Katja Kippings Nachdenklichkeit oder griechischer Wein immer saurer

Man muss wenig zufügen, wenn man in Potemkin den ausgewogenen Wahlkommentar liest. Nur Kleinigkeiten: Sahra Wagenknecht floppte nicht, sondern erreichte, dass die Partei statt 2,2 (Schleswig-Holstein) oder 2,5 (NRW) eine 3 vor dem Komma erreichte; sonst hätten es gut & gern 2,1 werden können. Hören wir die doppelte Stellvertreterin selbst: Die Linke ist aus Sicht ihrer stellvertretenden Parteivorsitzende Sahra Wagenknecht bei der niedersächsischen Landtagswahl zerrieben worden bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün. Wagenknecht machte dafür im Gespräch mit dem Tagesspiegel auch ein “mediales Trommelfeuer” verantwortlich, bei dem zugleich den Wählern unter Hinweis auf Umfragewerte vermittelt worden sei, ihre Partei komme sowieso nicht in den Landtag. “Die Leute hatten das Gefühl, ihre Stimme löst sich in Luft auf. So ist es am Ende auch passiert”, sagte Wagenknecht. Wagenknecht hatte in der Schlussphase des Wahlkampfes eine zentrale Rolle übernommen und sich als mögliche Verhandlungsführerin für Koalitionsgespräche mit SPD und Grünen angeboten. Eine Hauptverantwortung für die Wahlniederlage lehnte sie aber ab: “Wir haben alles unser Möglichstes versucht.” In der konkreten Konstellation aber habe man dann “nicht so sehr viel tun” können. (nach Tagesspiegel 21.Januar 2013) Fein! Da dieses Kopf-an-Kopf-Rennen in den Wahlen in der alten Bundesrepublik in den nächsten Jahren stets der Fall sein wird, zudem die Zuspitzung der beiden Lager auch einfachen Gemütern einleuchtet und somit die gräßlichen Umfragewerte bei der Linkspartei vom Wähler verifiziert werden, sollte man in Westdeutschland sich auf eine lange Ruhe- und Erholungspause vom politischen Alltag einstellen und einen neuen 3.Anlauf für eine kommunale Räte-Republik clandestin vorbereiten, eine andere Form “verträumter Illusion”. Am schönsten daran: Umfragen wird es dann nicht mehr geben, da Prognosen über die Zusammensetzung von Räten (ArbeiterinnenRäte, Bauern/BäuerinnenRäte, SoldatinnenRäte, KommunalRäte, auch Studienräte?) politologisch-wahltechnisch noch unterentwickelt sind, und vor allem, weil Parteien wie die CDU oder FDP vom Rätevolk (Frage: gibt es eine weibliche Deklination?) nicht zugelassen werden, weil sie a) Profinanzkapitalistisch, b) Frauenfeindlich, c) Ökologiefeindlich, d) Ausländerfeindlich, e) Friedensfeindlich, vor allem aber Gewerkschaftsfeindlich sind. Vielleicht können die Gewerkschaftsfunktionäre Ernst und Riexinger den DGB-Chef überzeugen, bei der nächsten Diskussion zu Wahlbausteinen nicht die CDU einzuladen und die Linkspartei nicht auszugrenzen. Aber ernsthaft: Sohn glaubt merkwürdigerweise im Unterschied zu Wagenknecht an Umfragen (wenn sie ihm passen, versteht sich): auf einer Webseite „Die Linke in NDS“ läßt er sich zitieren: Die CDU hat anscheinend Angst vor einer starken LINKEN und vor einer klugen und anerkannten Politikerin wie Sahra Wagenknecht“, sagte Sohn. Doch McAllisters Attacken blieben wirkungslos: DIE LINKE werde in den Niedersächsischen Landtag einziehen, und Sahra Wagenknecht werde eine gewichtige Rolle bei einem tatsächlichen Politikwechsel spielen. „Seit wir die letzte Phase unserer Wahlkampagne eröffnet haben, und die jüngste Umfrage uns bei sechs Prozent sieht, erfahren wir noch einmal deutlich mehr Zuspruch an den Infoständen und auf unseren Veranstaltungen. Auch in Meppen und Nordhorn hatten wir überfüllte Säle“, so Sohn. Die Menschen sehnten sich nach einem Comeback der sozialen Gerechtigkeit – und das beginne mit dem Wiedereinzug der LINKEN in den Landtag und strahle auf die Bundestagswahl aus. Hoffentlich nicht!! Wie man auf Focus und den leicht durchschaubaren Zweck der 6% reinfallen kann, ist mir schleierhaft. Der Landeswahlkampfleiter Jörn Jan Leidecker (Hat er für seine Null-Leistung übrigens Honorar erhalten oder ist das wie bei dem Berliner Flughafenchef oder treffender noch: dem Berliner Regierungschef – je erfolgloser, desto höher die Prämien?) assistiert seinem Chef: Nach Ansicht des Landeswahlkampfleiters der LINKEN, Jörn Jan Leidecker, sollte sich McAllister als Ministerpräsident schämen, an die reaktionärsten Gefühle seiner Anhänger zu appellieren. „Niedersachsen ist auch eine Heimat für Leute, die anders denken. Sahra Wagenknecht ist eine Finanzexpertin mit einem Gespür für die Nöte und Sorgen jener Menschen, die McAllister mit seinen Attacken verhöhnt“, so Leidecker. In den vergangenen Tagen sei deutlich geworden, dass Stephan Weil kein würdiger Gegner für McAllister ist – nicht zuletzt beim TV-Duell. „Es sind noch sieben Tage bis zu Wahl“ (Welch’ Sprechblasen! Schämen; Würdiger Gegner; Heimat; Nöte und Sorgen der kleinen Leute; eine über den Parteien schwebende Finanzexpertin) Vielleicht sollte die Kippingsche Nachdenklichkeit damit anfangen, solche Leerformeln zu vermeiden?

Man kann das Ganze auch umdrehen: Da die Lage so ist, dass die kleine Linkspartei wie Parmesan zerrieben wird zwischen den Blöcken, scheint es Sohn und Genossinnen, es sei völlig egal, mit welchem Personal man in Wahlen antritt, noch sei es irgendwie wichtig, eigene Inhalte zu präsentieren. Wie in den guten alten Zeiten der K-Gruppen übernimmt man Forderungen der Konkurrenz und dreht an der Forderungsschraube, bis es knirscht: Studiengebühren? Abschaffung sofort, in einer Woche! Mindestlohn? Sofort und mindestens 10 Euro (oder lieber 15?). Prekäre Arbeitsverhältnisse? Totalverbot, sofort. (Dumm nur, das kann nur der Bundesgesetzgeber). Banken? Enteignung oder Besetzung der Sparkassen durch verdiente Gewerkschaftlerinnen. Staatliches Zinsverbote resp. Zinsbeschränkungsgesetze (dem Islam abgeguckt?) Das Muster ist erkennbar, aber ist es erfolgreich? Interessiert das die Wähler, die an Politik die Anforderung stellen, sie möge was praktisch verändern, für sie, noch dazu in ihrer Lebenszeit? Oder die Anderen, die Wähler, die sich ein Jokus mit dem politischen Prozess machen, die sog. Protestwähler – haben für diese die systemimmanenten Forderungsüberbietungswettbewerbe, einen ästhetischen = spielerischen (Friedrich Schiller) Reiz? Oder bleibt man da nicht lieber in der Butze?

Diese, meine Fragen, die nicht gerade tieferes Denken benötigen, eher gesunden Menschenverstand, werden in den Stellungsnahmen der beiden Vorsitzenden und des Bundesgeschäftsführers nicht berührt – vermutlich sind sie zu simpel.

Was sagte also die Parteispitze am 21. Januar, dem Tag nach der Wahl? Leidecker hat den amtsneuen Höhn fehlinformiert, der glauben machen will, die Fraktion hätte in den 5 Jahren eine erfolgreiche Arbeit gemacht. Da gibt es nur eine Strafe: 3x Sohns 3. Auflauf lesen, 5x die liebesdienerische Rezension von Adler in der DKP-nahen Zeitschrift Z (falls jener die nicht selbst geschrieben hat) und dann einen Besinnungsaufsatz: Haben in Niedersachsen Bürgerinnen irgendwas von der “erfolgreichen” Arbeit der Fraktion mitbekommen, und wenn: was? Oder nicht mal die fantastische Räteidee des Fraktionschefs? Riexinger schien von dem Resultat seiner Partei überrascht zu sein – also auch er ein Ignorant von Wahlprognosen -, er gab vor, es sei schmerzlich. (Ähnliches hatten Ernst und Lötzsch die 4-5 Wahlniederlagen vorher auch gesagt, dafür hätte man keinen neuen Vorstand gebraucht.) Bleibt die andere Vorsitzende: Kipping. Sie überraschte mich. Köpfe zusammenzustecken und nachdenken; ja Nachdenklichkeit gar war ihre Haupt-Folgerung auf diese Niederlagenserie. Nun, gern: versuchen wir es mit den schwachen Kräften. Ich nehme irgendwas als Beispiel: Griechenland, weil ja der nice boy Tsipras eine Woche vor der Wahl in Hannover war und der Schatzmeister der Europäischen Linken damals sagte (nein, sorry, wie immer: brüllte) und noch einmal, weil es so schön war, am Abend der Wahlniederlage in Freizeitheim Linden (als Ex-NDS-Parteichef? Als was sonst eigentlich? Da sein Nachfolger den Weg nichtfand) wiederholte: Syriza hätte 2004 3,1 (genau! LINKE in NDS 2013!!) gehabt, Dehm hätte dann mit genialen Finanztricks dessen Partei gerettet, die ihren Mitgliedbeitrag an den Verein der Europäischen Linken nicht hat zahlen können, dann im Mai 2012 16,7 und zuletzt im Juni 27%. – Zweitstärkste Partei. Umfragen 2013: 38% und der plötzlich so umfragegläubige Ex-Niedersachse & Ex-SPDler begeisterte sich selbst, den nächsten griechischen Ministerpräsidenten bei der Bruderpartei zu begrüßen. (Rufe: Es lebe die Internationale Solidarität).

Stoff für Nachdenklichkeit genug. Warum war im Juni schon nicht die Syriza die stärkste Partei, sondern eine erzkonservative, die im Schlepptau Reste der alten Sozialdemokratie und alter bürgerlichen Parteien mit sich führte, um nachhaltig das Protektorat Griechenland gemäß den Anweisungen der Troika zu zerlegen? Die Politologie nennt solche Gebilde: Fassadendemokratien. Warum wählen seit 2008 die Bevölkerungen besonders krisengeschüttelter Länder wie Italien, Portugal, Spanien und eben Griechenland – wenn sie überhaupt wählen dürfen, die EU es gnädig gestattet, mit dem überzeugenden Mafia-Angebot, richtig zu wählen oder kein Geld mehr – nicht eine radikale linke Alternative, sondern konservativ bzw. reaktionär? Da Frankreich sich zu den Siegern der Eurokrise zählt, hat sich diese fixe Idee von Markozy auf Hollande übertragen lassen. Wer zu den Siegern gehört, kann sich auch sozialdemokratische, sozialistische Regierungen erlauben, soweit sie in ihrer Wirtschaftspolitik substantiell konservativen Markt-Politiken (Austerität & Wachstum als Plecebo) nacheifern und mit Merkel deutsch-französische Freundschaften zelebrieren. (Nebenbei: Hollande vermarkozyt sich Woche um Woche mehr und zwischendurch werden afrikanische Länder befriedet).

Zurück zu Griechenland. Kleine Datensammlung, locker, gut gegliedert und klug analysiert in you-tube von Karl Heinz Roth (http://www.youtube.com/watch?v=hQ6gu8ajGi4) – exzellente 30 Minuten (R. spricht, auch darin klassischer 68er, der er war, natürlich frei):

  • Staatsverschuldung (140% mit steigender Tendenz, jährliche Neuverschuldungen bis ultimo zusätzlich um die 15% trotz aller Austeritätsexzesse
  • Drittelung des Konsums, Wachstum negativ (2011= 7% im Minus, 2012 6% Minus)
  • Reduktion der Einkommen und Renten/Pensionen, (z.Tl Halbierung) (dafür)
  • massive Erhöhung der Steuern der Normalbevölkerung (Mehrwert 23%)
  • Steuerflucht der Reichen, immer noch unverändert Steuerprivilegien der Reichen, keinerlei Rückholung der im Ausland geparkten Milliarden
  • Arbeitslosigkeit 30%, Jugend 50/60%. Nach einem Jahr ausgesteuert, Lösung: Auswandern wie im Irland des 19. Jahrhundert
  • Zerschlagung von Bildungseinrichtungen, vom Gesundheitssystem, von allen Formen des Sozialstaats, Verhungernlassen der Emigranten aus der 3.Welt, die in Griechenland vom normalen Kapitalismus überrannt werden
  • Obdachlosigkeit, Drogen, Kriminalität, Krankheiten, Neonazis; kurz rapide flächendeckende wachsende psychische Verelendung

Kurz: Griechenland ist ein Versuchslabor des Neoliberalismus, eines Krieges der Reichen gegen die Armen, wie Tsipras in Hannover sehr richtig sagte. Und was er nicht sagte, dachte: ein Krieg, den die herrschende Klasse zu gewinnen beabsichtigt. Bei einem Feldherrn des Krieges, den er vor Hannover tagsüber aufgesucht hat, wird seine moralische Empörung große Verwunderung ausgelöst haben. Wahrscheinlich wird der höfliche Schäuble ein Lieblingsgut der Linken beschworen haben: Frieden! Und wohl kaum im Sinne des guten Ludwig Büchner: Friede den Hütten, Krieg den Palästen. Eher im Gegensinn.
Angesichts dieser Lage komme ich auf die Fragen: warum hat dann bei der letzen Wahl eine linke Alternative nur 27% erreicht? Und: warum gewinnt umgekehrt die Kriegspartei die Wahlen, gewählt von den Kriegsopfern?
Nachdenklichkeit bedeutet in einer Klassenauseinandersetzung, die Kräfteverhältnisse zu analysieren und Hebel zu entdecken, das Ganze zuerst zu chaotisieren, dann neu zu ordnen. Hilfreich ist – wie ich aus meinem China-Arbeiten weiß – Lektüren wie Sun Zi (über die Kriegskunst, Bejing 1994). Leider kann man nicht Denken (Köpfe zusammenstecken), wie und wann man will. Es setzt eine Vorbereitung und ein Training voraus. Wenn einer Muskeln bilden will, oder durch Jogging wie Wagenknecht schlank bleiben will, muss er täglich trainieren, und ständig das Leistungspotential erhöhen. Ähnlich sind bedauerlicherweise die Produktionsbedingungen von Nachdenken, vom Reflektieren. Besonders wenn man jahrelang nicht trainiert, bzw. nicht gedacht hat. Wenn man 68 so blöd war, SPD-Mitglied zu sein und 33 Jahre lang und gar als MdB, bleibt (Dehm), wenn man nach dem Zusammenbruch des Sozialismus noch Jahre Mitglied im DKP-Vorstand ist (Sohn), dann war der Denkapparat Jahrzehnte nicht betätigt worden, ist man völlig untrainiert, und nur ein Wunder kann bewirken, dass nach einem halben Leben der politischen Dummheit eine Fähigkeit entstanden wäre, Klassenlagen theoretisch zu analysieren und politische Strategien daraus zu gewinnen. Das Minimum für den Trainingsbeginn wäre etwa eine intensive Lektüre von Pierre Bourdieu (im Dietz Verlag hat Effie Böhlke 2007 einen Sammelband der Rosa-Luxemburg-Stiftung für Einsteiger herausgegeben). Ich weiß, liebe Katja Kipping, das ist illusionär, dass die Dehms & Sohns sowas lesen, was an sich – für einfache Parteimitglieder- nicht schlimm ist, genauso wie es eher gut ist, die Musik, die Dehm in seinen Wahlauftritten (Verzeihung kulturellen Events) den armen Zuhörern aufzwingt, nicht zu hören: man entkommt einer zwangsläufigen Regression des Hörens! (Was das ist, und warum das Denken in Mitleidenschaft gezogen wird; vgl. Theodor W. Adorno: Einführung in die Musiksoziologie)
Man braucht jedoch eine parteitaktische Strategie, wie man solche Repräsentanten der Denkunwilligkeit und Leseverweigerung aus Kaderpositionen verscheucht. Mit Sun Zi: Auf welcher Seite sind Offiziere und Soldaten besser ausgebildet?
Es ist nicht schwer, mit diesen Prämissen die Dauerwahlniederlagen der Linkspartei zu verstehen: Weil der FDS unwillig und unfähig war und ist, trotz seiner strukturellen Mehrheit im Osten, solche Restbestände aus der ewig verlierenden Westlinken zu marginalisieren, sind die Offiziere, selbst der harmloseren, anderen Seite (Grüne und SPD) schlicht besser. Übrigens: Warum die SPD und die Grünen an rot-rot-grün ein Interesse haben sollte, würde nicht allein Sun Zi eine „verträumte Illusion“ nennen. Kippings Beobachtung zB. im hannoverschen Wahlkampf, die SPD würde alle Themen der Linken klauen (das berühmte Links-Blinken und Rechts-Abbiegen) rubriziert Sun Zi unter dem Oberbegriff: Kampf um die Initiative sowie der Taktik der Täuschung.

Leider gilt gleiches für Griechenland: Jeder – Roth, der böse Prof. Sinn, die Schnelldenkerin Wagenknecht – weiß: die Kredite an Griechenland kommen da nie dort an. Daher der kluge Vorschlag aus der EU-Bürokratie: Sperrkonto gleich in Brüssel, damit nicht-griechische Banken auch noch Zinsen abschöpfen, und direkte Auszahlung an die Gläubiger außerhalb Griechenlands. Inzwischen sind es ca. 246 Milliarden; allein zuletzt 44 Milliarden im November 2012, gleichzeitig verbunden mit Zinsaufschub im Wert von 49 Milliarden, und diversen Kleinoperationen (staatliche Zwangsverkäufe mit exorbitanten Gewinnen der Hedgefonds; weitere permanente Zwischenfinanzierungen auf dem Geldmarkt mit horrenden Zinsen, usw.) war der Mechanismus wie immer: 90% des Geldes, des fetischisierten Euro, fließt zurück in die Kassen der Banken und Großkonzerne, winzige Reste verbleiben in Griechenland um das Protektoratspersonal (vulgo: Regierung) zu korrumpieren. Um es nicht zu vergessen; um Kredite „nach“ Griechenland zu schicken, müssen die Tranchen jeweils über Kredite finanziert werden: beim letzten Novmber-Deal etwa 750 Millionen für die Bundesrepublik. Für alle anderen europäische Geberländer addiert, ist das ein netter Milliardengewinn im Vorübergehen für unsere Banken: ständige Alimentierung des Neoliberalismus mittels des Staates.

Taktischer Gegenangriff wäre: Drohung und nach Wahlgewinn Austritt aus dem EURO, damit wie das großartige Vorbild Argentinien 2000/2001 zeigt, keinerlei Bezahlung von Schulden an die Kapitalistentruppe, auch wo sie als Staat verkleidet auftritt. Ohne Kredite keine Konkursmasse, um Finanzkapital und transnationale Konzerne auszuhalten; daher das Dogma Griechenland muss in der Euro-Zone bleiben. Man muss nicht ein Sun Zi sein um die schwächste Seite des Feindes zu erkennen. Wiedereinführung des Drachmen und der Hauptfeind zerplatzt! Ohne Euro-Nachschub ist er ein Papiertiger.

Der Austritt muss im Wahlkampf mit einen Gedankenset von reizvollen Gegenvorstellungen verbunden werden:

  • Verkauf aller Rüstungsgüter (ALLER) auf dem Weltmarkt, denn Griechenlands Militär ist sowieso kampfunfähig (Käufer egal, am besten China; meinetwegen auch an die reiche Türkei, die sich ja als Hysterikerin selbst vor den militärisch maroden Syrien fürchtet). Geschätzt wird, dass seit dem Eintritt in die EURO-Zone um die 75 Milliarden Euro in Rüstung verschwendet wurden, eine erheblicher Anteil an der negativen Zahlungsbilanz. Natürlich kein Austritt aus der NATO. 1. die US-Amerikaner ärgert man nicht; 2. die NATO darf/muss die Kosten für die Restarmee, für das Personal. übernehmen; sonst droht man, sich auf die Größe der Schweizer Armee zu reduzieren.
  • Große Aufklärungskampagne, welche EU-Länder keinen EURO haben und warum es ihnen deshalb sehr gut geht (Polen z.B.); warum andere nie EURO haben wollen (Norwegen), warum – Eigenwerbung Merkel & Steinbrück, Deutschland als Hegemon vom EURO profitiert, und das das nach den einfachen Gesetzen der Marktwirtschaft ( Fassung Hayek oder etwas distanzierter: Marx) so bleiben wird, Griechenland nie mit Deutschland konkurrieren kann. Für den Bildzeitungsverstand: Denn das Plus in Deutschland muss das Minus von Griechenland sein. Und weder Schäuble noch Steinbrück wollen das umdrehen: Im Gegenteil. Auf einen kurzlebigen Vorschlag von Klaus Ernst 2011 in Richtung – mehr Wirtschaftswachstum Gr., erheblich weniger D. – wollte keiner so richtig eingehen; seine Gewerkschaften waren not amused.
  • Nach Einführung der Drachmen wird die Bourgeoisie fluchtartig das Land (noch mehr) verlassen; dadurch, da jahrzehnte Steuern hinterzogen wurden, Enteignung der Villen, Jachten, Landgüter- nach dem Vorbild der bürgerlichen Revolutionen in England und Frankreich, weil in Griechenland der innere Kapitalismus längst als Feudalismus existiert hat,
  • Abschaffung aller Steuern auf Wohneigentum, Reduktion der Mehrwertsteuer, Wiederherstellung Gesundheitssystem etc, allerdings nicht in sozialstaatlichen Zwangsformen (dazu die linke Sozialstaatskritik der 68er-Theoretiker)
  • Wiedereinführung von Privilegien der unteren Klassen, die im alten System vor 2010 eine gewisse, natürlich kleinere Teilhabe an den Privilegien der herrschenden Klassen hatten: Frühe Verrentungen,, Rücknahme der Rentenkürzungen; vielleicht etwas weniger und seltener: Tote, die für die Kassen rsp. ihren Familien weiterleben, Pensionen ohne Arbeit für weibliche Angehörige, Lokführer, die mehr Urlaub als Arbeitszeit haben – und was die BILD sonst so enthüllt hatte…. (Frage: Sollte man die revolutionäre Rückkehr zu der früheren Privilegienteilhabe Polizisten aussetzen? – Das ist eine taktische Frage des Stärkeverhältnisses.)
  • Bewusster staatlicher Kontrollverlust über die täglichen Konsumtion, mentale Förderung von Schwarzarbeit als produktives Element (es gibt dazu genügend ökonomisches Wissen gerade auch von liberalen Ökonomen, die man nur gegen den Strich lesen braucht; was Linke leider nicht zur Kenntnis nehmen, weil staatsfixiert). Diese anarchoiden Elemente werden ganz nebenbei jeden neofaschistischen Ordnungsträumen nachhaltig den Boden entziehen; aus der Goldenen Morgenröte wird über Nacht eine untergehende Abendsonne.
  • Entwicklung des alternativen Wirtschaftssektors: von anderen solidarischen Ökonomien; Stärkung von Tauschringen, von landwirtschaftlicher Naturalwirtschaft: alles gesellschaftliche Verkehrsformen, die seit Jahren in Griechenland immer mehr Wirklichkeit gewonnen haben, von Menschen der unteren Klassen wieder entdeckt werden ,und die jetzt nach dem Wahlsieg staatlich verstärkt werden können. Allein die Registrierung und Veröffentlichung der neuen Ansätze für den griechischen Wahlkampf könnte von nichtgriechischen Linken aus dem Europa-Verein bezahlt werden (etwa Umleitung der Wahlkampfkosten der Linkspartei bei Landtagswahlen im Westen, die bei den konstanten 2-3% sowieso auf Null gebracht werden könnten) , und die griechische Genossinnen und ein paar wenige Genossen (Frauenquote muss sein) finanzieren.

Darüber nachzudenken, darüber die Köpfe zusammenzustecken, wäre Nachdenklichkeit im Sinne eines Produktionsfaktors, und als Abfall aus den Strategien und Taktiken für Griechenland käme auch Übertragbares & Kopierbares für unser Staatsgebilde heraus. Der große Vorteil des Versuchlabors ist anderssinnig, gegen die Intentionen der politisch-finanzkapitalistischen Klassenfeinde ein neues gesellschaftliches Chaos erzeugt zu haben, das chaostheoretisch fruchtbar gemacht werden kann, um ein neues Gemeinwesen zu realisieren: aus den Erfahrungen der griechischen Massen, aus den Weisen, wie sie tagtäglich überleben, aus ihren Kämpfen, wobei ihre pathologische Gewaltlosigkeit auf den Prüfstand gestellt werden sollte und partiell geheilt werden könnte. Vor allem durch Wiederherstellung ihrer Privilegien vor 2008, mit der entscheidenden Differenz, dass dieses mal die Reichen, die Bourgeoisie, das Staats- und Parteienpersonal von den Privilegien ausgenommen werden, zudem sie ja sowieso nach Einführung des Drachmen massenhaft als Wirtschaftsflüchtlinge das griechische Gemeinwesen verlassen.
Aber stattdessen moralisiert Tsipras gegenüber unserm Finanzminister, dem solche Zeichen mangelnden Klassenbewusstseins peinlich sind, denn – mit Sun Zi gesprochen – er ist als Feldherr im Klassenkampf seiner Klasse schlicht fähiger, weiß besser, wie man bestraft, (z.B. das griechische Protektorat), wie man die Kräfte stärkt (SPD & Grüne stimmten im Bundestag allen EU-Maßregeln und allen Kreditverschwendungen zu) so jemand besucht man nicht mit Unterwerfungsgesten, um sich später abends von einem Musikclown als Revolutionär ausrufen zu lassen. Seien wir fair zum Schluß: Aber Tsipras ist wenigstens ein good nice guy! (Zudem young boy; er könnte noch Bourdieu… gibt es in griechischen Übersetzungen) Und weil’s bei der Linken nicht ohne Appell geht: Brechen wir mit dem Ziel der Kippingschen Nachdenklichkeit zum Lustmarsch durch das Theoriegelände auf!
Manfred Lauermann

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