Linke in der Krise: Die Gysi-Falle

Es war einer dieser Momente, die im medialen Trubel gerne mal untergehen. Am letzten Sonntag stellte sich Dietmar Bartsch den Fragen von Ulrich Deppendorf in der Sendung “Bericht aus Berlin”. Am Ende des Interviews konfrontierte der Hauptstadtkorrespondent der ARD den Fraktionsvize mit einer Spekulation, die in Berlin angeblich aktuell die Runde macht: Nach der Bundestagswahl, so Deppendorf, würden etliche Mitglieder der Linken ihre Fraktion verlassen und zur SPD übertreten. Bartsch reagierte zwar gelassen, aber nicht wirklich überrascht auf die Vermutung des Journalisten. Es bleibt die Frage, was nun wirklich dran ist an diesen Gerüchten und warum solche Gedankenspiele nicht wesentlich vehementer vom Fraktionsvize bestritten werden.

Richtig ist, dass sich diese Hauptstadtgerüchte nahtlos in das Bild einer Partei einpflegen lassen, die zwar nach Außen demonstrative Gelassenheit einübt, nach Innen aber längst über Szenarien sinniert, wie der politische Super-GAU einer schweren Beschädigung des Spitzenkandidaten Gysi derart kompensiert werden kann, dass die Partei nicht in den Abgrund der bundespolitischen Bedeutungslosigkeit (mit)gezogen wird. Denn Gysi selber hat die Erfolgsparameter seines vielleicht letzten Gefechts hoch gesteckt. Nichts weniger als die Einstellung des laufenden Ermittlungsverfahrens ist das Ziel des “Ostberliner Spitzenkandidaten“. Gelingt dies nicht, steckt Gysi in einer selbst gestrickten Falle. Was also, wenn die Ermittlungsbehörden dem ehemaligen DDR-Anwalt diesen Gefallen nicht tun? Und welche Option böte sich einem Spitzenkandidaten, wenn die laufenden Ermittlungen über den Wahltag hinaus andauern würden?

Es gibt jemanden in der Partei, der diese Frage für sich bereits beantwortet hat. Oskar Lafontaine hat sich nicht von ungefähr erneut ins Gespräch für eine bundespolitische Rolle gebracht. Hinter den Kulissen wird dieses Vorpreschen in schwierigen Zeiten als das gewertet was es ist: Der Ausbau einer günstigen politischen Position für den Fall, dass Gysi nicht nur strauchelt, sondern fällt. Gelebte Solidarität sieht anders aus. Auf der anderen Seite, wer erwartet gelebte Solidarität ausgerechnet bei der Linken?

Die personelle Misere der beiden alternden Diadochen, von denen eben keiner das Format eines Alexanders des Großen hat, fällt nun gnadenlos auf eine Partei zurück, die weder eine zweite noch eine dritte politische Reihe aufzubauen in der Lage war. Die fahle Vorstellung einer Mosaiklinke hat zu einem politischen Personal geführt, welches selber die Bruchstückqualität eines Mosaiks hat, weil Jeder und Jede nur noch in zähen internen Kompromissen denken und agieren kann. Lähmende Langweiler, angepasste Jungpolitiker, SED-Verwaltungspersonal und die scheinbar unerschöpfliche Quelle westdeutschen Sektierertums bilden das Portfolio der Personalfindung jenseits der Übergroßväter Gysi und Lafontaine.

Dass da vermeintlich auf kollektive Lösungen gesetzt wird mag ganz besonders links oder doch einfach linkisch sein. Verständlicherweise ergeben jedoch sieben Langweiler in der Quersumme nicht einen spannenden Alleinunterhalt, sondern eben nur sieben Langweiler. Der König ist tot, es lebe das Königskollektiv mag mensch da spötteln, wenn sich nicht der greise Zar Iwan von der Saar dazu auserwählt sehen würde seinen eigenen Schwiegervater zu ersetzen.

Und genau diese Option mag dann die wahre Quelle für das deppendorfsche Gerücht sein. Bereits im Ansatz zeigt Lafontaine wieder die ganze Verachtung, die er für die Partei empfinden muss. In aller Öffentlichkeit demontiert er mit seinen Ankündigungen die fragilen Personalkompromisse der beiden Vorsitzenden. Anstatt auf parteiinterne Kommunikation zu setzen, setzt er die Partei lieber öffentlich unter Druck und inszeniert seine Rückkehr als Willkürakt von Lafontaines Gnaden. Nicht etwa mit der Parteiführung gilt es seine Kandidatur abzustimmen. Er selber, so verkündet er es, werde zu gegebener Zeit entscheiden, wann und wo seine Schlacht um die Vormachtstellung in der Partei stattfinden wird. Dem Saarländer ist dabei völlig klar, dass er mit seiner Kandidatur die Linke in die Zeit vor Göttingen zurückkatapultiert.

Wenige Monate vor der alles entscheidenden Bundestagswahl erinnert dieses Verhalten an ein Kind, das sein Spielzeug lieber zerstört als es mit anderen zu teilen. Politisch lebensgefährlich ist dieses Hantieren an der Hochspannungsleitung fauler Kompromisse allemal. Lafontaine tut dies nun im strömenden Regen. Ob die Spitzenpolitiker der Landesverbände in den neuen Bundesländern wirklich das Interesse haben, den Volksparteicharakter ihrer Landesparteien durch ein politisch an der Senilitätsgrenze agierendes alterndes Ex-Ensemblemitglied nachhaltig zu ruinieren ist indes fraglich. Kaum zu glauben, dass Lafontaine daher en passant die Übernahme der Spitzenkandidaturkrone für den Fall gelingen mag, dass Gysi nicht nur strauchelt sondern fällt. Eigentlich sollte dies der ehemalige Oberbürgermeister von Saarbrücken besser wissen. Nicht nur die Partei steckt somit in der Gysi-Falle, sondern auch Lafontaine. Eine Schmonzette für alle Beobachter, die mittlerweile davon ausgehen, dass die Partei zur Wahl im Herbst eine harte Landung benötigt, um die dringend notwendige Neuerfindung der bundesdeutschen Linken endlich in die Wege zu leiten.
(jpsb)

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