Sozialismus als Geschichtsaufgabe

Teil 3: Probleme bei der Potentialausrichtung am Antithesischen

Sofern eine Rückgewinnung sozialer Optionen im Kontext eines neuen Systemüberwindungsdiskurses entscheidend eine individuell-kulturelle Auseinandersetzung mit der Ich-Sozialisierung als Warenmonade voraussetzt, bleibt diese Individualerkenntnis vor dem Hintergrund bestehender realer gesellschaftlicher Abhängigkeiten bestehen. Das bedeutet, dass die jeweiligen gesellschaftlichen aber auch individuellen Handlungsoptionen von den Möglichkeiten der gesellschaftlichen Ressourcenbereitstellung bestimmt werden. Neben der Problematik des Ressourcenbestandes spielt ferner die Frage der Kenntnis über das vorhandene Ressourcenpotential eine entscheidende Rolle bei der Optimierung des notwendig homogenen Zugangs zu den Ressourcenpotentialen. Diese Kenntnis entspricht einem bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungsstand, denn diese Frage geht einher mit Zugangsmöglichkeiten und dem Zugangswollen zu den gesellschaftlichen Wissens- und Informationsquellen. Damit ist neben der Möglichkeit der Produktivkräfte Ressourcen bereitzustellen, der vorhandene historische Entwicklungsstand von entscheidender Bedeutung, bei der Klärung der Frage, wie Handlungen der Ressourcenbereitstellung im Verhältnis zur Ressourcenentnahme individuell oder gesellschaftlich ausgerichtet werden. Im Kontext der bürgerlichen Moderne wird die Ressourcenbereitstellung den betriebswirtschaftlichen Einheiten überlassen, die im tautologischen (Wert)Konkurrenzkampf die Ressourcenbereitstellung nicht als koexistentiellen Akt der festgestellten Bedürfnisse und der Befriedigung der Gleichen organisieren, sondern am abstrakten Markt, durch noch abstraktere Arbeitsvernutzung, die monetäre Wertsteigerung zum Ausgangspunkt ihres Handelns nehmen (G-W-G’). Diese Formel und die Geldkategorie dienen der Aneignung des Produkts Aller durch Wenige. Die Formel beschreibt somit ein vordergründig parasitäres System, in dem demokratische Bedarfsfeststellungen nur mittelbar eine Rolle spielen.

Im Gegensatz dazu bedarf im koexistentiellen Kontext (der eine bewusste Antithese definieren könnte) die Bereitstellung von Ressourcen der Feststellung durchschnittlich benötigter Ressourcenpotentiale, um anhand dieser sichergestellten Basis den homogenen und koexistentiellen Zugang zu diesem Ressourcenpotential zu ermöglichen (dieses Verständnis von gesellschaftlich notwendiger Produktion wird heute nicht politisch-demokratisch organisiert, sondern ist bestenfalls ein Abfallprodukt der Marktforschung, also der Optimierung der kapitalistischen Produktion über den und am Markt).

Warum ist dies so? Nur in der gesellschaftlichen Zweckbestimmung der Bedürfnisse ist auch eine Garantie impliziert, dass die .schwächsten. (heißt hier unorganisiertesten) Teile eines Gesamtsystem einen garantieren notwendigen Ressourcenzugriff erhalten. Dieser wird nicht an einen Ressourcenminimum (Sozialstaatsethik), sondern am durchschnittlichen gesellschaftlichen Produktivkraftmittel errechnet. Es wird also am oberen und unteren Ende der Ressourcenbereitstellungspotentiale gekappt. Nur dies ermöglicht funktional betrachtet die Ermittlung eines durchschnittlichen gesellschaftlichen Reproduktionsbedarfs und die Anhebung des Zugangsrechts aller Teile des symbiotischen Systems zum festgestellten energetisch, sozialen oder kulturellen Mittelwert (statt zum Mindestwert, sprich Hartz IV). Umso globaler dieser Maßstab angelegt wird, umso globaler ist auch seine allgemeine Akzeptanz. Dies ist Voraussetzung dafür, dass dieser festgestellte Mittelzugangswert sich historisch-gesellschaftlich durchsetzen kann. Anhand der Ressourcenbereitstellung im Kontext der Findung einer allgemeinen sozialen Identität wird aber kenntlich, dass sich die Frage einer koexistentiellen Strategie nicht in Gebotsnormen selbst erfüllen kann, sondern zwingend einer sozio-ökonomischen Betrachtung bedarf. Diese findet sich momentan gerade nicht im Betroffenheitsdiskurs linker Protestkulturen. Nur im ökonomischen Fordern erhält die ethische Formel des am Durchschnitt orientierten Bedarfs eine dynamische gesellschaftliche Komponente, die mit der Weiterentwicklung der Produktivkräfte mithalten kann und sich an ihr orientiert oder diese gar vorantreibt.

Dies ist jedoch zwangsläufig im heutigen Diskurs kaum vermittelbar. Immer noch gilt es der Linken als heiligstes Mittel Arbeit für Arbeit zu organisieren, um eine gerechte Gesellschaft doch wieder an individuellen Parametern (etwa auch erzwungener Arbeitsbereitschaft) auszulegen. Wo der Neoliberale seinen freien Marktzugang für sozial ausgleichend hält, ist es beim Arbeitssozialisten der garantierte Zugang zur Ausbeutungsstätte. Hier wird die Gleichartigkeit beider Krisenmomente deutlich. Hier wird deutlich, dass es sich zu gleichen Teilen immer noch um bürgerliche Konfliktstrategien handelt, ob sie nun arbeiterbewegt proletarisch oder neoliberal kapitalistisch genannt werden. Beide sind Antipoden individueller Lösungsstrategien.

Diese Lösungsstrategien funktionierten eine Zeitlang gut. Dies mag der Grund sein, warum nicht von ihnen gelassen wird. Das Interesse des Proletariats seine Arbeitskraft zu verkaufen stieß aber sehr bald auf das historische Interesse des Kapitals Produkte kosteneffizient auf Konkurrenzmärkten anbieten zu können, um die Überlebensfähigkeit der eigenen Produktions- und Finanzeinheit abzusichern. Dies ist ein Widerspruch, weil im Prozessverlauf das eine nicht ohne Effizienzverlust des anderen möglich ist. Beiden Interessenlagen ist dagegen inhärent, dass ihr abstrakter Bezugspunkt ein funktionierendes ökonomisches Gesamtsystem ist, da nur ökonomische Prozesse in der Lage sind die Basis gesellschaftlicher und individueller Reproduktion zu ermöglichen und die Prozesse der Überwindung der Naturabhängigkeit sicherzustellen. Aus dieser gemeinsamen Basis speist sich momentan, d.h. im teilfunktionalen Stadium des Spätkapitalismus, ein Teil der Systemloyalität. Ihr logisches Ende findet diese Interessensymmetrie zum Zeitpunkt der offensichtlichen Disfunktionalität systemischer Prozessteuerung. Mit dem Verlust der Funktionalität geht im gesellschaftlichen historischen Kontext jedoch die Basis für den massenhaften existenzaffirmierenden Handlungsrahmen (funktionierendes ökonomisches System, das auf Massenarbeitsvernutzung fußt) verloren. Der Gradmesser des Erfolgs einer Gesellschaft ist jedoch, zu welchen Teilen soziale Absicherung als Massenphänomen in dieser Gesellschaft erfüllbar ist oder nicht. Bereits heute ist diese Basis für einen großen Teil der Weltgesellschaft eine uneinlösbare Wunschvorstellung. In der Peripherie des Weltsystems wird Subsistenzwirtschaft gekoppelt mit notdürftigen Alimentierungssystemen zur Aufrechterhaltung eines dürren Postulats demokratieethischer Entwicklungshilfe zur Verzögerung einer Gesamtkrise genutzt. Freilich gekoppelt mit einer feinen Machtaussteuerung, der es immer wieder gelingt Konflikte zwischen den Ausbeutungssubjekten zu säen, statt gegen die parasitären Nutzer oder die objektive Ausbeutungsmechanik selbst zu rebellieren. Wer über ausreichend Ressourcen verfügt, kann diese Konflikte nach belieben steuern und den Mangel einer Gruppe gegen den Mangel der anderen Gruppe für sich nutzbar machen. Fraglich ist, ob dieses Machtsteuerungsprinzip ewig funktioniert, ist es doch auf die Ausbeutungskompromisse in den Zentren der ersten Welt angewiesen. Fallen diese Kompromisse historisch in sich zusammen, wird die Machtfrage logischerweise auch Global zum Gegenstand von Veränderungsoptionen. Ob dies nun emanzipativ oder antiemanzipativ geschieht bleibt abzuwarten.

Momentan erleben wir aber diesen beginnenden Todeskampf der bürgerlichen Wert- und Warenlogik an den Stellen, an denen ein antimoderner Verzichtsdiskurs als Teil religiös gesteuerter Kampagnen (etwa im sog. radikalen Islamismus) den westlichen Zentren schwer zu schaffen macht (sog. Krieg gegen den Terror). Dieser Konflikt wird gerne als Kampf der Kulturen umgedeutet.
Richtig ist jedoch, dass diese Auseinandersetzung immer noch oder immer mehr den Wesenszug kämpfender und sich bekämpfender bürgerlicher Eliten trägt. Das religiöse Element ist Teil einer Verzichtskultur, die herrschaftsnotwendig ist, weil die Führer dieser .Religionskrieger. ihren Anhängern in den vom System des Weltkapitalismus abgekoppelten und deindustralisierten Weltmarktbereichen ohnehin emanzipativ nichts zu bieten haben. Ihr Reiz geht gerade für die unteren Bevölkerungsschichten, die sich mit diesen neuen .religiösen Führern. identifizieren, von der als Grundalimentierung empfundenen wirtschaftlichen und sozialen Grundversorgung aus, die ihnen angeblich von ihren antagonistischen Eliten versprochen wird (etwa das System Hisbollah im Libanon). Insofern garantieren diese antagonistischen Ausbeutungseliten (neue religiöse Führer) ihren Anhängern Zugänge zur gesellschaftlichen Reproduktion auf niedrigem Niveau. Gleichzeitig wird die Rückständigkeit als religiöses Prinzip gepriesen und die soziale Schuldfrage (zum Teil berechtigterweise) externalisiert auf die Eliten der westlichen Zentren, die vermeintlich gottlos sind (was auch sonst!).

Diese damit verbundene soziale Stabilität auf niedrigsten Niveau macht diese neuen Ausbeutungseliten so unverzichtbar und einen Krieg gegen sie mit militärischen Mitteln aussichtslos. Mit dieser neuen religiös begründeten Sozialbewegung (auch wenn es schmerzt, als solches muss sie zumindest vom agitativen Ansatz her bezeichnet werden), entwickeln sich jedoch keine Ansatzpunkte für eine spezifisch emanzipatorische Weiterentwicklungsdynamik. Vielmehr wird in dieser Auseinandersetzung deutlich wie sehr der westliche Kapitalismus bereits die Fähigkeit verloren hat, seine Dominanz in alle Weltregionen politisch und militärisch zu tragen. Im sog. Kampf gegen den Terrorismus kann marxistisch höchstens ein Kampf von Ausbeutungseliten aktueller und voraktueller Prägung unter Ausnutzung der verzweifelten Lage des Prekariats in bestimmten Teilen der sog. Dritten Welt erkannt werden. In diesem Sinne folgt diese Antireaktion in Teilen der arabischen Welt auf das kapitalistisch bürgerliche Weltsystem, welches vermeintlich durch die Vereinigten Staaten repräsentiert wird, der bewährten Interessensymmetrie zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, nur auf zivilisatorisch deutlich geringeren Niveau. Im globalen Maßstab zeigt sich somit die verzweifelte Lage des prekären Systemstadiums mit aller Deutlichkeit.

An diesem Punkt kann schließlich in Frage gestellt werden, ob der Spätkapitalismus samt seiner angeblich freiheitlichen Demokratieethik noch Bedingung und Rahmen für eine emanzipatorische Weiterentwicklung sein kann. Wird diese Frage negatorisch beantwortet, kann aber das Festhalten an einer historischen Systemoption mit Selbstaufhebungstendenzen nur als irrationale gesellschaftliche Interessenwahrnehmung definiert werden. Diese Schlussfolgerung ist allein deshalb zwingend, weil wie oben erkannt, der Bezug auf ein funktionales und möglichst globales wirtschaftliches Effizienzsystem Bedingung und Grenze existenzaffirmierender Interessenwahrnehmung war und ist. Rationale Konzeptionen sind dagegen von der Analyse der Widersprüche einer überkommenen Reproduktionsmethode geprägt und hinterfragen die koexistentiellen Potentiale und damit die soziale Zweckmäßigkeit des wirtschaftlichen Bezugssystem. Am Ende zwingt sich eine solche Sichtwiese zur Formulierung einheitlicher gesellschaftlicher und damit auch ökonomischer Interessen. Die transzendierenden Komponenten eines wirklichen antithesischen Ansatzes können sich um eine Veränderung der Zweckform der ökonomischen Reproduktion dann nicht mehr vorbeimogeln. Aber spätestens bei der Feststellung irrationaler Handlungsreaktionen der Eliten des prekären Kapitalismus entwickelt sich eine praktische Handlungsnotwendigkeit, der nicht allein mit einer rationalen Ethik eines unausgegorenen Anderswollens beigekommen werden kann. Der irrational gewordenen These gilt es im Kontext der stattfindenden historischen Auseinandersetzung ein radikal antithesisches Postulat entgegenzusetzen, bevor dieses Postulat Ausgangspunkt politischer Veränderungsoption werden kann.

Für die Form der Umbruchsgestaltung und für die primäre Stabilität des sich durchsetzenden neuen gesellschaftlichen Organisationsprinzip, war historisch die Frage von entscheidender Bedeutung, inwiefern der Umbruch selber von der Idee des gesellschaftlichen Anderswollens inspiriert war oder vordergründig sich lediglich als Abstreifung dekadenter Rollenverhältnisse darstellte. Das Anderswollen entwickelt sich notwendig noch im Raum der bestehenden und zu überwindenden gesellschaftlichen These (Realität der (noch) bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse). Im theoretischen Betrieb wurde das Anderswollen vorbereitet, ideologisch verbreitert und schlussendlich in ein massensuggestives Potential veredelt. Inwiefern dieses Anderswollen davon geprägt war, dass die diffuse soziale Identität der menschlichen Existenz in eine emanzipierte Form eines .Muss zum sozialen Handeln. (klassenlose Gesellschaft) umgesetzt wurde und wird, hing erheblich davon ab, ob im theoretischen Anderswollen die Krisenmomente der zu überwindenden These und ggf. auch der neuen gesellschaftlichen Idee dechiffriert werden konnten. Dabei spielt der Begriff der Utopie eine bedeutende Rolle, intendierte er in der theoretischen Menschheitsgeschichte den Versuch Einzelner oder von Kollektiven, die Regeln einer anderen Gesellschaft als ideologisches Ideal zu postulieren und gesellschaftsverändernde Handlungen auf dieses Ideal hin zu orientieren. Ob der Begriff der Utopie jedoch bei der Überwindung, der durch objektive Herrschaftsprozesse bestimmten kapitalistischen Gesellschaftsprozesse hilft, dies bleibt notwendig abzuklären, damit eine zukünftige Gesellschaft die emanzipativen Potentiale des menschlichen Gattungswesen voll ausspielen kann.

Entgegen der Vorstellung der Vulgärmarxisten ist das marxsche antithesische Denken nämlich keine Lehre die nur in der Welt verkündet werden müsste, damit die Subjekte revolutionären Handelns und die überbordenden Verhältnisse in Veränderungsschwingung (Tanzen) versetzt werden. Die Kenntlichmachung gesellschaftlicher Widersprüche ist nämlich gerade nicht gleichzusetzen mit einem massensuggestiven Anderswollen, viel weniger noch mit einer Durchbrechung der gesellschaftlichen Sozialisation als Voraussetzung des individuellen Aktes des Anderswollens. Im Gegenteil ist zu erkennen, dass das Antithesische selbst in Momenten objektiver Diskfunktionalität der gesellschaftlichen These, noch sehr lange mit der positivistischen Immanenz denkender Systemmonaden konfrontiert wird. Der über Suggestion und Sozialisation angepasste historische und gesellschaftliche Maßanzug ist keiner den sich das Subjekt nach belieben auszieht und an den Nagel hängt. Anzug und Ankleidung sind gemeinsamer Akt einer überlebensnotwendigen Orientierung am Bestehenden. Gedanklich ausziehen kann er diese formale Hülle eigener Gesellschaftlichkeit in kalten Tagen nur, wenn im Kleiderschrank der Geschichte ein neuer Anzug hängt. Diesen gilt es oft aber erst noch zu schneidern. Die Immanenz des Denkens, also die ideologische Anerkennung der beschränkten Grenzen eigener idealer und materieller Vergesellschaftung ist somit mehr als eine nur von ideologischer Suggestion getragene Herrschaft über die Köpfe der Menschen. Sie ist zu gleichen Teilen Bedingung für die individuelle Überlebensfähigkeit im gesellschaftlichen Kontext und Anerkennung der Grenzen des eigenen gesellschaftlichen Daseins. Beide Prozesse gehen dabei so sehr symbiotisch ineinander auf, dass dem vergesellschaften Subjekt die Reduzierung seiner Existenz auf seine bloße gesellschaftlich zugewiesene Funktion schlussendlich als wünschenswert erscheint (diese Symbiose entgeht vor allen Dingen den arbeitsfetischistischen Vulgärmarxisten, und zwar so sehr, dass sie sich in dieser Symbiose höchstselbst verfangen).

Die Immanenz ist somit krude Überlebensnotwendigkeit und bewirkt damit am Ende eines Systemzyklus eine Prolongation überlebensunsfähiger Prozesse, sofern Systemalternativen keine subjektiven oder objektiven Träger der Veränderung gefunden haben. Dieser Doppelcharakter macht individuelle Abstraktionen, also Immanenz überwindende Handlungsoptionen, so schwierig. Die Utopie berauscht sich an diesem Doppelcharakter lediglich, weil sie die unerfüllten Ideale der (noch) diffusen sozialen Identität mit gesellschaftlichen Wunschvorstellungen koppelt und damit die Idee des besseren Handelns sowohl inspiriert, aber auch in weiten Teilen korrumpiert (.Ich würde ja gerne besser Handeln, kann es aber nicht, weil die Utopie noch nicht verwirklicht ist.). Die Antithese muss also, um die utopische Korruptheit zu überwinden, einen fundamentaleren Kritikpunkt entwickeln. Dazu muss sie aber verstehen, wie das gesellschaftliche Subjekt zu dem ihn eigenen Überzeugungen und Denkweisen gelangt und warum nicht nur die Eliten eines parasitären Systems das Credo am Bestehenden als alternativlos deklarieren müssen.

Immanenz der Denkform ist schließlich auch immer mit der Immanenz der Handlungsform verbunden. Sie wird ganz besonders im sozialdemokratischen und einheitsgewerkschaftlichen demokratieehtischen Politdiskurs vollstreckt, nur bedingt durch konservative und liberale Kräfte.
Es mag dabei zu den Nebensächlichkeiten moderner Politik gehören, dass ein reaktionärer Sozialdemokrat sinnbildlich für das abgewirtschaftete Erbe sozialdemokratischen Selbstverständnisses, jenen folgenschweren Satz zum Credo der jungen Sozialdemokratie formulieren durfte, welches heute das Selbstverständnis der linken Jungyuppies von SPD bis Linkspartei prägt: .Wenn ich Visionen habe, gehe ich zum Arzt.. Diese Randbemerkung zum Selbstverständnis aktueller Politentwicklung ist nicht allein witzloses Element bürgerlichen Positivismus, sondern Erkennungsmarke eines banalisierten Politvollzuges moderner bürgerlicher Lebensrealität. Es geht nicht nur um die Herabwürdigung eines unausgegorenen Anderswollens, sondern um die pragmatische Vernichtung jeder politischen Kultur, die sich ein mögliches Handlungs- und Lebensgefüge jenseits der maroden krämerhaften positivistischen Realität wünscht, vorstellen oder gar erstreben möchte. Nicht zuletzt die arbeiterbewegte Linke hat dabei den Geburtshelfer dieser dialektischen Negation, dieser absurden Vorstellung des Kapitalismus als Perpetuummobile der Geschichte, aufgehoben in der bürgerlichen Marktradikalität (Kapitalisten) und eines korrespondieren verlogenen Arbeitsethos (arbeiterbewegte Linke), geliefert. Die .Visionen., ja die wahr gewordenen Schreckensgesellschaften (Realsozialismus), die Freiheit und Gleichheit gegeneinander ausgespielt haben, durften letztlich das bürgerliche Subjekt selbstzufrieden in das Nirwana der Veränderungsnegation verabschieden. Auf der anderen Seite mangelt es weiten Teilen der gesellschaftlichen Linken bis heute an einer Durchdringung analytischer und schöpferischer Momente hin zum Modell einer möglichen Transformation. Denn die Theorie der Etablierung solidarischer und gesellschaftlicher Wirtschafts- und Politstrukturen mag aktuell nur aus der Analyse des Realsozialismus ein gewisses Negativ für zukünftige Überlegungen abstrahieren. Umso wichtiger ist die Entwicklung der Begrifflichkeiten weg von unpräzisen Visionen oder abstrakten Utopien mit deskriptiven Stärken aber mit erheblichen Herleitungsschwächen. Genauso wenig sinnig scheint, zu Beginn ein Konstrukt gesellschaftlicher Institutionen zu entwerfen, die dann appellativ in einen nicht vorhandenen kulturellen Leeraum ohne eigentlich gesellschaftliches Wollen geworfen werden (neues Stamokap).

Die Antithese ist sich Gewahr, dass die gesellschaftliche These Gegenstand des Denkens und Handelns der Individuen ist. Und die Abstrahierung eines logischen Begriffes moralischer Kenngröße, also einer formulierbaren Wunschvorstellung eines Anderswollens um der existentiellen Selbstaufhebung entgegenzuarbeiten, ersetzt nicht die Durchdringung der Probleme der Veränderung gesellschaftlicher Missstände, sie setzt sie lediglich in Gang. Dieses Ingangsetzen ist zunächst theoretischer Natur: Ein Aufbegehren gegen die Banalität der These und ihrer positivistischen Derivate. Während auch Teile der akademischen Linken sich nach wie vor an dem Begriff der Utopie abarbeiten und die sozialdemokratischen Teile der kritischen Intelligenz diesen auch gleich wieder mit dem Sozialstaatsbegriff (zumindest der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts) entsorgen wollen, ist es einer dialektischen Betrachtungsweise vorbehalten, beiden Begriffen einen nur beschränkten Teilaspekt bei der Veränderung gesellschaftlichen Bedingungen zu zuweisen. Denn während die Utopie auch ein schwärmerisches Abbild unrealistischer Projektionen auf die Zukunft sein kann, verwehrt das Verharren in Modellen der These den kontextüberwindenen Anspruch, den bestimmte historische Situationen nun einmal notwendig gemacht haben. Somit kommt jedoch im Rahmen kohärenter Betrachtung die Frage auf die Tagesordnung, welche Struktur die antithesische Aneignung der Welt haben muss, wenn die individuelle Subjektivität doch Projektion eines Systems ist, welches es zu verändern gilt.

Dieses Problem wurde im realsozialistischen Revolutionsbetrieb völlig übersehen und ist bei den schwärmerischen Vulgärmarxisten, deren Leben sich im vermeintlichen dauerrevolutionären Ausnahmezuständen vollzieht, komplett unbearbeitet (vor allen, wenn dieser Dauerzustand durch ein bürgerlichen Parlamentssitz veredelt wird). Im realsozialistischen Gesellschaftsdiskurs war der Austausch der Ausbeutungseliten bereits als antithesische Vollstreckung betrachtet worden. Dies, obwohl frühzeitig erkennbar bürgerliche Eliten sich lediglich gegenseitig ausgeschaltet hatten. Das Proletariat, welches nur Anschauungsobjekt der revolutionären Bewegungen des 20. Jahrhunderts war, hatte sich noch nicht von der calvinistischen Arbeitsethik emanzipiert. Das Gift des ora et labora, Jahrhunderte in Gestalt der systemimmanenten Gebotsethik (als Herrschaftsform) gespritzt, wirkte fort (selbstverständlich aber auch die Tatsache, dass der gesellschaftliche Stand der Produktivkräfte Anfang des 20. Jahrhunderts ein anderer war als zu Beginn des 21. Jahrhunderts). Gleichwohl ging es im Realsozialismus nicht um die Entwicklung einer koexistentiellen Ökonomie und eine soziale und demokratische Ökonomiebestimmung (auch wenn es hierzu bereits in der Sowjetunion theoretische Debatten gab), sondern um den Wechsel der Ausbeutungseliten und der Institute der Gleichen (Staat statt Kapital). Dies liegt nicht allein daran, dass die Eliten der revolutionären Arbeiterbewegung für sich die Stellung der alten Herrschaftseliten suchten, sondern dass theoretisch nie über die Konsequenzen des Verlustes antithesischen Denkens konkret debattiert wurde. Vielmehr aber noch, weil der Immanenzbegriff im Diskurs der praktischen Linken (aber auch in weiten Teilen der theoretischen Linken) ausgeblendet oder aus autokratischen Gründen vernichtet wurde.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang Immanenz und warum muss zu Beginn der antithesischen Überlegung dieser Begriff genau untersucht werden? Das lateinische immanere bedeutet zunächst .darin (bei etwas) bleiben.. Es handelt sich also um Vorstellungen und Prozesse, die betrachtet werden, bei denen ein vorgegebener Bereich nicht verlassen wird. Das Enthaltensein von Betrachtungsbestandteilen im eigenen Betrachtungsgegenstand ist frei von äußeren Einflüssen (etwa Ideen, die mit ihrem Gegenteil schwanger gehen). Eine immanente Methode ist dadurch geprägt, dass diese durch den Gegenstand der Untersuchung selbst geprägt wird. Bei Kant ist etwas immanent, wenn es sich auf den Umkreis möglicher Erfahrungen beschränkt. Die immanente Methode steht im Widerspruch zur transzendierenden Methode, die in der Lage ist die Grenzen eines Bereichs in Richtung eines anderen (meist vernunftmäßig höheren) hin zu überschreiten. Schon bei Marx war erkennbar geworden, dass Immanenz-Probleme eine zentrale Rolle in seinem Verständniss der materiellen Welt gespielt haben. In der Erkenntnis, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, erhalten wir die grundsätzlichste Formel immanenter gesellschaftlicher und historischer Prozesse. Gesellschaftliche Anschauungen (Bewusstsein) werden durch die Art und Weise bestimmt, wie das faktische Sein (gesellschaftliche Verhältnisse bestimmt durch die Produktionsverhältnisse) die Anschauungsformen der Gesellschaftsreziproken bestimmt haben. Die Feststellung, dass die gesellschaftlichen Anschauungen durch die Herrschaftseliten bestimmt werden, ist nur ein Ausdruck der marxschen Definition der Immanenz von Subjekten gesellschaftlicher Prozesse. Obwohl also Marx bereits dem Immanenz-Problem zentrale Bedeutung zuweist, wird diese Gleichung umgehend im arbeiterbewegten Marxismus und vor allen Dingen in der Sozialdemokratie und im Syndikalismus völlig vernachlässigt. Warum war und ist dies so? Im scheinbaren Wissen um die marxsche Theorie hielt sich die frühe Ideologieelite des Proletariats immun für immanente Induktionen. Denn die Erkenntnis der Marxschen Bewussteiseinsprägungsformel ist zwar wichtig und Marx selber gelingt es auch Methoden der Transzendierung der Immanenz zu entwickeln. Sie sind aber nicht Gegenstand der massensuggestiven Ebene der Arbeiterbewegung geworden. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Transzendierung der Immanenz durch Marx nicht allein auf eine historische Fundstelle seiner Arbeit reduziert werden kann, sondern sich in der Genialität seines Gesamtwerkes offenbart. Damit war das Immanenz sprengende Denken natürlich nicht die Domäne der Goldgräber der Zitierkunst der marxschen Arbeit, sondern den Generalisten vorbehalten. Davon gab es und gibt es immer sehr wenige. Die vielen Vulgärmarxisten, jene die meinten und meinen ohne eine allgemeine Vorstellungen philosophischer und soziologischer Bildung als Arbeiter- und Parteiführer über die Runden kommen zu können, hatten also nie die Chance sich gegen die Immanenzierung ihre Denkens zu immunisieren. Die meisten hätten dies wohl auch nicht gewollt, da tagespolitisches Geschwätz durch überschaubare Erfahrungssätze (also quasi empirisch) angeeignet werden kann, die Durchdringung einer Gesellschaft zur Überwindung der Widersprüche der Gleichen, jedoch eine wenig lukrative Lebensaufgabe ist.

Und so dümpelt und verkümmert das antithesische Denken auch im Parteikörper der selbsternannten neuen Linken gemütlich vor sich hin, anstatt Taktgeber neuer politischer Konzeptionen zu werden. Zum Teil mag dies daran liegen, dass auch in vom bürgerlichen Staat bezahlten politischen Arbeitsführergestaden der Luxus des Mini-Sozialismus-Kompromiss bisweilen einschläfernd auf die Radikalität des Einzelnen wirkt. Wichtiger ist jedoch, dass die Antithese heute nur in der Überwindung der Wert- und Warenlogik aufgehoben sein kann und für diese Erkenntnis ein bei weitem größerer Kenntnissatz notwendig ist, als für den Wechsel von Ausbeutungseliten. Dagegen wird das gebetmühlenartige Herunterbeten des in Portionshäppchen servierten Betroffenheitsdiskurses gut beherrscht, auch wenn als absehbares Zwischenhoch, dieser Ansatz in einer Zehn-Prozent-Alternative hängen bleiben wird (was sind schon ein paar Prozente rauf oder runter unter Freunden).

Dabei ist allein die Aktualisierung des antithesisches Denkens die Bedingung für den Ausbruch aus der Immanenz warenförmiger Verdinglichung. Denn antithesisches Denken ist kein reiner Widerspruch am Bestehenden, wie er etwa der genannten Betroffenheitskultur eigen ist, sondern ist Erarbeitung von eigenständigen Positionen aus der Analyse der Krise der systemischen These und der Analyse sowohl der Entwicklungsgeschichte als auch dem existenzaffirmierenden Entwicklungspotenzial des menschlichen Entwurfs. Nur so kann das Antithesische kraftvolle Voraussetzung und Bedingung einer neuen praktischen Synthese sein. Dies setzt bereits grundsätzlich die Fähigkeit voraus in Modellen zu denken. Die Grundbedingungen des antithesischen Denkens müssten modellhaft an der materiellen Lebensfaktizität orientiert sein. Ferner müssten sie Mehrdimensionalität garantieren und analytisch und abstrahierend sein, um als Teil einer transzendierenden Methode durchgehen zu können.

Dazu gehören, wie zu jedem Modell, die kategoriale Grundsatzsuche, als auch die Kenntlichmachung definierter Selbstannahmen. Als Basis hätte ein solches immanenzüberschreitendes Gedankenmodell somit:

  1. Einen philosophisch-materialistischen Analysekern
  2. Eine sozio-ökonomische Analyse basierend auf den materialistischen Erkenntnissen mit dem Potential Entwicklungswidersprüche kenntlich zu machen
  3. Eine ethische Grundbetrachtung, die dem existenzaffirmierenden Charakter des menschlichen Entwurfs Rechnung trägt und Widersprüche der These zu diesem Entwurf aufdeckt
  4. Die Entwicklung des antithesischen Elements als bewussten Widerspruch zum bestehenden Immanenten und die Möglichkeit der Fortschreibung von Entwicklungsgeschichte
  5. Ein politisches Moment der Handlung, um damit die Voraussetzung der Initiierung von Veränderungsprozessen des vorgefundenen aber unfunktionalen historischen Systems oder Systemsabschnitts zu ermöglichen

Dieser Ansatz kann nur noch kohärent als philosophischer Entwurf entwickelt werden. Ein so untergliedertes Analysekonzept eröffnet Erkenntnisse jenseits der vorgefundenen systemisch-immanenten Denkform und lässt Rückschlüsse auf die eigene Identität jenseits epochaler Suggestion zu und ist daher auch Grundlage eines individuellen, aber auch gesellschaftlichen, Anderswollens. In der marxschen Gesamtarbeit sind diese fünf Elemente im Kern am exaktesten zusammengefasst.
(jpsb für potemkin)


Im vierten Teil:Abbildung der These in der Formel G-W-G`; formale Gegenthese möglich?; Auslöschung von G oder Sozialisierung von G`; Kernessenz von G; basales Gegenmodel zu G-W-G`; Eigentum und Eigentumsfrage; Gebrauchswert und funktionale Nutzung; Verbrauchersphäre als Taktgeber der Reproduktionsprozesse; Sphäre individueller Verfügungsrechte; Reorganisation von Koordinationsprozessen zwischen Produktionseinheiten; Rationalisierung der Produktion; Bedeutung der Staatsfunktionen in einer verbrauchsdominierten Ökonomie; von der Antithese in die politische Handlung

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