Halt auf freier Strecke! Von D-Zügen mit Schwarmintelligenz

Es war Katja Kipping, die am gestrigen Mittwoch von D-Zügen sprach, die aufeinander zu fuhren. Gemeint waren Lafontaine und Bartsch. Der eine D-Zug scheint voreilig entgleist zu sein. Richtig ist aber, dass die Urheberin dieser Stahlrossmetapher nun selber fleißig daran arbeitet einen eigenen D-Zug aufzugleisen. Der D-Zug ist tot, es lebe der D-Zug mag die ironische Erkenntnis der gestrigen Pressekonferenz zu Hannover gewesen sein. Was das alles mit einer selbstdeklarierten neuen bunten Linken zu tun haben soll, das wird selbst dem wohlmeinendsten Beobachter dieser Vorstellung der „hanover five“ (so die Bezeichnung eines bekannten Blogs für die Truppe) verborgen bleiben. Dies insbesondere deshalb, weil Caren Lay noch darüber referierte, dass sich das neue „Traumduo“ der Linken in einem geschlossenen Wahlgang den Delegierten zur Wahl stellen könnte. Ein „Mehr an Demokratie“ dürfte das kaum sein, obschon damit auch weitergehenden weiblichen Kandidaturen für den Parteivorsitz der Weg abgeschnitten werden soll. Eine Art satzungsrechtliche Weiche ins Abstellgleis für alle anderen Mitbewerber. Ein bizarrer und wenig bunter Griff in die parteipolitische Trickkiste und ein enttäuschendes „Weniger Demokratie wagen“ steht da am Anfang einer selbsternannten Wunschkandidatur getreu dem Motto „es muss erstmal richtig schlecht werden, bevor es wieder richtig gut wird“.

Für nicht wenige wird somit gerade das Agieren von Katja Kipping zu Enttäuschung. Ist es für Kipping wirklich nicht klar, dass Wagenknecht & Co. ihre wenig durchdachte Kandidatur nur benutzen, um Bartsch auszuschalten. Erkennt sie wirklich nicht, wer sich derzeit diebisch über die Zersplitterung reformorientierter Kräfte freut? Das Anliegen von Kipping ist ja völlig berechtigt. Den Generationswechsel haben viele in der Partei angemahnt. Sicherlich auch ein klares feministisches Signal. Letzteres sollte aber nicht allein klar, sondern auch stark sein. Dies wird nur gelingen, wenn die Umsetzung dieses Begehren mit starken Bündnispartnern angegangen wird. Jede Rhetorik, die diese Feststellung mit pseudofeminisierten Floskeln abtut, verkennt die derzeitigen Probleme der Auseinandersetzung um die Partei. Völlig zu Recht stellt Mechthild Küpper in der FAZ vom 24.5.2012 fest, dass sich beide Spitzenkandidatinnen „vor denen hüten müssen, die sie hochjubeln nur um Bartsch und mit ihm alle Reformer im Staub zu sehen“. Kommt diese Erkenntnis aber auch bei den Betroffenen an? Bei Schwabedissen offensichtlich nicht, lehnt sie doch eine Doppelspitze mit Bartsch auch weiterhin ab.

Es ist gar nicht nötig davon auszugehen, dass Lafontaine aus dem Filmset „Die Nacht der lebenden Leichen“ zurück auf die bundespolitische Bühne wabert, um zu erkennen, dass in der Linken die Netzwerke des Saarländers noch gut funktionieren. Den Totengesang mag die bürgerliche Presse gerne anstimmen, in der Partei gibt es noch zu viele Personen, die Lafontaine alles zu verdanken haben. Zu glauben, dass diese Mitglieder nicht das Feld für einen lafontaineschen Truchsess bestellen ist einfältig. In der Logik von Kipping war Bartsch gut genug, um Lafontaine zu erledigen. Die Mär von zwei alten Männern, die gleichzeitig entsorgt werden müssen kommt bei vielen dabei gut an. Wer die Partei kennt, dem ist sofort klar, dass die ausgelatschten Pfade eines linken Postfeminismus jegliche Kritik an dieser Konstellation zu einem Drahtseilakt werden lassen. Mal wieder ist die Partei davon überzeugt, dass die selben Mechanismen, die in der Partei bedingungslos erfolgreich sind, auch im gesellschaftlichen Raum wirken müssen. Dass diese Rechnung nicht stimmt zeigen aber die Wahlergebnisse, die auch weiterhin die Mär einer linken Ökumene ad absurdum führen werden.

Es bleiben also Fragen, hier und da vielleicht sogar Schlussfolgerungen, weil in Göttingen eben nicht nur Vorsitzende gesucht werden, die in die Partei wirken sollen, sondern auch Protagonisten, die erfolgreich die politischen Standpunkte der Linken in die Gesellschaft tragen müssen. Sind, die Eingangseuphorie eines scheinbar neuen Weges berücksichtigend, die beiden wirklich der Aufgabe gewachsen, ein solch komplexes Gebilde wie eine Linke in Trümmern (vgl. spon vom 22.5.2012) tatsächlich zu neuen Erfolgen zu führen? Sind sie für diese Aufgabe, die in kürzester Zeit Ergebnisse einfahren muss, überhaupt bekannt genug? Glauben beide Kandidatinnen wirklich, eine Entsorgung Bartsch vorausgesetzt, dass sie alleine den Anhängern Lafontaines und dem politischen Schwergewicht Wagenknecht gewachsen wären. Haben die beiden „Hoffnungsträgerinnen“ wirklich verkannt, dass sich der fundamentaloppositionelle Flügel bereits gruppiert, um ihre Kandidatur zu bekämpfen (vgl. Erklärung der SL vom 23.5.2012). Meint Kipping als Vertreterin einer Strömung, die es als Erfolg feiert, wenn sich zwanzig der ihrigen zu einem Bundestreffen versammeln, dass sie genug Hausmacht hat, dass sie es mit den Netzwerkern aus vermeintlicher Gewerkschaftsbewegung und westdeutschen Flächenwahnsinn zugleich aufnehmen könnte? Wo sollen eigentlich die „Truppen“ herkommen, die beide zu einem Erfolg in Göttingen führen, wenn Schwabedissen in einer „Lafontaine 2.0 Agitation“ von Unvereinbarkeiten bei der Besetzung der Doppelspitze fabuliert? Wo bleibt der eigentliche souveräne Wille der Parteitagsdelegierten, wenn Führungskader gewählt werden, die die Zusammenarbeit mit anderen Personen kategorisch verweigern? Müsste Schwabedissen dann nicht konsequenterweise auf der gemischten Liste gegen Bartsch kandidieren, um eine solche Konstellation zwingend auszuschließen?

In ihrer ersten Erklärung sprechen beide Kandidatinnen nun von einer neuen politischen Kultur. Tatsächlich wollen sie über die Leichen zweier Politiker ins Amt gelangen, denen mensch zumindest zu Gute halten kann, die Partei vor eine Richtungsentscheidung stellen zu wollen. Die Erklärung von Kipping und Schwabedissen atmet dagegen wieder den Duft der hohlen Kompromissformeln, die diese Partei in ein Trümmerfeld verwandelt haben. „Geopfert“ soll in diesem Spiel über Bande der einzige Kandidat werden, der sich als Vorsitzender der gesamten Mitgliedschaft zu Wahl stellen wollte. An diesem Punkt ist die nun veröffentlichte Erklärung der Kandidatinnen zumindest dreist. Es war Bartsch, der diese Partei für basisdemokratische Prozesse öffnen wollte. Sowohl Kipping als auch Schwabedissen haben sich in dieser Debatte vornehm zurückgehalten. Es bleibt daher abzuwarten, ob sich mit der jetzigen Ankündigung nicht ein Duo etabliert, das alle Kriegslisten der parteiinternen Auseinadersetzung kennt und beherrscht, allen anderen in der Partei jedoch des Bellizismus bezichtigt. Es wäre nun an Lay, Nord und Kipping ihre bisherige Strategie zu überdenken, sofern sich Schwabedissen auf ihre heute geäußerte Lafontaineneske versteigt. Ist dem nicht so und das Angebot der „hanover five“ (oder four) ist ernst gemeint, wäre es wenig ratsam einen D-Zug durch den anderen zu ersetzen. Freuen würden sich dabei nur die Anhänger des Saarländers, der aktuell nicht auf St. Helena, sondern auf Elba weilt.

Wichtiger als das Abgleisen und Aufgleisen von Zügen ist nun eine Verständigung der Personen, die in Form vorhandener Schwarmintelligenz ausloten, mit wem in der Partei mehr gemeinsame Projekte umgesetzt werden könnten. Eine echte Partnerschaft zur Modernisierung der Partei eben. Es gibt partout keinen plausiblen Grund, warum das Anliegen der Gruppe um Kipping und die Vorstellungen eines Dietmar Bartsch zur Rettung der Linken nicht kombiniert werden können. Statt rollender Züge hätte sich die Partei ein wenig Schwarmintelligenz in dieser schwierigen Zeit wirklich verdient. Noch wäre für einen Halt auf freier Strecke Zeit. Dann könnten sogar zwei Züge in die selbe Richtung fahren. Dies wäre eine herbe Enttäuschung für diejenigen, die sich an der Bahnstrecke auf den perfiden Crash der reformpolitischen Züge eingerichtet haben. Genossinnen und Genossen enttäuscht die Voyeure des Zusammenbruchs!

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