[Update] Links marschiert getrennt

Nachdem es in der Vergangenheit unter den Linken Deutschlands zu verbalen oder auch handfesten Auseinandersetzungen um Form und Inhalt des Gedenkens an die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts gekommen ist, besinnt man sich angesichts des nahenden Jahrestages auf eine alte linke Tugend: Die Spaltung. Wer sich hier an die Szenen um die “Judäische Volksfront” und die “Volksfront von Judäa” erinnert fühlt, dürfte nicht ganz falsch liegen.

Die DGB-Jugend, die Jusos, die Falken und die Linksjugend.Solid rufen unter dem modernen Label “Rosa & Karl” als Bündnis zu einer eigenen Aktionswoche und Demonstration zum 13. Januar auf. “Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark.”, wird Luxemburg im Aufruf der Veranstalter zitiert, der sich hauptsächlich um die Verknüpfung des Kampfes der “Altvorderen” mit der akuten Krise des Kapitalismus in Deutschland, Europa und der Welt dreht. Allerdings, und das ist wirklich bemerkenswert an diesem Bündnis, unter deutlicher Abgrenzung von der bislang diesen Gedenktag beherrschenden und verzerrenden roten Folklore des ewigen Klassenkampfes.

In der Vergangenheit sind viele Versuche sozialistische Ideen umzusetzen gescheitert. Nicht nur durch blutige Niederlagen wie die des Spartakusaufstands, sondern auch dadurch, dass ihr fortschrittlicher Gehalt in brutalen Diktaturen und repressiven Systemen ein Ende gefunden hat. Die Namen Stalin, Mao, Ho-Chi-Minh und Honecker stehen stellvertretend für dieses Scheitern.

Das traditionelle Gedenken an Rosa und Karl in Form der LL(L)-Demonstration stellt heute leider einen traurigen Ausdruck dieser Form des Scheiterns dar. Unwidersprochen werden Jahr für Jahr Stalin-Banner geführt, Weisheiten des großen Vorsitzenden Mao Zedongs zitiert und DDR-Fahnen geschwenkt. Kritik wird nicht entgegengenommen, sondern mit körperlicher Gewalt beantwortet. Wir bestreiten, dass solche menschenverachtende Ideologien etwas mit den Ideen von Rosa und Karl zu tun haben und haben die Hoffnung verloren, dass diese Aufstellung des Gedenkens noch von innen reformiert werden kann.

Gerne nimmt man daher die Formeln auf, mit denen sich auch die Partei Die Linke unter ihren neuen Vorsitzenden Kipping und Riexinger neu erfinden möchte. “Wir haben die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen, sondern schreiten fragend voran.”, verschriftlicht der linke Nachwuchs dann auch folgerichtig seine derzeitige Orientierungslosigkeit als Mosaiklinke zwischen Staatssozialismus und Reformlinks.

Die linken Gralshüter des konservierten Klassenkampfes und der “originalen” LL-Demo lassen sich allerdings von einer seperaten Demonstration unter Beteiligung der “Noske-Jugend” nicht beirren. Auch sie werden am 13. Januar wieder marschieren und wollen das Gedenken nutzen um “zu verhindern, dass ein noch grausamerer, die menschliche Zivilisation auslöschender Weltenbrand entsteht.” In revolutionärer Eintracht fühlt man sich all den Regimen, verbunden, die dabei helfen den Hegemonieanspruch der USA und ihrer willigen Helfer einzudämmen oder, wie Syrien und der Iran, unter der “gemeingefährlichen militärischen Variante neokolonialistischer Machenschaften” zu leiden haben. Zu den willigen Helfern zählt man selbstverständlich die EU und vor allem die BRD, in der man unter “unverschämten Beschränkungen bürgerlicher Freiheiten” zu leiden hat.

Zu diesem Marsch der Ewiggestrigen haben neben Teilen der DKP und Splittergruppen der organisierten Antifa und linksradikalen Szene, auch Brauchtumspfleger des DDR-Sozialismus, wie die Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba oder der IKF e.V. als Interessenvertretung der MfS-Auslandsspionage, aufgerufen. Unter den Einzelpersonen, die diesen Aufruf und die Demonstration unterstützen finden sich auch mehr oder weniger prominente Mitglieder der Partei Die Linke, wie beipielsweise die Bundestagsabgeordnete Dagdelen aus NRW. Medial unterstützt wird der kommunistische Folkloreumzug von der “Jungen Welt”, die am 12. Januar zur 18. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in die Urania einlädt, um mit einem umfangreichen Vortragsprogramm und abendlichem Tanz für die richtige Klassenkampfstimmung zu sorgen.

Um nicht zwischen den konkurrierenden Demonstrationszügen der “Kinder der Mörder von Karl und Rosa” und “zukünftigen Sozialabbaukadern”, wie die Aufrufer des “Rosa & Karls” Bündnisses via “Junge Welt” geschmäht werden, und den fahnenschwingenden Stalin- und Mao-Gläubigen der LL-Demo zerrieben zu werden oder sich einfach nur für eine Seite des linken Spektrums entscheiden zu müssen, hat man sich in der Führung der Partei Die Linke dazu entschlossen, offiziell nur zum stillen Gedenken an der Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde aufzurufen. Diese Nichtpositionierung mag durchaus für eine gewisse Stille im innerlinken Zwist rund um diesen Gedenktag sorgen. Wünschenswert wäre es aber, wenn sich die Führung der Partei dazu entschliessen würde, den Aufruf des “Rosa & Karl” Bündnisses als Einladung für ein Miteinander zu verstehen und diesen deutlich zu unterstützen, um das Gedenken an Luxemburg und Liebknecht zukünftig im Sinne eines wirklich demokratischen und freiheitlichen Sozialismus, der sich seiner historischen Verantwortung und Schuld bewusst ist, zu gestalten.

Update:
Auf seiner letzten Sitzung hat zumindest der Landesvorstand der Berliner Linken beschlossen, nicht nur zum stillen Gedenken, sondern auch zur Unterstützung des “Rosa & Karl” Bündnisses aufzurufen. Eine Positionierung, der sich der Bundesvorstand der Partei Die Linke noch anschliessen könnte.
(mb)

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