Rote Amigos im Parteikuschelbunker?

Bestimmte Parteien haben wenig in die Waagschale zu werfen. Obwohl die Linke derzeit stabile Umfrageergebnisse einfährt und die Parteiführung dies nach der Serie von Wahlniederlagen im Westen als erste Erholung wertet, ist sie streng genommen eine isolierte Partei. Selbst die SPD-Hoffnungsträgerin Hannelore Kraft hat ganz aktuell parlamentarischen Rechenspielen mit den Erben der PDS auf Bundesebene eine klare Absage erteilt. Eine Abfuhr die schmerzt, gerade weil führende Linke, wie etwa Parteivorsitzender Riexinger, scheinbar jeden Abend in die untergehende Sonne schauen, um am Abendrot zu erkennen, welche Mitregierungsoption („Tolerieren, Opponieren, Zelebrieren“) die Linke am nächsten Morgen der verblüfften Öffentlichkeit präsentieren wird.
 
In solchen Situationen ist es für die Partei wichtig, dass der Slogan der eigenen Kampagne, „100 Prozent sozial“ irgendwie ernst genommen wird, gerade weil die Kombination aus Maximalforderungspotpourri und Gregor Gysi aktuell beim Wähler zu verfangen scheint. Umso ärgerlicher, gerade für die Wahlkämpfer in Niedersachsen, ist nun die Berichterstattung über ein „Neumitglied“ des Landesverbandes, welches nicht nur auf der Landesliste kandidiert, sondern in Wilhelmshaven auch ein Direktwahlkreis erringen möchte.

Ralph T. Niemeyer, so ziemlich jedem in der Partei als Ex-Gatte von Sahra Wagenknecht bekannt, soll, mag man der Zeitung „Die Welt“ denn trauen, ein wahres Lotterleben zwischen unbezahlten Rechnungen, nicht abgeführten Alimenten und fraktionsgenährten „Elendseinkommen im fünfstelligen Eurobereich“ führen. Just einige Wochen vor der Wahl zeichnet das Springer-Medium somit das Bild einer Fraktion (und damit auch einer Partei), in der einer wie Niemeyer über ein ganzes Netzwerk von Steuergeldeinkünften verfügen kann und als „Gegenleistung“ cineastische „Kunst“ darbietet, wie das ausgerechnet dieses Jahr bei der Oscar-Verleihung nicht berücksichtige infantile Meisterwerk „Hibakusha – Reise auf die Insel des Glücks“. Dabei handelt es sich nicht um eine Insel ohne Gerichtsvollzieher und Medienmonopole, wie der Titel vielleicht intendieren könnte, sondern um Niemeyers Art und Weise die Welt vor dem Nuklearkapitalismus und seinen verstrahlten Schergen zu warnen.
 
Ist die Berichterstattung der „Welt“ richtig, wird der „Michael Moore für Arme“ dabei nicht etwa von der unvermeidlichen Entourage seiner Ex-Frau Wagenknecht in der Fraktion unterstützt, sondern erhält Gelder von flügelpolitisch unscheinbaren Abgeordneten wie Dorothee Menzner oder eher dem Reformlager angehörenden MdBs wie Diana Golze.
 
Niemeyer, so muss es nach dieser Berichterstattung einem außenstehenden Dritten anmuten, ist gut aufgestellter Auftragnehmer etlicher Parteifunktionäre. Dies verwundert umso mehr, weil über Niemeyer seit Längerem frei verfügbare Quellen einsehbar sind, die ihn in ein fragwürdiges Licht rücken. Doch in der Linken scheint nichts zu peinlich, sobald ein Genosse im richtigen Boot sitzt. Ob nun ein Werner Dreibus seine Familie als Teil des bezahlten Parteiapparates begrüßen durfte oder im Saarland nach wie vor ungeklärt ist, ob es zur Landtagswahl Segensreiches für Familienangehörige eines Parteigranden gab. All das kann intern niemanden zur Hinterfragung der typisch sozialistischen Annahme von der Unfehlbarkeit von Bewegung und Parteiführung zwingen. Genau wie bei der Frage von möglichen Prekärbeschäftigten in den Fraktionen und bei den Bundestags- und Landtagsabgeordneten, darf es nichts geben, was es eben nicht geben darf.
 
Es gibt kein rotes Amigo-System, weil es der notwendigen Selbstannahme linker Parteien widersprechen würde, anders zu sein als alle anderen Parteien. Die Linke, deren Kompetenzwerte seit Jahren im Keller liegen, definiert sich lieber über das Lebensgefühl die Quelle der geschichtlichen Wahrheit (fundiert im Arbeiterbewegungsmarxismus) inne zu haben. Dem folgt der beachtlich gut inszenierte Selbstbetrug als Organisation eine Kultur sozialer Selbstlosigkeit zu leben. Dass die Linke nichts weiter ist, als ein politischer Betrieb, in dem es neben Postengeschacher auch darum geht Steuergelder in die eigenen Taschen zu wirtschaften, wird zwar hinter vorgehaltener Hand niemand negieren, offiziell findet all dies aber immer nur in den anderen, den bürgerlichen Parteien, statt
 
So bleibt die Partei nur inoffiziell ein Abbild der gesellschaftlichen, besser gesagt, der bürgerlichen Verhältnisse. Verhältnisse, von denen sie vorgibt diese ändern zu wollen, in denen es sich die Funktionäre der Partei aber ganz hervorragend gemütlich gemacht haben. Sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser, so demaskierte bereits Heine die Position der Pharisäer im System. Die heutige Linke trinkt öffentlich Wein und lässt sich dies von jenen bezahlen, die dafür Wasser zu sich nehmen müssen. Scheinbar nicht alle sind dabei bereit für den Wein auch noch zu bezahlen, wie der Fall der sächsischen Landtagsabgeordneten Julia Bonk zeigt.

Die Demaskierung dieses modernen linken Lebensgefühls zwischen der Tätigkeit als Teil des politischen Establishments und der weitreichenden Übernahme der kulturellen Verhaltensweisen der bürgerlichen Eliten gilt intern als Nestbeschmutzung. Wie damit umzugehen ist, hatte unlängst ein Pamphlet aus den Gefilden der bayerischen Landespartei gezeigt, dessen Authentizität negiert wird, dessen Sprache aber eindeutig ist.

Aus all dem resultiert, dass die Partei sich schrecklich unfähig zeigt eigene Amigostrukturen und Formen sozialer Verwahrlosung aufzudecken und damit zu intendieren, dass das Problem wenigstens erkannt wurde. Ein Totalversagen, welches sich auch auf die parteinahen Medien erstreckt und enthüllt, dass sogenannter linker Journalismus, etwa im Neuen Deutschland, auch nur als gut aufgestellter Schulterschluss zur Parteielite richtig eingeordnet werden kann. Wenn diese Partei (und ja auch genannte Zeitung) nicht geschichtsnahe Erfahrungen als Täter des Realsozialismus gemacht hätte, wären solche Verhaltensweisen als unbeholfene Schritte in Richtung einer nachholenden Reifung falsch zu verstehen. Richtiger ist jedoch, dass sich in den mannigfaltigen Schulterschlüssen zu Personal jenseits der Erträglichkeitsgrenze eine ganz andere und überholte Logik spiegelt.

So ziemlich jeder Parteibonze samt seiner untergeordneten Adlaten ist parteiintern gegen Kritik bürgerlicher Medien erhaben. Die Inszenierung der sozialistischen Erneuerungs- und Wiedererweckungsbewegung muss durchgehalten werden. Es handelt sich also immer um bürgerliche Kampagnen gegen die Partei und die in ihr vermeintlich aufgehobene Idee einer besseren Welt, wenn öffentlich durchschimmert, dass Linke eben auch nur Kleinbürger sind. Täter- und Opferrollen können so beliebig verzerrt werden, dass am Ende nichts und niemand bereit ist Konsequenzen aus Fehlverhalten oder Unvermögen der eigenen Elite zu übernehmen.

Schon lange hat die interessierte Öffentlichkeit keinen linken Politiker mehr wahrgenommen, der nach Wahlniederlagen Verantwortung für das Abschneiden der eigenen Partei getragen hat. Schlechte Ergebnisse, wie die jetzt drohenden Stimmenverluste am 15. September und 22. September werden bereits vorher als Erfolge schön geredet. Passt die politische Stimmung nicht ins Konzept, wie etwa zur Landtagswahl in Niedersachsen, so wird vom Demoskopenterror schwadroniert. Hilft auch das nicht mehr, sind zur Not die Menschen eben noch nicht so weit, als dass die Segnungen der Linken begriffen werden könnten. Ist in solchen Parteien der Apparat erst einmal eine in sich geschlossene Gesellschaft, dringen Appelle zu einem Neuanfang eh nicht mehr durch. Selbst unfähigstes Personal wird durchgeschleppt, solange es zur richtigen Jubeltruppe eines Parteipatron gehört.

Dieser institutionalisierte ideologische Kuschelbunker ist dann nur noch von Außen zu knacken. Und deswegen wird im internen Kampf um Posten und Pöstchen immer wieder die bürgerliche Presse gefüttert, um interne Gegner in die Schranken zu weisen. Erhobenen Hauptes parteiintern offen einzufordern, dass Personal wie Ralph T. Niemeyer eigentlich keinen (Listen)Platz in einer linken Partei haben dürfte, das traut sich niemand vorzutragen. Übrig bleibt das Spiel jämmerlicher Heckenschützen, die nur im Verborgenen agieren können und dürfen. Es ist erstaunlich, dass solche Parteigänger der festen Überzeugung sind, dass gerade sie die Welt verändern könnten!
(jpsb)

Dieser Beitrag wurde unter BTW 13, Bundespartei, Kommentar, LINKE, Niedersachsen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

One Response to Rote Amigos im Parteikuschelbunker?

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.