Lenins Zukunft

Quelle: Laika Verlag

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Wladimir I. Lenin ist momentan nicht gerade en vogue – selbst unter Linken nicht. Zu brutal war sein Vorgehen nach 1917 mit Bürgerkrieg und Gulag, zu skrupellos hat er das Sowjetsystem, das eine Form der direkten Demokratie darstellen würde, der Ein-Parteien-Herrschaft der Bolschewisten geopfert und immer noch wirft man ihm vor, dem Stalinismus den Weg geebnet zu haben; kurz, er wird im gegenwärtigen Diskurs als das Negativbeispiel eines Berufsrevolutionärs angeführt, der alle marxistischen Theoretiker als Utopisten zu diffamieren versucht. Genau das wollen der Editor des Journals Historical Materialsm, Sebastien Budgen, der Politische Theoretiker Stathis Kouvelakis und der Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Žižek mit dem von ihnen herausgebenden Buch Lenin Reloaded. Für eine Politik der Wahrheit ändern, indem sie versuchen, die positiven Seiten des Revolutionärs für den Kampf gegen den globalen Kapitalismus zu reanimieren. Leider sind die meisten der politiktheoretischen und geschichtsphilosophischen Aufsätze in diesem Band miserabel und wegen ihrer Ungenauigkeit und Naivität kaum zu ertragen.

Die Autoren des Buches, wegen denen sich das Inhaltsverzeichnis wie eine Creme de la Creme von zeitgenössischen marxistischen Theoretikern und Intellektuellen liest, wollen den Fokus primär auf den politischen Denker Lenin legen, seinen marxistischen Theorien zu einer Renaissance verhelfen, indem sie diese vom Eurozentrismus befreien und auf den als alternativlos deklarierten globalen Kapitalismus und dessen liberale Repräsentativsysteme beziehen. Die Intention, die hinter den meisten der Aufsätze steckt, ist dabei, dass Lenin eine Politik der Wahrheit betrieben habe, und zwar vor allem auf zweierlei Weise: Erstens, indem er die politische Notwendigkeit, der Befreiung des Proletariats als Wahrheit erkannte und mit seiner Parteilichkeit vereinte, konträr zum bourgeois-liberalen Usus, Wahrheit nicht als subjektiv oder absolut erkennbar anzuerkennen; und zweitens, indem er, wie es Alex Callinicos und Žižek in ihren Aufsätzen behaupten, die ganze Wahrheit zugab, das eine Revolution und eine Emanzipation nicht ohne die Nachteile der politischen Gewalt zu haben wären, während etwa viele Linksliberale kognitiv-dissonant zwar die Vor-, aber nicht die Nachteile eines solchen total-revolutionären Emanzipationsprozesses tragen wollten. Im Grunde handelt es sich bei Letzterem aber nicht um Wahrheit, als vielmehr um Ehrlichkeit.

Relativierung von Verbrechen

Ansonsten ist Lenin Reloaded zunächst ein in Relation zum vorgegebenen Thema, das von der 2001 in Essen stattgefundenen Konferenz Gibt es eine Politik der Wahrheit – nach Lenin? stammt, inhaltlich breit gefächertes Buch: Kevin B. Anderson, Savas Michael-Matas und Kouvelakis widmen sich etwa der Hegelinterpretation und der Dialektik Lenins, Callinicos und Terry Eagleton beleuchten postmoderne Lenininterpretationen, Alain Badiou etwa bringt Lenin in Beziehung zu Mao Tsetung, Jean-Jacques Lecercle nähert sich ihm sprachphilosophisch an, Georges Labica macht den Schritt von der Bekämpfung des Imperialismus zum Kampf gegen die Globalisierung, und wieder andere, wie Antonio Negri, betrachten bedeutende Einzelwerke des Revolutionärs.

Leider ist das Buch dabei nur halb so gut, wie es zunächst den Anschein erweckt und ist bestenfalls als sehr durchwachsen zu klassifizieren: Einige der Autoren halten etwa nicht viel vom Nachweisen von Zitaten oder auch Belege zu Thesen zu liefen, die sie einfach als apriori-Wahrheiten deklarieren, ohne dass diesbezüglich überhaupt ein Konsens unter Linken bestehen würde und sprachlich wirken manche Beiträge partiell überkandidelt.

Diese formalen und stilistischen Mankos würden aber kaum negativ ins Gewicht fallen, wenn nicht viele der Beiträge inhaltlich untragbar wären. Badiou etwa wendet sich in seinem Beitrag weniger Lenin selbst zu, sondern der angeblich unvermeidlichen Austragung von politischen Antagonismen, die aus zwei Unterschiedlichen Eins machen soll. Abgesehen davon, dass ein solcher totaler Kampf zweier Gruppen primär zum rechtsextremen Denken Carl Schmitts passt, und nichts mit klassischer, gemeinwohlorientierter Politik zu tun hat, ja, im Grunde deswegen nicht politisch, sondern ökonomisch ist, ergießt sich Badious Beitrag dann in einer Relativierung der Verbrechen Maos während der chinesischen Kulturrevolution, was erstens nicht viel mit Lenin zu tun hat und zweitens falsch ist, denn wie soll sich eine totalitäre Diktatur, die Millionen von Opfern fordert, ohne die Befreiung eines Volkes zu erreichen, legitimieren lassen. Auch Žižek tut sich schwer, Stalin nicht zu relativieren. Zahlreiche Beiträge beschönigen die Verbrechen Lenins, so als ob dies ein notwendiges Übel wäre, um Russland zur sozialistischen Freiheit zu bringen und die Weltrevolution auszulösen – was aber jeweils nicht einmal im Ansatz geschehen ist.

Falscher Gebrauch politischer Termini

Viele Aufsätze monieren, im Zuge des Marxismus-Leninismus, das demokratisch-liberale System des Westens als die politische Kalamität des Kapitalismus, das es ergo ebenfalls zu bekämpfen gilt. Das ist ein weiteres Zeichen dafür, dass die meisten Autoren die politischen Termini falsch gebrauchen. Das gilt nicht nur für den Begriff des Politischen, sondern eben auch den der Demokratie: Diese per se anarchisch-klassische Form der Volksherrschaft (oder zumindest, um mit Aristoteles zu sprechen, die abwechselnde Herrschaft aller Bürger über alle) ist nicht das Problem, sie muss auch nicht bekämpft werden – vielmehr versucht das Rätesystem theoretisch dieser einen Schritt näher zu kommen, mit seinen direktdemokratischen Elementen und den imperativen Mandaten -; das Problem ist, dass eben unser politisches System sich als demokratisch tituliert, aber das Element der Volkssouveränität darin de facto nur eine Farce ist, das sich zunehmend der Hegemonie des Marktes zu beugen hat. Solche inakzeptablen Fehlwürfe und Ungenauigkeiten erstaunen umso mehr, haben sich doch die meisten der Autoren in den letzten Jahren schon mit einigen grandiosen Publikationen und Ideen hervorgetan.

Die Demokratie ist ergo nicht das Problem, sie ist die Lösung! Einzig Daniel Bensaïd scheint dies, unter anderem indem er Hannah Arendt rezipiert, in seinem sehr empfehlenswerten Beitrag Sprünge! Sprünge! Sprünge! wirklich zu realisieren und auf Lenin zu beziehen, etwa mit folgendem Abschnitt: „In [Lenins] Staat und Revolution büßen die Parteien ihre Funktion tatsächlich zugunsten einer direkten Demokratie ein, die kein vollständig separates Staatsgebilde sein soll. Doch entgegen den anfänglichen Hoffnungen siegte die Verstaatlichung der Gesellschaft über die Vergesellschaftung des Staates.“

Von Lenin Reloaded war viel zu erwarten, könnte man doch eine neue revolutionäre und vielleicht auch marxistische Kritik am globalen Kapitalismus durchaus als nötig erachten, und sich mit diesem Werk ein theoretisches Fundament führender marxistischer Denker erhoffen. Leider hat dieses Buch eine solche Rolle nicht verdient, obgleich alle Autoren sehr detaillierte Kenntnisse über das theoretische Œuvre Lenins besitzen und vermitteln. Zu idealisierend, ostentativ relativierend und im politisch-sozialen Sprachgebrauch zu ungenau und verfälschend sind viele der Aufsätze (obgleich mit einigen schillernden Ausnahmen), sodass man sich einfach nur enttäuscht von ihnen und Lenin abwenden will! Oder, um mit den Worten des Historiker Eric Hobsbawn zu schließen: „Der einzige marxistische Theoretiker des 20. Jahrhunderts war Antonio Gramsci.“

Sebastian Budgen/ Stathis Kouvelakis/ Slavoj Žižek (Hrsgg.): Lenin Reloaded. Für eine Politik der Wahrheit (= LAIKAtheorie, Bd. 31), übersetzt von Jürgen Schneider/ Hans-Christian Oeser/ Thomas Atzert, LAIKA Verlag, Hamburg 2014. 367 Seiten, englische Broschur, 28,00 Euro. Weitere Informationen gibt es unter: http://www.laika-verlag.de/edition-theorie/lenin-reloaded

Philip J. Dingeldey

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