Der Dehm-Faktor

Wenn es stimmt, dass die Sozialdemokratie mit der Linken nach der Bundestagswahl kein Bündnis eingehen mag, weil es sich bei den demokratischen Sozialisten eigentlich um eine gespaltene Partei handelt, die dazu in der europäischen Währungsfrage einen nationalchauvinistischen Kurs fährt und zudem ein ungeklärtes Verhältnis zum Antisemitismus hat, fällt einem unweigerlich nur ein Name ein: Dehm!

Denn wie kein anderer Politiker der Partei Die Linke repräsentiert Dehm all das, was denen bei der Linken um die Ohren gehauen wird, die aktuell intensiv um Mitregierungsoptionen bei der SPD buhlen. Natürlich gibt es nicht nur einen Dehm in der Partei. Aber der „Originaldehm“ kommt eben auch aus dem „Originaldehmlandesverband“ und der nennt sich nun mal Niedersachsen. Hier hat er mit seinen Promi-Kontakten einen radikalen Wahlkampf geführt, der so radikal war, dass er wiederum völlig unradikal daherkam und daher seitens der bürgerlichen Presse kaum beachtet wurde.

Ja, wenn da nicht eine Männerfreundschaft wäre, die zu verstehen schwer fällt und die sicherlich bei den bisherigen Wählerinnen und Wählern der Linken in Niedersachsen auf wenig Verständnis stoßen wird. Denn die Partei in Niedersachsen kämpft händeringend um ein drittes Bundestagsmandat. An diesem hängt nicht nur Pia Zimmermann als Listenplatz 3 der Landesliste, sondern angeblich auch ein Teil der mittlerweile vom Volk freigestellten niedersächsischen Landtagsabgeordneten, die, will man der Gerüchteküche denn glauben, bereits als Mitarbeiter bei Zimmermann abonniert sind. Freilich nach dem deren Stellen zunächst in einem fairen Verfahren öffentlich ausgeschrieben werden. Qualität setzt sich eben durch.

Und da der Kampf um diesen Listenplatz eng wird, ist jede Störung des Wahlkampfes zwischen Wattenmeer und Harz nicht nur ärgerlich, sondern ganz und gar abträglich. Dies zumal Dehm in punkto Peinlichkeitswertung einen ernstzunehmenden Konkurrenten hat. Ralph T. Niemeyer, allen bekannt als Ex-Gatte von Sahra Wagenknecht, konnte im aktuellen elektoralen Schlussspurt mit einer ganz eigenen Springer-Homestory aufwarten. Damit trat er ernsthaft in Konkurrenz zum verpatzten Wahlkampfstart in Niedersachsen, der mit der Aushilfs-Hip-Hopper-Combo „Die Bandbreite“ in Verbindung gebracht werden kann. Wie selbstverständlich muss es da wohl für den Master of Disaster gewesen zu sein, zum Ende des Wahlkampfes nochmals selber ein Meisterstück abzuliefern. Und das hat es in sich.

Denn die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) vom 16.9.2013 weiss zu berichten, dass die Liebe zum Elitendasein ein neues Traumpaar der deutschen Politik hat entstehen lassen. Unter dem Titel „Es muss nicht immer Maschmeyer sein“ tritt die HAZ genüsslich die Details der neuen Freundschaft zwischen Diether Dehm und Christian Wulff breit. Zwar deutet die Zeitung nur an, dass Wulff seinen Urlaub mit und nicht bei Diether Dehm verbrachte. Allein aber diese Art von Freundschaft zeigt, dass sich Dehm für nichts zu Schade ist, wenn er etwa auf einer Veranstaltung gesagt haben soll, dass es die Würde des Menschen zu verteidigen gilt, ob nun die eines Hartz-IV-Empfängers oder die des ehemaligen Bundespräsidenten.

Im Ohr mag da noch klingen, dass Dehm dereinst die Wahl zwischen Gauck und Wulff mit einer Auswahl zwischen Hitler und Stalin verglich. Zumindest wissen wir nun, für wen Gauck stand und für wen Sta…, Verzeihung Wulff stand. Den Wähler werden diese Antipodenbeschreibungen zwischen gesellschaftlich prekarisierten Menschen und dem gescheiterten Emporkömmling aber sicherlich hellhörig machen. Vor allen Dingen, weil es gerade Die Linke war, die den Skandal um den Rücktritts Wulffs auch als Ruhrstück des branchenüblichen „die da Oben, wir hier Unten“ inszeniert hatte.

Wulff darf dabei als besonders gescheitertes, aber im Hinblick auf seine Altersversorgung besonders schamloses, Beispiel für die Selbstversorgungsmentalität der politischen Klasse dieser Republik gelten. Durch die öffentliche Kenntlichmachung dieser „Männerfreundschaft“ zeigt sich erneut, wie infam Die Linke politische Theatralik und klassenkämpferische Gefechtsfeldprosa bemüht, obwohl die eigenen Eliten durch und durch Teil eines immer abgehobeneren politischen Betriebes sind. Dehm hat dabei kein Unrechtsbewussteisen. Im Gegenteil. Die HAZ weiss vielmehr zu berichten, dass Wulff ganz offiziell einem Wahlkampftermin von Dehm beiwohnen sollte und nur wegen einer Verletzung an der Teilnahme gehindert wurde.

Es ist also davon auszugehen, dass Dehm dieses Fraternisieren mit den Symbolen eines gescheiteren bürgerlich-konservativen Politikverständnisses ausdrücklich billigt und zum Kult um die eigene Person steigern will. Offene Verachtung drückt er damit für die Wähler aus, denen vorgemacht wird, dass Die Linke eine andere, eine sozialere Partei sei. Fürs Volk gibt es das Schauspiel eines liedermachenden Robin Hoods der Moderne. Im persönlichen Umgang dagegen die eitele Verbrüderung mit denen, die für die vielgerühmten Hartz-IV-Empfänger die Lebensbedingungen ins Unerträgliche drehen wollen. Wählerverachtung pur à la Dehm. Wer will so etwas ernsthaft wählen!
(jpsb)

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