Göttinger Nachwehen: Wer wird Spitzenkandidat

Zu glauben, dass der Göttinger Parteitag die Konflikte der Vergangenheit überwunden hat ist ein verständlicher Wunsch der Partei Die Linke. Wie soll das aber gehen? Die zum Teil knappen Entscheidungen zwischen den Blöcken und die undifferenzierte Richtungsentscheidung haben keine wirkliche Basis eines Neubeginns geschaffen. Das mögen einige (wenige) Printmedien anders sehen, gleichwohl schlummert der Machtkampf unter der Decke der im wahrsten Sinne des Wortes gewählten Kompromisse weiter.

Zwei Dinge bleiben dabei von zentraler Bedeutung. Gysis Rede wird in der Bundestagsfraktion für erhebliche Unruhe sorgen. Sein Begehr im Jahre 2013 Spitzenkandidat für die Bundestagswahl zu werden, wird die gleichen Auseinandersetzungen heraufbeschwören, wie die Kandidatur Bartschs zum Parteivorsitz. So gesehen hat Gysi die Rolle des meistgehassten Realpolitikers von Bartsch übernommen.

Dies ist nur folgerichtig. Gysi hat den Vorhang gelüftet. Zum Vorschein kam eine an Machteitelkeiten und überholten Ansätzen in sich gespaltene Organisation. Oder mit anderen Worten: Der Wähler kann nicht sicher sein, ob er ein modernes emanzipatorisches Angebot oder doch die Kampflieder singende Arbeiterfolklorefront wählt, wenn er bei der Linken sein Kreuzchen macht. Natürlich ist Gysi völlig klar, dass er mit der Rede auch den politischen Gegner für seine Agitation im Bundestagswahljahr 2013 inhaltlich aufmunitioniert hat. Kaum anzunehmen, dass es sich Gabriel & Co. nehmen lassen werden die Zustandsbeschreibung der gegnerischen Fraktion (hasserfüllt und pathologisch) nicht zum Gegenstand einer eigenen Anti-Linken-Strategie zu machen. Dass Gysi das alles klar sein muss, lässt die Schlussfolgerung zu, dass er nicht nur von der Möglichkeit einer fairen Trennung sprach, sondern diese in Göttingen bereits eingeleitet hat bzw. dafür Optionen geöffnet wurden.

Es sind nun zwei Ansätze denkbar. Gysi lässt Wagenknecht den Vorrang und schaut zu, wie die Partei 2013 um ihr politisches Überleben kämpft. Oder aber er greift nach der Spitzenkandidatur und nimmt dabei die Strategie auf, die Bartsch in seiner Rede skizziert hat. Dann wäre ein Mitgliederentscheid zur Klärung der Spitzenkandidatur unumgänglicher Bestandteil dieser Variante. Es wäre durchaus denkbar, dass das Ergebnis der Wahl in Niedersachschen direkten Einfluss auf die Überlegung hat, welcher Weg eingeschlagen wird. Den Reformern kann daher nur empfohlen werden alle taktischen Finten bis zu dieser Wahl zu Deckeln und sich in taktischer Solidarität zu üben. Die Kernkompetenz des Nichtstuns scheinen sie eh eher besser zu beherrschen als Saalschlachten á la Göttingen (ja, ja ein Diether Dehm in ihren Reihen würde ihnen nicht schaden).

Die Niederlage oder der Sieg in Niedersachsen im Januar 2013 müssen eine Niederlage oder ein Sieg des neuen Vorstandsduos werden. Ohne wenn und aber.
(jpsb)

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