NRW Debakel mal anders: Die Linke, die kapitalistische Götterdämmerung und die Lust auf´s Warten auf den sozialistischen Godot

Estragon: Komm, wir gehen!
Wladimir: Wir können nicht.
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf Godot.
Estragon: Ach ja.

Wenn Samuel Beckett heute die Chance hätte, Sehnsüchte auf die Dinge, die nicht kommen zu projizieren, dann müsste er die Sinnkrise seiner Protagonisten in die aktuelle Systemkrise verlagern. Herauskommen würde nicht nur ein sinnloses Warten, sondern ein noch sinnloseres Verharren am Ort der vermeintlichen Auseinandersetzung, zwischen der Hoffnung etwas am Ort des Wartens zu finden und der Tatsache, dass sich rein gar nichts auf diesen Ort selbständig zubewegt.

Denn Becketts existentialistische Sinnkrise, die Krise also des bürgerlichen Subjekts, welcher mehr Getriebener denn Betreiber ist, spielt sich vor den heteronomen Grenzen einer Gesellschaftsordnung ab, die als totaler Prozess der Vereinnahmung aller lebensweltlichen Aneignungen und Handlungen jene Form von Beherrschung erreicht die total ist, weil sie zwangsläufig als seiender Bestandteil menschlicher Grundordnung von den Beherrschten gedacht wird. Solch eine implizite Beherrschung, die nur von objektiven Prozessen, wie etwa einem historisch bahngebrochenen allseitigen Wertsetzungsprinzip erreicht wird, ist aber auch deshalb dermaßen umfassend, weil sie subjektive Profiteure hervorbringt, deren Vorrangstellung jedoch selber oftmals an einem seidenen Faden hängt. Solange dieser nicht reißt, mag der objektive Prozess anheimelnde Brutstätte für immer neue Illusionen über die Dauerhaftigkeit der scheinbar objektiven immanenten Rahmenhandlung sein. Der Riss im Faden wiederum wird natürlich nur noch im freien Fall erkannt. Und nicht Wenige meinen, dass es die hehre Aufgabe der neuen Linken sei, den Aufschlag derer aufzufangen, die im freien Fall die Endlichkeit ihrer Illusionen wahrnehmen, um sie dann gesammelt als Mehrheit zu neuen Aufgaben eines selbstdefinierten Zieles menschlicher Sehnsüchte namens sozialistische Zukunft zu führen.

Diese Rechnung geht leider nicht auf. Denn der Ort des Aufschlags wird nun zur Superbühne des Beckettschen Dramas. Eine Art traumatischer Ort, der fast noch undefinierter ist als im Theaterstück, weil er sich nicht mehr künstlerisch verdichten lässt und damit noch unerklärlicher und unerträglicher wird. Und Godot. Er ist heute sozialistischer denn je. Mysteriöses Anschauungsobjekt, mit militanter Pubertanz behauptetes Versatzstück eigener Erkenntnis, vereinnahmter Regelmechanismus traditionsbewegter Didaktiker, zündelndes Ergebnis zündelnder Agitatoren, undogmatische Begierde dogmatischer Anfänger, Illusion von Entrechteten, halluzinierte prozessuale Selbsterfüllung von Linksbonzen oder gar korrektives Wertesystem zum überschäumenden Proporz kapitalistischer Ausschweifung. Am Ende ist er ein bisschen von allem, weil er damit Projektionsfläche für Unerreichtes oder Unerreichbares bleibt und somit einem jedem die Chance gibt, wie Estragon und Wladimir, auf etwas zu warten, was eigentlich nicht von selbst kommt. Mit dem aktuellen Programmentwurf der Linken ist dieser Projektionsfläche ein geistiger Tempel gebaut worden, eine Art Pflichtlektüre für alle Wladimirs und Estragons da draußen, während sie auf Godot warten.

Ist es aber Wert der godotschen Falle zu entkommen? Ist es nicht schön auf etwas zu Warten was nicht kommt, wenn dieses gesellschaftliche Innehalten selber so anheimelnd ist, dass das Warten angenehmer scheint als die Veränderung, als die Suche? Nun, darauf gibt Becketts existentialistisches Stück keine Antwort. Denn sein undefinierter Ort ist selber frei von Widersprüchen, nur das Warten ist widerspruchsvoll. In der menschlichen Geschichte gibt es aber keine undefinierten Orte. Eine materialistische und dialektische Sichtweise kann sich nicht wie Becketts Figuren aufs Warten einlassen. Geschichte schreitet voran, mit oder ohne Sozialisten. Bei Beckett ist nur die Handlung widersprüchlich, in der realen materialistischen Existenz ist es eben auch der Ort.

Und weil das so ist, kann aufs anheimelnde Warten nicht gesetzt werden, wenn der geschichtliche Wartesaal vor dem Hintergrund eines möglichen Einsturzes der Wartehalle, eben nicht mehr die Bühne kleinbürgerlicher Selbstbeschäftigung mit der vermeintlichen Sinnlosigkeit des Daseins sein kann, sondern die Bewegung auf die Sinnebene, im Erschaffen dieser gesellschaftlichen Sphäre liegt, die aus der krisenhaften kapitalistischen Götterdämmerung des Wartesaals herausführt.

Genau hier tut sich aber die Linke besonders schwer. Denn geschichtstriumphal wird das eigene Scheitern gesellschaftliche Bündnisse zu schlagen, als Sieg einer verquerten Reinheit des eigenen Ansatzes gefeiert. Es ist der deutsche Heldenspießer, der auf einem Schlachtfeld voller Feinde und einem schrebergartenartigen Politacker, seine roten Gartenzwerge und seine linkstheologische Scholle verteidigt, als gelte es die Geschichte selbst zu schlagen. Umso mehr Menschen aus der Retorte kapitalistischer Reproduktion geschleudert werden, umso mehr Menschen müssten doch vermeintlich erkennen, dass das gemeinsame Projizieren auf den parteisozialistischen Godot, das eigentliche LINKE bereits ist? Ein selbsterfüllendes, solidarisches und streitkastriertes Warten auf eine Chimäre der Veränderung, die sich durch Masse statt durch Klasse finden soll. Und ist die kritische Masse im Wartesaal erst erreicht, dann kann das gemeinsame Suchen wohl endlich risikolos beginnen, auf dass die Wartehalle wegen Überfüllung nicht auf uns herabstürzt.

Wer aber nicht abwartet sondern sucht, der lässt sich auf reale Bedingungen ein. Dem ist klar, dass die materielle Welt keine Wunschvorstellung ist, sondern von Interessengegensätzen, unterschiedlichen Sichtweisen, veränderlichen Grundannahmen und Gegenwirkungskräften beherrscht wird. In einer solchen Welt zu finden und nicht nur zu warten, bedarf einer prozessualen Akzeptanz Kompromisse zu machen, Grenzen anzuerkennen und diese im Kompromiss auch zu überschreiten. Und natürlich auch den großen Mut im ersten, im zweiten, oder auch im dritten Anlauf zu scheitern. Es scheint, dass Letzteres die größte Angst linker Gralshüter ist, die jetzt den gesellschaftlichen Kräften, die sich auch verändern müssen, immerzu vorwerfen, dass sie nur am Verrat interessiert sind. Hat man sich nicht bereits selber auf das eingelassen, was man vorgibt zu hassen. Sind bedingungslose Kritik und besinnungslose Gegenkritik nicht taktisch vereint? Ist dem so, muss klar sein, dass eine Selbstbefreiung aus diesem Dilemma bedeutet nicht mehr zu warten, sondern bei Gefahr des Scheiterns, den geschichtlichen Wartesaal und den ideologischen Schrebergarten zu verlassen und endlich die reine Lee(h)re hinter sich zu bringen. Verantwortung wird in einer multiplen Gesellschaft durch Kompromissbereitschaft erlangt und übertragen. Genau an dieser strategischen Kompromissbereitschaft fehlte es dieser Tage an Rhein und Ruhr. Wer sich in diesem Scheitern als Sieger feiert, mag in nicht all zu ferner Zukunft der große Verlierer des Wartens auf den sozialistischen Godot sein.
(jpsb)

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