Tipps aus der antikapitalistischen Krabbelgruppe: Die AKL erklärt sich Brandenburg, Thüringen und den Rest der Welt.

In den neuen Bundesländern hat der Wähler gesprochen. In Brandenburg hat Die Linke als Mitregierungspartei eine empfindliche Niederlage einstecken müssen. In Thüringen hat sie, mit einer klaren Ansage Regierungspartei sein zu wollen, ihr bestes Ergebnis bei Landtagswahlen eingefahren. Nichts Ungewöhnliches also im System parlamentarischer Demokratien. Wähler wechseln ihre Präferenzen, es kommt zum Austausch von Machtoptionen. Im Gegensatz zum Realsozialismus lebt die bürgerliche Moderne von der politischen Flexibilität, der solche Verantwortungswechsel inne sind. Es ist nicht die schlechteste Eigenschaft, die diesem Herrschaftsmodell zu eigen ist. Im besten Fall kann sich eine „abgestrafte“ Partei regenerieren und aus Fehlern lernen. Sie stellt sich neu auf und versucht im nächsten Anlauf gesellschaftliche Mehrheiten und Bündnispartner für ihre Ideen zu gewinnen. Freilich ist eine der Voraussetzungen dafür, dass sie auch bei noch so starken Niederlagen auf der gesellschaftlichen Wahrnehmungsschwelle verbleibt. Allen östlichen Landesverbänden der Partei Die Linke ist genau dies nach schweren Wahlniederlagen gelungen. Mehr noch: Mit vielen tausend kommunalen Mandatsträgern ist die Partei in diesen Bundesländern eine politische Kraft, die aus dem Alltagsleben der Bürgerinnen und Bürger nicht weg zu denken ist.

So weit so gut. Im internen Parteigezanke der Linken dürfen so profane Erkenntnisse dagegen schon einmal ausgeblendet werden. Denn wo Demokratie immer nur eine Überbauillusion der wahren Machtverhältnisse ist, da sind natürlich auch Wahlerfolge der Linken nur eine krude Nuance, gar eine besonders pervertierte Spielform, der Zementierung „realexistierender“ kapitalistischer Unterdrückungsmechanismen. So folgert es jedenfalls der Sprecherrat der Antikapitalistischen Linken (kurz AKL genannt) in einer aktuellen Stellungnahme dieser Parteiströmung zu den Wahlergebnissen in Thüringen und Brandenburg.

An sich sind solche Stellungnahmen nicht weiter interessant. Weder die Öffentlichkeit, noch die Parteiöffentlichkeit interessieren sich dafür länger als nötig. Diesmal liegt der Fall anders. Warum? Die Erklärung hat ausnahmsweise einen zeitlos humoristischen Wert. Jedem, der die Akteure des Sprecherrates kennt, ist dabei zwar völlig klar, dass es sich um einen Fall unfreiwilliger Komik handelt. Aber wie überall in der schreibenden Kunst gilt: Allein der Versuch zählt.

Dazu ist programmatische Klarheit, strategische Rücksichtslosigkeit und Radikalität und unkonventionelles, kühnes Auftreten erforderlich. Die staatsmännische Pose der Partei muss komplett ersetzt werden.

Und so ertappt sich mensch selber dabei, wie ein losgelöstes Schwelgen in dieser Erklärung möglich ist. Entrissen aller Anker der eigenen bürgerlichen Existenz verliert sich der Leser in einer Anleitung zur Erlangung einer besseren Welt mittels wahlstrategischer Anleitungen unserer geliebten AKL-Führer. Allein die Empfehlung zur zukünftigen „strategischen Rücksichtslosigkeit“ liest sich wie stalinistisches Viagra. Und das geistige Einstürzen kleinbürgerlicher Attitüden („Weg mit dem staatsmännischen Gehabe“) kann nur als Hingabe zu einer neuen Kulturrevolution richtig eingeordnet werden (Operation: „Blaumann für Bodo“). Da darf auch völlig zu Recht der Hund des Spitzenkandidaten aus Thüringen („Systemhund Attila“) zum Ziel notwendiger Agitation werden. Wer nach einem Wahlergebnis von 28 Prozent nicht zur Weltrevolution aufruft, ist es ohnehin nicht wert weiter Genosse genannt zu werden. Im Westen wird dies ja immerhin schon bei Zustimmungswerten von 2,8 Prozent getan. In einigen Gegenden sogar bei 0,28 Prozent.

Wer die Erklärung bis zum bitteren Ende weiter liest, der ist schließlich befreit von jeglicher bourgeoiser Empfindlichkeit. Ein Traum irreversibler politischer Prozesse in schwachrosa (oder war es schwachsinnsrosa) tanzt vor dem geistigen Auge umher. Und dann, beim Lesen des vorletzten Absatzes, erscheint die Lösung: Inge Höger wird linke Spitzenkandidatin bei allen zukünftigen Wahlen in allen Landesverbänden. Thies Gleiss, die Weiche der Bewegung, wird Superwahlkampfmanager. Und Heidrun Dittrich wird in einer zukünftigen antikapitalistischen Weltregierung planetare Außenministerin. Immerhin könnte sie sich als einziger Mensch auf Erden mit Tim Burtons marsianischen Alienangreifern in deren eigener Sprache unterhalten („nag-nag-nag-nag-na“).

Nach kurzem Abstand wird jedoch auch deutlich: In der Erklärung finden sich viele rhetorische Figuren, mit denen Reformer aller Ebenen im innerparteilichen Wettstreit, insbesondere in den Westverbänden, ständig konfrontiert werden. Und, wer nach diesem Text die Vertreter der SED-Opferverbände nicht versteht, die vor einem unkritischen Bündnis mit der Linken warnen, der trägt selbst parteipolitische Scheuklappen. In der Partei Die Linke ist es heutzutage sehr wohl möglich in der untergegangenen Verwaltungsdiktatur nur einen misslungenen, aber legitimen Anlauf zu einer sozialistischen Herrschaft zu sehen und trotzdem in Partei und Fraktion konsequenzenlos Karriere zu machen. Zu dieser Tatsache hat der von Reformpolitkern in die Welt gesetzte Unsinn der Mosaiklinken einen wesentlichen Beitrag geleistet. Fernab von der unfreiwilligen Komik einer AKL-Erklärung bleiben diese Entwicklungen in der Partei ein Schandfleck. Wesentliche Verantwortung dafür tragen nicht die Irren in dieser Partei (deutlich mehr als 10 Prozent lieber Gregor Gysi), sondern die Vertreter der vermeintlichen historischen Vernunft: Die Reformkräfte.
(jpsb – zurück aus der Sommerpause)

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2 Kommentare zu Tipps aus der antikapitalistischen Krabbelgruppe: Die AKL erklärt sich Brandenburg, Thüringen und den Rest der Welt.

  1. roskar sagt:

    Lieber die “realexistierenden kapitalistische Unterdrückungsmechanismen” als solche des realen Sozialismus, die dann von Höger und Konsorten ausgeübt werden würden, inklusive einer jährlichen Gedenkfahrt auf dem Frauendeck unter Fackelschein gen Gaza.

  2. IM sagt:

    Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.

    Wenn sie in Thüringen klug wären würden sie das dem dortigen AKL-Ableger gründlich um die Ohren hauen.

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