Kurzkommentar: Wer hat den Göttinger Parteitag gewonnen?

Verloren und doch gewonnen, das dürfte den strategischen Sieg von Dietmar Bartsch nach den letzten Tagen am zutreffendsten beschreiben. Der versammelte parteiübergreifende Reigen bundesdeutscher Oppositionspolitiker hat sich an diesem Wochenende Gedanken darüber gemacht, wie Angela Merkel politisch beerbt werden kann und zum Glück haben auch die Parteivorsitzenden der Linken den Mut zur taktischen Lücke bewiesen. Denn das Spitzenduo kann sich nun doch eine Koalition auf Bundesebene mit der SPD vorstellen. Kipping will gar mit den Hartz-IV-Matadoren der Schröder-Generation in direkte Verhandlungen treten. Wer sich an den Göttinger Parteitag zurückerinnert, der hätte nicht gedacht, dass die von Dietmar Bartsch vorgegebene strategische Erneuerung der Bundespartei nun vom Team Kipping-Riexinger in aller Eile vorangetrieben wird. Wer will es da beiden Führungsköpfen nachtragen, dass ihre Wahl zu großen Teilen aus einer demagogischen Verunglimpfung der jetzt zur eigenen Sache erkorenen Mitregierungsoption gespeist wurde. Ob Kipping mit einem offenen Bekenntnis zur jetzt postulierten Inhaltswende in Göttingen Parteivorsitzende geworden wäre, wen interessiert das noch? Zur Not werden die Delegierten für den nächsten Parteitag ausgetauscht. Spätestens nach der Bundestagswahl wird niemand mehr wissen, wofür die Kürzel AKL und SL und die entsprechenden Protagonisten in der Partei gestanden haben. Mag sich hier oder da ein zukünftiger MdB der Marke Fundamentalopposition noch auf einen aussichtsreichen Listenplatz stehlen, das Projekt Mitregieren wird sich auch davon nicht aufhalten lassen. Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter. Wichtig ist nur, dass die Erneuerung der taktischen Ausgangslage zeitig aus dem Führungszentrum der Partei stammt. Denn auch ein einflussreicher Lafontaine Getreuer (Bierbaum) soll die sogenannten roten Haltelinien als verhandelbar dargestellt haben. Sicherlich werden sich auch die Delegierten des vergangenen Parteitages freuen, dass nun Riexinger die Ideen Bartschs in die Praxis umsetzen darf. Ein Sieg für die Einheit der ganzen Partei. Es fragt sich wirklich wem vor Göttingen nicht klar war, dass es allen Einflussgruppen ums Regierungsgeschäft ging. In der Linken wird schon lange nicht darüber debattiert „ob“ mitregiert wird, sondern nur „wer“ mitregieren darf. Alle Anderen in der Partei sind mit ihren Überzeugungen nur Verfügungsmasse. Sie dürfen lediglich darüber entscheiden von wem sie aufs Kreuz gelegt werden.
(jpsb)

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2 Responses to Kurzkommentar: Wer hat den Göttinger Parteitag gewonnen?

  1. juan sagt:

    Es spricht ein Kenner der Verhältnisse, lol

  2. Dirk sagt:

    Nichts Neues vom Panzerkreuzer…
    Wenn die Bedingungen stimmen, ist eine Koalition mit der SPD immer vorstellbar, das war weder vor, in, noch nach Göttingen großartig umstritten in der Partei und ist auch keine strategische oder gar neue Idee des Genossen Bartsch.
    Wieder einmal werden hier Probleme herbeigeschrieben, wo es gar keine gibt.