Thesen zum Mauerbau
von Matthias Zwack

“Nichts auf Erden ist auf Dauer, nur die gute, alte Mauer” – Gerhard Seyfried

Totgesagte leben länger, so heißt es ja bekanntlich. Schaufelt mensch zur Bestätigung des Sprichwortes alle Jahre wieder eine Leiche aus, um sie gleich Achilles den toten Hektor demonstrativ um Troja zu schleifen, wird es allerdings langsam unappetitlich. Und wenn der Sozialismus als Gesellschaft der Freien und Gleichen definitiv die Kriterien des Sprichwortes erfüllen mag und auch Jahrzehnte nach Fukujamas “Ende der Geschichte” noch als erstrebenswerte Alternative zu Kapital und Lohnarbeit gelten kann, so verrotten manche seiner historischen Altlasten eigentlich, sollte mensch meinen, aus guten Gründen unter der Erde. Die Berliner Mauer zum Beispiel war ab dem 9. November 1989 definitiv Geschichte. Gut so. Aber leider fühlt sich eine ganze Republik anscheinend alljährlich dazu berufen, diese wieder und wieder aus zu graben und hinter den Triumphkarren zu spannen.

Denn um eine wirkliche Aufarbeitung der Vergangenheit scheint es bei den Feierlichkeiten zum 50-jährigen Jubiläum des Baus dieser architekturhistorischen Monstrosität ja keineswegs zu gehen. Zu tagespolitisch aktuell erscheint das Thema, zu rituell aufgeladen die Ausdrucksform dieser „Erinnerungskultur“, die sich in der ständigen Wiederholung von Allgemeinplätzen erschöpft, wie schlimm es damals gewesen sei und wie gut wir es doch dagegen heute haben. Eine tatsächliche inhaltliche Auseinandersetzung mit der historischen Mauer findet dagegen genauso wenig statt, wie der Versuch, Lehren daraus zu ziehen. Statt dessen wird die Geschichte instrumentalisiert und die DDR – auf Kosten der Vita von Tausenden, wenn nicht sogar Millionen von Bundesbürgern, deren einziges Vergehen es war, auf der falschen Seite dieser Mauer sozialisiert worden zu sein – als gescheiterter, weil unfreier Gegenentwurf zur ach-so-freien Marktwirtschaft dämonisiert. Dieser Manichäismus, in dem die real passierte historische Entwicklung einem strengen Gut-Böse-Schema untergeordnet wird, nimmt dabei auch immer gerne den Charakter einer kollektiven Katharsis, einer Reinwaschung vom eigenen Anteil an der Tragödie der Teilung Europas, an.

Gerade im deutschen Kontext ist diese Art des Geschichtsverständnisses beileibe nicht neu: Sie erinnert doch sehr an den Umgang mit der NS-Vergangenheit in beiden deutschen Staaten nach 1945. Aus den Menschen, die gerade eben noch mit der Shoa einen in der Geschichte beispiellosen Zivilisationsbruch begangen hatten, wurde schlagartig ein Volk standhafter Antifaschist_innen. Und tatsächlich dürfen auch heute, wenn es um die erneute rituelle Unterwerfung der DDR geht, die Nazi-Vergleiche nicht fehlen. Immer wieder in Form einer billigen Totalitarismustheorie das angeblich Gemeinsame beider Regimes beschworen: Hier die freie, kapitalistische Welt, da die dunkle, grausame Diktatur der Nazikommunist_innen. Dass es sich dabei um zwei zeitlich und räumlich getrennte Systeme mit einer gänzlich anderen gesellschaftlichen und politischen Entwicklung und anderen Akteur_innen handelte, deren Gemeinsamkeit höchstens in einer gewissen Kontinuität des Ortes und seiner Bewohner bestand – was dann aber auch auf die BRD zutrifft – wird dabei geflissentlich übergangen. Ebenso wenig stellt sich dieser sorglose Umgang mit der Geschichte die Frage, ob diese Metanarrative des Totalitarismus – hier die freie, kapitalistische Welt, dort die böse, grausame Diktatur – nicht die Verbrechen des Nationalsozialismus relativert. Sie tut es definitiv.

Umso trauriger, dass auch die deutschen Linken – ob nun parteipolitisch organisiert oder nicht – das Mauerjubiläum dazu zu nutzen scheinen, ihren emanzipatorischen Eigenanspruch aufzugeben und die manichäische Legende aus ihrer Position weiter spinnen. So gab es in der letzten Zeit immer wieder Stimmen, die sich auch prominent positiv auf die Mauer bezogen. In der Partei DIE LINKE in Mecklenburg-Vorpommern kursiert derzeit beispielsweise gerade ein Pamphlet, das den Mauerbau zumindest als „zwingende Konsequenz aus der wirtschaftlichen und politischen Krise, die die akute Gefahr eines kriegerischen Konfliktes in sich barg“, verteidigt. Laut einer neueren Forsa-Umfrage stimmte eine fast 70-prozentige Mehrheit aller Linkenwähler_innen dieser „Stabilisierungshypothese“ zu. Am Deutlichsten und regelrecht geschmacklos äußerte sich allerdings die junge welt in ihrem Leitartikel zum 13. August: Hier wird einfach mal den Grenzsoldaten an der Mauer für ihre Arbeit gedankt. Dabei sind sich die Autor_innen auch nicht dafür zu schade, explizit für das Straflager für politische Gefangene Hohenschönhausen zu gratulieren, in dem bekanntlich auch viele linke Systemoppositionelle fest saßen. Diese Form des linken Umgangs mit der eigenen Bewegungsgeschichte ist bestenfalls unüberlegt, besser aber zynisch zu nennen. Er suggeriert, dass derart drastische Einschnitte in die Bewegungsfreiheit von Menschen unter bestimmten Umständen vertretbar seien. Man lässt sich also auf eine “der Zweck heiligt die Mittel” -Argumentation ein und legitimiert somit ein Regime, egal, wie menschenverachtend es sich in der Praxis verhalten hat.

Die Inkonsistenz dieser Argumentation fällt besonders ins Gewicht, wenn mensch bedenkt, dass die Leute, die die Berliner Mauer verteidigen, oft auch die ersten sind, die sich bei anderen vergleichbaren Mauern – die aus einer linken Perspektive ohne Frage AUCH abzulehnen sind – wie der Mauer in Israel sofort “Apartheid” schreien – die Nahost-“Berichterstattung“ der jungen welt ist hierbei ein gutes Beispiel. Ein Mauerbau wird also nicht per se politisch abgelehnt, sondern offensichtlich anhand anderer Kriterien gewertet, in denen in Worte wie “historische Notwendigkeit” und “Sachzwänge” eine Rolle spielen. Dieser unhinterfragt übernommene Sprachduktus aus der Neoliberalisierung der politischen Kultur in den letzten Jahrzehnten – frei nach Magret Thatcher: „there is no alternative“ – ist dabei oft mit einem als metaphysische Heilserwartung missverstandenen Sozialismusbegriff verknüpft: Israel ist ein kapitalistischer Staat, die DDR war es nicht. Und was sind schon die Sorgen und Nöte von uns Heutigen angesichts der baldigen Erlösung, wenn der Sozialismus wie der Messias vom Himmel herabsteigt und uns das Paradies auf Erden bringt?

Ein etwas intelligenterer Teil der Linken hingegen erkennt die Problematik des Mauerbaus in Hinblick auf Freiheitsrechte durchaus und grenzt sich von diesem historischen Unrecht explizit ab. Allerdings spielt auch hier die Schwarz-Weiß-Schablone bei der Betrachtung von BRD und DDR weiterhin eine Rolle. So beglückte uns letztens unser Allroundgenie in Sachen Geschichtsklitterung, Oskar Lafontaine, mit der weisen Erkenntnis, dass unser derzeitiges Wirtschaftssystem in Echt der wahre Totalitarismus sei und keinesfalls die historisch obsolete DDR. Auch aktuell zur Mauerdebatte grenzte sich z.B. das Parteispitzenduo Lötzsch und Ernst von einer linken Verharmlosung des Mauerbaus explizit ab. Gleichzeitig stellten aber auch sie fest, dass der Mauerbau aufgrund des Drucks der Besatzungsmächte zustande kam. Zwar waren die Akteure Deutsche, die eigentliche Schuld an der Misere haben aber immer die anderen.

Gerade in der so genannten „Schuldfrage“ lohnt es sich, wieder auf die Anfangs angesprochene Kontinuität im antitotalitären Diskurs der deutschen Gesellschaft zurück zu kommen. Immer wieder wird, auch gerade von linker Seite her, die Wichtigkeit der alliierten Siegermächte beim Mauerbau wiederholt. In der „offiziellen“ Legende, wie sie von Spiegel und Welt gestrickt wurde, ist es meist die Sowjetunion, die die DDR zur Entscheidung des Mauerbaus bewegte, in den aktuellen Stellungnahmen von links vor allem der kriegstreiberische Kurs der Westalliierten. Historisch korrekt ist beides nicht. In der aktuellen historischen Debatte spricht alles dafür, dass es allein die Staatsführung der DDR war, die die Sowjetregierung zur Erlaubnis zum Mauerbau drängte. Hier wiederholt sich also eine der Grundlügen des deutschen Nachkriegskonsens. Die Deutschen sind unschuldig, es waren übermächtige Führer von außen, die sie zu einem solchen Handeln quasi “gezwungen” hätten. Dass im Fall Mauerbau gerade die Sieger über Nazi-Deutschland, vor allem die unter dem deutschen Angriffskrieg besonders gelittene Sowjetunion, als Verführer herhalten müssen, wäre eigentlich eine ganze historische Arbeit wert. Hier wiederholt sich nicht nur die Verführerhypothese, es werden sogar die Siegermächte des zweiten Weltkriegs direkt in Verantwortung gezogen. Es spricht also einiges dafür, dass nicht nur die Struktur des Diskurses über die ungeliebten Teile der Vergangenheit in den Fällen Nationalsozialismus und DDR die selbe ist, sondern es sich in Wirklichkeit um genau das selbe Thema dreht. Die Allierten werden unter dem Vorwand der Tragödie der Berliner Mauer für die “nationale Schmach” von 1945 verantwortlich gemacht.

Ans Ende sei mal wieder der alte Sprücheklopfer Karl Marx angehängt: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“ (MEW 8, S. 115) Mit diesem Satz lässt sich die Misere im deutschen Umgang mit der eigenen Geschichte ganz gut erklären. Gleichzeitig zeigt er uns aber auch einen Lösungsweg auf. Er funktioniert nämlich auch umgekehrt: Kritisieren und hinterfragen wir nämlich die unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umstände, sind wir wieder in der Lage, unsere eigene Geschichte zu machen. Gerade für eine Linke, die sich von ihrem emanzipatorischen Anspruch noch nicht vollkommen gelöst hat, täte eine solche schonungslose Aufarbeitung der eigenen Geschichte mehr Not als alles andere. Es muss also Angesichts des 50-jährigen Jubiläums zum Mauerbau auch darum gehen, den mit der Teilung Berlins begangenen Bruch mit den eigenen Ansprüchen klar zu benennen und die eigene, sowohl deutsche als auch linke Verantwortung für diese historische Tragödie anzuerkennen. Gleichzeitig muss aber klar gestellt werden, dass auch aufgrund dieser historischen Erfahrung für uns als demokratische Sozialistinnen und Sozialisten des 21. Jahrhunderts fest steht: Ein Sozialismus, der die eigene Bevölkerung einsperren muss, ist nicht mit unseren Prinzipien von Demokratie, Pluralität und Menschlichkeit zu vereinbaren.

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