Breiviks Leichenfledderer – Ein Kommentar!

In Oslo ist es zu einer schrecklichen Tat gekommen. Viele Junge Menschen haben den Tod gefunden. Sie teilen das Schicksal der Kinder, die aktuell in Ostafrika verhungern. Und doch könnte die Reflexion beider Vorkommnisse nicht unterschiedlicher sein. Während der Tod letzterer Menschen eine Randnotiz im politischen Betrieb ist (übrigens auch bei der Linken), wird die Tat des Norwegers Breivik derzeit dafür vernutzt, politische Empörung in elektorale Vorteilsnahme umzumünzen.

Denn die wirren Tatbegründungsmotive des Skandinaviers passen wunderbar in die Vorstellungswelten vermeintlich antifaschistischer Aktivisten. Hier der aufgehetzte Musterrechtsradikale, da die eigentlichen Brandstifter Sarrazin, Broder und am Ende gar noch Merkel. Fertig ist die Schwarz-Weiß-Malerei einer Welt von Antipoden, in denen nur noch die Äußerung von Extremen und Extremisten, die eigentlich beim jeweils anderen unterstellten Weltbilder zu verdeutlichen vermögen. Da passt es, dass der Landesvorsitzende der Linken in Niedersachsen, Manfred Sohn, nun auch dem CDU Innenminister Schünemann recht unverhohlen vorwirft, mit seiner Politik Attentäter wie Breivik zu bestärken. Niederträchtiger wurde wohl selten im niedersächsischen Landtag zugespitzt. Das Prinzip Provokation statt Fachpolitik ist aber das letzte Mittel einer Fraktion, die mit einer soliden inhaltlichen Politik gescheitert ist, weil derlei unbeseelter Angriff auf politisch Andersdenkende nicht nur das Alleinstellungsmerkmal der Linken im niedersächsischen Landtag ist, sondern eben auch ihr alleiniges Merkmal. Sohn ist nicht allein mit diesen Plattitüden bei der Auswertung einer Tat, von der noch niemand wirklich sagen kann, welchen Blick sie auf die rechtsradikale Szene in Europa werfen kann. Und dennoch sind es gerade linke Politiker, die nun in den Chor derer einstimmen, die im bürgerlich-konservativen und sogar christlichen Lager ein ganzes Heer von Breiviks vermuten.

Unbenommen erfüllen die Broders & Co. dieser Welt einen Meinungsauftrag im Dienste derer, die sich den Erhalt des Status Quo des bestehenden Gesellschaftszusammenhanges wünschen. Der zur Perfektion eines Broders erhobene Kulturzynismus des besserverdienenden Feuilletonautors, soll gerade die mit Meinungsmunition beliefern, die uns erklären, dass der zigtausendfache Hungertod von Kindern zum Rüstzeug menschlicher Realität gehört. Das Töten von Kindern der Führungseliten (eben keine Arbeiterkinder) gehört erkennbar nicht zu diesem ideologischen Nihilismus journalistischer Meinungsmandarine. Warum auch, schaden derartige Taten doch nur einer Balance, die denen in die Hände spielt, die sich als Profiteure der weltweiten Ungleichverteilung und der Entkernung sozialer Ideale fühlen dürfen. Breivik gehört jedoch erkennbar gerade nicht zu dieser Elite, für die Broder et tutti cuanti schreiben.

Das darf nicht stören, denn der zur politischen Waffe geformte Antifaschismus braucht diese Täter und die Vorstellung der Täter hinter den Tätern. In den traditionellen Formen antifaschistischer Arbeit hat sich die Linke zunehmend dahingehend entwickelt, die Tätersprache der unmenschlichen Raserei zu übernehmen. Damit bedient sie die Spirale von Gewalt und Gegengewalt und verliert immer mehr den Anspruch grundsätzlicher ethischer Überlegenheit gegenüber dem Kritikgegenstand. Den Faschismus mittels eines Gewaltpostulats historisch Einhalt zu gebieten dürfte schlussendlich scheitern. Denn die Selbstauslöschung der menschlichen Mitleidsfähigkeit, der Raubbau an der sozialen Begeisterungsfähigkeit, in einem Diskurs, der sich immer mehr dahin verdichtet, dass der Zweck die Mittel heiligt, all das sind die Kehrseiten ein und der selben Medaille.

Und so ergibt sich eben dieser Tage ein leichtes Unwohlsein bei der Beschau der kruden Weltbilder der linken Politkommissare. Eigentlich sollten sie erkannt haben, dass die Verhinderung des hunderttausendfachen Hungertodes die eigentliche Aufgabe des Sozialismus ist, dagegen der Wahnsinn eines einzelnen Menschen die Menschheit auch in den entwickeltsten Gesellschaftsordnungen (Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus) begleiten wird. Wo sollten also die Schwerpunkte gesetzt werden? Sicher nicht in der politischen Leichenfledderei der Opfer Breiviks zur Bedienung niederer Instinkte, die eigentlich dem Täter und der Bild-Zeitung vorbehalten bleiben sollten.
(jpsb)

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