Das Plagiatwunder – Warum gehen der Politik die Originale aus?

Nun hat es ihn doch noch erwischt, den Guttenberg. Lange Zeit galt er als Wunderkind des deutschen Konservatismus. Ein wenig Adelsgeilheit, ein wenig .Schwiegermutters-Finest. und dazu noch eine blonde Frau mit Gardemaß und mit eigener .Kinderschänder-Jagd-Kompetenz.. Viele hatten geglaubt, dass ein solches Traumpaar von der deutschen Boulevardpresse erst in einigen Jahren und bei entsprechenden Fortschritten in der Gentechnik in Auftrag hätte gegeben werden können. Nun hatte es der deutsche Adel ganz ohne Eugenik geschafft, diese Mischung aus Pomade und Karrieregeilheit dem staunenden Publikum ins Scheinwerferlicht zu stellen. Und dieses Land war bereit seinen eigenen Lügen zu glauben. Guttenberg, das war nicht nur ein politischer Überflieger, sondern das Grundmuster einer jungdynamischen Generation, die nicht viele Fragen stellt, sondern die Probleme des Landes vermeintlich anpackt. Fast wäre er damit der Prototyp der Renaissance konservativ-liberalen Arbeitsfetischismus geworden.

Pflichtbewusstsein und Arbeitsgeilheit, aus dem Ei gepellter Modelminister und dazu noch Überpapi und Wunderehemann der Nation. Ein Doktortitel gar, der den Endreißiger schlussendlich auch noch als akademische Superleuchte erscheinen lassen musste. Wer da keine Minderwertigkeitskomplexe bekommt, der ist nicht aus Fleisch und Blut und daher sollte Guttenberg eigentlich das Original des neuen deutschen Konservatismus werden. Nun, die einzige Sache in der er selber wirklich etwas hätte leisten müssen, die ist ihm zum Verhängnis geworden, seine Dissertation. Und daher ist das Original an seiner eigenen Kopierstümperei und akademischen Faulheit demontiert worden.

Die Wahrheit ist aber gegebenenfalls eine andere und zeigt, dass die Verlogenheit der Selbstinszenierung ganz anderen Gesetzmäßigkeiten gehorcht als nur der eigenen Fehlbarkeit. Auch diese Hochglanzfassaden der Politik können nur noch als Lügengebäude inszeniert werden. Das politische Geschäft ist längst eins medialer Präsentationsfähigkeit und droht sich darin zu verlieren. Dabei ergibt sich Politik sehr schnell in der Flüchtigkeit journalistischer Arbeitsweise. Nicht die Notwendigkeit der fachlichen Richtigkeit diktiert das Zeitmaß, sondern die Hektik der journalistischen Reproduktion von Nachrichten prägt die Prozesssteuerung im Rahmen politischer Entscheidungen. Die mediale Aufbereitung wird wichtiger als die Bewertung der Folgen der politischen Entscheidungen für die Betroffenen. Die Hartz-Gesetzgebung ist ein typisches Beispiel dafür.

Dass eine Biografie, wie die guttenbergische, dabei selber wie das Plagiat auf die eigene Hollywood-Verfilmung erscheinen muss, möchte die um Leitbilder bemühte Öffentlichkeit gerne ausblenden. 72 Prozent wünschen sich angeblich eine Rückkehr des münchhausenden Ex-Ministers (Zahlen Infratest-dimap). Sind es vielleicht die gleichen Menschen, immerhin 80 Prozent, die den Sozialismus für die bessere gesellschaftliche Alternative halten (Zahlen S. Wagenknecht). Verwundern würde es nicht. Die Desorientierung bei der Leitbildsuche hat viel mit der Unfähigkeit zu tun, eigenes Denken und Hinterfragen in den Mittelpunkt persönlicher und gesellschaftlicher Wahrnehmung zu stellen. Die Sehnsucht nach Heilsgestalten prägt besonders Epochen kultureller Verwahrlosung. Fragwürdige Superleitbilder gibt es somit nicht nur in der CSU, sondern auch in der FDP, in der SPD, bei den Grünen und sicherlich auch bei den Linken. Wenn das Guttenberg-Fiasko einen Sinn machen soll, ist Schadenfreude eher nicht angesagt. Jeder hat seinen Guttenberg in den eigenen Reihen. Es gilt die Hochglanzfassaden und Selbstinszenierungen in den eigenen Organisationszusammenhängen zu Fall zu bringen. Dann erst wird Politik wieder ein menschliches Antlitz haben. In diesem Sinne gebührt dem Schummeldoktor ein gewisser Dank, liefert er doch das Original für die Hinterfragung eines politischen Geschäfts, das ohne Verleugnung menschlicher Schwächen nicht mehr auskommt und in dem mediale Präsentierfähigkeit schon lange notwendige Fachkompetenz aussticht.
(jpsb)

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