Von TUIs, trojanischen Pferden und dem Fair-Play der Selbstgerechten

Vor nicht allzu geringer Zeit sahen sich einige Mitarbeiter der Bundestagsfraktion berufen, einen so genannten Aufruf für einen fairen Umgang in der Partei zu veröffentlichen. Eine der vielen wegweisenden Ideen dieses Aufrufs war es, den innerparteilichen Meinungskampf pressemedial nur noch im Neuen Deutschland und in der Jungen Welt (JW) stattfinden zu lassen. Nun, gerade die Junge Welt fühlt sich seit Wochen berufen den Auftrag anzunehmen und ihre Rolle als Sprachrohr der Vereinigung gesellschaftlich marginalisierter Truppen unter dem Dach der Linken (VemaTruDaLi) dahingehend umzusetzen, dass sie feststellt, dass ziemlicher Jeder, der in der Partei keinen Palästinenserschal trägt, offensichtlich ein rechtsreaktionärer Verfassungsschutzagent sein müsse. Das Neue Deutschland wiederum versucht alle Seiten des Konflikts gleichberechtigt zu Wort kommen zu lassen. So etwas nennt man wohl Waffengleichheit im innerparteilichen Meinungswettstreit.

Gut, dass da noch ein weiteres publizistisches Kanonenboot der Parteilinken und des Arbeitsfetischismus ins gleiche Horn wie die JW bläst. Albrecht Müller und seine Nachschenkseiten erkennen im aktuellen Antisemitismus-Streit einen Versuch von geneigten Massenmedien die Partei Die Linke auf SPD-Kurs zu stutzen. Stöckchen der Gleichschaltung werden da hingehalten, auch vom Zentralrat der Juden. Der hat bekanntermaßen ein mächtiges Interesse an einer Rot-Rot-Grünen Regierung, damit die Linke ihren Widerstand gegen neoliberale Politik aufgibt. Und natürlich wird diese Kampagne, so Müller, von trojanischen Pferden in der Partei unterstützt.

Damit dürften Junge Welt und Nachdenk-Müller die Seelen der zuletzt gebeutelten Vertreter von Politsekten und Traditionstruppen wieder aufrichten. Denn eine dieser vielen Selbstgerechtigkeiten des vermeintlich linken Parteiflügels ist, dass sie sich zu den gehetzten Gemütern in der Bundesrepublik zählen. Da ist ein ganzes politisches Netzwerk in der Partei am agieren, das sich selber die permanente Revolution auf die Fahnen geschrieben hat. Und worüber regen sich die Damen und Herren von Marx 21 auf? Ja, genau darüber, dass die bürgerlichen Medien sie als sektiererische Politspinner umschreiben. Welch absurde Vorstellungen, dass sich Journalisten erdreisten über die Stellvertreter Trotzkis auf Erden halbwegs realistische Einschätzungen abzugeben. Wenn Marx 21 erst an der Macht ist, wird es derlei Unsinn sicherlich nicht mehr in der Presse zu lesen geben.

Wer aber nun meint, dass auf der nach unten offenen parteiinternen Peinlichkeitsskala nicht noch ein Weg nach unten geebnet werden kann, der irrt. Ein anderes Kanonrohr OLAFs auf Erden ist Diether Dehm, seines Zeichens Mitglied der Bundestagsfraktion und des Bundesvorstandes und kulturelles Füllhorn der Bewegung. Im Stile des weisen Mao hatte Dehm vor Kurzem einen Vortrag vor niedersächsischen solid-Mitgliedern gehalten (in welcher Telefonzelle ist unbekannt geblieben). Mit dem Parteinachwuchs wurde nicht etwa über Formen eines zeitgemäßen Jugendwahlkampfes kommuniziert. Nein, Dehm ging es darum die Politsprösslinge in die Lektion zu unterweisen: Wie erkenne ich Feinde der Partei im Schafspelz der Gleichen? In Anlehnung an Brecht werden derlei Personen als TUIs bezeichnet, was zumindest den Hannoveraner Genossinnen und Genossen ein wenig das Herz brechen wird. Diese TUIs, so Dehms segenreiche Feststellung, würden den Anti-Anti-Kapitalismus predigen, die USA lieben und nicht erkennen, dass Kurt Schumacher ein vom britischen Geheimdienst aufgebauter Gewährsmann war, nur um Otto Grotewohl zu schaden. Das Pamphlet bietet auch eine TUI Typenlehre an, damit die solide Parteijugend, mit Vermessungsstab und Wünschelrute bewaffnet, umgehend auf TUI Kartierung gehen kann. Besonders widerwärtig muss wohl der, so O-Ton Dehm, Konvertiten-TUI sein (Konvertiten, wo haben wir diesen Begriff nur schon gehört). Dessen Spezialität weiß der Meister der Feinderkennung, also Dehm, wie folgt zu beschreiben:

„Konvertierte Ex-Leninisten verhalten sich bei der Jagd auf Antikapitalisten zueinander wie kommunizierende Röhren. Sie bilden mafios-konspirative Strukturen, die gegeneinander abgeschottet operieren, sich aber durchaus jederzeit zu einen todbringenden Rudel von Beagle-Hunden (Anm.d.Red.: Snoopy?) zusammenrotten können, wenn der Pfiff aus dem Zentrum erfolgt.“

Hurra, Hurra, der Politkommissar mit der besseren Politdebilität ist da. Wer meint peinlicher geht es nicht, der kennt Dehm nicht. Keine zwei Seiten weiter setzt Dehm zum Höhepunkt der Vorstufe politischen Säuberungssozialismus ein. Gefragt von einem Jünger des Hasses auf TUIs, wie man den Mitglieder eines solchen Zusammenhanges in der SPD „oder so“ erkennen könne, kann uns die Sonne der Parteijugend eine kurze und einprägsame Erkennungsformel an die Hand geben:

„Zum Beispiel am „Anzinken“ eigener Parteifreunde beim Spiegel“

Hat sich der intelligente TUI (wohl intelligenter Kovertiten-TUI) damit allerdings immer noch nicht geoutet, empfiehlt Dehm gezielte Fragen zur Ortung des Tarn-TUIs.

Diese werden wir hier aber nicht wiedergeben, um keine TUIs ans offene Messer zu liefern. Wer sich bei derlei dehmscher „Plattitüden“ nicht an Max Frischs Andorra erinnert fühlt, hat dieses Buch einfach nur nicht gelesen. Eine Partei, die derlei Spitzenpolitiker in ihren Reihen hält, die braucht wirklich keine Antisemitismusdebatte mehr, um „fertig zu haben“. Und das beste Zeichen, dass das Schweinesystem doch nicht so gemein ist, wie von der Selbstmitleid geschwängerten vermeintlichen Parteilinken behauptet wird, liegt nach dieser launigen Kurzbetrachtung auf der Hand. Wenn es dem Springerverlag wirklich um die Erledigung der Linken gehen würde, hätte sie schon längst den Fernsehkanal Diether-Dehm-24-Hours geschaltet. Denn bei dieser Selbstdemontage gibt es bald kein Troja mehr, in das man Holzpferdchen schieben könnte.
(jpsb)

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