„Menschenrechte sind für alle da, unabhängig von allem“

Die ugandische Aktivisten für die Rechte sexueller Minderheiten Kasha Nabagesera wird mit dem Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis ausgezeichnet: Ein Portrait
von Philip J. Dingeldey

Es ist gemeinhin bekannt, dass es Homosexuelle in vielen Ländern schwer haben, aber im Oktober 2010 nahm dies in Uganda tödliche Ausmaße an: Die ugandische Zeitung Rolling Stone veröffentlichte eine Namens- und Fotoliste vermeintlicher Homosexueller und rief zur Tötung dieser Menschen auf. Zu den Zwangsgeouteten gehörten auch Aktivisten für die Menschenrechte Homosexueller, wie David Kato, der daraufhin im Januar 2011 ermordet wurde, und Kasha Jacqueline Nabagesera, die seitdem im Untergrund zu leben muss.

Nabagesera wird für ihr beispielhaft couragiertes und lebensgefährliches Engagement für die Rechte sexueller Minoritäten mit dem diesjährigen Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis am 29.09.2013 in Nürnberg ausgezeichnet. Ein Grund, ihre Arbeit näher zu betrachten:
Durch ein repressives Regime, bestehend aus einer Troika von kirchlichen Akteuren, Regierung und Medien, kommt es in Uganda oft zu Übergriffen gegen Homosexuelle oder zu (noch) nicht realisierten Gesetzesvorhaben, die Homosexualität unter Todesstrafe stellen. Schon ein gleichgeschlechtliches Händchenhalten kann im Alltag zu einer Bedrohung werden, denn ein Homosexueller verliert im Privat- und Berufsleben oft die soziale Achtung. Gefördert wird die Homophobie durch das Denunziantentum, da der, der vermeintlich Homosexuelle nicht verrät, selbst bestraft wird – zweifellos auch ein Instrument zur Beseitigung politischer Gegner. Damit stellte sich Uganda gegen die von der Regierung ratifizierten Menschenrechtskonventionen.

Die lesbische Kasha Nabagesera musste dies schon früh am eigenen Leib erfahren: Sie war schon immer lesbisch und wurde bereits zur Schulzeit oft vom Unterricht ausgeschlossen, da sie Frauen kleine Geschenke machte. Das lesbische Leben war der 33-Jährigen nicht möglich, drohten ihr doch Tod, Folter und sexuelle Gewalt. Dennoch studierte sie Menschenrechtsgesetzgebung und setzte sich bereits seit ihrem 21. Lebensjahr für die Lebens- und Rechtssicherheit von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender ein. Quasi ununterbrochen stellt sich die lesbische Aktivistin der Homophobie entgegen, prangert Medienkampagnen an, macht Gesetzesvorhaben bekannt und klagt gegen sie. 2007 etwa trat sie auf dem World Social Forum in Nairobi auf und forderte dort Respekt für die Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen.

Dabei gibt sie der ugandischen Homosexuellenbewegung ein bisschen Hoffnung, vor allem aber ein Gesicht, denn dass sie das Zeug zur Ikone hat, bestreitet niemand. Wegen ihrem extrovertierten Lebensstil und dem Mut, für ihre Überzeugungen einzutreten, ohne freudlos zu, ist fungiert sie als lumineszierendes Faszinosum.

Nabagesera gründete auch die Organisation Freedom and Roam Uganda (FARUG), die vor Ort den Menschen geheime, häufig wechselnde Schutzräume bietet und die ugandische Homosexuellenbewegung organisiert; Nabagesera sagt, es mache sie glücklich, wenn gefährdete und leidende Menschen, in der FARUG ein paar Stunden sorgenfrei sein könnten.

Der Preis dafür ist hoch: Da sie nicht nur lesbisch ist, sondern auch öffentlich gegen die Homophobie kämpft, wurde sie häufig Opfer gewalttätiger Übergriffe, muss seit Katos Tod im Untergrund leben und ein Privatleben ist kaum möglich. Ihr Vorgehen ist ergo umso beeindruckender: In Gesprächen hat sie den Ruf ruhig und dialogbereit, aber ebenso entschieden und deutlich zu sein, was einen guten strategischen Ausblick bietet. Fragt man Nabagesera selbst, woher sie immer noch ihre Kraft schöpft, weiterhin mutig und fröhlich für eine gerechtere Welt zu kämpfen, so erhält man als Antwort, aus Freunden und Familien, die sie seit dem Outing unterstützt haben und aufgrund ihrer Homosexualität nie ihre Persönlichkeit infrage gestellt haben – leider keine Selbstverständlichkeit.

Für dieses große und couragierte Engagement gegen Diskriminierung und Homophobie, erhielt sie 2011 bereits den Martin Ennals Award und 2013 den Preis für Zivilcourage des CSD. Anlässlich der Ehrungen für Frau Nabagesera durch den Nürnberger Menschenrechtspreis, findet am 27. und 28. September auch ein Kongress statt, mit dem Titel LSTBI-Rechte sind Menschenrechte – überall (die Abkürzung steht für Lesben, Schwule, Transgender sowie Bi- und Intersexuelle), veranstaltet vom Nürnberger Menschenrechtsbüro, dem Nürnberger Menschenrechtszentrum (NMRZ) und dem Caritas Pirckheimer Haus Nürnberg (CPH), wo der Kongress auch tagen wird. Die Würdigung von Nabageseras Arbeit hält Ulrich Maly, Nürnbergs Oberbürgermeister und Jurymitglied des Menschenrechtspreises, für notwendig, um die Rechte sexueller Minderheiten stärker in das Blickfeld des Menschenrechtsdiskurses zu rücken, da hier Menschen nur aufgrund eines Persönlichkeitsmerkmals Repressionen erleiden müssten und ihnen eine sexuelle Identität aufgezwungen werde. Es handelt sich ja im Grunde auch um ein klassisches Menschenrechtsthema, das Kasha Nabagesera vertritt da sich Homophobie schon durch die Menschenwürde und das Diskriminierungsverbot untersagt. Der Hass in afrikanischen Ländern fußt aber oft auf den in der Kolonialzeit aufoktroyierten Normen, ein europäischer, moralischer Zeigefinger verbietet sich daher.

Auch sind die Rechte sexueller Minderheiten nicht nur in Afrika gefährdet: Deshalb treffen Nagabeseras Aktionen ins Herz der Gesellschaft, da es ja auch in Europa, etwa in Frankreich und Russland, zu brutalen Ausschreitungen komme und sich öfter Intersexuelle melden, die Zwangsoperationen unterzogen wurden. Auch Angela Merkel hat sich gegen die Gleichberechtigung homosexueller Paare bezüglich des Adoptionsrechts ausgesprochen.
Nabagesera kann stolz auf ihre Taten sein, auch wenn ihr in Uganda bisher der Erfolg versagt blieb, was sie vor allem auf religiöse Fundamentalisten zurückführt, die von amerikanische Evangelikalen finanziert würden, so sagte sie im Juni dem Stern, die von amerikanischen Evangelikalen finanziert würden. Dennoch hoffen die Preisrichter und Kongressveranstalter, dass die Thematisierung und Ehrung zur Verbesserung beiträgt. „Wir unterstützten die Aktivisten damit finanziell und können nur hoffen, dass der internationale Druck etwas verbessert. Damit wird ein politisches Signal gesetzt“, so Burmann.

Die geehrte Aktivistin selbst bringt die Themen, die sie beschäftigen und definieren, auf einen allgemeingültigen Punkt: „Erst einmal bin ich Frau, dann Lesbe, erst einmal bin ich Mensch, dann Frau, und die Menschenrechte, sind für alle da, unabhängig von allem.“
(pjd)

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