Wir konnten selber nicht freundlich sein

Über machiavellistische Elemente in Bertolt Brechts literarischem Werk
Es gilt als Binsenweisheit, dass der politische Philosoph Niccoló Machiavelli als unmarxistisch zu klassifizieren ist: Ein Denker, der reinen Opportunismus und pure Machtpolitik in seinem Hauptwerk Il Príncipe predigte, bar jeder Ethik, scheint moralphilosophisch ungeeignet. Und doch gibt es Elemente in Machiavellis Denken, die Einzug in den Marxismus fanden (unter anderem auch durch politische Denker, wie Antonio Gramsci) und speziell, aber implizit in das literarisch-fiktionale Werk des großen Dichters Bertolt Brecht.

Auf den ersten Blick negierte Brecht den Machiavellismus durchaus: Etwa schienen ihm macht- und mehrwertgeile öffentliche Akteure, sprich Kapitalisten und Nationalisten, als noch pejorativer, als ein gefräßiger Haifisch, der immerhin seine Waffen – die Zähne – offen zeigt und nicht die im Dunkeln – das Proletariat – schröpft oder missachtet, wie aus der Dreigroschenoper und den Kalendergeschichten hervorgeht, sodass der Hai gar zivilisierter als der Mensch sei.

Auf den zweiten Blick findet sich aber, so paradox es anmuten mag, im marxistischen Denken Brechts etwas Machiavellisches: Generell gibt es im Marxismus ein machiavellistisches Moment, wie Miguel Abensour gezeigt hat, nämlich die Abwendung von einem theozentrisch-mittelalterlichen, hin zu einem säkularen Weltbild, das das Politische theoretisch von der Religion befreit, wodurch selbst geistliche und andere Fürsten scheinheilig werden müssen, um die Macht zu erhalten und zu mehren. Diese Emanzipation des Politischen übernahmen der junge Marx und viele seiner Rezipienten, wie auch Brecht. Gramsci sieht etwa mit Machiavelli die autonome Politologie in einer systematischen kohärenten und konsequenten Weltauffassung platziert. Ebenso war das Politikbild Machiavellis, womit er das moderne politische Denken bis zum Klassenkampf antizipierte, ausgerichtet auf den Kampf, ob um Macht, Lebensformen, Anerkennung etc. Bei Machiavelli ist dieses Kampfbild auch nicht verwunderlich, entstammt sein politisch-philosophisches Werk doch aus den Kämpfen im Inneren der Republik Florenz, den Kämpfen zwischen den italienischen Kleinstaaten und den internationalen Kämpfen um ein europäisches Gleichgewicht. Bei Brecht zeigte sich das Kampfbild natürlich, da er aus einer Generation stammte, die stark durch die Wirren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt wurde, inklusive Faschismus, zweier totaler Weltkriege sowie der Unterdrückung und Ausbeutung des Proletariats.

Zusammen mit Machiavelli, und auch dessen marxistischen Rezipienten Gramsci, lehnte vor allem Brecht generell den Moralismus ab, da dieser in der politischen Realität unpraktisch sei. So verurteilte Brecht in seinem posthum veröffentlichten Werk Me-ti – Das Buch der Wendungen die Ethiken. Es handelt sich dabei um ethisch-pädagogische Lehren, die Brecht gezogen hat, die er dem antiken chinesischen Philosophen Mo-zi in den Mund legte, um die Fragen nach Erziehung, Moral und der Realisierung des Sozialismus zu beantworten und dialektische Handlungsanweisungen zu geben: Abgesehen von absolut verkommenen Zuständen, wo ein moralischer Held unverzichtbar sei, wäre ein sinnvolles Gebot lediglich die Produktivität und Selbstverwirklichung im umfassenden Sinne, was aber keine explizit erlassene Regel bräuchte, sondern sich selbsterkläre. Brecht und Machiavelli widersprachen den Moralisten, da ein Moralisieren schädlich oder tautologisch sei, wobei Brecht die Ausnahme der Verkommenheit akzeptierte, von der bei Machiavelli keine Rede war. Brecht war auch kein Amoralist, wie man es Machiavelli unterstellen könnte: So bemerkte Brecht, dass ein Gangster zwar der geschriebenen Moral der obersten Klassen widerspreche, aber dadurch deren faktischer Unmoral folge. Ebenso schildert er im Me-ti die den Marxismus verratenden, antiethischen Züge des Stalinismus und betreibt damit auch eine Kritik, nicht am Marxismus, aber am sowjetischen, real existierenden Sozialismus. Dadurch entfernte er sich jedoch nicht weit von Machiavelli, da es letzterem auch darum ging, dass der Fürst sich moralisch korrekt gibt und die Unmoral im Volke verurteilt, aber selbst nicht moralisch sein muss oder darf, dies jedoch freilich nicht aussprechen soll. Erstaunlicherweise sprach gerade Machiavelli mit diesem Ratschlag jene Scheinheiligkeit aus und entlarvte mit seiner Anleitung, wie Brecht, die Unmoral der Herrscher. Durch das Enthüllen und Explizieren angewandter, unmoralischer, impliziter Politikprinzipien zeigte Machiavelli sich sogar antimachiavellistisch, da machiavellistische Politiker dieses Verhalten ja gekonnt nicht zugeben würden. Brecht ging jedoch noch weiter und unterschied im Me-ti zwischen Moralismus und Moral, indem er bemerkte, es schade der Moral, zu lange über sie zu diskutieren. Ihm schwebte also eine praktikable, nichttheoretische Moral vor, die nicht von kategorischen Moralaposteln gestört werde. So würde Machiavelli, zusammen mit Brecht und Gramsci, den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant ablehnen. Gramsci lehnte ihn ab, da die geschichtsmaterialistische Frage vor der ethischen Frage Priorität habe und letztere daher keinen kategorischen Anspruch erheben könne. Auch für Machiavelli galt die Frage nach der Herrschaft als vorrangiger als die Ethik und Brecht zog mit Gramsci aus der Differenz zwischen Ethik und Materialismus die marxistische Hypothese, dass der Proletarier den Bourgeois gar nicht kategorisch gleich behandeln könne und vice versa.

Ein nicht primär ethisches, dubioses, doppelmoralisches Denken, wie es auch Machiavelli zeigte, legte Brecht ebenfalls an den Tag, wenn er die Notwendigkeit der Folgsamkeit gegen eine übermächtige, repressive Obrigkeit postulierte, da per friedlichen Widerstand kleiner Gruppen ein Unrechtsregime nicht bezwungen werden könne – eine rein machtpolitische Kalkulation. So lobte er gar die Rückratlosigkeit seines Herrn Keuner, der sich ergo vom System nicht brechen ließ, nur um im Geheimen weiter zu agieren oder zu dienen, ohne dies zuzugeben. Politische Wendehalsigkeit zeigt sich auch wieder beim Me-ti: Der Terminus Wendung in der Titelei bedeutet nicht nur historisch-revolutionäre Wendungen, sondern auch, wie ein Wendehals für sein eigenes Überleben zu kämpfen und dabei Moralphilosophien oder kategorische Idealismen zu ignorieren. Machiavelli schrieb dem Fürst die Stärke und Dominanz des Löwen und die Intelligenz und List des Fuchses zu – beide Eigenschaften wären nötig. War ein Tyrann ein solcher Löwe, so war es für Brecht unfuchsig, sich dem offen zu widersetzen und dann vernichtet zu werden, da Intelligenz und Stärke vereint erst eine Revolution bringen könnten. Machiavelli predigte etwa auch, dass man es vermeiden solle, fremde ebenbürtige oder stärkere Mächte in den eigenen Staat zu lassen. Für ihn zählt ja ebenso primär, dass sich der Fürst politisch behaupten kann, durch Stärke und Intelligenz und dabei nicht nur als Scheinheiliger, sondern auch als Wendehals zu fungieren. Denn wie Herr Keuner, müsse der machiavellistische Fürst ein „Meister der Verstellung und Falschheit“ sein – eine brechtianisch-machiavellistische Position, die moralisch zum Himmel schreit. Auch Gramsci hat ja per Machiavelli eine Analyse von Machthierarchien vorgestellt, anhand der Faktoren territoriale Ausdehnung sowie ökonomische und militärische Kraft. Etwas undeutlicher und weniger analytisch, findet man eine solche machiavellistische Kalkulation von Hierarchien und Mächten also auch bei Brechts Frage des politischen (Nicht-)Widerstandes. Brecht selbst lebte Übrigends nach dieser machiavellistischen Devise, indem er etwa moderat die DDR-Regierung kritisierte, unter grundsätzlicher Affirmation des Sozialismus, wie beim Volksaufstand des 17. Juni 1953, oder indem er generell sozialkritische Dramen verfasste, die dann im Berliner Ensemble mit jedem Satz implizit, aber vor Empörung schreiend die Diktatur anprangerten.

Ein zweiter Faktor, der bei beiden prägnant ist, ist die Wichtigkeit des Volkes. Bei Machiavelli musste der Fürst verschiedene Gruppen auf seine Seite ziehen, wie Militär, Adel und Volk, wobei das Volk angesichts seiner Masse eine entscheidende Größe sei und ein Volksfürst um die Liebe des Volkes zu buhlen habe, damit es ihn nicht im Stich lasse und einen Feind unterstütze; ein feindlich gesinntes Volk sei eine unbesiegbare Gefahr, einen feindlichen Adel könne man noch liquidieren, dafür wäre das Volk zu groß. „Daher muss ein kluger Fürst dafür sorgen, dass seine Bürger unter allen Umständen und in allen Zeitläufen ihn und den Staat nötig haben; dann werden sie ihm stets treu bleiben.“ Das Volk war bei Brecht auch nicht nur die Größe, die bei einer Revolution gewonnen werden müsse, sondern von ihm ging auch stets eine Gefahr für die Herrscherklasse aus, die Brecht zwar wie Machiavelli herausarbeite, aber positiv konnotierte. So bedrohte in der Dreigroschenoper auch der Bettelfürst J. J. Peachum den Staatsbeamten Brown mit der verarmten Masse des verarmten Londoner Pöbels und seiner Gesichtsrosen, anlässlich der Krönung der Königin, sollte Brown nicht Mackie Messer hinter Gitter bringen.

Auch sein pessimistisches Menschenbild mutet machiavellistisch an: So stellt Brecht in der Dreigroschenoper öfter fest, dass der Mensch – durch den sozialen Kontext – schlecht werde („Wie wären gut, anstatt so roh/ Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so“). Daher sei dem Mensch auch das Glück entzogen und durch seine Schlechtigkeit dürfe man ihn auf den Hut hauen. Was hier sarkastisch, emanzipativ und unsystematisch behauptet wurde, war bei Machiavelli aber repressiv und formalisiert: Zu pädagogischen Zwecken und dem Machterhalt des Fürsten, propagierte er die Unterdrückung. So schrieb Machiavelli etwa, dass ein Herrscher eine Rebellion zum Anlass nehmen solle, „sich durch strenge Maßregeln zu sichern, die Schuldigen zu strafen, Verdacht aufzuklären und an schwachen Stellen Vorkehrungen zu treffen“. Dabei dürften auch ehemalige, nun enttäuschte, verfeindete Sympathisanten über die Klinge springen.

Dieses Menschenbild zeigte aber auch die Unmöglichkeit gut zu sein, wenn man etwas verändert oder beweget, auch in Richtung Sozialismus – quasi die Notwendigkeit der Gewalt zur Revolution bei Brecht und zur Erringung und Konsolidierung der Macht bei Machiavelli. So hat Hannah Arendt festgestellt, dass Brecht unisono mit Machiavelli bilanzierte, dass der, der politisch agieren wolle, lernen müsse, nicht gut zu sein; eine zweideutige, oft missverstandene Haltung. Bei Machiavelli zeigte sie sich deutlich und antimoralisch bei folgendem Zitat: „Denn ein Mensch, der in allen Dingen nur das Gute tun will, muss unter so vielen, die das Schlechte tun, notwendig zu Grunde gehen.“ Die schlimmste Sünde sei daher das Mitleid. So solle der Fürst zwar tugendlos sein, aber nicht als solcher gelten. Und keine Herrschaft stünde ohne Waffen sicher, „denn wer keine Kräfte hat, die ihn im Unglück schützen, hängt ganz von Schicksal ab.“

Diese Haltung zeigt sich auch in zahlreichen Texten Brechts: Die Quintessenz des Dramas Der gute Mensch von Sezuan ist etwa, dass die mitfühlende Protagonistin Shen Te Bedürftigen finanziell hilft, bis der Bedarf über ihre Ressourcen hinauswächst und sie gezwungen ist, ein Alter Ego in Form ihres geizigen, gefühllosen Onkels zu erschaffen, um bestehen zu können. In Gestalt dieser Verdopplung respektive schizoider Spaltung der Shen Te in die gute Shen Te und den verhassten Shui Ta zeigt sich besonders gut die Dialektik der Moral. Es handelt sich also um kein moralisches Stück, sondern um eine dramatische Untersuchung und Demonstration der sozialen Konditionen von Moral und Ethik. Das belegt auch folgende, doppelmoralische Strophe: „Warum sagen die Götter nicht laut in den oberen Regionen/ Daß sie den Guten nun einmal die gute Welt schulden?/ Warum stehn sie den Guten nicht bei mit Tanks und Kanonen/ Und befehlen: Gebt Feuer! Und dulden kein Dulden?“ Das Moralisieren lehnten Brecht und Machiavelli ab. Der dramatische Konflikt bei Brechts Stücken, so Arendt, ist, dass die, die Mitleid haben, nicht gut sein können, beim Weltverbessern. Dazu passen erneut Verse aus der Dreigroschenoper: „Ja da kann man sich doch nicht einfach hinlegen,/ Ja da muss man kalt und herzlos sein.“ Für Brecht besteht also eine Notwendigkeit zur Gewalt, zum Zwecke eines größeren Wohls, denn, wie es in Die heilige Johanna der Schlachthöfe heißt: „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht.“ Darauf baut er beim Me-ti auf und unterfüttert den Aspekt des nötigen Mangels an Empathie: „Wenn er das Elend der Ausgebeuteten und Unterdrückten sah, entstand in ihm ein Gefühl, das er sogleich in Zorn verwandelte. Das gleiche Gefühl wird bei unwissenden Naturen zu Mitleid.“ Der intelligente Revolutionär dürfe also zornig sein auf die politisch-soziale Ungerechtigkeit und dies in revolutionäre Energie umwandeln, aber Mitleid war für Brecht und Machiavelli absolut kontraproduktiv. Machiavelli lehnte natürlich jede Emotionalität im politischen Kalkül ab. Man dürfe natürlich die Emotionen des Adels und des Volkes wecken und pflegen und sich selbst empathisch mimen, aber im Endeffekt solle doch der kühl-rationale Sachverstand agieren, jedoch nicht um ein ideales, revolutionäres Ziel zu realisieren, sondern wie immer um den bloßen Willen zur Macht. Jedoch ging es bei beiden nicht ohne Gewalt; so schrieb auch Machiavelli, dass bei und nach der Machterringung, nicht nur das alte Herrschergeschlecht, sondern auch alle Unzufriedenen eliminiert werden müssten.

Noch krasser, aber dafür weitgehend verfehlt, schilderte Brecht die Notwendigkeit zur Schlechtigkeit, um die Welt politisch zum Guten zu wenden, in seinem Lehrstück Die Maßnahme, in dem ein moralisch einwandfreier Revolutionär durch sein Mitgefühl der Partei schadet und vier seiner Genossen ihm vorspielen und überzeugen, warum er nicht gut sein darf, um Gutes zu erreichen, sondern – und hier führt er auf wenigen Seiten das epische Theater und dessen Ideal des kritischen Denkens ad absurdum! – der Partei, die tausend Augen habe, folgen müsse, um als Teil dieses organischen Apparates revolutionär die Welt zu ändern. Ergo wird der Genosse hingerichtet. Die Menschenwürde galt also bei Brecht und Machiavelli, ganz anders als bei Kant, nicht als deontologisch und intrinsisch-normativ, sondern als relativistisch-materialistisch. So heißt es ganz unmoralisch in der Maßnahme vom Sowjetsystem „Ich weiß nicht was ein Mensch ist/ Ich kenne nur seinen Preis.“ Auch beim Me-ti wird schließlich der gute Mensch an die Wand gestellt, aber wegen seinen Verdiensten „Und guten Eigenschaften/ An eine gute Wand und dich erschießen mit/ Guten Kugeln guter Gewehre und dich begraben mit/ Einer guten Schaufel in guter Erde“.

Die Unmoral dieser Welt mache also auch die Gewalt notwendig, um diese Missstände effektiv zu bekämpfen. So heißt es auch in Die Ausnahme und die Regel „In dem System, das sie gemacht haben/ Ist Menschlichkeit die Ausnahme./ Wer sich also menschlich erzeigt/ Der trägt den Schaden davon.“ Und in Die Tage der Kommune wird dies sogar auf den simplen Slogan „Gewehre oder Ketten“ reduziert. Machiavelli legitimiert die Gewalt ebenso als Notwendigkeit, um Italien endlich zu vereinen, mit einem Zitat, nämlich „Denn dieser Krieg ist gerecht und notwendig, und die Waffen sind heilig, wenn auf nichts als sie zu hoffen ist.“

Zwar hat schon Gramsci bemerkt, dass der moderne Fürst kein Individuum mehr sein kann, wie bei Machiavelli, zu dessen Zeit es noch normal war, dass sich ein Fürst über das passive Volk erhebt, sondern ein Organismus werden müsse, in dem mittels eines jakobinischen Parts sich ein Kollektivwille konkretisiere, und zwar nicht unter nationalen, sondern restaurativen oder reorganisierenden Strukturen. Der moderne Kollektivfürst widme sich dabei vor allem intellektuellen und moralischen Reformen. Ein solches organisches, nichtnationales, Machiavelli entlehntes Fürstenkollektiv könnte auch eine Partei darstellen, wie bei Brechts Maßnahme, sprich, eine Partei, die auch erzieherischen, bildenden und strafenden Druck auf den Kollektivmenschen ausübe. Jedoch wurde innerhalb einer solchen Fürstenpartei der charismatische oder schicksalhafte Führergedanke von Gramsci und Brecht abgelehnt. Die Maßnahme schildert diese Partei jedoch als nahezu unfehlbar und sie darf, wie der machiavellistische Fürst, töten. Ein erschütternder Gedanke, von dem bei Gramscis Interpretation von Machiavelli Übrigends nicht die Rede ist. Die Legitimation der fast fehlerlosen und zur Hinrichtung eines moralischen Genossen autorisierten Partei bei Brecht erscheint nicht nur durch die Fürstenideale der Partei als überbordend machiavellisch; nein, Brecht enthüllte damit immerhin auch die grausame und blutige Agitation und Selbstlegitimation der Herrschaftsapparate des Sowjetsystems so wie Machiavelli das unmoralische Verhalten der spätmittelalterlichen Monarchen, sogar mit der Nennung zahlreicher Beispiele, demaskierte. Damit war Die Maßnahme sowohl den Feinden als auch den Anhängern des Sowjetsystems ein Dorn im Auge, so wie auch der Principe für Anhänger und Gegner machiavellistischen, amoralischen politischen Handelns generell.

Brechts Werk hat einige machiavellische Momente, die man auch als politischen Realismus klassifizieren könnte, jedoch ohne in eine krude, essenzlose Machtpolitik zu verfallen, sondern um mit einem dialektischem Handeln die Welt (revolutionär) zu verändern – ob es sich um die säkulare, autonome Politik als öffentliche Form des Kampfes, ob es sich um das Negieren von theoretischen, kategorischen Moralismen, ob es sich um die opportunistische Konformität gegenüber bestehenden, übermächtigen Machtzuständen und -hierarchien, ob es sich um den Respekt gegenüber der Volksmasse als staatstragende und revolutionäre Größe, ob es sich um ein pessimistisches Menschenbild, ob es sich um die Notwendigkeit zur Schlechtigkeit und Nonempathie im politischen Agieren oder auch um das Enthüllen impliziter, amoralischer politischer Agitation handelt. Dieses Machiavellische, aber Nichtegoistische bei Brecht kann für die marxistische Theorie und Praxis im Nachhinein die neuzeitlichen Revolutionen – aber nie die meist ebenso inhumane postrevolutionäre Phase – partiell legitimieren. Solche (paradoxalen?) Ambivalenzen – schlechte Taten zur Besserung der Welt – passen auch sehr gut in die Konzepte der Verfremdung im epischen Theater, da solch offensichtlich befremdliche Stellungnahmen zum kritischen Hinterfragen förmlich einladen. Durch den Brechtschen Machiavellismus wird das experimentelle Theater erst mit der Verfremdung belebt. Jedoch darf das Nichtegoistisch-Machiavellistische nicht übertrieben werden, sodass man sämtliche Entscheidungen und Verantwortungen auf eine löwenstarke und auch fuchsig-schlaue Fürstenpartei abwälzt. Dadurch kann man auch mit der Perspektive von Brecht und den Worten von Gramsci für Machiavelli sagen, dass er so etwas wie ein prämoderner Marx der Bourgeoisie war. All dies pointiert das Gedicht An die Nachgeborenen brillant: Dort bilanziert das lyrische Ich, dass es die Ungerechtigkeit zu bekämpfen suche und dabei auch roh werde. Das poetische Fazit, als Appell an eine (bis heute fiktive) reziprok-solidarische Generation, lautet:

„Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

[…] Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.“

Verwendete Literatur:
Abensour, Miguel: La Démocratie contre l´etat. Marx et le moment machiavélien, Paris 2004.
Arendt, Hannah: Menschen in finsteren Zeiten, München/ Zürich 2012.
Brecht, Bertolt: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, 31 Bde., herausgegeben von Hecht, Werner et al., Berlin/ Frankfurt a. M. 1998.
Dingeldey, Philip: Brecht und Machiavelli, in: eXperimenta, Nr 1/2014, S. 36-38.
Gramsci, Antonio: Gefängishefte, Bd. 7, herausgegeben von Bochmann, Klaus/ Haug, Wolfgang F./ Jehle, Peter, Berlin/ Hamburg 1996.
Haug, Wolfgang F.: Philosophieren mit Brecht und Gramsci, Berlin/ Hamburg 1996.
King, Ross: Machiavelli. Philosopher of Power, New York 2007.
Machiavelli, Nicolló: Il principe/ Der Fürst. Italienisch/ Deutsch, herausgegeben von Rippel, Philipp, Stuttgart 1986.
Münkler, Herfried: Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens aus der Krise der Republik Florenz, Frankfurt a. M. 21990.

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