Nachtrag zu: “Kein Schweigen der Lämmer?”

Nun ist es raus, Bartsch kandidiert, Mitgliederentscheid hin oder her. So zumindest die aktuelle Ankündigung des Fraktionsvizes. Die politischen Erklärungen mit denen er seine Kandidatur begründet beinhalten indes keine neuen Argumente. Das linke Einheitsgefühl wird bedient und natürlich bleibt die Partei ein plurales Sammlungsbecken mit Wohlfühlfaktor für jeden Linken. Bartsch ist sich bewusst, dass er auch im Osten einen Mitgliederentscheid nur im üblichen Sprachduktus solidarischer Parteilyrik gewinnen kann. Mit anderen Worten, er kann nicht spannender als die Partei wirken, wenn er sich in ihr durchsetzen will. Dass er das Erfurter Programm abfeiert, muss daher kein schlechtes Omen sein. Staatstragend ausgebildet, hat er seine Kandidatur mit der Präzision eines Schachspielers eröffnet. Dabei hat er ausgenutzt, dass die anderen Spieler noch gar nicht am Spielbrett waren, als er zum ersten Zug angesetzt hat. Und Bartsch hat wohltuend dargelegt, dass nur derjenige, der selber die Figuren bewegt, das Spiel schlussendlich auch gewinnen kann. Damit hat er das Amt des Parteivorsitzenden und auch die Bedeutung der Partei gegenüber Hinterzimmerfürsten, Boulevardprinzessinnen und einem gewerkschaftlichen Truchsess aufgewertet. Der Spiegel orakelt bereits, dass eine Gegenkandidatur von Oskar Lafontaine gegen Bartsch als wenig wahrscheinlich gilt. Ein Schelm, wer Böses bei einer solchen Berichterstattung denkt. Ob Bartsch jenseits des eigenen Lagers, also der Personen, die von Politik und vom Politikbetrieb leben und für die seine Entscheidungen persönliche Konsequenzen haben, ein wirklicher Hoffnungsträger ist, sollte jedoch mit kritischer Distanz betrachtet werden. Will er Vorsitzender einer gemeinsamen bundesdeutschen Linken sein, wird er mehr bieten müssen, als die lauen Kompromisse, die er mit den westdeutschen Traditionsströmungen in seiner Amtszeit als PDS-Geschäftsführer nur zu gerne eingegangen war. Dass diese Überlegungen indes in den nächsten Monaten keine Rolle spielen können ist klar und erübrigt somit jedwede weitere Kommentierung an dieser Stelle. Trotz aller Bedenken bleibt die Kandidatur also ein Hoffnungsschimmer, die bei dem rauen Klima, welches in der Partei trotz aller tönenden Solidaritätsfloskeln herrscht, auch einer Portion persönlicher Kaltschnäuzigkeit bedarf. Wohltuend ist allein der Umstand, dass der rhetorische Klamauk um die angeblichen Mehrheiten, die die Partei vertritt, die einfachen Weltbilder, die oft ins unterschwellig antisemitische abrutschen und die hohlen und verlogenen Phrasen der Bewegungsfixiertheit der Partei, nun in den Hintergrund treten. Bartsch bedient sich dieses Pfeifen im Walde beim nächtlichen Spaziergang in die Fünf-Prozent-Zone nicht. Er orientiert auf gesellschaftlichen Wechsel durch Assoziation und dabei kann es keine ewigen Wahrheiten geben. Die Partei tritt damit in eine gesellschaftliche Wechselwirkungsdynamik, wie sie Dieter Klein auch für die eigene Erneuerung der kulturellen und ideologischen Annahmen moderner Marxisten anmahnt. Dass die Partei einen Vorsitzenden haben könnte, der Menschen wie Klein wieder Gehör schenkt, das ist das eigentlich prickelnde an diesem Mittwoch gewesen.
(jpsb)

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