Wen wollt ihr kochen? – Eine Replik auf den Beitrag von Michael Schlecht

Der Text von Michael Schlecht „Es brodelt – wann kocht es?“ ist ein Symptom für eine Abkehr von marxistischen, sozialistischen, humanistischen und fortschrittlichen Positionen in der LINKEN.

Ich schreibe hier eine Replik um vor diesen Entwicklungen zu warnen, aber auch um sie anhand des Textes zu erläutern, zu belegen, zu kennzeichnen.

Aber der Reihe nach. Sehen wir uns die Einleitung von Schlechts schlechten Text an. Da wird von Zockern, Bankstern, Handlangern, Konsorten und Finanzhaien geschrieben. Alles Begriffe, die Menschen abwerten, ihre Menschlichkeit verschleiern, sie letztlich als Zielscheiben legitimieren sollen.

Ist ein Zocker eigentlich nicht einfach eine Person die unter Spielsucht leidet? Ist ein Bankster nicht einfach nur der angestellte einer Bank, ein Proletarier im edleren Gewand? Sind Handlanger nicht einfach nur abhängig Beschäftigte dritter? Und in welchen Gewässern schwimmen eigentlich Finanzhaie?

Schlecht betreibt Propaganda, indem er Feindbilder schafft. Er klärt nicht über die strukturellen Ursachen der Ausbeutung auf, er verschweigt die Austauschbarkeit des dienenden Personals. Er konstruiert stattdessen eine Verschwörung. Unbestritten gibt es solche zwischen Bankiers – aber es sind viele und sie sind gegen andere Bankiers gerichtet. Der größte Gegner einer Bank ist immer noch eine andere Bank, denn sie sind Konkurrenten um denselben Markt. Verschwörungen finden innerhalb eines Milieus zur lokalen Dominanz statt, sie finden nicht gegenüber der Umgebung statt, da letztere ja den Operationsrahmen („Markt“), also die Belohnung bildet.

Was sollen wir denn laut Schlecht mit den Zockern, Bankstern, Handlangern, Konsorten und Finanzhaien machen? Alle umbringen wie dereinst die Kulaken in Russland? Zur Umerziehung auf die Reisfelder schicken (und dann zu Tode kommen lassen) wie dereinst die Khmer Rouge? Knieschüsse verteilen wie die kleinbürgerlichen Stadtguerilleros der 70’er Jahre? Und was sagen wir dann deren Angehörigen, ihren Kindern, ihren Lieben? Wer kann denen ins Gesicht sagen „Diese Barbarei war notwendig für den Fortschritt?“

Sehen wir uns dann den nächsten Absatz in Schlechts kleinem Sportpalastbeitrag an. Er beschwört die Zeit – „Es wurde Zeit“ – auch die Wut, den Zorn. Er beschwört aber keinen Mut, keine Einsicht, keine Weitsicht, keine Menschlichkeit. Er appelliert an die aggressiven, die destruktiven Emotionen.

Auch spricht er anonym von den „Mächtigen“ – gleich ob eine kleine Gruppe den Lauf der Welt bestimmen würde. Als ob es irgendwo einen Gentlemen Club gäbe, in dem böse alte Männer Martinis schlürfen und nach der Lektüre der Times mit zwei Halbsätzen den Untergang ganzer Zivilisationen bestimmen könnten. Aber selbst diese illustren Kreise sind gehorsam gegenüber den „Ackermännern“. Was diese Ackermänner sind wird nicht weiter erklärt – zunächst klingt der Begriff ja wie ein Synonym für „Bauern“. Aber es sind ja keine Bauern gemeint, sondern Wesen wie eine Person Namens Ackermann. Diese scheinen Dämonen zu sein. Anders ließe sich ja nicht erklären, warum sogar „die Mächtigen“ Gesetze von den „Ackermännern“ vorsetzten lassen. Das ganze klingt eigentlich wie schlechte Fantasy-Romane und –verfilmungen. In einer Welt voller Zocker und Bankster, in den Gewässern die Finanzhaie schwimmend, herrschen „die Mächtigen“, doch auch letztere sind den „Ackermännern“ untertan. Fehlt nur noch die Aufforderung, dass ein Hobbit einen Ring in den Vesuv werfen soll und alles ist dann wieder gut.

Da ist Schlecht dann nicht konsequent genug. Er will keine Wanderung nach Mordor, sondern nur dass Wut und Zorn sich auf der Straße offen zeigen. Die Bankster sollen also mal den Volkszorn zu spüren bekommen. Und übersieht wer das sonst mal erfolgreich so inszeniert wissen wollte. Göbbels schrieb am 10. November 1938, am Tag der Reichsporgromnacht „Die Juden sollen mal den Volkszorn zu spüren bekommen“ (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9281573.html ).

Eine Politik der Sündenböcke ist aber dem Marxismus, der doch nur Verhältnisse kennt, fremd; dem Sozialismus, der edlen Lehre von der Gleichwürdigkeit, unbekannt; ist dem Humanismus, denen der einzelne Mensch als höchste gilt ein Feind; ist der Fortschrittlichkeit ihr Gegenteil, ist Barbarei.

Nun zum dritten Teil der Schlechtschen Predigt. Er warnt vor dem Zusammenbruch und den Gefahren der Staaten, insbesondere Deutschlands. Als ob die nicht jahrelang an ihren Banken verdient hätten. Gleichob als wären Nationalstaaten holde Maiden, die auf offener Straße vergewaltigt werden. Er verschweigt, dass die Staaten über Armeen verfügen, die Banken nicht und jederzeit eine Bank durch einen Staat vernichtet werden kann. Der bürgerliche Staat und bürgerliche Ökonomie waren aber doch immer Komplizen, Freunde, Geschwister. Sie sind die entwickelten Säulen der bestehenden Produktionsverhältnisse. Sie lassen sich nicht trennen, wie die zwei Gesichter des doppelköpfigen Janus. Ebenso ist die Trennung in Realwirtschaft und Finanzwirtschaft eine künstliche, unwirkliche, falsche. Was macht es für einen Unterschied, ob die Menschen in der Realwirtschaft, durch das vermeintlich „schaffenden Kapital“, oder in der Finanzwirtschaft, durch das angeblich „raffende Kapital“ entwürdigt werden? Doch nur den, dass man weniger Menschen statt aller dafür verantwortlich machen kann. Dass man also Sündenböcke zum Abschuss freigeben darf.

Schlechts Text wandelt sich dann in eine Kriegsberichterstattung, die schildert wie eine edle Festung von Nationalstaat nach der anderen belagert und eingenommen wird. Irland, Griechenland, Portugal, Italien, Belgien, Frankreich – alles fällt oder droht zu fallen, gleichsam als würden die Panzerverbände der Wehrmacht vor der Tür stehen. Dieser Wahn hat Methode, soll er doch einfach nur Angst erzeugen, Gefolgschaft erzwingen, den Burgfrieden schaffen und alle gemeinsam einer Linie folgen lassen. „Wir kennen keine Parteien mehr, wir kennen nur noch Staaten! Vergesst den Hauptfeind im eigenen Land, die allgegenwärtige reale Entwürdigung in Produktion und Freizeit, und schließt die Reihen! Die Bankster und Orks kommen im Auftrag der Ackermänner und wollen uns schänden!“ Damit kann dann so ziemlich alles legitimiert werden.

In seinem drittletzten Teil widmet sich Schlecht der idyllischen Heimat, den wohlgeordneten Verhältnissen im Auenland, äh Baden-Württemberg. Die sind bedroht, da Italien fällt, wohl wie es schon mal 1943 gefallen ist. Die heimelige Exportwirtschafts Ba-Wüs ist in Gefahr, also die niedlichen kleinen Rüstungsschmieden, die eleganten Präzisionwaffenlieferanten, die putzige und liebe Chemieindustrie und die allseits beglückende Pharmaindustrie. Sie könnten in der Not ihre Arbeitnehmer entlassen. Für Schlecht ein Elend. Für Menschen in Kriegsgebieten wohl eher ein Segen.

Der vorletzte Akt des Stücks von Schlecht ist dann mal so richtig frech, ja eine lustige kleine Komödie. Er weiß ja, dass Spielbanken bereits unter staatlicher Kontrolle sind. Und er weiß auch, dass es deswegen nicht weniger Spielsucht gibt. Nun fordert er das Analogon für Banken. Er will also dass die Spielsucht nicht mehr durch private sondern durch den Staat abgeschöpft wird. Welch ulkiger Clou. Als ob der Staat ein besserer Kapitalist als der Privatmensch wäre (zumal der Staat über das KfW eh bei allen Banken, deren Eigenanteil fast nie mehr als 2% beträgt, der größte Anteilseigner ist). Man möchte Schlecht entgegenrufen: „Der Kapitalismus ist das Problem, nicht der einzelne Kapitalist“. Aber Schlecht verrät ja selbst ganz drollig, dass er ja gar nicht den Kapitalismus abschaffe will, sondern nur die Kapitalisten austauschen will. Er fordert eine 50% Vermögensabgabe ohne sie einerseits durch eine neue quadratisch-lineare Einkommensteuer mit dem (verfassungsmäßig maximal zulässigen) Spitzensteuersatz von 59% zu kombinieren und sie andererseits durch eine Abschaffung der Mehrwertsteuer noch gerechter auszugestalten. Er will Vermögen besteuern, aber eben nicht Einkommen. Angesichts seines Gehaltes nicht wirklich überraschend.

Im letzten Absatz spielt der Gelehrte Schlecht subtil auf die Option des Terrorismus an. Da wird zunächst das Wort Widerstand missbraucht und vergewaltigt. Widerstand richtet sich gegen Repression, Unterdrückung, gegen Herrschaft. Widerstand ist aber nicht Rache, nicht Zerstörungslust.

Eine Anspielung auf wackelnde Türme von Banken im 10. Jahr nach dem 11.Septmber, ist unglaublich mutig, ja schon dreist – und eigentlich nur widerlich. Rosa Luxemburg, einer Frau des Widerstandes, wird hier plötzlich Osama bin Laden, ein Mann des Terrors, zur Seite gestellt. Eine äußerst befremdliche Zwangsehe, die Rosa so sicher nicht wollte.

Zum Schluss schreibt Schlecht als letzten Satz „Wenn die Menschen nicht mehr nur mit stiller Wut, die die eigene Seele vergiftet, nicht mehr nur mit Zorn alles über sich ergehen lassen. Wenn es nicht mehr nur brodelt auf den Straßen, sondern wenn es kocht!“

Man fühlt sich an das Ende der Goebbelschen Sportpalastrede zunächst erinnert „Nun, Volk, steh auf, und Sturm, brich los“.

Doch bei genauerem Hinsehen bemerkt man, es ist das Tischgebet eines Kannibalen. Eines urbanen Kannibalen, der von einem Menü auf den Straßen von Frankfurt träumt. Als Vorspeise gibt es Finanzhaie und Bankster und das Hauptgercht wird ein frischfiletierter Ackermann. Aber wer soll die Nachspeise dann sein? Wer wird gegessen werden wenn der nie endende Hunger der Barbarei den letzten Bankster, die kleinsten übriggebliebenen Finanzhai und den am besten versteckten Ackermann Minimus verschlungen hat? Wen wollt ihr dann Kochen?
von Michael (Mümmel) Treitinger

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