen Welt und der menschlichen Gesellschaft in der bürgerlichen Moderne ihren Erfüllungsgrund finden. Genau diese These vertritt der Zeitgeistbetrieb, der sich selbstverständlich auch als medial gesteuertes Herrschaftswissen manifestiert, zugleich aber auch ontisch geglaubtes Rüstzeug des modernen Citoyens ist. Ist dem so, spiegelt sich also in der bürgerlichen Moderne der Endpunkt der Geschichte, kann nur die Absicherung dieser historischen Momentaufnahme im sozialen Diskurs sinnvoll sein. Und für eine solche Annahme spricht zunächst, dass vom Standpunkt des Subjekts der bürgerlichen Moderne, die von ihm erreichte Sozialisierung und Vergesellschaftung als Bravourstück, ja als Krönung gesellschaftlichen Wandels erscheint. Die moderne westliche und überwiegend angelsächsisch geprägte Kapital- und Warengesellschaft hat nicht nur eine unglaubliche Dynamisierung der Produktivkräfte ermöglicht, auch das politische System erscheint als demokratischer Prozess, in dem ein Jeder (zumindest theoretisch) die Rechte der politischen Mitbestimmung und der Meinungsfreiheit genießt. In den Zentren der .One World. des Warenkapitalismus ist strukturelle Armut überwiegend auf gesellschaftliche Teilbereiche verdrängt worden (verglichen mit anderen historischen Formationen und im Weltmaßstab). Die Freiheit von Forschung und Lehre, aber auch das Recht offen gegen die bestehende Herrschaftsform zu agitieren, ist weitgehend hergestellt und die kulturelle Freiheit geht so weit, dass jegliche Provokation von Heute, als die Langeweile von Morgen daherkommt. Wer also die bürgerliche Moderne vom Standpunkt seiner westlichen Zentren zu betrachten sucht, kommt zum Ergebnis, dass dieses Vorzeigeprojekt des westlich urbanen Lebens jedem historischen Betrachter als Utopie einer Gesellschaft erscheint, in der die naturwissenschaftlich.technische Entwicklung philosophisch-politische Freiheiten bewirkt hat. Diese Vergesellschaftung sucht im geschichtlichen Kontext ihres Gleichen. Aber gleich eines Ausstellungsstück muss die hochpolierte Fassade, dieses Aushängeschildes der Moderne, zunächst in seiner Allgemeingültigkeit hinterfragt werden, bevor wiederum das Ausstellungsstück selber einem Blick hinter seine Fassade gewürdigt wird. Allgemeingültig, das sind diese Rechte des modernen warenproduzierenden Menschen nicht. Zunächst gelten sie selbst in den Zentren der westlichen Gewinnerökonomien nur für diejenigen, die im eigentlichen Sinne nützlich im Kapitalverwertungsprozess sind. All jene, die dieses Attribut nicht in die Waagschale ihrer gesellschaftlich-materiellen Existenz einbringen können sind .Überschuss. im wertgesetzlichen Sinne. Sie sind .Alimentierungsnotwendigkeit. und damit Objekte der sog. Sozialpolitik. Als Reserve von Arbeitsvernutzung sind sie fernerhin willfähriges Anschauungsobjekt der sog. Arbeitsmarktpolitik.

Schaut man über den Tellerrand der Zentren der sog. .Ersten Welt., vereilt der Glanz der kapitalistisch-bürgerlichen Fassade gleich noch mehr. In den Teilen der Welt, die nicht zum weltgesellschaftlichen Aushängeschild gehören, ist Armut struktureller Bestandteil des Daseins der Moderne. Freiheitsrechte treffen auf wirtschaftliche Bedingungen, die eher an die antagonistischen Verhältnisse echter Mangelgesellschaften erinnern. Es gibt also keine sozio-ökonomische .One World., gleichwohl sich all diese unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten auf einem einzigen biosphärischen Gesamtzusammenhang entwickeln und entwickelt haben. Diese Einheitlichkeit des Entwicklungsrahmens und die Tatsache, dass der Genuss von erreichten Freiheiten nur denen Befriedigung verschafft, die Elite im eigentlichen und uneigentlichen Sinne sind, verdrängt die ideologische Nomenklatura dieser Gesellschaftsformation nur zu gerne. Dies gilt erst Recht für den Anspruch einer Gleichheit aller Ethnien. Gleichmacherei gilt als verpönt und der Sozialismus, als ideologische Krönung aller historischen .Leveller., erscheint geradezu als groteske Utopie. Erst vor dem Hintergrund, dass sich die bürgerliche Elite den Gedanken der Gleichheit in letzter Konsequenz abgeschminkt hat, entzaubert sich die Fassade der kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft vollends. Es wird deutlich, dass diese hochpolierte Fassade mit dem Mangel korrespondiert, den Andere erleiden, es sich somit um ein ausbeuterisches System handelt, in dem Freiheit nicht mit Gleichheit korrespondiert sondern beide ideellen Institute konsequent gegeneinander ausgespielt werden.

Eine solche Sichtweise ist jedoch erst einmal abstrakt. Denn jedes System, das zunächst eine funktionale Basis besitzt, kann niemals ungerechter erscheinen, als ein System, welches sich noch gar nicht durchgesetzt hat. Wird dieses bestehende System mit dem dialektischen Begriff der These bezeichnet, wird diese solange nicht hinterfragt, wie die Antithese noch nicht als politische (und nicht etwa als ideologische) Möglichkeit am Horizont einer geschichtlichen Umwälzungsphase erscheint. D.h., solange die Reproduktion der Gesellschaft alternativlos kapitalistisch organisiert wird, solange wird diese .funktionale. Form (Forminhalt) des Wirtschaftens zwangsläufig ontologisch betrachtet werden. Allein die normative Kraft des Faktischen zwingt zur Anerkennung der wirtschaftlichen Gesetzlichkeit von Kauf und Verkauf aller denkbaren materiellen und immateriellen Prozesse. Dies ist naheliegend, weil die Durchdenkung eines alternativen Wirtschaftssystems nicht recht gelingen mag. Auch der Kapitalismus ist keine Kopfgeburt von Ideologen, sondern geschichtlich durchgesetztes Wert- und Wertsetzungsprinzip. Er trat dort auf den Plan, wo historische Umgebungsbedingungen (etwa Bevölkerungsexplosion, getragen von Errungenschaften in der Medizin und in der Landwirtschaft, aber auch die Entwicklung der Nationalstaaten) die Dynamisierung der Produktion notwendig machten. Mit dieser Dynamisierung wurde die notwendige Massenvernutzung menschlicher Arbeitskraft ermöglicht bzw. auf ein neues Niveau gehoben. Neues Spezialwissen wurde benötigt, neue gesellschaftliche Akteure traten auf den Plan, diese bildeten neue soziale Schichten und Klassen aus, diese bewirkten wiederum veränderte politische und wirtschaftliche Kräfteverhältnisse, die schließlich die alte feudale Herrschaftselite erfolgreich herausforderten. Aus der rückwärtigen historischen Beobachtung gewinnen wir die Erkenntnis, dass die Menschheitsgeschichte nur als ständiger Umwälzungsprozess richtig verstanden werden kann. Ein Perpetuum Mobile der Weltgeschichte gibt es nicht und diese Erkenntnis mag auch den guten alten Sozialismus dereinst überwinden.

Die historische Sichtweise setzt selbstverständlich Wissen voraus. Aktuelle Verhältnisse können retrospektiv auf ihre Entwicklungsgeschichte hinterfragt werden. Das wiederum erlaubt eine modellhafte Analyse bestehender Institutionen. Und diese Modelle spiegeln sich insbesondere in der marxistischen Denktradition. In der Rückbesinnung auf die Wurzeln der eigenen Ideologie gibt es somit Erkenntnisse zu gewinnen, die mehr als nur beiläufig für eine neue Rückgewinnung kultureller Hegemonie alternativlos sind. Sie eröffnen aber auch Möglichkeiten Teile der heutigen sog. Sinnkrise (gerade in der Jugendkultur) kenntlich zu machen. Mit der Vollstreckung der Sinnkrise in einer Agonie gesellschaftlicher Veränderungsprosperität drohen ansonsten Kenntnisse über die Gewahrwerdung der menschlichen Kultur verloren zugehen. Denn war das antike und aufklärerische Denken noch an der Seite des Seins interessiert und an der Klärung der Frage, wie die Dinge wirklich (d.h. unabhängig von dem sie erkennenden Wesen) beschaffen seien, gerät in der Moderne der individualisierte Mensch in den Mittelpunkt der Fragestellungen und der Kulturreflexion. Oftmals verliert sich diese an sich durchaus wünschenswerte Rückbesinnung jedoch in einer unhistorischen voyeuristischen Betrachtung der Krise des warenförmigen bürgerlichen Menschen. Eine individuell-existentialistische Ich-Betrachtung bläht sich zum Weltsystem auf und ist auch analytisch selbstgenügsam. Ja so selbstgenügsam, dass sie für jede Form autoritärer Faktizität legitimierend und lamentierend herhalten kann. Heidegger war kein Betriebsunfall.

Im Gegensatz dazu kann sich das Denken im Materialismus (als Form sozialen Erkennens) nicht mehr beiläufig in abstrakte Kategorien flüchten. Dieser Materialismus ist historisch auf den Plan getreten, um zu Erkennen und diese Erkenntnis allen zugänglich zu machen. Denn selbst ein soziales Protogefüge, eine abstrakte Vorgesellschaft von Handlungsinteressen, ist immer aufgehoben in Erkenntnissen der materiellen Umwelt. Soziale Handlungen sind von inneren und äußeren Faktoren abhängig, sie tendieren daher Erfahrungen über das materielle Subjekt und seine materielle objektive Welt zu sammeln. Das Bewusstsein, folgert etwa Lenin, ist .das höchste Produkt der Materie.. Dies ist eine vollkommene Abkehr eines Dualismus von Materie und Geist, dereinst Einfalltor für theologische Modelle. Wichtiger als dies ist jedoch, dass die Welt in diesen Modellen grundsätzlich für den Menschen vollständig und objektiv erkennbar ist (Abbildtheorie als historischer Vorläufer des modernen Materialismus). Auch der Materialismus durchläuft dabei seine notwendigen historischen Epocheprägungen. Im Gewand mechanistischer und utilitaristischer Modelle wird er eine wichtige emanzipative Rolle bei der Entwicklung protoreligionskritischer Positionen gewinnen und somit auch eine Herausforderung der vorbürgerlichen gesellschaftlichen Machtstrukturen ermöglichen (.Herrschaftsstrukturen von Gottes Gnaden.). Der anthropologische religionskritische Materialismus eines Feuerbachs wird schließlich in die marxistische Sichtweise überführt, seit dieser Zeit ist die Entwicklung des Materialismus mit Marx verbunden und wird es für immer bleiben. Bei Marx werden zwei wichtige Komponenten entwickelt, die in zwei sich bedingenden Ansätzen enthalten sind. Der dialektische und der historische Materialismus, wobei ersterer das philosophische Primat der materiellen Existenz absichert, während letzterer den geschichtlich handelnden Mensch zum Gegenstand philosophischer Erkenntnis erhebt und die Geschichte dieses Menschen als Bewegungsgesetzlichkeit zu definieren weiss, die durch in der Gesellschaft rückführbare Widersprüche angetrieben wird. Mit Marx und Engels wird endlich der handelnde Mensch in seiner unverrückbaren materiellen Welt Gegenstand einer Philosophie, die nicht durch Wunschvorstellungen, sondern durch das Primat tatsächlicher Notwendigkeiten der menschlichen Lebensgestaltung definiert ist.

Ein dialektisch materialistischer Ansatz beschreibt also Widersprüche, die auf Veränderung drängen. Die Art und Weise der Veränderung wird bestimmt durch die gesellschaftlichen Umwandlungsprozesse. Diese wiederum finden unterschiedliche Formen (Revolution, Reformation, Evolution, Destruktion usw.). Welche Form von gesellschaftlichem Umwandlungsprozess schlussendlich der dialektische Gesamtprozess hervorbringt, hängt von höchst unterschiedlichen Faktoren ab. So ist der menschliche Gesamtentwicklungsstand, d.h. die Fähigkeit der technisch-wissenschaftlichen Aggregate und der kulturellen Potentiale für diese Frage genauso bedeutend, wie die Feststellung, am welchen Punkt einer Systemkrise Veränderungspotentiale bereits stark genug sind, um einen Epochenwechsel zu fordern und einzuleiten. Um jedoch den Krisenbegriff eingehend verstehen zu können, müssen die wesentlichen Wirkungsmechanismen systemimmanenter Produktions- und Sozialorganisationslogik zunächst grundlegend erkannt werden und der bürgerliche Diskurs der kapitalistischen Wertgesetzlichkeit als propagandistisches Versatzstück einer zweckbestimmten Legitimationsmühle entlarvt werden.

Diese formale Legitimierung immanenter Annahmen zeigt sich insbesondere daran, dass das Bürgertum im der Analyse der Ökonomisierung der Gesellschaftsordnung von bestimmten Postulaten herrschaftsideologisch nicht lassen kann. Die betriebswirtschaftliche Einheit wird flach als eigentliche Effizienzmaschinerie menschlichen Wirtschaftens interpretiert. Dies ist aber nicht ökonomischen Einsichten geschuldet, sondern findet seinen ideologischen Urgrund in dem Primat des Privateigentums an Produktionsmitteln in der bürgerlichen Moderne. Mit einer wissenschaftlichen Erwägung ist dies nur soweit vereinbar, wie dieses System zeitweise und lokal effizient ist, danach wird der rein ideologische Charakter dieser Grundannahme transparent. Bereits früh erkennt Marx dabei, dass die Geldkategorie zwingende Voraussetzung dieses im privaten Eigentum an Produktionsmitteln liegenden Ausbeutungsmechanismus ist. Das bedeutet, dass die Aneignung der Arbeit Vieler durch Wenige, nur in der Vermittlung durch die Geldkategorie ihre Selbsterfüllung und ihre historisch-gesellschaftliche Verbindlichkeit erlangen kann. Um sich den negativen Folgen einer solchen Logik in einem wirtschaftlichen Konkurrenzsystem nicht stellen zu müssen, muss die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft gleich mehrere Schlüsse aus dieser Erkenntnis verbannen. Zunächst die Instabilität der Geldkategorie (also auch der .Weltwährungen.) und ihre prinzipielle (vorrangige) Warenform. Sodann die Feststellung, dass allein der Produktionsfaktor Arbeit wertschöpfend ist. Dass die betriebswirtschaftliche Betrachtung nur im Kontext mengenwerter volkswirtschaftlicher Betrachtung das einzige Effizienzkriterium entwickeln kann, welches in der Gesamtbetrachtung ökonomisch sinnvoll ist, wird von der bürgerlichen Wissenschaft weitestgehend ausgeblendet, denn dies riecht bereits vom theoretischen Ansatz her nach Sozialisierung der Produktion. Konsequent schaut die bürgerliche Ökonomie nicht nach dem gesellschaftlichen Bedarf unter dem Postulat eines demokratischen Willensbildungsprozesses von Verbrauchern, vielmehr muss dieser Bedarf sich erst und über den Markt manifestieren, um festgestellt werden zu können (kein Marktzugang = kein Bedürfnis). In der Folge wird die Betrachtung darauf fokussiert, ob die betriebwirtschaftliche Einheit kosteneffizient und konkurrenzsicher am Markt ein Produkt zum durchschnittlich gesellschaftlichen Wert dieses Produktes feilbieten kann oder nicht. Sofern jedoch all dies über einen Markt vermittelt werden muss, kann bürgerliche Ökonomiereflexion immer nur das Begreifen gesamter Prozesse aus der Perspektive des Einzelkapitalisten sein. Mit einem allumfassenden Begriff von Ökonomie und Wirtschaften hat dies nur bedingt etwas zu tun. Der Markt selber ist ein zufälliges, bisweilen beiläufiges Zusammentreffen wirtschaftlicher Akteure. Demokratische (im eigentlichen Sinne) Prozesse gibt es hier nicht. Soweit der bürgerliche Staat dann doch regulierend in die Marktbedingungen eingreift, dient dies allein der Stabilität der Marktlogik und nur im uneigentliche Sinne der Durchsetzung eines politischen Postulats.

Dies gilt ganz besonderes für die Finanzkrise der letzen zwei Jahre der ausgehende Dekade. Dass im staatsdebitorischen Zyklus des Spätkapitalismus, sich dieser, ohne gesellschaftlichen Widerstand, zur (Bilanz)Sanierung seiner fiktiven Akkumulationsprozesse unverhohlen der staatlichen Haushalte in Form der gesellschaftlichen Steuereinnahmen, d.h. der (Geld)Abschöpfung des Staates aus dem Arbeitsmehrwert der arbeitenden Haushalte, bedient hat, ist ein Zeichen dafür, dass diese .staatlichen. Eingriffe der Stabilität des Kapitals und nicht der Stabilität der durch den öffentlichen Haushalt garantierten sozialen Leistungen dienten. Damit ist zwar das kapitalistische Reproduktionsregime zunächst gerettet, dies aber immer mehr auf Kosten des gesellschaftlichen Faktors Arbeit, der ja auch die gesellschaftliche Nichtarbeit finanzieren muss.

Die mangelnde Vergesellschaftung der Produktion, aber auch der Konsumtion (letztere oft übersehen, selbst bei den utopistischen Sozialisten), bedingt eine ökonomische Basis in der der Markt, als Bühne des Konkurrenzsystems, zum Selektionskatalysator einer zwingenden Logik der kapitalistischen Wirtschaftsbedingungen wird. Konkurrenz und die Ökonomisierung aller Lebensbeziehungen führen zu einem erheblichen Druck auf den Faktor Arbeit im Produktionsprozess. Der Doppelcharakter der Arbeit ist nämlich, dass er zum einen einzig wertschöpfend, aber auch einzig wirklich reduzierbar als Kostenfaktor ist (Maschine bleibt Maschine, Schmierstoff bleibt Schmierstoff und Fabrik bleibt Fabrik). Wenn Marx über die organische Zusammensetzung des Kapitals spricht (konstantes und variables Kapital), macht er genau auf die Veränderung dieser Zusammensetzung im Moderneprozess aufmerksam. Diese Krux der Moderne wird zum doppelten Versagen kapitalistischen Wirtschaftens, wenn über die Reduzierung des Faktors Arbeit zwar die Produktionskosten gesenkt (relativer Mehrwert) aber nicht die Profitrate gesteigert wird. Auf der anderen Seite bedeutet die massenhafte Freisetzung des Faktors Arbeit auch die massenhafte Freisetzung von Arbeitern, die ihre Arbeitskraft zum durchschnittlichen gesellschaftlichen Wert des Faktors Arbeit verkaufen können. Sie fallen über kurz oder lang auch als durchschnittliche Nachfrager am Markt aus, ein Krisenmoment, dessen Allgemeingültigkeit momentan gut zu beobachten ist und dessen Exekution zur disfunktionalen Phase kapitalistischen Wirtschaftens führen wird.

Da erscheint es logisch, dass das Scheitern der bürgerlichen Moderne momentan inhaltsschwanger als Revival des Endzeitkultes medial vorbereitet wird. Die wirkliche Gefahr droht jedoch von einer Renaissance der repressiven staatlichen Machtstrukturen, die sich im Ausbau eines Überwachungsstaats ausdrücken. Diese nur Schritt für Schritt vorbereitete Ausweitung von Repressionsherrschaft in Prekärphasen ist bei genauerem Hinsehen die Zukunftsvision eines Teils der bürgerlichen Herrschaftselite. Sie beherrscht aber auch einen linken Stamokap-Diskurs, der in der Linken einfach nicht klein zu kriegen ist. Aber gleich ob diese Idee eines Neo-Leviathan von Links oder von Rechts besetzt wird, sie geht immer einher mit der qualitativen Umkehrung der sog. bürgerlichen Freiheiten in politische Unfreiheiten, wobei Letztere sich dann nicht mehr auf eine ökonomische Selektion beschränken wird. Die endgültige Demaskierung der sog. bürgerlichen Freiheiten als funktionale Rechtsformeln zur Überwindung und Durchsetzung ökonomischer Freiheiten gegen den Status der vorherigen Herrschaftsordnung (Feudalismus), mündet in eine unfreie Gesellschaft zum Schutz der eigenen überkommenen historischen Herrschaft der Restelite, denn die notwendige Freiheit der Marktteilnehmer fällt bei Disfunktionalität des ökonomischen Verwertungsprinzips (Kapitalismus) weg. Und damit fällt auch die Notwendigkeit der politischen Freiheitshülle in sich zusammen. Der Träger dieser Durchsetzung der Unfreiheit, der bürgerliche Staat, gerät jedoch eine historische Sekunde später ebenfalls in die Krise, weil auch seine historische Mission erfüllt ist und er ebenfalls am Tropf der warenproduzierenden Moderne hängt.

Wer also genau hinschaut auf Trendphilosophen, der wird in ihnen einzig und allein das Vorbereiten eines Schulddiskurses für diesen schleichenden Untergang der kapitalistischen Moderne erkennen können. Warenmonade und Staatsbürger werden als Träger der historischen Schuld bereits heute in ihre Unterdrückungsrolle gepresst. Versatzstücke davon sind Manager- und Notenbanker-Schelten, ganz so als wären diese Eliten historisch subjektiv in Haftung zu nehmen. Nur einen Wimpernschlag weiter, aber die selbe Medaille des propagandistischen Schuldzuweisungsdiskurses besetzend, befindet sich das .Mobbingopfer Prekariat.. Alle sind gierig, die Banker nach mehr Profiten, die Almosenempfänger nach mehr Transferleistungsgeld. Damit ist perspektivisch klar wer die Rechnung, wer die Zeche, für das strukturelle Versagen des ontisch und objektiv geglaubten warenproduzierenden Systems zahlt. Mensch und Bürger sind in Rahmen systemideologischer Betrachtungen finale Träger der historischen Schuld des Versagens der Weltgesellschaft. Und die Warenmonade funktioniert im Sinne der Systemideologie. Dabei kann die systemimmanente Betroffenheitskultur die Krisengründe nur existentialistisch überdrehen und dem Faktor Mensch die Schuld für das Scheitern zuweisen, weil auf Höhe der Negation der marxschen Krisentheorie und der Wertkritik, ein Dechiffrieren der sozio-ökonomischen Krise nicht mehr möglich ist. Wie im religiösen Weltbild wird das Unerklärliche auf eine nebulöse Metaebene verschoben, in dem der Faktor Mensch als Schuldkategorie zentrale Bedeutung erhält.

Diese Erkenntnis beinhaltet doppeltes gesellschaftliches Versagen von Rechts bis Links: Krisenmechanismen werden nicht erkannt, Lösungen werden nicht entwickelt, ferner tritt eine verklemmte Sicht auf sich und Andere ein, weil in der individuellen Betrachtung das Bürgersubjekt vom individuell (eigenem) richtigen Handeln ausgeht (Prädominanz für die Annahme individuell alles richtig zu machen), die Reflexion des Gesellschaftlichen jedoch zum Erkennen einer vom sozialen Standpunkt betrachtet unvollkommenen Welt führt. Zum Veränderungshandeln zwingt sich der Einzelne jedoch nicht auf. Vom Standpunkt der Einzelmonade ist eine individuelle Durchbrechung der Sozialisationsbedingungen keine sinnvolle Handlungsoption, weil sie erkennbar nicht zu einer Dynamisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse führt. Das theorielose Rebellieren gegen ein ontisch angenommenes Bezugsystems erscheint somit sinnlos. Im ahistorischen bürgerlichen Krisenreflex ist somit das Systemversagen immer gekoppelt mit dem Versagen des menschlichen Entwurfs, wobei die Hölle natürlich die Anderen sind (Sartre). Es entsteht somit ein Widerspruch zwischen dem Anspruch individuell alles richtig zu machen und dem Ist-Zustand einer antisozialen und desolidarisierten Welt. Dieser Widerspruch führt zur Reduktion eigener sozialen Anschauungen, diese werden jedoch mit der eigenen (notwendig) sozialen Daseinsform konfrontiert. Aus der abstrakten Sinnkrise wird eine konkrete Individualkrise, die sich im Handeln der Warenmonade schnellstmöglich unerledigt auflösen und verflüchtigen muss, um die eigene wertgeschwängerte Systemfunktionalität nicht aufs Spiel zu setzen. Diese Verflüchtigung mag dann nur noch in einem zum normalen Status überdreht erscheinenden banalen Kultur- und Konsumhedonismus gelingen.

Wie kann dann aber die Menschheitsgeschichte unabhängig von der systemischen Basis beurteilt werden, wie wiederum ist eine ständig grenzensprengende und emanzipatorische Weiterentwicklung möglich (gewesen), wenn die Menschheitsgeschichte allein auf die Epoche bestimmenden systemimmanenten Annahmen reduziert würde. Was ist der Kern der emanzipativen Potentiale und wie sind diese in individuellen und gesellschaftlichen Beurteilungskontexten (Moral/Ethik) von antiemanzipativen Ansätzen zu unterscheiden? Sofern letztere Unterscheidung möglich ist, haben moralische und ethische Modelle einen systemübergreifenden Wert, wenn sie in der Lage sind in einen sozialen und politischen Diskurs zu münden? Diese Dynamik gilt es herauszuarbeiten um Lösungsansätze für disfunktionale Epochemomente überhaupt erst denkmöglich zu machen. Ist Letzteres nicht möglich, wäre dies wiederum die Voraussetzung das Scheitern des Gesamtmodells Mensch attestieren zu können. Die Frage ist also, wo die Potentiale gesellschaftlicher Veränderung verortet werden können und wer die Träger dieser Veränderung sind. Zum Zeitpunkt der Krise des Spätkapitalismus kann die immanente Betrachtungsweise auch nicht durch eine krude revolutionäre Klassenzuordnung überwunden werden, weil diese Zuordnung zunächst selber auf dem Prüfstand dialektischer Betrachtung gestellt werden muss.
(jpsb für potemkin)


Im zweiten Teil: Klassenbegriff und Auflösung des Klassenbewusstseins; Subjektillusion; Geschichtsmechanismus von Links; Geschichtsmechanismus von Rechts; systemimmanenter Kulturpessimismus; Reduktion der Individualität im arbeiterbewegten Marxismus und Gegenmodell der sozialen Massenrage; Sackgasse von Klassenbegriff und Kollektivierung des Willen; neue Potentialbestimmungen durch individuelle Hinterfragung der These; Möglichkeiten der Kulturkritik

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