Umfragegewitter oder „Die hohe Kunst des Manipulierens“

184509_10151186291150683_201565748_nBernd Riexinger hat es derzeit nicht leicht. In Niedersachsen hat die Partei über fünf Jahre nicht in der Landespolitik glänzen können und mit blassem Führungspersonal Mitglieder und gesellschaftlichen Einfluss verloren. Zuletzt bei der Kommunalwahl 2011. Aber gerade in diesem Bundesland könnte sich das Schicksal der Partei im Superwahljahr 2013 entscheiden. Dumm nur, dass der überwiegende Teil der Demoskopie die Landespartei bei einem Wert von nur 3 Prozent Wählerzustimmung sieht. Der überwiegende Teil? Ja richtig. Es gibt sie noch, die andere Seite der Wahlforschung, die es mit der Wahrheit ganz genau nimmt und daher linke „Wahlsiege“ prognostiziert, wo alle anderen Meinungsforscher, so Riexinger, ihren Grundauftrag wahrnehmen und im Dienste dunkler Mächte dem Volk suggerieren, dass ein Kreuzchen bei den Linken Verschwendung sei.

Die INFO GmbH, so vermelden es die getreuen Wahlkämpfer in Niedersachsen, sieht Die Linke in Niedersachsen nun doch bei 6 Prozent. Obwohl im Dezember erhobene Zahlen des gleichen Instituts die Partei nur bei 4 Prozent gesehen hatten. Eine Trendwende? Der Wagenknecht-Effekt? Ein Wunder? Wohl kaum. Der Charakter des mit den niedersächsischen Zahlen betriebenen Umfragegewitters dient höheren Zwecken und das ist in der Partei auch bekannt. Denn in Niedersachsen geht es um bei weitem mehr, als um die Frage einer Landtagswahl. Knapp neun Monate vor der Bundestagswahl, und die Mehrheiten im Bundesrat bedenkend, geht es um die existentielle Frage, wer ab Herbst die Republik in die nächste Runde der Euro- und Wirtschaftskrise führt.

Nun birgt die Niedersachsenwahl ein ganz erhebliches Risiko für die bürgerlichen Kräfte der Republik. Zum einen würde eine konservative Niederlage dafür sorgen, dass die FDP bis zum September nicht mehr zu Erholung kommen würde, neues Führungspersonal hin oder her. Zum anderen wären umgehend die Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat so, dass der Vermittlungsausschuss de facto die Regierung der Bundesrepublik werden würde. Für die „Kanzlerin der Herzen“ sicherlich ein schwerer Rückschlag, der auch ihrem Ansehen in Europa schaden und eine Gesamtkonstellation beinhalten würde, die schon ganz anderen Kanzlern am Ende das politische Rückgrat gebrochen hat. In einem solchen Moment schlägt die Stunde der Chefstrategen, also der Köpfe, die schon immer wussten, dass eine kluge Finte, das Schlagen eines Hakens, der beste Teil der hohen Schule des Manipulierens ist. Es gilt Meinungs- und Meinungsmacheraggregate im eigenem Besitz und Auftrag dem Ziel nutzbar zu machen, für den sie unterhalten werden. Nur gehorcht diese Inszenierung, dieses Ballet der Manipulation, ganz anderen Gesetzen als es dem Gewerkschaftler Riexinger je in den Sinn kommen könnte.

Wie kann sich ein verständiger Beobachter den Ablauf einer solch kunstvollen Darbietung vorstellen: Geneigte Konzernmedien erkennen die Schwierigkeiten des bürgerlichen Lagers. Sie setzen auf eine Unterstützung und Wiederbelebung liberaler Kräfte, die dadurch erreicht wird, dass nicht nur das Schreckgespenst einer Rot-Rot-Grünen Machtergreifung aufgezeigt wird, sondern damit erhärtet wird, dass die liberalen Kräfte vermeintlich knapp davor stehen würden den Sprung in das Leineschloss zu schaffen. Im anderen Lager, also den Kräften jenseits der konservativen und liberalen Zählgemeinschaft, wird das im Westen dahinvegetierende Produkt des linken gesellschaftlichen Lagers hochgeschrieben, bis hin zu einer Umfrage, die entgegen der Prognostik aller anderen Meinungsforscher, zu dem Ergebnis kommt, dass Die Linke auch noch weiterhin so viel Kraft hätte, um der Sozialdemokratie das Regieren aus eigener Kraft zu verbauen. Man setzt sodann auf einen schwachen Spitzenkandidaten der Sozialdemokraten, der, sagen wir mal in einem Fernsehduell, versäumt sich klar und deutlich von der selbst herbeigedichteten Schreckgespenstvariante zu distanzieren (nett gemacht Herr McAllister).

Gleichzeitig lässt man die Ergebnisse einer vermeintlich nicht manipulierten Umfrage unverzüglich und vor allen Dingen vorab, also deutlich vor der Veröffentlichung, an die richtigen Stellen im „linken Lager“, vielleicht einen netten älteren Herren namens OLAF „durchsickern“. Berechtigterweise übernimmt ein Meinungsforschungsinstitut diesen Part, welches dafür bekannt ist, Werte zu erheben, die erst mit einer gewissen Verzögerung veröffentlich werden. Denn dieser Zeitvorteil spielt bei dieser Rochade eine gewisse Rolle. Ferner setzt man nun darauf, dass es auch im linken Lager dumme Menschen gibt. Begeistert von neuen Umfragen, will eine oder ein Politiker im schwelenden Machtkampf um die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl diese vermeintliche Trendwende bei der Linken für eigene Zwecke nutzen und präsentiert sich vor der Veröffentlichung der Umfrage als „neue“ Spitzenkandidatin der Landespartei. Zudem präsentiert diese Person mit einem vermeintlich selbsterdachten Paradigmenwechsel des bedingungslosen Mitregierens das neue Credo der Partei.

Die letzte Woche vor dem Wahlkampf nutzt man eine Zeitung, nennen wir sie spaßeshalber „El Mundo“, um nicht nur die neue Cheflinke zu hofieren, sondern auch noch zu offenbaren, dass der nette ältere Herr, der zufällig die Umfrage vor allen anderen kannte, auch eine bedeutende Rolle spielen könnte, wenn es die neue Hoffnungsträgerin der Partei in Niedersachsen schaffen könnte, das Ruder nochmals herumzureißen. Fertig ist die auf den Effekt der selbsterfüllenden Prophezeiung beruhende unterklassige Beteiligung linker Spitzenpolitiker bei einer Finte rechtskonservativer Kräfte zum Erhalt der Vormachtsstellung der Christdemokraten auf der Bundesebene. Bei solchen Szenarien fragt es sich dann schon, wer die Spalter in dieser Republik sind.

Richtig ist, dass ein gewisser Dietmar Bartsch in Göttingen von genau dem gleichen Personal abgestraft wurde, welches nun zum bedingungslosen Mitregieren auffordert. Während aber Bartsch plausibel dieses Projekt hätte vertreten können, werden dies Kipping, Riexinger, Wagenknecht und erst recht Lafontaine nicht wirksam tun können. Lafontaine ist die Garantie des Bürgertums, dass es im linken Lager niemals zu einer Aussöhnung auf Augenhöhe und unter Aushandlung tragfähiger Kompromisse zwischen den wichtigsten Parteien jenseits neoliberaler Kräfte kommen wird. Bedenklich ist also, dass aus dem Körper seines Avatars, die Gestalt des Saarländers schon zur Niedersachsenwahl bereits hervorlugt.

Ein paar Schönheitsfehler hat diese Finte dennoch. Ein Wahlkampfleiter in Niedersachsen konnte auf facebook das Wasser nicht halten und offenbarte, dass die Zahlen der INFO GmbH „bestimmten Kreisen“ der Partei vorab bekannt waren. Und auch technisch nützt die Umfrage rein gar nichts, denn der Erhebungszeitraum dieser Umfrage liegt deutlich vor dem Zeitraum der Umfragen der drei anderen Meinungsforschungsinstitute, die alle samt in der Zeit gemessen haben, in der Wagenknecht ihre herausragende Rolle im Landeswahlkampf bereits zum Besten gegeben hatte. Genau genommen lässt sich zumindest demoskopisch damit der Wagenknecht-Effekt ziemlich genau messen. Er dürfte bei Minus drei Prozent liegen. Nun hat der Wähler am 20. Januar die Qual der Wahl. Es wird sich zeigen, ob das Spiel der Meinungsmacher aufgeht.
(jpsb)

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