Interessante Zeiten?!

Über die generelle Insekurität im postmodernen Zeitalter

Als die kolonialisierenden Imperien zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts der Extreme in China eingriffen, um den Boxeraufstand niederzumähen und die Kontrolle nach dem großen Break-Up-Of-China 1898 zu behalten, da sagte der Legende nach ein Chinese – kurz bevor ein Brite ihm den Schädel unsanft entfernte – zu diesem: „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“

Interessante Zeiten? Was zunächst außerhalb des Kontext´ einen Glückwunsch suggeriert, entpuppt sich hier – und das ist auch wesentlich realitätsnäher – als Fluch. Es handelt sich um einen Fluch, der mit leichten Unterbrechungen bis heute Bestand hat.

Interessante Zeiten – was verheißen sie Politik, Gesellschaft und Kultur für gewöhnlich? Wenig Gutes! Was auch sonst?! Interessante Zeiten, das sind Zeiten, wo Spannung herrscht, wo sich Ereignisse überschlagen, besonders aber, wo alte Sekuritäten und Gewissheiten bedroht oder zerstört werden. Anfang des zwanzigsten Jahrhundert herrschte solch eine interessante, also unsichere Zeit mit eiserner Panzerfaust: Europas Hegemonialmonopol – seit Alexander dem Großen galt es als sicher – wurde von Japan und den USA als aufstrebende imperialisierende Mächte in Frage gestellt, ja, spätestens nach dem ersten Weltkrieg gebrochen. Die Hegemonie hatten nun Kapitalismus und Militär, egal wem sie dienten. Durch starke Aufrüstung und gegenseitige Hetze, attackierten die Großmächte sich nach einer relativ sicheren Friedensepoche wieder gegenseitig und durchtrennten auch die Sekurität des gebändigten Krieges, der einen stabilen Friedensschluss ermöglichte. Nein, vielmehr entstand der erste totale Weltkrieg. Und schließlich konnten sich auch die lange als sicher gehaltenen Monarchien in Russland und Deutschland nicht mehr halten, vielmehr entstanden dort, wie auch in Italien, zwischen 1917 und 1933 erstmals totalitäre Diktaturen – ein Modell, das sich später vor allem in Asien sehr gut fortpflanzen sollte. Schließlich wusste man lange Zeit auch nicht, wer welche Interessen verfolgte und wer wessen Freund und Feind war.

Auch die Wirtschaft hielt man für sicher, bis der erste Börsenkrach 1929 entstand, der nur langsam ausgebügelt wurde. Die Erschütterung dieser Gewissheit verursachte am Schwarzen Freitag sogar den Kollektivsuizid einiger naiver Börsianer, die an die kapitalistische Religion geglaubt hatten.

Viele Sicherheiten wurden bedroht und die Bedrohungen forcierten sich natürlich gegenseitig spiralförmig. Die ökonomische und internationale Insekurität und das Bedürfnis nach einer starken Hand, die die alte Sicherheit wieder bringen würde, forcierten etwa den Nationalsozialismus und den Faschismus.

Als jedoch auch der zweite totale Weltkrieg geschlagen war und die Anti-Hitler-Koalition gewann, sich in Japan, Italien, Westdeutschland und Österreich jeweils langsam ein demokratieähnliches Konstrukt herausgepresst wurde, da entstand zögerlich wieder eine sehr begrenzte, instabile Sicherheit für etwa 45 Jahre. Es kam der wirtschaftliche Aufschwung des sog. „Wirtschaftswunders“, es entstanden stabile militärische Bündnisse, Friedensbestrebungen, im Westen entstand ein gewisser Wohlstand und Zusammenhalt – die europäische Integration würde kontinuierlich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Erfolgsmodell sein -, klare Gesellschaftsmodelle etablierten sich, die von einer Majorität der Bevölkerung so unreflektiert angenommen wurden und es gab klare Feinde: Es bekämpften sich Osten und Westen, Sowjetunion und USA, Kapitalismus und Kommunismus, die gegenseitig um den Rest der Welt zankten, wie verzogene Gören um eine Puppe. Die Fronten waren klar zu sehen und der Konflikt verlief meist über Stellvertreterkriege.

Es war freilich nicht immer eine schöne Zeit, aber wohl für viele schöner, als die Zeit vor 1945 und für die meisten war die Zeit auch sicherer. Denn das Gleichgewicht des Schreckens bot immerhin eine gewisse, wenn auch sehr sensible und vulnerable Stabilität. Vieles auf der Welt schien sicher mit den Konfliktlinien. Der Kapitalismus war etwa zwar verwundbar, aber stärker als der Kommunismus. Der real existierende Sozialismus konnte sich durch Unterdrückung jedoch ebenso sicher halten, statt durch echte sozialistische Praxis. Sicher war, dass ein Angriff der Supermächte aufeinander mit dem nuklearen Holocaust und einer neuen postapokalyptischen Epoche enden würde – weshalb man die meiste Zeit auch davon absehen wollte. Außerdem waren in Westeuropa und Nordamerika diese Zeit friedlich, was auch Sicherheit versprach, vor allem nach dem schröpfenden Weltkrieg, der jedes Menschliche zu zerstören drohte. Viele der Variablen waren nun bekannt, waren fix. Zumindest glaubte man das und teils sehr realistische Vernichtungs- und Weltkriegsszenarien der berechtigten German Angst wurden heruntergespielt.

Die Gewissheiten fanden schließlich ein Ende. Der Terminus Wende, den wir in Deutschland dafür benutzen ist ein sehr passender, denn vieles änderte sich – auch die Sekurität, die Gewissheit, dass es so blieb wie es war. Nach einer langen Terrorherrschaft implodierte die Sowjetunion fulminant. Eine Supermacht wurde zerstört, der Ostblock löste sich auf und machte dem westlichen System und neuen Konflikten Platz. Der real existierende Sozialismus als Sicherheit, als Gewissheit starb – auf eine Art, die es Linken heute schwer macht, einen echten Sozialismus zu fordern, wo doch der real existierende Sozialismus für Versagen, Resignation und Repression steht. Die meisten Konfliktlinien, die sich der Kalte Krieg so schön gebastelt hatte – Ostblock, UdSSR, Sozialismus – und die die Welt spalteten, zu einem paranoid-schizophrenen Wesen, sie verschwanden. Einfach weg. Der Westen hatte obsiegt und war selbst perplex.

Für den Osten brachen wichtige systematische und symbolische Sicherheiten zusammen. In dieser Angst und Unsicherheit entstanden dadurch unsichere Regionen und Systeme mit ethnischen Konflikten und Kriegen, wie dem Kosovokonflikt. Das war die erste Unsicherheit, die erste zerstörte Gewissheit, die unsere Gegenwart nach der Epoche des Kalten Krieges in ihrem kalten Griff hat. Es versprach aber für alle tatsächlich eine interessante Zeit zu werden. Denn nun hatten der Westen und die USA – als lonely superpower – die Chance, erneut die Welt nach ihrem Willen zu formen. Jedoch war noch nichts sicher.

Heute nun leben wir in bedauerlich-interessanten und ergo unsicheren, vulnerablen Zeiten. Das kommt aber nicht nur vom Zerbröckeln und Zerbersten des Ostblocks. Viele osteuropäische Staaten wurden verwestlicht, viele neue Konflikte konnten nicht aufgehalten werden, aber im Großen und Ganzen hatten der Westen und sein kapitalistisches Wirtschafts-, Herrschafts- und Gesellschaftsmodell obsiegt – es grenzt schon an ein Wunder, dass man nicht „Heil dem Westen“ rufen musste. Die Welt wirkte en gros sicherer, stabiler. Wer oder was sollte nun den Westen noch aufhalten?

Er übernahm die Herrschaft und fühlte sich sicher dabei. Es schien, nach einer Überbrückungsphase der zernichteten alten Sicherheiten des Ostens, die Sicherheit des Westens global einzuziehen. Vielleicht wäre dies eine schöne, neue Welt geworden, glaubten sie. Ja, es wurde ja sogar verkündigt, dass die Sicherheit des ständigen Konfliktes vorbei sei, dass die Geschichte beendet sei, mit der neuen, letzten und nun globalen Demokratiewelle. Eine neue Zeit ohne Konflikt würde entstehen. Solche Sicherheiten wollte man natürlich gerne aufgeben, wenn das neue Modell dann mit eben solch einer Sicherheit, wie das alte abtrat, auch eintrat und das Vakuum ausfüllte … Doch sie haben sich alle betrogen …

Die erst unipolar erhoffte Welt wurde unsicherer, sie wurde multipolar. Uns ist allen bekannt, dass neue Konflikte entstanden, dass wir vermeintlich eine Zeit des Kampfes der Kulturen betraten. An Stelle der Ideologie, der Gesellschaftsmodelle traten nun Zugehörigkeiten der Religion und der Nationalität, der Volkstümlichkeit, der unter der Oberfläche weiter schwelende Klassenkampf wurde als abgeschafft deklariert – und es ist offensichtlich, dass nun hier mehr als nur zwei Gruppen um die Welt oder auch nur eine Region sich beim Morgengrauen der neuen Epoche duellierten. Nach 1990 hatte man sich erst sicher gewähnt, der Westen würde in der Welt einziehen. So fiel nun er, kurz nach dem Osten, in das Loch der Ungewissheit, der Unsicherheit, des Unwohlseins, als multipolare Konflikte ausbrachen, die westliche „Demokratie“ nicht überall einzog, vielmehr Regionen wie Asien und der Nahe Osten an Gewicht zunahmen, wo andere Größen, wie eben Religion, Nationalität und alte Abneigungen gegen die ehemaligen Kolonialmächte sich die Klinke bei Konflikten und Katastrophen in die Hand drückten. Der globale Frieden unter US-Hegemonie zerstob schon nach nur wenigen Jahren – selten war eine Sicherheit so schnell ad absurdum geführt geworden. Und auch der Einfluss des Westens sank in gewissem Maße, zugunsten Asiens, vor allem Chinas. Auch andere autoritäre Staaten gewannen wieder an Einfluss – etwa Russland, Saudi-Arabien etc. Landesgrenzen waren unsicher, Frieden und Krieg waren unsicher, ja, der nun seit über 200 Jahren sichere Aufbau und Status des Staates wurde unsicher, ob nun mit vagen Weltbürger- und Globalisierungstheorien der Anhänger der Postnation oder der Degradierung der Staaten zu Failed States, wo Warlords oder die Mafia den zertrümmerten Staat beherrschen, in einer destruierenden Zone des neuen mordsüchtigen, maroden, muffigen Mittelalters und darin um den ersten Platz spielen – mit Straßen aus Blut. In diesem Kampf der Kulturen, wie Samuel Huntington es nannte, ist wieder – wie auch im Kalten Krieg – der Sozialismus ein Leidtragender: Einst wurde er deskreditiert und nun gilt er schlicht international nicht mehr als maßgebend.

Bald wurde sogar im Westen selbst die eigene Sicherheit und Stabilität angegriffen, als er Teil dieser Konflikte wurde – er wurde auf grausame Weise hineingezogen in den Sog aus religiösen und ethnischen Konflikten, Krisen und Kriegen, indem zwei Flugzeuge mit je einem gezielten Stoß das World-Trade-Center wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen ließ. Der Westen verstand dies als Angriff auf den gesamten Kulturkreis oder noch schlimmer, ihren heiligen Kapitalismus durch den terroristischen Islam, der im Nahen Osten die Kontrolle wünschte, vor allem gegen das verzogene Kind des Westens, Israel, das selbst gerne gegen sein regionales Umfeld harte militärische, unangebrachte und völkerrechtlich verwerfliche Bandagen anlegt. Die militärische Sicherheit des Westens, der nur noch außerhalb der Region militärische Mittel einsetzen wollte, war ebenso verflogen. Es begann der War on Terror. Dabei wich auch der Westen von seinen Werten und völkerrechtlichen Idealen ab, um die westlichen Republiken mit antidemokratischen Mitteln – wie den westlichen Angriffskriegen gegen Irak und Afghanistan, den Folterungen in Guantanamo Bay und Abu Ghraib durch CIA und US-Militär sowie der Überwachung eigener und fremder Völker durch die NSA – zu verteidigen.

Seitdem gelten auch Atomwaffen nicht mehr als vager und fälschlicher Friedensgarant in einem Gleichgewicht des Schreckens, sondern werden endlich als zunehmendes Risiko betrachtet, in einer Welt mit Unmengen unsicherer und unbekannter Agenten und Akteuren, wo Terroristen, Warlords oder wahnsinnige Führer diese ohne Rücksicht auf Verluste einsetzen könnten.

Diese politischen Unsicherheiten kommen jedoch nicht allein. Auch die Gewissheit der Überlegenheit unseres Wirtschaftsystems vergeht endlich. Die Börsenspekulation und der neoliberale Turbokapitalismus brachten seit 2008 eine neue wirtschaftliche und finanzielle Krise, gefolgt von einer Krise des Euro und somit der europäischen Integration, die auch seit den 1950ern als sicheres Erfolgsmodell galt. Zwei Sekuritäten werden hier mit einer Klappe geschlagen, bleiben an ihr kleben, mit dem eigenen Lebenssaft – dem Geld. Zwar hat der freie Markt versagt und man müsste sich endlich eingestehen, dass der real existierende Neoliberalismus nicht besser ist, als es der real existierende Sozialismus war, es wäre tatsächlich Zeit, dass die Staaten auch diese unschöne Unsicherheit und Ungewissheit anerkennen, so wie man es bezüglich der Multipolarität und der Neuen Kriege spätestens seit 09/11 tut; jedoch tun die Regierungen dies nicht, denn die neoliberale Lobby lenkt die Regierungen nach wie vor und presst präzise ihre Entscheidungen durch – fast als sicher gilt hier nur noch, dass die USA nicht in ihrer ideologischen Verblendung und neoliberalen Kontrolle den freiesten Markt ablehnen würden, auch wenn dieser versagt und größtes Unglück bereitet.

Auch die Gewissheit, dass technischer Fortschritt ebenso wie die Wirtschaft ungehindert fortschreiten kann, wurde ad absurdum geführt. Eigentlich sichere Atomkraftwerke – also nicht auf dem Niveau von Tschernobyl – setzten lebensgefährliche Strahlungen in Japan aus, durch ein Erdbeben, das das Atomkraftwerk in Fukushima zerstörte. Und auch die deklarierte Atomwende gilt keineswegs als sicher. Gleichzeitig sorgen Vernetzung und Technikfortschritt dafür, dass nichts mehr sicher und stabil ist, sondern sich alles sofort ändern kann.

Die letzte Gewissheit schien bald, dass die arabische Region ein schwarzes Loch der Menschenrechte sei, eine Region, die gar nicht fähig sei zur Demokratisierung. Der Arabische Frühling, die Arabellion, hat uns eines besseren belehrt, als die Bürger anfingen, zu rebellieren, gegen ihre Herrscher, sie teilweise – nach blutigen Bürgerkriegen – verjagten oder sie hinrichteten und nun mehr oder weniger versuchen, Demokratien zu etablieren. Aber auch die Behauptung, nun kehre noch eine Demokratiewelle ein – diesmal im Nahen Osten – ist mehr als unsicher, denn wir wissen noch nicht, was aus den jeweiligen Staaten wird, die ihre Tyrannen abgesetzt haben. Es scheint in einigen Frühlingsstaaten sogar eher, als ob sie sich nur in andere autoritäre Kleider werfen oder in den Zustand des Dauerbürgerkrieges münden würden. Und unsicher wird die Region dort wohl noch eine gewisse Zeit bleiben.

Nun könnte man das Ganze mit der Plattitüde kontern, dass es eine Sicherheit gebe in der Welt, nämlich dass nichts sicher ist. Das Chaos wäre der Standard, die anerkannte Ordnung. Wer weiß, ob das nicht sogar fair wäre?! Aber nicht einmal das ist noch sicher in unserer neuen postmodernen Welt. Denn es ist nicht in Stein geschrieben, dass irgendwann wieder eine Epoche der Stabilität und Sicherheit einkehrt – und ob diese Zeit dann besser ist, ist ebenso unsicher.

Unsere Zeit ist sogar so unsicher, dass wir sie nicht mit einem eigentümlichen Begriff beschreiben können. Alles ist so variabel und unterschiedlich, dass kein gemeinsamer, stabiler kleinster gemeinsamer Nenner greifbar ist. Der Terminus Globalisierung scheint die Epoche zwar weitgehend zu beschreiben, ist jedoch selbst ein sehr unsicherer und schwammiger Begriff. Ansonsten können wir nur – wie einfallslos – altbekannte Begriffe verwenden und sie mit einem bezeichnenden Präfix auszeichnen, wie Postkolonialismus, Postnationalismus, Postmoderne, Postdemokratie, Postkommunismus, Postautonomie, Neofundamentalismus, Neoliberalismus, Neokonservatismus, Neofaschismus, Neomarxismus, Spätkapitalismus etc. Alternative, passendere Begriffe gibt es aber deswegen bislang nicht, was auch nicht verwundert, da die intellektuelle Elite sich ohnehin streitet, ob wir uns schon in der Postmoderne befinden und neue Begriffe brauchen oder ob die Moderne noch nicht vorbei ist (was den Grad an Grausamkeit, Ausbeutung und Leid betrifft, gab es ja nur wenige Veränderungen in den letzten hundert Jahren). Man könnte auch einwenden, dass es schon zuvor multipolare Epochen der Unsicherheit gab, an denen man sich orientieren könnte, für mehr Sicherheit, Stabilität und Begrifflichkeit (wie etwa die Wirtschaftskrise von 1929 und die Zwischenkriegsphase), jedoch ist der heutige Zustand der multipolaren, technisierten Globalisierung ein historisch schwer vergleichbares Phänomen in der neuesten Geschichte.

Was tut man also in dieser, in Relation zu anderen Epochen, so inkongruenten, interessanten, indefiniten, instabilen, unsicheren, unschönen, ungestümen und ungenauen Zeit? Das Bedürfnis nach Sicherheit und einfachen Antworten nimmt wieder zu, da die Größen, die Sicherheit garantierten, schwächeln oder verschwinden. Die Welt ist zwar immer unsicher und man sehnt sich in Fluss der Variablen nach einer Konstante, einem Fixpunkt, jedoch ist der Grad an politischer, sozialer, ökonomischer und kultureller Insekurität nun so groß, dass Stabilität – ob der stabil gehaltene Status Quo dabei gut ist, ist hier für viele leider nur peripher bedeutsam – das A und O werden. Das forciert etwa eine übermäßige Überwachung in den westlichen Staaten, Anti-Terror-Gesetze, die uns kontrollieren wollen, durch gegenseitiges Misstrauen. Das forciert auch einen gewissen Fremdenhass, vor allem auf Araber und Chinesen, mit dem sogar schon erfolgreich Wahlkampf gemacht wurde – etwa in den USA, Österreich, Ungarn und Frankreich. Das forciert, dass man ungerechte Wirtschaftsysteme lieber aufrechterhält, weil man Angst vor noch mehr interessanter Instabilität hat, wenn man nach Alternativen suchen würde. Das forciert, dass der Mensch im Privatleben nichts mehr wagen möchte, überglücklich ist, wenn er den Lebensstandart seiner Vorfahren beibehalten kann – Gesellschaft und Kultur wollen stabil sein und sind deswegen für positive Änderungen oder gar für revolutionäre Avantgarde nur selten bis gar nicht offen. Offen sind sie eigentlich nur noch, wenn das Risiko eines Schadens gegen Null geht. Das forciert, dass Produkte, die Sicherheit zumindest suggerieren und versprechen, einen Boom erleben, wie Versicherungen, Waffen, Gold etc. Doch was sollte man hier tun? Der Westen allein kann die Stabilität nicht wieder herstellen. Er kann nur versuchen, bei dem Versuch, sich selbst zu stabilisieren, sich nicht noch mehr zu verraten, die Menschenrechte zu pflegen, bei sich und im Ausland, im Krieg, im Terror, wo er – wie alle anderen – für seine Ideen, für seine Kultur metzelt, meuchelt, mordet. Und die Instabilität muss er anerkennen, solange sie besteht und da, wo es möglich und sinnvoll ist (wie beispielsweise beim Kapitalismus und den Atomkraftwerken) nach Alternativen suchen, bevor es noch Schlimmere tun. Von diesen beiden, schon immer schädlichen Gewissheiten, gilt es sich nun endgültig und freudig zu verabschieden. Wer aber meint, in der Unsicherheit würden Gesetzlichkeiten außer Kraft gesetzt und das könnte eine Chance zur Neugestaltung sein, der täuscht sich wohl. In der Instabilität, dem Chaos und einer Welt der vielschichten Konflikte, ist eine Verbesserung der Welt zu einer friedlichen Neugestaltung eher unwahrscheinlich, wenn auch nicht sicher ausgeschlossen. Zu viele Akteure, mit zu vielen verschiedenen Interessen mischen inzwischen am globalen Tisch mit – manchmal auch mit gezinkten Karten -, als dass ein friedliche Beseitigung der Unsicherheit möglich erscheint. Neue politische Handlungsfreiheiten sind bisher auch nicht entstanden, sie haben sich eher minimiert, denn wenn ein Schritt nach vorne gegangen wird, so ist wirft ein anderer Akteur einen schon einen Knüppel vor die Füße. Das scheint immerhin fast sicher. Dabei müssen wir leider anerkennen, dass wir ansonsten kaum noch auf irgendeine Frage sicher antworten können.

Ach, das alles wäre doch einfacher, wenn wir in langweiligen Zeiten leben würden. Aber vielleicht wünscht irgendwann ein Europäer auch einem der chinesischen Soldaten, die intervenieren, wenn die Europäische Union, genauso wenig wie die USA übrigens, die Schulden nicht mehr begleichen kann, interessante Zeiten. Hätten wir doch nur nie in China interveniert, vielleicht wäre dann alles noch sicher? – Sicherlich nicht!

Literaturverzeichnis

Crouch, Colin: Post-democracy, Cambridge et al. 2005.

Dingeldey, Philip J.: Theokratischer Frühling? Die Säkularisierung im Arabischen Frühling, in: diesseits-Online vom 01.06.2013, http://www.diesseits.de/aktuelles-heft/1370037600/theokratischer-fruehling-saekularisierung-arabischen-fruehling (Stand: 11.11.2013).

Dingeldey, Philip J.: Experiment gescheitert. Wir brauchen Alternativen zur Sozialen Marktwirtschaft, in: Potemkin-Zeitschrift vom 09.06.2013, http://www.potemkin-zeitschrift.de/2013/06/09/experiment-gescheitert-wir-brauchen-alternativen-zur-sozialen-marktwirtschaft/ (Stand: 11.11.2013).

Frankenberger, Rolf/ Meyer, Gerd: Postmoderne und Persönlichkeit. Theorie – Empirie – Perspektiven, Baden-Baden 2008.

Huntington, Samuel: The clash of civilizations and the remarking of the new world order, London 2003.

Todorov, Tzvetan: Die Angst vor den Barbaren. Kulturelle Vielfalt versus Kampf der Kulturen (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 1125), übersetzt von Utz, Ilse, Bonn 2011.

Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne, Berlin 72008.

von Philip J. Dingeldey

Dieser Beitrag wurde unter Bundespolitik, Debatte, Essay, Gastbeitrag, Kapitalismus, Kultur abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.