Gefährliches Spiel mit dem Feuer – Durch soziale Unruhen zur Freiheit?

Es ist eines der üblichen Rituale und damit keineswegs Neu. Sog. „Rassenunruhen“ in den USA, dann die Zerstörungswelle in französischen Trabantenstädte und nun Gewaltszenarien in den städtischen Zentren englischer Metropolen. All dies lässt immer wieder die Apologeten verstaubter Revolutionsästhetik auf den Plan treten und vom Ende der bürgerlichen Zivilgesellschaft träumen. Wenn dann noch fallende Börsenkurse eine wirtschaftliche Trendwende ankündigen und die Kreditierung der Staatsfinanzen an ihr vermeintliches Ende gelangt, darf sich der orthodoxe Klassentheoretiker bestätigt fühlen. Nimmt da nicht die Krise des Bürgertums die Erscheinungsformen an, wie sie die Referenztexte aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert für die Veränderung der Gesellschaft durch Revolution vorhergesehen haben?

Oder ist es nicht eher so, wie einer der Vertreter der Bourgeoisie in Martin Scorseses Film „Gangs of New York“ feststellt: „was kümmern mich die Armen, wenn ich genug Geld habe den einen Teil der Armen dafür zu bezahlen, den anderen Teil der Armen zu erschlagen“. Hintergrund für einige der gewalttätigsten Szenen des Films bilden reale Unruhen im New York der Zeit des Sezessionskrieges. Damals zog ein marodierender Mob durch die Straßen, um Afroamerikaner zu lynchen. Weite Teile der New Yorker Unterschicht fühlten nämlich wenig Neigung für die Befreiung der Sklaven in den Krieg zu ziehen. Dieses kleine Beispiel cineastischer Aufarbeitung der werdenden modernen Gesellschaft zeigt, dass das Auflodern von Gewalt in bürgerlichen Herrschaftsbereich nicht zwingend einen Beitrag zur Hinterfragung der realen Machtverhältnisse einer historischen Formation liefern kann.

Dagegen hält sich der öffentliche Gewaltausbruchs als Fetisch einer kruden radikalen Linken. Offenbar aus Abneigung sich mit den komplexen Fragestellen zivilgesellschaftlicher Prozesssteuerung zu beschäftigen, wird lieber skandiert: „mach kaputt was dich kaputt macht“ (auch nicht Neu). Nach den Krawallnächten in England muss jedoch gefragt werden, sind es die Busse, die Gemüsehändler um die Ecke oder schlicht und ergreifend die Wohnungen der eigenen Nachbarn, die einen kaputt gemacht haben? Muss nun für wirklich jede Raserei ein bedingungsloses Verständnis her, auch wenn nicht auszuschließen ist, dass sich hinter der tätigen Gewalt einfach nur eine Logik des Rechts des Stärkeren versteckt? Oder ist es nicht auch ratsam sich enttäuscht zu zeigen von einer Jugendkultur, die in kopfloser Wut eine unideologische Gewaltspirale bedient, die erkennbar, wie die Unruhen in Frankreich zeigen, keine Entwicklungsperspektive haben. Mutet dies nicht wie das Entweichen von zuviel Dampf aus dem Kessel an, anstatt das Feuer zu löschen, das diesen Kessel antreibt?

Für einige Spezialisten unter den Netzwerkern deutscher Linksparteivielfalt ist dies keine Frage. Anhänger von Marx 21 ordnen den aktuellen Prozessen umgehend eine klassenkämpferische Perspektive zu. Damit überfordern sie nicht nur die Stoßrichtung der nächtlichen Gewalt in England, sondern auch das Anliegen der zumeist jungen Akteure. Wie es anders geht, das beweist die Widerstandskultur in Spanien oder in Israel derzeit (das letzterer Protest von Marx 21 nicht gewürdigt wird, sie hier nur am Rande erwähnt).

Doch selbst hier ist Vorsicht geboten. Auch hier gilt es sich nicht vom modischen Trend verführen zu lassen, dass alles was junge Menschen auf die Straßen treibt und sie dort treiben lässt per se idealisiert werden muss. Es ist ja das übereinstimmende Merkmal sowohl der Verlaufsformen in London, wie in Madrid und in Israel, dass die Entwicklung einer alternierenden Wirtschafts- und Verteilungslogik bisher nicht nachhaltig auf der Agenda der Protestbewegungen stand. Um dies zu erreichen müssten sich die Prozesse nachhaltige Diskursstrukturen schaffen und unvermeidlich auch verlässliche und wirkungsmächtige Organisationsstrukturen erarbeiten. Der Wechsel von der Protestbewegung in eine Kraft mit eigener Veränderungsideologie, wird sich aber weder durchs Steine werfen, noch durchs zelten, noch durchs Transparente malen erwirken lassen. Die Forderung nach Arbeit, wie sie etwa die spanische Protestkultur in weiten Teilen als Hauptforderung formuliert, zeigt wenig intellektuelle und ideologische Beseeltheit bei der Durchdenkung der Probleme moderner Gesellschaften. Es wird sich also erst zeigen, ob diese Widerstandformen eine theoretische Eigenständigkeit erarbeiten, die die Stufe eines Hilfsappells an die Institute wirtschaftlicher und staatlicher Macht, hin zu einem Fordern nach realer Veränderung überschreitet. Dazu muss erkannt werden, dass die Schaffung einer politischen Kraft nicht ohne die Durchdringung der Begriffsapparate des theoretischen Erbes der kritischen Sozialtheorie zu stemmen sein wird. In der Folge dieser grundsätzlichen Selbstbefreiung durch die Abstraktionskraft der Theorie, steht dann die Aneignung sozialer Kenntnisse und Techniken der gesellschaftlichen Prozesssteuerung. Alles in allem ein harter und langer Weg.

Ist die aktuelle Jungendbewegung bereit sich der Notwendigkeit an Kompetenzzuwachs zu stellen? Man/frau darf gespannt sein. Erkennbar ist jedoch eines: die Jugendlichen in Spanien und Israel sind, bisher zumindest, einen Schritt weiter, als ihre Altersgenossen in England. Denn der Prozess letzterer kann in einer wüsten Selbstvernichtung der eigenen sozialen Interessen, durch Konflikte unterhalb der realen Widerspruchslinien des modernen Kapitalismus liegen. Eine Verharmlosung oder gar eine Fehleinschätzung dieser Gewaltausbrüche als moderne Protestformen gegen das Establishment kann dann sehr schnell zu einem Spiel mit dem Feuer werden, weil die Auslöschung des Proletariers durch den Proletarier (wie etwa Scorseses Film zeigt) eben Herrschaftsmethode der Bourgeoisie und des Kapitals ist, aber eben nicht Veränderungsoption des demokratischen Sozialismus sein kann.
(jpsb)

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5 Responses to Gefährliches Spiel mit dem Feuer – Durch soziale Unruhen zur Freiheit?

  1. mb sagt:

    Nein, lediglich der Hinweis auf ein durchaus übliches Vorgehen in Publikationen. Egal ob auf Papier gedruckt oder im Internet verbreitet.

  2. Chris Lassmann sagt:

    “Wir behalten uns vor, Leserbriefe und / oder E-Mails – mit vollständigem Namen, Anschrift und E-Mail-Adresse – auch gekürzt zu veröffentlichen.”
    lese ich im Impressum einer Onlinezeitschrift.

    Haben Sie Datenprobleme? WordPress ist doch unlimited im Textbereich.

  3. matthias zwack sagt:

    Bin gerade in der heißen Phase meiner Abschlussarbeit, deswegen werde ich erst mal nichts (anderes) schreiben. Danach immer wieder gerne. 🙂

  4. jpsb sagt:

    Vielen Dank für deine Antwort. Ich glaube, dass wir in der Tat die weiteren Entwicklungen abwarten müssen, um zu sehen welche Analyse angebracht ist und welche eher nicht. Der Unterschied der sozialen Herkunft in Bezug auf den Verlauf der Protestform gilt es aber tatsächlich zu berücksichtigen. Ich denke mein Text schließt diese Überlegung nicht aus, auch wenn sie nicht explizit zum Ausdruck kommt. In diesem Zusammenhang: Wann dürfen wir mit einem neuen Text von dir rechnen?

  5. matthias zwack sagt:

    Auch wenn ich dir darin Recht gebe, dass es ziemlich albern ist, gleich hinter jedem Auto, das irgendwo brennt, die nahende Weltrevolution zu vermuten – und linke Diskussionen sind derzeit fast überall voll von derartig naiven und unhinterfragten Apologetiken aller möglichen Proteste – so fällt es mir im Moment vor allem in Hinblick auf die Ereignisse in London die sehr schwammige und wahrscheinlich eher als nahtlosen Übergang beschreibbare Grenze zwischen rationaler Skepsis und chauvinistischem Ressentiment zu finden. Denn was in den letzten Nächten in Großbritannien los war, ist eine Sache, die Medienberichterstattung darüber – die ja notgedrungenermaßen unsere einzige Informationsquelle darstellt – eine ganz andere. So kann ich mich z.B. noch sehr gut an die Krawalle in Frankreich 2005 erinnern und wie darüber berichtet wurde. Damals wurde zunächst auch nur blinde Zerstörungswut als Auslöser der Unruhen vermutet, bis sich einige Wochen später kritischere Stimmen meldeten, die hervor hoben, dass wohl tatsächlich oft genug gezielt nur jene Infrastruktur angegriffen wurde, die die prekären sozialen Verhältnisse der Banlieues direkt reproduzierte und verursachte. Sicherlich, der politische Nutzen in Richtung einer Entwicklung zum Positiven war damals in Frankreich genauso wie wahrscheinlich jetzt in Großbritannien gleich null, vielmehr nahm die Staatsgewalt die Krawalle zum Anlass, die Situation in den Vierteln noch zu verschärfen und das Risiko, dass Unschuldige als “Kollateralschäden” in Kauf genommen werden, stimmt auch nicht gerade positiv. Aber so ein gewaltsamer Aufstand ist dann in meinen Augen doch etwas anderes, als eine “unideologische Gewaltspirale” einer Jugendkultur, von der wir “enttäuscht” sein sollten.

    Aber wie gesagt, was genau in den UK passierte, können wir eigentlich noch gar nicht abschätzen. Eine Analyse der Medienberichterstattung können wir allerdings schon leisten. Und da fällt, wenn man London etwa mit Kairo, Madrid oder Tel Aviv vergleicht, doch auf, dass die Akteure des Protestes aus einer anderen sozialen Bevölkerungsgruppe kommen: Während es in Israel, Spanien oder Ägypten vor allem Menschen aus dem Mittelstand, oft mit einem guten Bildungshintergrund und entsprechenden Habitus sind, revoltieren in London Angehörige des abgedrängten und seit jeher sozial ausgegrenzten Präkariates. Und in der jeweiligen Wahl der Aktionsformen – friedlich oder gewalttätig – fällt auf, dass die Entscheidung für letztere auch kein englisches Alleinstellungsmerkmal ist: Auch die Revolution in Ägypten hatte massiv gewaltätige Phasen mit Aufständen und Plünderungen (von den englischkundigen Menschen am Tahrir-Square und der Regierung gleichermaßen als “thugs” abgetan – wäre interessant, heraus zu finden, was da eigentlich war) und das beste Beispiel eskalierender Gewalt sehen wir (bzw. sehen wir eben gerade nicht) in Syrien. Ich möchte von daher den Zusammenhang zwischen Wahl der Methoden und sozialer Herkunft der Akteure zurückweisen und behaupten, dass die Gewaltfrage davon abhängt, ob sie Angesichts des Handelns der Gegenseite sinnvoll ist oder nicht. In Israel z.B. reagiert die Regierung sehr deeskalativ, indem sie auf die Leute zu geht – Gewalt ist hier keine Option. Mubarak musste man härter angehen und der britische Staat hat sich in seiner Reaktion auf die Protestwellen in den letzten Monaten auch nicht gerade zimperlich gezeigt.

    Zuletzt möchte ich dir aber darin zustimmen, dass sowohl bei der Betrachtung der Proteste in England als auch der im Nahen Osten und Südeuropa gerade aus linker, emanzipatorischer Perspektive Vorsicht geboten sein sollte. Obwohl ich davon ausgehe, dass alle Proteste irgendwie zusammen hängen – sie entstehen als Unruhen Angesichts der Frustration über ein vollkommen aus den Fugen geratenes kapitalistisches Wirtschaftssystem und werden über das Medium Internet dezentral organisiert – kann kaum von einer Gemeinsamkeit der Kämpfe im Inhalt ausgegangen werden, schon gar nicht in emanzipatorischer Richtung. Vielmehr scheint es allen Akteuren weltweit um die Durchsetzung von Partikularinteressen zu gehen. Eine sozialistische Perspektive wird, wie ich das gerade mitkriege, höchstens in Griechenland und Israel formuliert (obwohl im Beispiel Griechenland in der vorletzten Phase 2 ein sehr interessanter Artikel einer griechischen anarchistischen Gruppe veröffentlicht wurde, die den Protesten in Griechenland sehr skeptisch gegenüber steht, weil sie in die Richtung einseitiger Schuldzuweisungen gegen die EU und mangelnder Aufarbeitung des griechischen Anteils gehen. Sehr bezeichnend auch, dass Marx21 nichts zu Israel schreibt, glauben die dort doch immer noch, die Proteste in der arabischen Welt würden sich vor allem gegen Israel richten. Auch über Syrien haben sie lange geschwiegen, war es doch ein “guter Antiimperialist”, gegen den die Syrer da revoltieren).

    Dennoch: Wenn uns die Geschichte eines gelehrt hat, dann, dass sie absolut nicht voraussagbar ist. Gut möglich, dass die Proteste im Sand verlaufen und alle sich wieder glücklich in einem in irgendeiner Art reformierten Kapitalismus nach Hause begeben. Gut möglich auch, dass der Kapitalismus am Ende durch etwas noch Reaktionäreres ersetzt wird. Gut möglich aber auch, dass der Prozess der Dezentralisierung und Basisentscheidungen, wie er ja überall auch statt findet, konsequent weiter geführt wird und aus den Protesten tatsächlich der Funke für eine demokratische und solidarische Welt jenseits des Kapitalismus entspringt. Die Voraussetzungen dafür sehe ich durchaus, egal ob in Tel Aviv, Madrid oder London.