[Update] Kommt die Klarsfeld-Rochade?

Die Partei der „Guten Arbeit 2.0“ steckt in einem Dilemma. Seit Monaten sinkende Umfragewerte und eine Delegitimierung der Linken als Protestpartei im Westen stellen die Lafontaine-Truppe vor nicht geringe Existenzfragen. Die Debatte um die allzu innige Neugier des Amtes für Verfassungsschutz war da zwar eine echte politische Bluttransfusion. Leider lässt die Wirkung dieser taktischen Schützenhilfe schon nach, die Umfragewerte pendeln sich wieder bei schwachen 7 Prozent ein (wohlgemerkt: SPD zwischen 25 und 29 Prozent). In dieser Situation scheint Parteiführer Lafontaine sich auf der Suche nach Themen mit hohem Fortsetzungspotential fürs Ausgrenzungssyndrom, mal wieder als taktisches Genie beweisen zu wollen. Obwohl die Parteispitzen die Fragen zur Benennung eines Gegenkandidaten zu Gauck erst am heutigen Donnerstag erörtern wollen, haben er und seine Vorsitzende Lötzsch nun Beate Klarsfeld als symbolische Widerstandskandidatin gegen Gauck in Position gebracht. Gegen Klarsfeld ist natürlich nichts zu sagen. Es gäbe schlechtere Personen des öffentlichen Lebens, um taktischen Wechselwählern mitzuteilen, dass eine Stimme für die Linke auch 2012 und 2013 ein Votum für eine Fundamentalopposition wäre. Und warum sollten Machtmenschen mit präsidialen Habitus á la Gysi und Lafontaine sich dann nicht folgerichtig auf eine grundsätzliche Kritik des Amtes verständigen. Denn es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass die Anhänger informeller Zirkel bei „gewissen Kreisen“ der Hauptstadtpolitik einfach Außen vor gelassen wurden. Rache ist da bekanntlich Blutwurst.

Die Variante Klarsfeld birgt jedoch eine Gefahr und die wird einem deutlich, wenn die gesamte linke Nachrichtenlage vom 22.2.2012 in Erinnerung gerufen wird. Es war zum wiederholten Male Sevim Dagdelen vorbehalten, in leider nicht einzigartiger Art und Weise, dem iranischen Brudervolk oder doch eher dessen aktueller Führung, ihre volle Solidarität gegen den vermeintlichen jüdischen Imperialismus zu versichern. Allein dieses tageseinheitliche Schmankerl (Kandidatenanfrage Klarsfeld und vor Pathos triefende Iran-Soli) zeigt das Dilemma, in welches die Partei nun abzurutschen droht. Eine tendenziell antisemitische Kapitalismuskritik in den weit verzweigten Komanetzwerken (Marx 21 & Co.) der Linken, ungeklärte Antisemitismusvorwürfe gegen einzelne Mitglieder der Partei und der wenig professionelle Umgang mit Personen wie Dierkes, lassen die Frage aufkommen, ob sich Klarsfeld wirklich von einer Partei nominieren lassen will, in der es Mitglieder gibt, die die Hamas als „sozialen Bündnispartner in der Region“ bezeichnen.

Das linksinteressierte Feuilleton wird bis zum Tage der Bundesversammlung am 18. März 2012 (auch daran sei erinnert: Wahl im Saarland eine Woche später) sich diese Steilvorlage kaum entgehen lassen. Mit Klarsfeld rückt sodann ein Streitstand in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, welcher absehbar kein Gewinnerthema vorhält: Die Linke und der Antisemitismus Teil Zwei. Die jetzt schon anklingenden Presseschelten von Lafontaine bis Dehm („Die Räudigen“) dürften die Sache noch schlimmer machen. Die Klarsfeld-Rochade könnte sich zum selbstgesteckten Fettnäpfchenhindernislauf entwickeln.

Und so muss gehofft werden, dass für Klarsfeld die Bühne der präsidialen Amtsdarstellung wichtiger ist, als ihr Ruf in der jüdischen Gemeinschaft, damit Lafontaines vermeintliches Meisterstück nicht zum absoluten Rohrkrepierer kurz vor der saarländischen Landtagswahl verkommt. Sollte Klarsfeld, den Druck der interessierten Presse als vorausgesetzt ansehend, von einer Kandidatur für die Die Linke abspringen, wäre dies genau die Katastrophe, die der Linken bei den Wahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Niedersachsen das westpolitische Rückgrat brechen könnte Alleinstellungsmerkmale, die zu Isolierungsmerkmalen werden, braucht es in der aktuellen Situation erkennbar gerade nicht.
(jpsb)

Update
Die Entscheidung über einen eigenen Bewerber um das höchste Amt im Staate wurde auf den Montag verschoben, nachdem neben Klarsfeld nun auch Christoph Butterwege und Luc Jochimsen als mögliche Kandidaten gehandelt werden.
(mb)

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3 Antworten auf [Update] Kommt die Klarsfeld-Rochade?

  1. Pingback: Beate Klarsfeld for President | bo valentin

  2. Die Berliner Zeitung berichtet heute, wie die gesamte Bundespresse über das peinliche Chaos um die Nominierung von Beate Klarsfeld:
    http://www.berliner-zeitung.de/politik/konkurrenz-fuer-gauck-linke-spricht-mit-drei-moeglichen-kandidaten,10808018,11696830.html
    Im Unterschied zur Online-Version dieses Artikel, findet sich in der Print-Version der bemerkenswerte Satz:
    “Alles andere wäre ja auch verwunderlich gewesen, in dieser Partei, die selbst ein grosses Durcheinander ist und einen deutlich erkennbaren Hang zu Unfug und Klamauch hat.” Gescannter Artikelausschnitt hier:
    https://twitter.com/#!/oberhof/status/173014683433971714

  3. mz sagt:

    Beate Klarsfeld – jetzt erst recht!