Aus der Redaktion: Im Gespräch nach Hamburg

1939166_255510224618675_154395347_oDie Potemkin Redaktion zieht eine positive Bilanz über ihre Arbeit auf dem Hamburger Parteitag. Gleichwohl bleiben Fragen zurück. Ein kleines augenzwinkerndes Streitgespräch mit Interviewcharakter aus der Redaktion zwischen Thorsten Kuhn (twak) und Juan P. Sanchez Brakebusch (jpsb) dokumentiert dies.

twak: Es gab durchaus Kritik an deiner Nachbetrachtung zum Hamburger Parteitag. Gerade jetzt wo Du in den Landesvorstand des FdS Niedersachsen gewählt wurdest, gilt dein Text als wenig loyal gegenüber der Strömungsführung auf Bundesebene.

jpsb: Der Text wäre so sicherlich nicht geschrieben worden, wenn wir nicht in Hamburg vor Ort gewesen wären. Zwei Tage Phrasendauerbombardement verändert Menschen (lacht).

twak: Bitte ernsthaft!

jpsb: Okay. Die Partei ist ein Spiegel der Verhältnisse, die sie ändern will. Dies kann als Schizophren oder als Paradox bezeichnet werden. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus Beidem. Dies bleibt sie auch, wenn mensch erst kürzlich einer Strömung beigetreten ist. Für einen Parteitagsbeobachter sind diese Betrachtungen der Nektar, aus denen sich eine Reflexion solcher Ereignisse nährt. Sonst hätte ich mir auch den Livestream gemütlich von meinem Arbeitszimmer aus anschauen können.

twak: Und hast Du keine Sorge, dass dir solche Texte in der Partei schaden?

jpsb: Wer die Partei so kritisiert, wie ich das seit Jahren tue, der muss sich außerhalb ihres wirtschaftlichen und sozialen gravitativen Wirkungsfeldes entfalten, ansonsten müsste er mit dem Gefühl klar kommen in Isolationshaft zu leben.

twak: Isolationshaft oder anderes Ungemach. Potemkin wird ja gerne unterstellt, dass der Blog vom Verfassungsschutz finanziert wird.

jpsb: Ja, das mit dem Verfassungsschutz ist eine beliebte Vernichtungsrhetorik die linken Abweichlern gilt. Nicht viele sind so intelligenzbefreit dies offen zu behaupten, wie etwa der offizielle Mitarbeiter des niedersächsischen Umweltministeriums Michael Braedt. Diese Methode wirkt eher hinten rum, wie ein schleichendes Gift. Sie ist auch deshalb so erfolgreich, da sich linke Funktionäre scheinbar Parteimitglieder nicht vorstellen können, die Politik aus purer Leidenschaft entweder machen oder begleiten. Gerade Linke rühren oft ohne Bezahlung keinen Finger, da macht sich jeder verdächtig, der viel Freizeit ohne Gegenleistung oder gar beruflichen Perspektiven in die Partei investiert. Die Linke ist voll von Personen, die für sich oder Angehörige und Freunde nach Arbeitsplätzen geiern.

twak: Aber Liebich hat sich persönlich für deine Wahl in den Vorstand des FdS in Niedersachsen eingesetzt. Hast Du nach deiner Nachbetrachtung zum Hamburger Parteitag kein schlechtes Gewissen?

jpsb: Das mit Liebich hat mich damals selber überrascht. Aber ich glaube kaum, dass ich auf der Wahrnehmungsschwelle arbeite, dass ihn meine Manöverkritik am Hamburger Parteitag irgendwie interessiert. Auf der anderen Seite sollte kein Schulterschlag eines Spitzenpolitikers einen dazu verleiten gleich dessen Lied zu singen. Noch weniger sollte mensch sich dazu motiviert fühlen im Spiel der „großen“ Parteipolitik eine kleine Schachfigur abzugeben. Vielleicht gab es im Berliner Reformerzirkus einige die meinten den „Brakebusch“ in Niedersachsen zu positionieren würde einen politischen Nadelstich gegen Dehm darstellen. Solche Überlegungen sind albern. Ich mag Dehm persönlich. Als Politiker ist er viel unterhaltsamer als etliche Ost-Reformer. Vor allen Dingen ist Dehm aber ein noch nicht geschliffener Rohdiamant der Regierungswilligkeit. Diese radikalen Attitüden von Wagenknecht und Dehm glaubt doch eh keiner. Aktuell müssen sie sich ihre Mehrheiten bei den systemverweigernden Jammerlinken im Westen organisieren, weil die Reformer sie bewusst von jeglicher Machtoption in einer gedanklichen r2g-Konstellation isolieren. Aber wer hat geschrieben „Beck kann Morgen Kanzler sein“. Das war Lafontaine, der seine Nachfolgefrage einfach intelligenter als Gysi gelöst hat. Wenn jetzt der SPD-Linke Stegner klar und deutlich sagt, er tritt nötigenfalls auch in einen Dialog mit Wagenknecht ein, dann hat der doch viel mehr als so mancher Parteireformer kapiert, was in der Partei wirklich los. Im Strahloland der Partei, also im Westen, werden sich einige noch sehr über Diether Dehm und Sahra Wagenknecht wundern. Und zwar so, dass ihnen das Essen im Halse stecken bleiben wird. Ein unterhaltsamer Gedanke.

twak: Ist Dehm nicht eine tickende Zeitbombe. So zum Beispiel die Lustgreis-Affäre?

jpsb: Dehm taugt nicht zum Brüderle-Ersatz. Zudem gilt die Unschuldsvermutung. Er wird auch wissen, warum er die Journalistin nicht rechtlich belangen will. Ich glaube Dehm sagt über seine Sexualität in seinen Liedern genug aus und damit meine ich nicht „Bravo, Bravo, Hurra“, sondern eher noch „Tausendmal berührt, Tausendmal ist nichts passiert“.

twak: Dehm scheint zumindest sehr loyal zu sein. Er hat sich im Vorstand und auf dem Parteitag offensichtlich für Wagenknecht geopfert. Als er seine persönliche Erklärung zur Stimmenthaltung zum Programm auf dem Parteitag abgegeben hat, kam ihm aus dem Auditorium viel Häme und sogar Gelächter entgegen. Unabhängig davon, gibst du den Reformern die Schuld, dass sich in Sachen bundespolitischer Regierungsfähigkeit in den letzen Jahren nicht viel getan hat?

jpsb: So möchte ich das nicht verstanden wissen. Es geht nicht um das Versagen Einzelner, sondern um gestörte Kommunikationsstrukturen zwischen denen, die diese Partei auf einen Einsatz als Regierungspartei auf Bundeseben vorbereiten wollen. Da würde sich mancher wundern, wer da zusammenarbeiten könnte, wenn sie denn nur wollten. Bei der Linken ist eigentlich gar nicht die Frage ob sie, sondern wer für sie regieren soll.

twak: Welche Rolle könnte Liebich dabei spielen?

jpsb: Liebich gilt zu Recht als gewiefter Taktiker. Er ist nach Wagenknecht der bedeutendste Politiker der Linken in der Generation U-50. Seine ruhige Ausstrahlung kommt an. Und er ist in der Lage komplexe Strategien zu entwickeln. Die KPF hatte in ihrer Stellungnahme zum Hamburger Parteitag ja zutreffend festgestellt, dass Liebich die Frage der Auslandseinsätze der Bundeswehr vor Hamburg gezielt runter gekocht hat, um die Abwahl Pflügers aus der Bundesliste nicht zu gefährden. Solche Finten werden letztendlich aber auch durchschaut. Ich frage dich, was wäre wichtiger gewesen: Pflüger oder De Masi raus? Es gibt Leute, die haben sich schon zu Tode taktiert.

1924981_255054674664230_1104841500_otwak: Verstehe ich dich richtig, dass Hamburg wegen dieser Personalentscheidung taktisch eher von Wagenknecht gewonnen wurde?

jpsb: Unbedingt. Nach Hamburg muss jeder der gegen Reformer kandidieren will bei Wagenknecht anklopfen. Es war eines der starken Bilder des Parteitages: Wagenknecht gegen Pau als es um die Saalschlacht um Listenplatz sechs ging. Ich bleibe dabei, Hamburg hat Wagenknechts Position nochmals aufgewertet. Ihr Netzwerk ist gestärkt und sie wird zur Spinne, die in der Mitte ihrer aktuellen Machtbastion nur warten muss.

twak: Trägt das FdS als Organisationsstruktur eine Mitschuld?

jpsb: Ja. Auch im FdS liegt einiges im Argen. Du hast ja auch den Präambelentwurf der Reformer unterschrieben. Ich hatte dir gesagt, dass ich nicht unter einen Antrag gehe, der nach Manövriermasse für faule Kompromisse förmlich gestunken hat. Die Entscheidung über diese Kompromisse wurden im FdS von wenigen, meiner Meinung nach, zu wenigen Spitzenfunktionären getroffen. Das FdS wurde unter dem Eindruck des Versagens der SED als machthierarchische Einheitspartei gegründet. Als solches macht sich eine linksdemokratische Strömung überflüssig, die sich schöne Labels anhängt, intern jedoch das Geschacher bürgerlicher Machtpolitik lebt, inklusive der Exklusion der eigenen Basis bei wichtigen Entscheidungen.

twak: Naja, ich habe einen Präambelentwurf und keinen Kompromiss mit unterzeichnet. Sei´s drum. Wie kann es deiner Meinung nach in Partei oder Fraktion weitergehen?

jpsb: Wichtige Zeitfenster schließen sich bis 2017. In Sachen Wagenknecht kann nur eines gelten: Entweder bekriegen oder verhandeln. Ignorieren bringt nichts mehr. Wird diese Frau weiterhin so behandelt wie jetzt, tut sich niemand einen Gefallen. Wagenknechts politischer Werdegang ist von vielen persönlichen Demütigungen geprägt. Ausgangspunkt dieser Demütigungen war immer wieder Gregor Gysi. Macht er so weiter, geht es irgendwann nur noch darum, ob ihm Wagenknecht sein Zepter entreißt oder aber ob er es ihr freundlich übergeben darf.

twak: Klingt erstaunlich freundlich in Richtung Wagenknecht.

jpsb: Wer in echte Verantwortung gerät, den wird die Verantwortung verändern, im Falle Wagenknechts eher noch entzaubern. Darauf kann man dann setzen, um eine Ikone zurück in irdische Gefilde zu holen. Besser eine als keine Strategie in Bezug auf Wagenknecht zu haben.

1938931_255508297952201_1190576340_otwak: Wäre aber noch Kipping. Sie ist eine Frau, sie ist jünger als Wagenknecht und sie ist Parteivorsitzende.

jpsb: Ich kenne deine politische Schwäche für Kipping. Ich sehe sie kritischer. Sie ist eine Politikerin, die seit vielen Jahren in ihrer Entwicklung stehen geblieben ist. An sich ein größeres Kunststück als sich im gleichen Zeitraum weiterzuentwickeln. Sie hat nicht das politische Schwergewicht um Wagenknecht in ähnlicher Art und Weise zu distanzieren wie Gysi. Die Reaktionen der Partei in Hamburg auf die Reden von Kipping und Wagenknecht waren dafür ein Indiz. Es wäre für Kipping gefährlich sich auf einen Ausschlusswettkampf mit Wagenknecht einzulassen. Sie wird daher die erste sein, die mit ihr verhandelt. Umso eher sie sich dabei von Gysi löst, umso besser. Am Ende ist es doch egal, wer diese Partei bundesparlamentarisch regierungsfähig macht, denn eine Opposition kann nur wirkungsvoll sein, wenn sie den Menschen das Gefühl gibt, nötigenfalls den von ihr zum eigenen Lebensinhalt erhobenen Kritikgegenstand auch ersetzen zu können. Alles andere ist eine lebensunfähige jammernde Dauerinstallation.

twak: Könnte man dir aber auch vorwerfen (lacht). Nörgeln bis der Arzt kommt.

jpsb: Ja, daher liebe ich ja auch die Trados aus dem Westen, wir sind uns sehr ähnlich. Gleichwohl habe ich mich durchaus eingemischt in den Arbeitsvorgängen der Partei vor Ort. Den FdS Niedersachsen gilt es meines Erachtens zu einem Musterprojekt im Westen weiterzuentwickeln. Mit dem jetzt gewählten Personal ist endlich wieder eine solche Option geöffnet. Ich denke wir arbeiten dran.
(twak)

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One Response to Aus der Redaktion: Im Gespräch nach Hamburg

  1. Peter sagt:

    … das Sahra Wagenknecht eine wirksame, zentrale Leitfigur, geschweige denn Leitungsfigur, im Sinne der Gesamtpartei abgeben kann, wage ich schwer zu bezweifeln…dazu fehlen ihr die entsprechend notwendigen Eigenschaften… ( was ja nicht schlimm ist…jeder muss nicht alles können, nur sollte jeder seine Grenzen und “Einsatzmöglichkeiten” kennen )

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