Ein Gau(c)kler geht, ein Gauck(ler) kommt!

Sonderberichterstattungen im Fernsehen, Liveschaltungen zur besten Sendezeit, Verlegungen von Sendebestandteilen. Am gestrigen Sonntag hätte der geneigte Beobachter glauben können in Deutschland wäre etwas Wichtiges passiert. Okay, okay, die Regierungskoalition schien zu wackeln. Dramatik pur also? Das wird sich zeigen. Dass die FDP dieser Tage selbst solch belanglose Dinge wie die Wahl eines Bundespräsidenten zur Erzeugung eines Lebenszeichens benötigt, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die präsidiale Personalfindung keine dieser Fragen ist, die über das Wohl und Wehe der Republik zu entscheiden hat.

Christian Wulff wiederum hat gezeigt, dass die politischen Pappkameraden in diesem Lande nicht nur dann zum Abschuss freigegeben werden, wenn sie nicht funktionieren wie gedacht, sondern auch dann, wenn sich interne Machtklüngel der Christdemokraten an einer Kanzlerin rächen wollen, der sie parteipolitisch schon lange nicht mehr das Wasser reichen können. Der „Fall Wulff“ wirft dabei zwar ein Schlaglicht auf das System der politischen Klasse der Bundesrepublik. Hinter der Tragödie mit zu vielen Akten verbirgt sich aber vielmehr eine interessante soziologische Erkenntnis, deren Analyse verräterischer als die Amtszeit des scheidenden Präsidenten ist. Dass die CDU nun auch für Spitzenämter auf Emporkömmlinge setzt, ist kein Zeichen von Stärke, sondern eine bizarre Form von sozialer Verständigungssucht der Bourgeoisie mit dem gezähmten Prekariat. Und so ist das Scheitern eines „Onkel Tom“ des Steifkragenproletariats gleichsam zum sozialen Menetekel einer Republik geworden, die den sozialen Ausgleich zum Kraftakt individueller Biographien verkommen lässt. Das Bürgertum braucht die hemdsärmligen Aufsteiger aus dem Saumbereich der unteren Mittelschichten, um den Mythos der permeablen Gesellschaft mit Aufsehen erregenden Einzelschicksalen zu unterfüttern. Selber sind diese Figuren aber meist unsympathisch oder überfordert, in vielen Fällen übrigens beides zugleich. Die Metamorphose von Schwiegermutterliebling zum bundespräsidialen Winkelement ist nun gescheitert. Die Beschädigung des Amtes ist dabei sicherlich die ungewollte Errungenschaft und das Vermächtnis des Christian Wulff. Die Linke sollte diese Delegitimierung des Amtes nutzen und nicht nach der Methode verfahren, der Bundespräsident ist tot, es lebe der Bundespräsident.

Denn das Bundespräsidentenamt ist eine Institution mit historischem Zopf. Anstatt sich mühselig um einen Gegenkandidaten zu kümmern, wäre es sicherlich sinnvoller, gerade nach der Causa Wulff, das Amt selber zu hinterfragen. Es ist nicht nur sinnlos teuer, sondern mit dem ganzen Habitus der Fokussierung des vermeintlich „ersten Amtes im Staat“ auf eine einzelne Person auch nicht mehr zeitgemäß. Vom ganzen paladinhaften Ausstaffieren bis hin zu den überbordend „repräsentativen“ Amtssitzbegleiterscheinungen (Schloss Bellevue) atmet diese „politische Show für die Oberklasse“ etwas zutiefst undemokratisches. Dass nach Barbie und Kent, Kirchenmann und Stasi-Jäger Gauck dem ganzen nun ein bisschen weniger Burda-Glamour geben wird hilft wenig, weil Glamour erkennbar durch klerikale und antisoziale Pedanterie ersetzt wird. Unübersehbar werden für die sozialen und kapitalismuskritischen Teile der Gesellschaft die Tage kommen, an denen mensch sich den alten Präsidenten samt Gattin zurückwünschen wird, die bei Hummerschmaus und Sektempfang wenigstens niemanden außerhalb ihrer Sphäre belästigt haben. Und die letzte Kompetenzsphäre des scheidenden Präsidentendarstellers Wulff, die Integrationsfrage, dürfte bei Sarrazinversteher Gauck so gut aufgehoben sein wie die Gans beim Fuchs.

Insofern die aktuelle Nachrichtenlage die Linke in die Alleinstellungslage versetzt, sollte dies als Chance genutzt werden flügelübergreifend politisch Grundsätzliches zu fordern, anstatt den eingeübten Inszenierungsvorgaben des politischen Hauptstadtbetriebs zu folgen (wobei Gysi auch diesmal nicht mitspielen durfte). Alternde Pedanten hat auch die Linke und ihr Umfeld genug. Da macht es keinen Sinn in einen Wettstreit der Eitelkeiten einzusteigen. „Das Amt muss weg“ sollte das Gebot der Stunde sein.
(jpsb)

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