„Kiriku und die 99%“ oder „Wie viel Prozent hat eigentlich Qualität?“

99%. Der Rest also 1%. Rundungsfehler nicht ausgeschlossen.

Demnach 1 von 100, 800.000 von 80 Mio., 70 Mio. von 7 Mrd. Rundungsfehler nicht ausgeschlossen.

Bis jetzt auch nur Zahlen, keine Kennzeichnung. 99% von was? 1% von welchen? 1 Bundesligator unter 1000? 800.000 von 80. Mio. ungewollten Schwangerschaften in den Entwicklungsländern pro Jahr? 70 Mio. von 7 Mrd. Hominidaelungen? Gemeint sind wohl Personen. Und das wirft neue Fragen auf, offenbart auch ein paar Auskünfte.

Es geht um eine Minderheit. Das kann jetzt aber sehr verschiedenes bedeuten. Rugbyspieler sind eine Minderheit, Heroinkonsumierende auch, Rollstuhlfahrer, ebenso, wie aber auch Polizisten, Straßenkehrer, Linkshänder, Rothaarige, Neonazis, Journalisten, Zirkusartisten, Schalke-Fans und Onomatopoesieautoren. Revolutionäre sowieso. Zusammen sind die alle zwar mehr als 1%. Aber was hat ein Rothaariger gemeinsam mit einem Zirkusartisten was er nicht notwendtigerweise mit einem Heroinkonsumenten auch haben kann? Es geht also um sehr spezifische 1%. Sicher sind damit nicht die Polizisten gemeint, die entsprechenden Demonstrationen der 99% entgegenstehen. Bestimmt auch nicht der Angestellte der lokalen Sparkasse oder die Schalterbedienung der lokalen Bankfiliale. Vielleicht sind einfach die reichsten 1% gemeint. Das wäre in hiesigen Gefilden zuvorderst Karl Albrecht (ALDI). Allerdings hält sich die Zahl der Demonstrationen vor ALDI-Filialen derzeit in Grenzen und seit Jahren bestehende Boykottaufrufe gegen ALDI werden allgemein ignoriert. Es geht also nicht um die Wohlhabendsten sondern doch um was anderes. Es wäre ja auch sinnlos, einfach nur das erste Prozent an Wohlhabenden komplett zu enteignen, es würde sich darüber ja vor allem das 2. Prozent freuen. Aber es entzieht sich einer eindeutigen Bezeichnung. Es ist halt das „falsche“ 1%, die ominösen Schadensverursacher eben. Vage wird angedeutet, dass sie was mit Geld und Banken zu tun hätten, aber das haben ja eigentlich alle. Dass sie verantwortlich sind – als ob das niemand anderes auch für irgendwas wäre. Dass sie die Macht haben – wahrscheinlich im Kühlschrank neben dem Ketchup. Hier kommt man nicht weiter.

Die Dinge lassen sich aber auch anders betrachten. Mal ganz von vorne in der Kindheit anfangen, in den Märchen, Geschichten, den Puppentheatern und Filmen. Da trifft man zum ersten auf eine Minderheit. Nämlich die der Held und Heldinnen, der guten wie der bösen und der anderen, der außergewöhnlichen wie alltäglichen. Sie sind Kulturbringer oder Bedrohung, Helfer oder Verfolger, Vorbild oder Feindbild. Sie sind die Dynamik der Entwicklung. Die Erinnerung an die Schurken der Kindheit lässt viele Erwachsene noch schauern, die Taten des Retters gelten unausgesprochen noch gelegentlich als Vorbild. Und manch Gemeinheit ist abgekupfert von den Schelmen und Dämonen dieser Geschichten. Wir imitieren häufiger als uns lieb ist, die damals dargebotenen Lösungsstrategien der guten und bösen und anderen Helden. Und erkennen sie in unserer Umwelt wieder.

Das 1% ist also der böse Held, der Schurke, der unangenehm andere, der Verfolger, Unterdrücker. Also was alle schon mal waren, aber wohl nicht mehr als 1% ihrer Zeit. Und die 99% sind die anderen. Also auch was allen der Normallfall ist. Aber eine Geschichte funktioniert auf so einer Grundlage nicht. „Der 1 und die 99“ klingt nicht so, als ob die 99 hier erheblich wären. Auch „Wie wir alle zusammen X zusammengehauen haben“ erinnert nicht an die Mythen aus Kindheitstagen. „99 gegen eine“ klingt auch nur nach einer Anleitung für klassisches Mobbing. Es gibt demnach eine Missstimmigkeit, es fehlt hier was. Es fehlt die andere Minderheit, die erlösende, errettende.

Es gibt eine wundervolle Figur aus einem auf westafrikanischen Märchen basierenden Zeichentrickcharakter, Kiriku. Seine Eigenschaften und Taten sind ein eigenwilliges aber inspirierendes Potpourri. Er ist zwar nicht selbstgezeugt, aber selbstgebärdend, gab sich seinen Namen selbst, ist kleiner als ein Kind, kann sprechen vor Geburt, ist furchtlos, ist schnell, hilfsbereit, aufrichtig und direkt, vorrauschauend, eigenwillig, selbstbewusst, kreativ, listig. Aber auch häufig unerhört, zurückgesetzt, isoliert, verleugnet, unerkannt. Er löst Probleme, schafft neues, riskiert viel, bleibt dabei gelassen und geht Sachen auf den Grund. Kurz gesagt: Kiriku ist ein Revolutionär gleich Prometheus. Natürlich gibt es einen Gegenpart, eine böse Zauberin, die das Dorf beherrscht, dort jeglichen Widerstand brach, alles Wertvolle an sich nimmt, ein auf Fetischen basierenden Repressionsapparat einsetzt und vom ganzen Dorf gehasst wird. Aber Kiriku ist ein Revolutionär, er will herausfinden, warum die Zauberin so böse ist und frägt sie das vergebens direkt. Er unternimmt einen großen Aufwand und findet den Ursprung jener Boshaftigkeit in der Vergangenheit der Zauberin und durch List gelingt es ihm sie zu erlösen, nicht sie zu besiegen oder zu vernichten. Aber dies verwandelt auch ihn, er wird zum normalen erwachsenen Menschen und alle im Dorf sind nun gleich an Macht. Doch das Dorf erkennt die nun machtlose Zauberin wieder und zugleich wird Kiriku in neuer Gestalt nicht wieder erkannt. Das Dorf macht sich nun, der Machtlosigkeit der ehemaligen Zauberin bewusst, daran, die beiden zu lynchen. Erst die Identifikation Kirikus durch die Mutter entschärft die Situation. Das Dorf der nun nicht mehr nur an Macht Gleichen, sondern auch an Würde Gleichen feiert.

Kiriku steht für das 1% an Menschen, dem aber alle immer wieder angehören, dass gerade Dinge verändert, verbessert, interveniert, widersteht. Kiriku steht für das 1%, das das andere 1% erlöst. Kiriku steht für das 1% in den 99% ohne das die 99% nicht handeln könnte. Wir alle sind 1%Kiriku, wir alle sind 1%Zauberin, wir alle sind das 99% Dorf. Eine gute Politik ist die Kiriku-Politik, nicht die Dorf-Politik. Die Lösung liegt nicht in den 99% sondern in diesen 1%. Denn alle sind in Minderheiten und Mehrheiten, und so sind alle Schurken und Helden und Dorfmob. Lasst uns revolutionär sein. Lasst uns Kiriku sein. Wir alle sind das 1%.

Dieser Text ist eine konstruktive Reaktion auf zweierlei – auf 99% bei Demonstrationen und auf 96,9% auf einem Erfurter Parteitag.
von Michael (Mümmel) Treitinger

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