Gaza und der Krieg der linken Gartenzwerge

Der November brachte für manch Linken ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk. Nachdem die palästinensische “Befreiungsbewegung” Hamas eine ausreichende Menge Feuerwerk auf die Menschen im Süden Israels abgefeuert hatte, schlug die rechtsgerichtete Regierung Israels endlich zurück. In allen Medien konnte die linke Seele nun wieder das mitverfolgen, was für sie schon immer die Blutspur des jüdischen Staates im Besonderen und des Kapitals im Allgemeinen war. Zerfetzte Kinder, trauernde Mütter und zerstörte Häuser sind Grund genug, öffentlich die internationale Solidarität mit Terroristen zu erklären und gleichzeitig dem feuchten Traum nachzuhängen, Israel stellvertretend für das verhasste internationale Kapital von der Landkarte zu tilgen.

An derartige Ausbrüche des latenten Antisemitismus unter dem was sich in Deutschland “links” nennt, hat man sich mittlerweile fast gewöhnt. Zu zuverlässig liefert die israelische Regierung, egal ob rechts oder links, mit mehr oder weniger nachvollziehbaren Aktionen der Selbstverteidigung oder kritikwürdigen Akten der Unterdrückung des palästinensischen Teils der Bevölkerung dieses ohnehin übervölkerten Landstriches in schöner Regelmässigkeit einen willkommenen Anlass zur Erregung des ganz linken Linken unter all den doch nicht richtig Linken Deutschlands. Da ist man im Bezug auf “den Juden”, “den Israeli” oder schlicht “USrael” endlich wieder so links, dass man Gefahr läuft rechts wieder aufzutauchen.

Wobei es doch eigentlich die linken Freunde Israels sind, die im schlichten Weltbild des glühenden Hamas-Fans, zu weit rechts stehen und wenn sie nicht vom Mossad oder anderen westlichen Diensten bezahlt werden, zumindest das schändliche Werk des kapitalistischen Schweinesystems verrichten, an dessen Vernichtung man selbst in herbeihalluzinierter Waffenbrüderschaft mit seinen palästinensischen Freunden werkelt. Natürlich nicht an vorderster Front, sondern wie es sich für den deutschen Revolutionär gehört in sicherer Rufweite zum eigenen Sofa und mit mehr oder weniger originellen Transparenten bewaffnet auf Demonstrationen in der Fussgängerzone des Vertrauens.

Dass es gelungen ist einen zumindest kurzfristigen “Frieden” zwischen Israel und der Hamas zu vermitteln, trübt verständlicherweise die Bombenstimmung etwas ein. Waren doch noch allerlei Aktionen geplant, die zwar bestenfalls zu Kopfschütteln unter 99% der Menschen führen, aber zumindest kurzfristig das Gefühl vermitteln, doch ein ganz klein wenig Bürgerkriegsluft im Advent zu schnuppern. In Hannover, einer Landeshauptstadt im Weihnachts- und Wahlkampfrausch, mochte man sich seine Solidarität mit dem Terror vom ohnehin brüchigen Frieden nicht vermiesen lassen.

Aber nicht nur der Friedenswille der Konfliktparteien in Nahost warf Schatten auf die “Solidarität mit Gaza”, die ein versprengtes Häuflein Aufrechter am 24. November an der Leine skandierte. Auch der innerparteiliche Futterneid der trotzkistischen Gartenzwerge von Marx21 und der SAV forderte, zumindest im Vorfeld der Aktion, seine Opfer. Angedacht war, dass eine um den Wiedereinzug in den Bundestag ringende Abgeordnete auf der Demonstration sprechen sollte. Dumm nur, dass ausgerechnet diese MdB mittlerweile die Versorgung der Marx21-Kader eingestellt und die Päppelung des zarten SAV-Pflänzchens im Landesverband übernommen hat.

Noch dümmer, dass dann auch noch ein offensichtlich halbwegs rational denkendes Mitglied der palästinensischen Gemeinde angesichts des Waffenstillstandes keine Notwendigkeit mehr für eine Demonstration sah. Stattdessen wollte man lieber in einer Diskussionsveranstaltung miteinander sprechen. Und das ausgerechnet “mit einem Abgeordneten der als Bellizisten bekannten Grünen Partei”, wie aus den empörten Reihen von Marx21 lauthals vermeldet wurde. Selbst der halbwegs auf Kurs laufende Kreisvorstand knickte ein und zwang einen im Zorn gegangenen Ex-Mitarbeiter besagter MdB die Rolle des Demonstrationsanmelders zu übernehmen.

Dass die “für ihre islamfeindliche Haltung” bekannte MdB Heidrun D. nun auch nicht mehr auf dieser exklusiven Marx21-Veranstaltung sprechen konnte, war klar. Nur welcher Ersatz bietet sich den nach einem neuen Wirtskörper, der auch nach der Wahl 2013 nährt, suchenden Trotzkisten an? Die Eine, noch sitzend in Brüssel, erkrankt spontan, der Andere, als Parteivorsitzender und Spitzenkandidat um den Wiedereinzug ins Leineschloss kämpfend, hat plötzlich einen übervollen Terminkalender. Glücklicherweise für Marx21, und zwar im Hinblick auf die Solidarität mit den Feinden Israels und die Suche nach einem möglichen Finanzier auch nach dem Herbst 2013, kann der vermutliche Spitzenkandidat auf der nächsten Landesliste keinem öffentlichen Auftritt widerstehen.

Diether Dehm, der auch gerne mal ein Interview im Querfront-Blättchen des Ahmadinedschad- und Chavez-Verehrers Elsässer gibt, steht immer mit einer feuerigen Rede hilfreich zur Seite, wenn es darum geht Israel, die “Konzernmedien”, “nachrichtendienstliche Laboratorien”, den “Staatsterroristen Netanjahu” und natürlich die Deutsche Bank so miteinander zu verzwirbeln, dass nicht nur Grass das deutsche Herz von “Lechts” bis “Rinks” im Kreise grinst. Beinahe wäre die aufrüttelnde Rede Dehms noch verhindert worden, denn die einstmals von Marx21 unterstützte und nun mit der SAV ins Abseits entglittene MdB “begann Diether zu beleidigen und anzupöbeln” und hätte den Umstehenden so fast die Wahrheit über den bedauernswerten Zustand der örtlichen Linken eröffnet. Sie ist nämlich tatsächlich “gespalten und zerstritten”, wie es Marx21 in einem Klagebriefchen nicht wahr haben will.

Beide Spezialitäten, der zusammen mit den heissen Phasen des Gazakonfliktes regelmässig offen ausbrechende Antisemitismus von Teilen der Linken und die Pausenhofprügeleien der trotzkistischen Mikrosekten in den Miniverbänden des westdeutschen Teils der Partei Die Linke, können eines sicher nicht, nämlich die Attraktivität einer Partei stärken, die für sich in Anspruch nimmt die Interessen von 90% der Menschen in diesem Land zu vertreten. Ob sie wenigstens reichen, einen singenden Populisten, der ein politisches Potpourri aus linken und rechten Versatzstücken darbietet, in den nächsten Bundestag zu befördern und damit für so manchen Marx21-Kader den Hartz4-Bezug um weitere vier Jahre hinaus zu zögern, wird sich noch zeigen müssen. Hilfreich für die parteipolitisch organisierte Linke kann dies alles nicht sein. So oder so.
(mb)

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