Zum Tod von Robert Kurz: Vor seiner Zeit seiner Zeit voraus

Der Philosoph Robert Kurz ist am 18. Juli in einer Klinik in Nürnberg mit 68 Jahren verstorben. Mit ihm hat einer die Bühne verlassen, der kompromisslos zu den Kernwidersprüchen der kapitalistisch-bürgerlichen Moderne vorgestoßen ist. Dass die Radikalität seiner Erkenntnisse auch die spektakuläre Verwandtschaft des Kapitalismus mit der realsozialistischen Staatswirtschaft offen gelegt hat, wird ihm die versammelte Riege altbackener affilierter deutscher Linksvereinsmeierei wohl nie verzeihen. Denn die moralische Borniertheit, mit der die Vertreter des „Sozialismus der dummen Kerls“ durch die Weltgeschichte eiern, auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, war das Anliegen des bedingungslosen Mahners der marxistischen Sache. Wer so viele Leichen im Keller für eine gerechte Sache aufzuweisen hat, der musste auf die Nachsicht des Nürnbergers nicht hoffen. Folgerichtig war die Haltung der deutschen Linken zu Kurz ambivalent. Die einen verehrten ihn, die anderen hassten ihn.

Wer über Kurz nachdenkt, kommt am loriotschen Mops nicht vorbei. Denn es ist offensichtlich, dass die Weiterentwicklung einer linken Strategie gegen die Bigotterie von Kapital und Besitzbürgertum ohne Kurz möglich, jedoch sinnlos ist. Und so verwundert es schon, dass die institutionelle Linke derzeit ein „ökonomisches Wunderkind“ feiert, welches den Etatismus zur Rettung der Ausbeutungsverhältnisse auf den Plan ruft und deshalb folgerichtig völlig zu Recht von FAZ bis Spiegel als „kluge Linke“ hofiert wird, den streitbaren Marxisten allzu oft aber mit Nichtbeachtung abstrafen wollte.

Vielleicht liegt dies daran, dass auch die „linke“ Intellektualität bei der Abarbeitung der Modernekrise lieber werttheoretische Paradigmen umschifft. Denn diese setzen bekanntlich eine Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus als historisch gewachsenem Wertsetzungssystem voraus. Werttheorie erschöpft sich also nicht in moralisierenden Phrasen über Verteilungsgerechtigkeit, sondern ist in der Lage die Zweckform der gesellschaftlichen Produktion zu dechiffrieren. Am Kulminationspunkt zwischen der Eigentumsfrage und den historisch gewachsenen Epochezwängen der Produktionsweise wird für Kurz erkenntlich, dass auch die Beherrscher der Produktionsaggregate systemisch Getriebene sind (Stichwort: Subjektillusion). An der von ihm als tautologischen Prozess bezeichneten Logik, alle wirtschaftlichen Prozesse an der Mehrung des allgemeinen Wertäquivalents auszurichten (G-W-G`), kommen sie sowohl in der Gestalt von Staatsbetrieben als auch von kapitalistischer Unternehmung nicht vorbei. Kurz erkennt darin ein verkrüppeltes Entwicklungsstadium des allgemeinen Vergesellschaftungsgrades der Menschheitsgeschichte. Damit schafft er eine notwendige Abstraktion, sozusagen einen Blick von Morgen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse von Heute. Die Erkenntnis der Verselbständigung der wirtschaftlichen Zweckform über die Bedürfnisse von Mensch, Natur und Gesellschaft ist in der Tat nichts Neues. Kurz erkennt jedoch den Unterschied, ob eine Gesellschaft unter den Bedingungen absoluter Naturabhängigkeit oder als Dominator natürlicher Prozesse agiert oder um es klarer auszudrücken, ob sich die Entwicklungen vor dem Hintergrund einer Mangel- oder einer Überflussgesellschaft abspielen (Systeme erster Natur und zweiter Natur). Ist die moderne Produktionsweise einmal entfesselt und gibt es eine Rollenzuordnung zwischen Kapital und Proletariat, dann finden beide Antipoden der Moderne nur noch über den Arbeitsbegriff zueinander. Die Interessen am Produktionsfaktor Arbeit sind aber im Verlauf der Produktivkraftentwicklung recht unterschiedlich gelagert. Getrieben durch die tautologische Zweckform ist der innere Antrieb kapitalistischer Produktionszusammenhänge die Effizienzsteigerung. Sie ist zum großen Teil der mangelnden weltgemeinschaftlichen Vergesellschaftung geschuldet, weil diese in Profitraten ausgedrückte Effizienz ausschlaggebendes Kriterium einer in Konkurrenz der betriebswirtschaftlichen Einheiten organisierten Weltökonomie ist. Der Markt ist nur ein Synonym, geradezu ein Euphemismus dafür, dass es keine weltweite Assoziation der Produzenten nach Bedarfszielen, sondern nur nach Sicherung von Marktanteilen unter dem Diktat der abstrakten Werttautologie gibt. Zwar schafft dieses System zeitweise technologische und kulturelle Dynamisierungsprozesse, gleichzeitig wendet sich die dadurch ausgelöste Produktionskraftentwicklung gegen den alten Kompromiss zwischen Kapital und Proletariat. Denn die gemeinsame Begierde, die Arbeit und der Arbeitswert, werden in diesem „Moderneprozess“ nach und nach entwertet. Die Krux dieser wandelvollen tragischen Liebesgeschichte ist nach Kurz darin gelagert, dass diese Effizienz über die Vernichtung der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im Industriekapital ausgedrückt wird. Die von Marx bereits attestierte Veränderung in der organischen Zusammensetzung des Kapitals, der Amplitudenausschlag zu Gunsten des fixen, weg vom variablen Kapital, fällt bei Kurz mit der marxschen Feststellung vom tendenziellen Fall der Profitrate zusammen. Eine marxsche Grundkonstruktion, weil nach Marx nur der Produktionsfaktor Arbeit wirklich wertschöpfend ist. Der Streit in der akademischen Linken, ob diese Schlussfolgerung tatsächlich richtig gelagert ist, erschwert derzeit eine geschlossene Analyse der Krise des neoliberalen Regulationsmodus der kapitalistischen Gegenwart. Gleichwohl sich im marxschen und kurzschen Werk das Verständnis dafür öffnet, warum das fiktive Kapital keine Ausgeburt menschlicher Zockermentalität ist, sondern unter den Bedingungen konkurrierender Kapitalakkumulationen (und eben nicht von Produktmarken an Produktmärkten) die Flucht in den Handel mit Finanztiteln überlebensnotwendige Strategie großer Kapitalaggregate wird. Dass dabei die eine oder andere Freihandels- oder Welthandelszone in der globalen Konkurrenzmaschine untergeht, dürfte da nur Fußnote einer Zusammenbruchspossibilität des Gesamtsystems abstrakter Warenproduktion sein.

Folglich war die kurzsche Lösungsstrategie denklogisch radikal gegen den zentralen Ausbeutungstatbestand mittels Arbeit und die Entsinnlichung der ökonomischen Prozesse über die Geldkategorie gerichtet. Freilich schafft erst die verdichtete Auseinadersetzung mit Kurz und Marx einen Zugang zu dieser Gegenkritik an den zentralen Identitätsstiftern des bürgerlichern Menschen. Das Rütteln an Gewerkschaftsführerslieblingen (Geld und Arbeit) forderte nicht nur die Macht des Kapitals heraus, sondern auch der „gekauften“ linken Eliten (Gewerkschaften und politischer Parlamentsbetrieb der „Die Linke“). Kurz kannte die hemdsärmlige Solidarität der Linken. Dieser setze er eine polemische Sprachgewalt entgegen, die auf ihre Art auch eine Konterkarierung des vermeintlich solidarischen und verlogenen Einheitsgedudels der institutionellen Linken war. Im Gegensatz zu den von Krisenverursachern deklarierten Krisenerklärern konnte Kurz damit zu einer semantisch-methodischen Kulturkritik vorstoßen, die auch aus der Tatsache Kraft schöpfte, dass er nicht zur linken Kulturmafia gehörte, denen von FAZ, über Welt bis zum Spiegel lediglich Spielwiesen zugeordnet werden. Es gibt in den Gewerkschaften und in „Der Linken“ eben Funktionärchen, die die Taschen nicht voll genug bekommen können und daher zu einer geschlossen politisch-ethischen Kritik der bestehenden Verhältnisse nicht mehr in der Lage sind.

Kurz war dazu das Gegenmodell. Sich seine Fähigkeiten über eine politische Karriere veredeln zu lassen war sein Ding gerade nicht. Korrumpierbar wollte er nicht werden. Das führte bei Kurz glücklicherweise zu einer Authentizität, die vermeintlichen Kapitalismuskritikern des politischen Betriebs fehlt und dazu führt, dass Letztere immer nur an der Oberfläche der Krisenmomente verbleiben und zur Emanzipation des menschlichen Gattungswesens wenig beizutragen haben. Der kurzsche Beitrag zur Fortschreibung einer Idee sinnlicher und ausgleichender Vergesellschaftungsprozesse wird diese kleinkarierte Mentalität überdauern.

Es bleibt ein Dank fürs kurzsche Werk. Unvergessen, unersetzlich, bedeutsam bleibend, vor seiner Zeit gegangen, seiner Zeit voraus.

Ciao Robert Kurz

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5 Responses to Zum Tod von Robert Kurz: Vor seiner Zeit seiner Zeit voraus

  1. dos sagt:

    Ein Nachruf eignet sich m.E. für eine eigene Entgegnung nicht so sehr.
    Richtig!

  2. juan sagt:

    Vielen Dank für die kritischen Anmerkungen. Da hier auf potemkin demnächst mehrere Beiträge zum Thema Arbeit, Wert der Arbeit und tautologische Wertschöpfungs- und Produktionslogik erscheinen werden, sehe ich einer weiteren Debatte entgegen. Ein Nachruf eignet sich m.E. für eine eigene Entgegnung nicht so sehr.

  3. Pingback: Robert Kurz ist tot — keimform.de

  4. Frank Heinze sagt:

    Zu Unrecht wenig beachtet ist seine Auseinandersetzung mit den sog. “Antideutschen” und seine scharfe Verurteilung des linken Antisemitismus und Kulturrelativismus.

    “Neofaschistische Strömungen in aller Welt gehen… mit dem antisemitischen islamistischen „Widerstandskampf“ konform, obwohl sie gleichzeitig rassistische Stimmungen gegen Migranten aus den islamischen Ländern schüren. Auch große Teile der globalen Linken begannen umstandslos die Glorifizierung des alten „Antiimperialismus“ auf die islamistischen Bewegungen und Regimes zu übertragen. Das kann nur als ideologische Verwahrlosung gekennzeichnet werden, denn der Islamismus steht gegen alles, wofür die Linke jemals eingetreten ist; er verfolgt jedes marxistische Denken mit gnadenloser Unterdrückung und Folter, er stellt Homosexualität unter Todesstrafe und behandelt die Frauen als Menschen zweiter Klasse.” Robert Kurz, “Der Krieg gegen die Juden” 2009

    Ro­bert Kurz po­si­tio­nier­te sich in sei­nem letz­ten gro­ßen Auf­satz in der Zeit­schrift »EXIT!« (Aus­ga­be 6) wie auch schon zuvor in einem kur­zen Ar­ti­kel* pro­is­rae­lisch. Seine im Zuge einer Ana­ly­se der Re­ak­tio­nen auf die Mi­li­tär­schlä­ge Is­raels gegen den Ga­za­strei­fen be­kun­de­te Is­rael­so­li­da­ri­tät wurde in Tei­len der deut­schen Lin­ken als Ein­schwen­ken auf »an­ti­deut­schen« Bel­li­zis­mus wahr­ge­nom­men und kri­ti­siert. In einem Vor­trag zu die­sem Thema stellt Kurz seine Ana­ly­se vor und be­kräf­tigt seine Hal­tung und seine Kri­tik an der Ideo­lo­gi­sie­rung Is­raels.

    Hier kann man den Vortrag anhören: http://audioarchiv.blogsport.de/2010/10/24/robert-kurz-israel/

  5. dos sagt:

    Danke!
    Die Zusendung meiner farbigen HTML-Kommentare an die Redaktion stelle ich auch auf ULI (unter-den-linken.de) ein.