Lanz Dämmerung

In der Republik geht schon seit vielen Jahren das Gerücht um, dass politischer Fernsehjournalismus oft keine Trennschärfe mehr zu einem reinen Unterhaltungsprodukt habe. Politik sei ein Fernsehereignis, welches sich dem gängigen Schema schauspielerischer Darbietungen anzupassen habe und ein Spitzenpolitiker müsse eben auch komödiantisches oder tragisches Talent haben. Um sich im Auf und Ab der Zuschauergunst einen Platz im Olymp der verschworenen Gemeinschaft derer zu sichern, die im Fernsehen für ihre Partei Politik „machen“ dürfen.

Da passt es gut, dass der beliebteste Moderator in der deutschen Fernsehlandschaft Günter Jauch ist und allein das sollte kulturkritische Kräfte beunruhigen.
Im Bereich des durch Werbeeinnahmen finanzierten Restmediums der Privat- und Konzernsender tummeln sich ähnlich illustre Figuren, wie etwa Stefan Raab, die uns immer wieder Formate präsentieren, die die Vereinfachung von Machttechniken demonstrieren. Die schöne neue Welt ist also gar nicht von neoliberalen Intelligenz-Sapiens dominiert, sondern präsentiert sich im Zentrum der Gesellschaftssuggestion als brachial hedonistisches Konkurrenz- und Ausscheidungsfernsehen.

Ein elektromagnetischer Darwinismus, der vor allen Dingen davon lebt, dass die Kulturanschauungen über Partei- und Ideologiegrenzen hinweg, immer als Beherrschungsdiskurs über die Aggregate der Moderne gedacht werden. Selbstreflexion ist somit völlig fehl am Platz. Es ist auch nicht mehr nötig hinter die Fassade der eigenen Lebens- und Weltanschauung zu blicken. Bereits die Darbietung von Menschen im ultimativen Konkurrenzkampf oder die seelenlos kommentierte Präsentation von Medienkollegen und Fernsehkonsumenten als Masse von Intelligenzversagern und Versprecherautomaten soll das Publikum davon überzeugen, das alles gar nicht so schlimm ist.

Hier ist keiner schlauer oder dümmer als der Nutzer des immer noch beherrschenden Massenmediums der Moderne. Sowohl Produzenten von massenmedialen Ereignissen, als auch deren Konsumenten agieren auf der gleichen Lächerlichkeitsstufe. Denn schlussendlich sind auch Raab & Co. nicht schlauer als ihre Zuschauer, sondern einfach nur ehrgeiziger. In Zeiten unsicherer Werteverbindlichkeit scheint eins gewiss: Im Mainstreamfernsehen ist niemand intelligenter als der Endverbraucher des kruden Produktes Fernsehunterhaltung.


Komplexes soll also gar nicht mehr einfach dargestellt werden, vielmehr wird Komplexität in den Realitäten der Kulturtechnik Fernsehen grundsätzlich negiert. Nichts ist schwierig, alles kann einfach verstanden werden. Das Medium passt sich der intellektuellen Bequemlichkeit des Durchschnittsbetrachters an und erzeugt damit in einem Wechselwirkungsprozess die Selektionsmerkmale, wer im Fernsehen Präsentationsqualitäten hat und wer nicht.

Und weil Politik heuer ein ebenso mediales Spektakel ist, gleichen sich politische und fernsehjournalistische Akteure immer mehr an. Als Gesprächsautomaten im Dauerstress den Banalitäten der bürgerlichen Moderne eine immer neue Aktualität von grundsätzlicher Bedeutung andichten zu müssen.
Dies vorausgeschickt verwundert die aktuelle Entwicklung um eine sogenannte Petition, die sich gegen den ZDF-Moderator Lanz richtet schon ein wenig. Weniger der Erfolg ist verwunderlich, sondern der Grund des Aufbegehrens.

Nein, kein Aufstand gegen die Institution Fernsehen als Banalisierungsmoloch der Zivilgesellschaft und auch kein politisches Aufbegehren gegen die Zumutung, dass kritischer und kontroverser Journalismus beim ZDF offensichtlich keine Heimstätte hat. Die Empörung bricht sich daran, dass wenn schon einmal kritisch eingehakt wird oder vermeintliche Benimmregeln nicht eingehalten werden, das nicht allzu naheliegende Opfer Sahra Wagenknecht heißt.

Ein Opfer also, welches selber Vermarktungsexpertin in eigener Sache ist. Daher ist Wagenknecht nicht dafür bekannt, sich einfach unterbuttern zu lassen. Wer sich das vermeintlich wichtige Ereignis auf der ZDF-Mediathek genauer anschaut (wer schaut sich eine Sendung wie Lanz schon live an, wahrscheinlich nur Wagenknecht selber), der wird erkennen, dass auch Wagenknecht austeilen kann und höchstselbst versteht, wie Redebeiträge Dritter gezielt unterbrochen werden. Sie ist noch viel weniger ein hoffnungsloser Fall, wenn es darum geht unterkomplexe Phrasenmonster zu generieren.

Die Sendung war dank und mit Wagenknecht belanglos und auch Journalist Jörges, den sich die Bundestagsfraktion der Linken auch schon mal eingeladen hatte, um den Umgang mit der Öffentlichkeit zu verbessern, entpuppte sich bei genauer Beschau nicht als sachkundiger Kritiker Wagenknechts, sondern als selbstinszenierender König Salomon mit versagender Rechtsmittelinstanz.

Alles halb so wild möchte mensch meinen. Mit nichten. Mehrere zehntausend Personen unterstützen seit dem besagten Fernsehereignis nun online eine Petition, die sich dafür einsetzt, dass Lanz umgehend beim ZDF ein Auftrittsverbot erhält. Denn Lanz soll angebliche Benimm- und Objektivitätsregeln gebrochen haben.
In der Diktion dieser Petition darf kritischer Journalismus scheinbar nur dann ein Bestandsrecht haben, wenn er linksgestrickt daherkommt oder die Kritisierten die Gestaltungshoheit darüber haben, wie sie kritisiert werden.

Die Frage, ob Wagenknecht das Schicksal ihrer Klasse teilt, ist immer dann unredlich, wenn sie den Funktionären der Bauern- und Arbeitermacht gilt. Und es ist auch sofort patrimonial, wenn Männer Frauen rhetorisch in die Schranken weisen oder dies, wie im Falle Wagenknecht, zumindest versuchen. Die notwendige Konsequenz aus einem solchen Verhalten kann natürlich auch keine geringere sein, als die sofortige Suspendierung des Delinquenten aus dem öffentlich-rechtlichen Raum zu verlangen.

Einer wie Lanz hat sein Recht auf freie Meinungsäußerung, ja eigentlich auf eine eigene Meinung, im Wirkungsmedium Fernsehen verwirkt.
Wäre ja noch schöner, dass es sich ein Journalist wagt eine Funktionärin der Linken hart anzugehen. Meinungsstreit scheint eben nicht mehr nur Meinungsfreiheit des Andersdenkenden zu sein. Gerade im halluzinierten Mehrheitsrausch der Betroffenheitslinken aus der digitalen Onlineparallelwelt. Wo Protest nur einen Klick auf Maus- und Tastatur notwendig macht, da fühlen sich die Verlierer tatsächlicher Geltungsmacht noch hegemonial.

Vor allen Dingen dann, wenn es um eigentlich belangloses geht. Dass da hochkomplexe Themen mit einem, mit Verlaub, penetrant spießigen Aufruf, mal wieder unterkomplex abgehandelt werden. Wen stört es, wenn sich Gevatter Empörung und Mutter Selbstgewissheit zu einer anonymen Masse des rot-spießigen Volkszorn vereinen. Und ja, Meinungsfreiheit, warum sollte die Berechtigung haben, wenn sie der Kritik selbsternannter Ikonen linker Lebensgefühle gilt.


Dass es dann eigentlich nur um die eigenen mickrigen Beiträge zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Fernsehen geht, die nicht an Lanz verschwendet werden sollen, rundet das Bild eines kleinbürgerlich spießigen Klickmobs ab, der sich widerstandslos jeden Fernsehschrott unkritisch ins Gehirn implantieren lässt, aber beim Schlagabtausch Wagenknecht gegen Lanz die Prinzipien des Abendlandes für gefährdet hält.
Es mag jedem freistehen sich für was auch immer zu engagieren. Wer aber den Erfolg der aktuellen Hasskampagne gegen Lanz mit dem mühseligen Zusammenkommen der notwendigen 50.000 Unterschriften für die Petition gegen die Hartz-IV- Sanktionen vergleicht, der fragt sich schon noch, wo eine linke Onlinegemeinde im Zusammenspiel mit spießbürgelrichen Beitragszahlungsempörten und radikaldebilen Aushilfssittenwächtern hinwabbern möchte.

Denn eins bleibt beim Aufspüren von vermeintlichen Wagenknechtkritikern im öffentlichen Raum scheinbar unbemerkt: Die Linke zeigt auf niedrigstem Niveau, wie sie sich den Umgang mit ihren Kritikern wünscht, wenn sie mal wieder tatsächlich politische und gesellschaftliche Mehrheiten ausüben würde. Warum im Zusammenhang mit einem völlig belanglosen Fernsehereignis daher einige Mandatsträger der Linksfraktion von einem politischen Erfolg für Partei und Wagenknecht schwadronieren bleibt unklar. Gerade die Aufmerksamkeit und das machtbesoffene Aufspringen auf einen unüberlegten und banalen Anschlag auf die journalistische Meinungsfreiheit ist eine selbstdemaskierende kulturelle Niederlage für linke gesellschaftliche Kräfte. Es zeigt sich, dass weite Teile des linken Milieus nichts aus der eigenen Geschichte gelernt haben oder lernen wollen.

(jpsb)

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