Eine Standortbestimmung: Fünf Jahre Potemkin. Danke für den Hinweis Genosse Hoff!

Zum letzten Wochenende, dem Wochenende, an dem die Reformer der Partei Die Linke über ihre Zukunft berieten, erreichte die Redaktion unseres kleinen Internetprojekts „unverhofft“ und indirekt eine frohe Botschaft. Absender war Benjamin-Immanuel Hoff, seines Zeichens Mitglied der Partei, Strömungskumpel, zumindest eines Teils der Redaktion, und offensichtlich wenig begeisterter Leser unseres mit kleinen Glossen gespickten geliebten kleinen Webpanzerkreuzers. Hoffs O-Ton auf Facebook:

Es gibt eine Art von breitbeinigem Politmackertum, die stets ohne Klarnamen auftritt, sich der Debatte selbst nicht stellt, aber im Schutz der Halbanonymität eines Internet-Forums diejenigen beleidigt, die sich offen der Diskussion und Kritik stellen. Sie nerven und sind groß darin, mehr kaputt zu machen als sie je selbst aufbauten. Ja, dich (jpsb), meine ich.

Ungewohnt, nichtsdestoweniger wohltuend lakonisch, erfahren wir in diesem stillen Schrei nach Beendigung aller Kritik an „The Hoff“, dass dieser zu denjenigen Akademikern gehört, die den Anschluss ans neue Medienzeitalter verpasst haben, weil sie den Unterschied zwischen Webportal, Webforum und einem Blog nicht benennen können. Direkte Folge dieser Internetinsuffizienz scheint zu sein, dass auch die Funktion eines Impressums unbekannt ist. Dann wird der Begriff Mackertum falsch verwendet, weil dieser einen Einschüchterungsversuch mittels Männlichkeitsritualen voraussetzt. Richtig ist aber, dass das Schreiben von Politikprosa gar nicht so männlich macht wie Hoff, scheinbar leicht selbstverliebt, glaubt.

Aber auch der Hilferuf einer gepressten Seele findet im Maschinenraum unseres Internetdampfers ein offenes Ohr. Wer will schon auf sich sitzen lassen, dass er gegebenenfalls „den“ Parteiintellektuellen beleidigt hat. Postwendend, praktisch durch Selbstbeauftragung an höchster Stelle statt, ergab eine Recherche, dass wir Benjamin-Immanuel Hoff noch nie beleidigt haben. Und wir haben auch nicht vor ihn zu beleidigen, den Hoff ist mächtig und bestimmt ganz gefährlich. Zumindest lag dieses Gefahrenpotential vielleicht dereinst in seiner Familie, denn die war linientreu bis an die Zonengrenze. Allein liest mensch solch hasserfüllten Zeilen fragt er sich, was wäre in einer Partei geschehen, in der noch die Elterngeneration von Hoff das Sagen hatte. Das alles wäre kein vergnüglicher Vormittag mit lockerem Texttraining gewesen, sondern hätte für Existenzängste gesorgt. Schon deshalb sollte jeder vorsichtig sein, die bürgerliche Moderne in ein Hassobjekt umdeklarieren zu wollen. Denn es waren nicht Sozialisten, die das Recht auf Opposition und Individualität in einer linken Partei erstritten und somit Projekte wie Potemkin ermöglicht haben. Sondern Bürgerrechtler, die genau von dieser sozialistischen Einheitspartei gegängelt, bespitzelt und nicht selten in ihrer Existenz vernichtet wurden. Ihnen gehört unser Respekt und nicht, das sei hier zugegeben, dem Genossen Hoff. Aus dieser Ironie der Geschichte betreibt ein kleiner Kern von Basismitgliedern seit ziemlich genau fünf Jahren das Projekt Potemkin und uns wäre dieser Umstand tendenziell entgangen, wenn nicht die Suche im eigenen Archiv nach vermeintlichen Beleidigungen gegenüber mediokren Parteisoziologen, uns zur Erkenntnis geführt hätte, dass wir unseren Meinungsblog im Sommer 2009 gestartet haben.

Meinungsblog? Der Begriff ist die genaueste Beschreibung dessen was Potemkin ist. Ferner und auch das ist wichtig: Es handelt sich um einen Blog von Personen, die Konsumenten von Politik und nicht Produzenten dergleichen sind. Potemkin ist somit eines der wenigen publizierenden Basisprojekte in der Partei, welches sich fast ausschließlich, regelmäßig und dauerhaft mit der institutionellen Linken beschäftigt. Das Entscheidende dabei: Nur wenige der publizierenden Mitglieder in der Partei sind so unabhängig wie das Redaktionsteam von Potemkin. Keiner des harten Kerns der Redaktion ist auf die Partei oder ihre „Derivate“ wirtschaftlich angewiesen oder hätte eine berufliche Option in ihnen. Die Linke wird daher nicht aus der Sichtweise ihrer Fraktionen oder den Lebensrealitäten ihrer politischen Klasse betrachtet. Es erfolgt keine Reflexion über Tagungen in schicken Parlamentsausschüssen oder den Gremien der Partei. Dies führt zu einer erheblichen tatsächlichen und ideologischen Distanz, weil die Partei eher als das Zusammentreffen unterschiedlicher, bisweilen konträrer politischer Anschauungen verstanden wird. Ferner ist Die Linke keine soziale Begegnungsstätte für die Autoren. Es ist völlig gleichgültig, ob in ihr Freundschaften oder politische Akzeptanzverhältnisse entstehen. Im Zweifel ist die Arbeit mit und an Potemkin immer wichtiger als die Partei.

Dieses Selbstverständnis muss für Traditionslinke, bisweilen auch für sogenannte Reformer, durch und durch abstoßend wirken. Linke Technokraten hatten schon immer ein besonders eindimensionales Verhältnis zur Partei als Ort, der aus Menschen Übermenschen formt. In einer Verkürzung dessen, was einen Menschen im Rahmen sozialisierter Verhältnisse zu dem macht was er ist, nämlich im marxschen Sinne zu einem Produkt seiner Zeit, scheint im Kopf linker Meinungskommissare die Notwendigkeit zu entstehen, mit der Partei eine heilige Stätte zu schaffen. In dieser gilt die marxistische Selbstannahme vom Sein, das das Bewusstsein bestimmt nicht mehr, sondern diese Erkenntnis wird in einer verrechtlichten philosophischen Dunstglocke aufgehoben, gar konterkariert. Herauskommen soll ein sakraler Platz aller Linken, der postwendend eine subjektivierbare Identität annimmt, um deren Wohl man(n) sich zu kümmern hat. Diesem Ort der Satzungen, Programme und Statuten kommt somit ein über seinen rein sachlichen Bestand hinausgehender schützenswerter Charakter zu. Die Einheitspartei aller Linken nimmt Gestalt an. Sie wird sowohl Schützengraben, als auch Bunker gegen alles, was an Hinterhältigem gegen sie aufgeboten wird. Vor allen Dingen wenn „die“ Partei auch noch den sozialen und wirtschaftlichen Status der Technokraten dieses linken Leviathans absichert, ist die Ikonisierung der Partei als fetischisierter nährender Muttererdefigur Einfallstor für geradezu pathologische Züge, wenn es um die Verteidigung dieser vermeintlich identitätsbildenden und heiligen Institution geht. Nicht selten reichlich gespickt mit Aufbaumetaphern und der unausweichlichen Huldigung der dafür vermeintlich verantwortlichen „Aufbauer“. Eine Art Personenkult durch die Hintertür.

Zu glauben, dass sich die Idee von der Partei als gedanklichem Kokon allein auf die realsozialistischen Monstren auf dem Höhepunkt stalinistischer Machtentfaltung beschränkt, ist daher eine gefährliche Verkürzung der Erbschaftsbeziehungen zwischen „alter“ und „neuer“ Linken. Denn bereits im Begriff „Die Linke“ spiegelt sich die Fortsetzung dieses zum Alptraum mutierten und halluzinierten Alleinvertretungsanspruchs für alles was die menschliche Geschichte emanzipativ ausmachen soll. All dies wird in einem Sammlungsbecken oder bizarren linken Mosaik von ideologischen Leichen- und Funktionsteilen brachial als zusammengenähter Parteifrankenstein zwangsästhetisiert. Und wenn einem bei der Frage einer typisierten Ritualhandlung eines linken Berufspolitikers nicht die Schönrednerei der Strömungswidersprüche der eigenen Partei einfällt, dann ist er entweder gutmütig oder er besitzt Mandat und Funktion in der Partei.

Diese Schönrednerei führt aber auch zu einer verringerten Treffsicherheit im Hinblick auf die Genauigkeit des Verständnisses der Welt außerhalb der Partei. Jenseits dieses linken Refugiums, also im Bürgertum, können, ja dürfen keine historischen Fortschritte attestiert werden, denn sonst würde es sich nicht lohnen „links“ in einer linken Partei zu sein oder mit diesen besonders „linken Linken“ einen gemeinsamen Organisationszusammenhang zu bilden. Gerade die Traditionalisten werden somit zu Gralshütern einer Sichtweise marxistischer Ideologie, die nicht von ungefähr ihren verderbten Beitrag zum 20. Jahrhundert als Epoche gescheiterter Ideologien beigetragen hat und dazu führte, dass sich das Bürgertum gemütlich auf seine Kernkompetenzen zurückziehen konnte. Die schleichende Idiokrasie der gesellschaftlichen Unterhaltungs- und Mainstreamkultur mag viel damit zu tun zu haben, dass es sich scheinbar nicht mehr lohnt eine Idee vom Großen und Ganzen zu haben. Ideologiegegenkritik fällt bei gescheiterten Ideologien einfach aus oder in sich zusammen. All die, die mit historischem Gestaltungsanspruch, also einer Einheitspartei, versuchten die bessere Welt als dialektischen Gewaltakt zu organisieren haben scheinbar ihr Schicksal darin gefunden als massenmordende Soldateska der Geschichte zu enden. Dabei vermeintlich blutiges Beweismaterial liefernd, dass das Aufbegehren gegen die subjektlose Maschinerie der kapitalistischen Reproduktionslogik ein sinnloser Akt sein muss. Bei genauerem Hinsehen fährt die Menschheit daher seit langer Zeit ziemlich unbekümmert darauf ab, eine wesentliche Errungenschaft darin zu sehen völlig unpolitisch sein zu dürfen. Ein Graus für linke Politkommissare, ein Segen für die schlichte Entspanntheit, die bürgerliche Gesellschaften so attraktiv macht. Dass dies eine nicht wieder umkehrbare Folge des Umstandes ist, dass die Glücksversprechen uniformer und ideologisierter realsozialistischer Gesellschaftszusammenhänge samt und sonders uneingelöst blieben, kann ein linker Linker nicht auf sich sitzen lassen.

Der konforme Genosse ist ungern blöd aber frei. Probates Mittel um dieses Schicksal abzuwenden ist und bleibt die linke Partei. Die größte Schrulle ist dabei der Glaube, dass nur sie eine bessere Welt, nur sie für gesellschaftlichen Fortschritt steht, nur sie Ungerechtigkeiten auf der Welt überwinden will, nur sie Garant für eine Zukunft ist, in der Entwicklung und Emanzipation Leitbilder menschlichen Werdens sind. Diese Vorstellung der Partei als Refugium vor der Schlechtigkeit der Bourgeoisie führt direkt zur absurdesten Marotte: Dem Glauben per Satzung und Ordnung der Partei die Mitglieder zum Gutmenschentum und immer währender Solidarität zwingen zu können. Allein dieser Irrglaube ist die Quelle einer halluzinierten Wahrnehmung über den tatsächlichen Zustand linker Parteirealitäten. Sie allein ist aber in der Lage die große Lebenslüge der Linken auch am Leben zu erhalten. Die Kehrseite der Parteirealität führt gleichzeitig und allenthalben zu paranoiden Zuständen, weil natürlich in der Linken ganz normale Menschen handeln und alle in der bürgerlichen Gesellschaft erlebbaren Widersprüche (Arm und Reich, Geschlechterzuordnungen, Beherrscher und Beherrschte) ganz einfach auch in der Partei stattfinden. Sie ist und bleibt ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse, obwohl sie genau das nicht sein darf ohne ihre messianische Unbedingtheit und ihren Fetischcharakter zu verlieren.

Die politische Klasse der Partei muss daher die Inszenierung des Theaters der Andersartigkeit und der Alleinstellungsmerkmale durchhalten. Zumindest versucht sie diesen Glauben in der Öffentlichkeit zu erwecken. Aber nicht allein No-Go-Papiere oder Liederbücher zeigen den wahren Geist, der in der Linken herrscht. Wer die sozialen Plattformen der Partei nutzt, der könnte den Autoren des Lexikon der Beleidigungen sicherlich hilfreiche Tipps geben. Wer die Schiedspraxis der Partei studiert, der kann sich die zigtausend Austritte aus der Partei allein in den letzten drei Jahren bestens erklären. Und wer mehr als nötig örtliche Parteitreffen besucht, der wird verstehen, warum viele Gebietsverbände in den alten Bundesändern nur noch auf dem Papier bestehen. Angesichts solcher Tatsachen mag der am Wochenende in Berlin von vielen Reformsozialisten angemahnte kulturvolle Umgang unter den Genossinnen und Genossen daher den Ton des Schauspiels von Partei getroffen haben, als Dokumentation ihrer wahren Gestalt taugt er nicht. Mögen Petra Pau und Benjamin-Immanuel Hoff Brücken zu Dehm, Dagdalen, Marx 21 et tutti cuanti schlagen. Es wird immer welche in der Partei geben, die genau dies nicht tun, und zwar aus gutem Grund. Denn es ist moralisch unverantwortlich für diejenigen den Steigbügel zu halten, die aus der Barbarei linker Geltungssucht so ziemlich gar keine Konsequenzen gezogen haben. Es gibt keine Solidarität mit Kopftätern. Wer solches über eine Partei verinnerlicht, dem ist völlig klar, dass es in der Politik nicht um das Wohl von Parteien, sondern um die Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse gehen sollte. Und zwar auch und insbesondere mit zivilgesellschaftlichen Kräften und Parteien außerhalb der Linken. Daher ist das Scheitern von faulen Kompromissen in einer Partei manchmal wertvoller als ihr größter Wahlsieg. Kompromisslos gegen solche Kompromisse zu sein bleibt eine Aufgabe, der sich unser Projekt stellen will.

Der selige Werner Pirker widmete dereinst in der, von uns kaum geliebten, Mauerbaugazette Junge Welt, unserem Projekt einen wenig freundlichen Artikel. Allein gegen Benjamin-Immanuel Hoff war Pirker ein wahrer und vor allen Dingen unterhaltsamer Schreibgott. Auch Art und Weise seiner verschriftlichten und leidenschaftlichen Selbstdarstellung kommem dem Lebensgefühl der Redaktion näher als der roboterhafte streberartige Klassenprimus, der uns nun meinte zum Wochenende im Internet anpöbeln zu müssen. Aber auch diesen Sohn der Eliten der Täterpartei, die ihre Spuren bis zum heutigen Tage in der Partei Die Linke hinterlässt, sei mitgeteilt: Wir haben nicht nur Pirkers Kritik überstanden, sondern werden auch dies Gejaule aufgeschreckter gefühlter „Parteikommissare“ überleben. Auf die nächsten fünf Jahre Potemkin daher ein dreifaches: Äh, nun ja „was immer euch dünkt“!
(Es grüßt Juan Pedro Sanchez Brakebusch alias jpsb)

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