Kampf ums Glück

Über das Glück im materialistischen Zeitalter
Von Philip J. Dingeldey

Da steht sie also: Eine reiche und prominente Frau vor ihrer Villa und weint in Strömen. Nach ein paar Sekunden schluchzt sie ins Mikrofon, dass der Reichtum allein nicht glücklich mache, da er ihren Mann nicht vor dem plötzlichen Tod geschützt habe.
Da steht er also: Ein ärmlicher Hartz IV-Empfänger in Second-Hand-Klamotten, der vor dem Plattenbau ins Mikro jubelt, dass der Reichtum allein nicht glücklich mache, da er trotz der Armut in seiner Ehe superglücklich sei.
Was für eine schöne Welt, wo es auch den Reichen per Schicksal an den Kragen geht und auch der Arme mit ein bisschen Romantik sein Lebensglück finden kann. Bei solchen Bildern muss jedem sozial Denkenden übel aufstoßen, denn wer lebt schon von der Liebe allein?!
Fakt ist: Glück hängt vor allem von der sozioökonomischen und materialistischen Basis des Individuums ab! Jeder, der dies bestreitet, wie es gerne in diversen Promisendungen passiert, zementiert nur die Ungleichheit und befriedigt gleichzeitig die Sucht des Zuschauers nach Schadenfreude gegen den armen Reichen.

Bevor wir dieser These nachgehen, müssen wir uns die Frage stellen, was das Glück ist. Ist Glück das höchste Gut? Dies bejahten zahlreiche Philosophen, Schriftsteller und Intellektuelle – von Aristoteles und Epikur, über John Stuart Mill bis zu Hermann Hesse – und nur wenige wichen davon ab. Das Glück ist nur schwer zu fassen und zu definieren, aber immerhin haben die Meisten klare Vorstellungen davon, was sie persönlich glücklich macht. Denn fragte man jemanden danach, so würde er mit Wahrscheinlichkeit so etwas antworten, wie eine Familie zu haben, ein Haus, bestimmte Güter, beruflichen Erfolg, Prestige etc.
Für die Lebensentwürfe einer Majorität gilt als klar, was ihnen persönlich Glück bereitet. Diesen Durchschnittsentwürfen entgegen haben die meisten Denker, die sich mit dem Glück auseinandergesetzt haben, ihm einen ethisch-normativen Wert zugeordnet. In der auf Platon und Sokrates aufbauenden antiken Philosophie galt Glück meist als ein Wert, den nur der tugendhafteste Philosoph, der eine Kaste bildete, erreichen konnte, abseits der normalen Bürger oder Politiker. Glück galt ergo als mit den Tugenden verbunden. Zu diesen gehört auch die Gerechtigkeit. Ist also nur der wahrhaft glücklich, der gerecht oder gut ist? Und erneut: Was wäre diese Gerechtigkeit? Bei Mill war der Wert des Glückes und des Genusses immerhin insofern normativ, als es galt, für eine Majorität das Glück und den Genuss zu maximieren.
Doch um die materialistische Glückthese der Einleitung zu belegen, müsste gelten, dass das Glück des Individuums nicht zwangsweise und eher selten ein ethisch-normativer Wert ist.
Die meisten Menschen scheinen zu wissen, was sie glücklich macht. Im Laufe des Lebens bilden sich klare Wünsche heraus, was sie in ihrem Leben tun und erreichen wollen. Mit der Bedürfnisbefriedigung kehrt auch eine Zufriedenheit ein, die – ist die Befriedigung nur ausreichend hoch – in Glück aufgehen kann. Die humanistische Psychologie hat dies recht plausibel beschrieben: De facto existiert eine Bedürfnishierarchie respektive -pyramide: Bevor man sich um soziale Bedürfnisse kümmern kann, müssen demnach erst die Mangelbedürfnisse befriedigt sein, d. i. Hunger, Harndrang, der Schutz durch ein sicheres Heim oder Sexualität. Die akute Befriedigung dessen macht noch nicht dauerhaft glücklich. Es ist aber die Grundkondition, um glücklich zu werden. Denn sind die Mangelbedürfnisse dauerhaft gestillt, können die höheren Bedürfnisse angegangen werden. Dies sind normalerweise sozialer Umgang, ein gewisses Prestige, beruflicher Erfolg, Liebe etc. Dazu gehört auch – in unserem Sinn als Spitze der Bedürfnispyramide -, was der Mensch sich als Glück vorstellt. Zwar können in Hungerregionen auch eine vollwertige Mahlzeit ein großes Glück darstellen, also die Stillung eines Mangelbedürfnisses, aber würde der Hungernde dauerhaft essen können, würde diese Tätigkeit ihn nicht mehr glücklich machen, sondern er würde entdecken, dass dies nicht der Luxus des Glücks, sondern Notwendigkeit ist. So stirbt ein Mensch, der zu lange hungert; ein unglücklicher Mensch aber, stirbt nicht unbedingt am Unglücksgefühl (er kann aber den Suizid präferieren). Man könnte aus der humanistischen Psychologie folgern, dass das Bedürfnis nach Glück als höchstes Gut – das als Selbstzweck angegangen werden kann, wenn alle anderen Bedürfnisse gestillt sind – der Mensch genauso instinktiv kennt, wie zuvor das Bedürfnis nach Nahrung. Das jedoch scheint unplausibel. Denn das würde einen Instinkt auf einer sehr abstrakten Ebene erfordern, auf der der Körper nicht mehr unbedingt signalisiert, dass er dies dringend braucht. Daraus resultieren einige Problemfragen: Woher kommt es dann, dass man zu wissen glaubt, was einen glücklich macht? Und hat man das Glück und den Wert, der es einen beschert, über-haupt autonom beschlossen? Letzteres lässt sich mit „nicht unbedingt“ beantworten; denn unsere Psyche wird ohnehin tagtäglich durch Werbung beeinflusst, wo fremde Menschen, einen weismachen, dieses und jenes zu benötigen. Der Mensch wird zum Konsumenten, dadurch, dass die Wirtschaft das Modell der humanistischen Psychologie für sich instrumentalisiert hat. Dadurch wird das Glück zu einer Ware, die der Konsument mit genug Geld erstehen kann. Damit sind wir bei den Problemen, die der Historische Materialismus, ohne auch nur die Frage des Glückes zu erwägen, aufgeworfen hat. Nur der, der es sich leisten kann, ist glücklich! Der Arme ist zwar in manchen Weltregionen fähig, die Mangelbedürfnisse zu stillen, aber glücklich wird er durch sein Überleben nicht. Außerdem scheint man als Konsument in gewissen Grenzen durch Werbung und sozialem Umfeld diktiert zu bekommen, was einen glücklich macht. Der Mensch wird, wie Axel Honneth schon beschrieben hat, zum postautonomen Individuum. So haben zwar viele Menschen, je nach offiziell freiem Lebensentwurf, immerhin unterschiedliche Vorstellungen davon, welcher Wert und welches Gut ihnen Glück bereiten, aber en masse ähneln sich viele dieser Vorstellungen doch – und das in sogenannten pluralistischen, multikulturellen Gesellschaften.
Der Mensch kann wohl ergo nur bedingt seinen eigenen Glücksentwurf konzipieren. Dieser Entwurf hat jedoch nicht zwingend mit Moral zu tun. Wenn also dem Individuum oder Konsumenten die Möglichkeit gegeben wird, das Glück zu erreichen, so ist ein durchschnittlicher Entwurf wohl der von beruflichem Erfolg, einem Traumpartner, genug Besitz, einer Eigentumswohnung oder einem Eigentumshaus, eventuell Kinder und ein paar selbstzweckliche typische Hobbies. Ein solcher Lebensentwurf macht einen großen Teil der westlichen Bevölkerung glücklich – egal ob er nun autonom oder postautonom gewählt ist. Aber um ein solches Glücksgefühl zu empfinden, braucht man weder ein Philosoph zu sein, noch muss man irgendwelchen höheren moralischen Ansprüchen genügen. Indem Glück zu einer Ware wird, hat sie mit Moral kaum bis gar nicht zu tun. Sicherlich gibt es Menschen, die glücklich sind, wenn sie etwas tun, was aus ihrer Sicht moralisch richtig ist. Aber die Verbindung von moralischem Handeln und dem Ge-fühl des Glücks ist nicht apriori gegeben, sondern resultiert manchmal aus persönlichen Vorstellungen und Charakteren, sowie den Vorstellungen und Charakteren aus dem sozialen Kontext. Sind diese Faktoren so wie beim Durch-schnittsbeispiel, spielt Ethik eine nachrangige Rolle für das Glück. Was ist aber dann das Glück, wenn es eine nichtethische Ware ist? Die meisten haben eine konkrete Vorstellung, von den Dingen, die sie glücklich machen, also eben von Werten, wie einer harmonischen Familie. Ob sie dadurch wissen, was exakt Glück ist, bliebt fraglich. Diese Vorstellungen basieren aber eben nicht nur auf einem unabhängigen Verstand des jeweiligen Menschen; es bestimmen eben auch der sozioökonomische und soziokulturelle Kontext mit, die Teile der Autonomie amputieren. Durch solche sozialen Determinanten könnte man ergo mit den Vorstellungen vom Glück übersehen, was tatsächlich in der Interdependenz für ein autonomes Individuum Glück wäre.

Durch diese pragmatische, sozioökonomisch und -kulturelle Konzeption des Glückes, statt der ethisch-normativen, ergibt sich eben auch die Materialisierung des Glückes, da der Mensch als Konsument ein Bedürfnis befriedigen will, wozu der Markt ihm meist die Möglichkeiten gibt. Betrachtet man also das Glück nicht als moralische Variable, so ergeben sich daraus neue Probleme und Denkanstöße: Denn oftmals ist Glück auch etwas abstraktes, das sich nicht materiell befriedigen lässt. Hier bekommt man ein Problem, dass Historischer Materialismus und Frankfurter Schule höchstens angekratzt haben: Die abstrakte Ware. Derjenige, der Glück erstrebt und der dies nur auf sich bezieht und nicht glücklich wird, indem er andere beglückt, es sei denn, sie tun dasselbe vice versa für ihn – und es steht zu vermuten, dass viele Menschen eines solchen Schlages sind (inklusive dem Autoren) – versucht nicht nur einen Mehrwert an Gütern oder Geld zu erreichen, nein, er versucht dasselbe auch beim Glück. Das Ganze hat dann nichts mit Moral zu tun, sondern mit Wirtschaftlichkeit!
Weiter könnte man jetzt monieren, dass wie auch beim Kapitalisten, der einen materiellen Mehrwert sucht, auch derjenige, der den abstrakten Mehrwert des Glücksgefühls erstrebt, dessen Basis eben oft etwas Materielles ist, dies auf den Rücken der ärmeren Schichten tut. Es würde ergo ein Glückskampf erfolgen! Der homo oeconomicus kämpft also nicht mehr nur um die Hegelsche Anerkennung, sondern auch um das Glück. Und tatsächlich konkurrieren nicht nur ein paar Glücksentwürfe, sondern auch die Menschen um die Glücksmasse. Das Ganze ist jedoch keine reine Ersetzung der Begriffe „Besitz“ oder „Macht“, aber es steht in einer materialistischen Relation dazu; denn es bleibt die materielle Grundlage entscheidend. Zwar macht tatsächlich Geld allein nicht glücklich und verschiedene Glücksentwürfe lassen sich mit unterschiedlich vielen und teuren Gütern oder Werten realisieren. Aber die Möglichkeit, mit mehr Geld glücklich zu werden, ist natürlich höher als mit wenig Geld. So ist zwar dadurch, dass das Glücksgefühl und die Ware Glück nicht nur materiell und nicht für jeden gleich teuer sind – abhängend vom jeweiligen Glücks- und Lebensentwurf –, das Glück nicht rein käuflich oder nur für die Oberschicht zu haben, aber steht so doch in totaler Relation zur materiellen Basis. Denn wie soll jemand eine Handlung vollbringen, die ihn glücklich macht, die er also – nach der Befriedigung aller Bedürfnisse, wie Aristoteles schon anschnitt – zum Selbstzweck vollrichtet, wenn er nicht die Ressourcen dazu hat?! Wie soll der Hartz IV-Empfänger glücklich werden, wenn er zwar eine tolle Frau hat, aber schauen muss, wie er über die Runden kommt?!

Ergo hat der vorliegende Essay ansatzweise zu belegen versucht, dass der Wert des Glückes kein ethisch-moralischer ist, sondern, aufbauend auf der humanistischen Psychologie, ein sozioökonomischer und materieller Wert ist, der in der Befriedigung des Bedürfnisses nach Glück entsteht. Halten wir also noch einmal abschließend fest: Glück hat eine unterschiedlich hohe materielle Basis, die es nur demjenigen mit einer höheren Basis erlaubt, glücklich zu werden; diese Basis ist noch keine Glückgarantie, sondern Grundbedingung. Worin der Wert oder Selbstzweck des Glückes besteht, bestimmt teils das Individuum selbst, teils aber auch sein sozialer Kontext, ohne dass dies dem Individuum, das sich in einer freien Willensentscheidung wähnt, immer klar wäre. Ob die Entscheidung, was den Wert des Glückes ausmacht, frei ist oder determiniert, ist nicht absolut klar.
Klar ist hingegen, dass das auch Glück dadurch ein wirtschaftlicher Faktor wird, um den konkurriert wird, als ob mehr Glück des einen, weniger Glück des anderen bedeuten kann. Und tatsächlich handelt es sich bei den Werten und Vorstellungen, die als Medien das Glück realisieren sollen, so wie sie inzwischen konzipiert werden, meist um Waren – und Waren existieren nicht grenzenlos, denn das würde ja den Markt ruinieren. Und da so eine relative Abhängigkeit zur materiellen Basis des nach Glück strebenden Individuums besteht, entsteht durch den Kampf um Güter und Mehrwert, auch ein Glückskampf. Leider hat dies mit Moral nicht viel am Hut.

Schlussendlich bleibt zu resümieren und reflektieren, dass dies kein erstrebenswerter Zustand ist. Was oftmals bei den individuellen Glückskonzeptionen übersehen wird, ist, dass ein die Gesellschaft umfassender Glückszustand mehr Stabilität und Glück – beziehungsweise einer langfristigen Abwesenheit von Unglück – für das Individuum bedeuten kann. Ergo sollte der Mensch natürlich überlegen, wie er der Gesellschaft ein Maximum an Glück bescheren oder sie von Unglück befreien kann, da dies auch zu seinem Wohl beiträgt. Denn bei der Kapitalisierung der glücksbereitenden Güter und Werte scheint das (post)autonome Individuum zu vergessen, dass der wahre Wert hinter dem Glück ein kollektives Glück sein könnte, dass man also das eigentlich nichtethische Glück moralisieren und vergesellschaften kann. Leider ist dies keine Voraussetzung für jedes Individuum, um glücklich zu wer-den. Kollektives Glück wäre nur ein Bonus zum individuellen Glück. Man könnte dafür etwa sozialgerechte Glücksgrundsätze entwerfen, aufbauend auf John Rawls´ Gerechtigkeitsgrundsätzen: Demnach würden die materiellen Grundlagen, die Glück bescheren können, gleichmäßig zu verteilen sein. Man kann hier nur von den Grundlagen sprechen und nicht vom Glück selbst, da ein politisches oder soziales System nie garantieren kann, dass seine Bürger in ihm auch glücklich werden. Gleiche Glücksbasis! Ausnahme dieses Grundsatzes wäre, dass jemand größere Ressourcen erhalten soll, der damit das gesamtgesellschaftliche Unglück minimieren kann. Da nämlich Glück nicht für jeden identisch ist, gilt der zweite Grundsatz nur bezüglich des Unglücks, dessen Wegnahme ein wichtiger Schritt hin zum Glück ist – und unglückliche Zustände sind für viele identisch. Das Ganze ist freilich noch höchst unkonkret; es dient ja auch nur als Denkanstoß.
Ergo kreiert sich der Mensch Vorstellungen und Werte des Glücks, wobei er dabei oft noch zu vergessen scheint, dass ein kollektiv erstrebtes Glück als höchsten Glückswert den (materialistischen) Kampf um den Glücksmehrwert beenden kann.
(pjd)


Über den Autor:
Philip J. Dingeldey, geboren 1990, studiert in Erlangen-Nürnberg Geschichte und Politikwissenschaft. Nebenher hat er schon in verschiedenen regionale und überregionalen Medien journalistische und essayistische Texte veröffentlicht. Auch in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften hat er schon literarische Kurzprosa publiziert und 2012 erschienen seine Kurzgeschichtensammlung “Koitus mit der Meerjungfra.u Geschichten am Rande” und sein Gedichtband “Afterrauch und Todesesser. Gedichte aus unserer Zeit”.

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