Die organisierte Banalität des Bösen

Quelle: Suhrkamp Verlag

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Wie erklärt man den Holocaust? Wie erklärt man, dass Tausende von Menschen, die privat vollkommen unauffällig waren, Millionen von anderen Menschen in Konzentrationslager deportierten und dort folterten und töteten. Die politische Theoretikerin Hannah Arendt hat bereits in ihrem Eichmann-Report die These der Banalität des Bösen aufgestellt, von Akteuren, die aufhörten, sich als Personen zu sehen und schlicht Befehle akribisch und intelligent durchführten, ohne fähig zu sein, in einem stillen reflektierenden Dialog mit sich selbst zu treten. Der Historiker Christoph Browning ging dagegen davon aus, dass ganz normale Deutsche, durch ein Bündel von Faktoren, wie Alkoholismus, Kameradschaft und Ideologie dazu gebracht wurden, als Antisemiten, dieses Verbrechen an der Menschlichkeit zu begehen. Wieder eher flache Theorien, die schon im Erklärungsansatz scheitern, unterstellen den Tätern einen extremen Sadismus, was alleine nicht für eine solch organisierte massenhafte Morde ausschlaggebend sein kann.

Während die Geschichtswissenschaft, die Politikwissenschaft, die Philosophie und die Sozialpsychologie die Thematik Holocaust abarbeitete, stand die Soziologie bislang leer da. Der Soziologe Stefan Kühl hat dies nun geändert mit seiner Monographie Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, in der er systemsoziologisch eine Erklärung für den Holocaust bieten möchte.

Die Form Organisation sei, Kühl zufolge, keine Maschine, in der Menschen wie Rädchen das vollziehen, was Politik oder Wirtschaft vorgeben. Es seien Gebilde, die häufig paradoxe Ziele verfolgen, deren Mitglieder ebenso paradox handeln. Die Basis von Kühls Untersuchungen sind die Prozessakten zum Hamburger Polizeibataillon 101. Er hat sechs Mordmotive anhand dieses Beispiels herausdestilliert: unterschiedliche Formen der organisierten Identifikation, Zwang, Kameradschaft, Geld, Sadismus sowie die indoktriniert-ideologische Entmenschlichung der Opfer und die Generalisierung von nationalsozialistischen Motiven.

In insgesamt neun Kapiteln entwickelt er seine Definition von Organisationen, wägt die sechs Motive gegeneinander ab und kontextualisiert sie sehr detailliert, gibt sinnvolle Erklärungen zur Legalisierung des Mordens im Dritten Reich und endet mit einem Kapitel zur Normalität und Anormalität von Organisationen. Kühls provokante These ist dabei, dass Organisationen, die einfach nur Autos bauen, sich strukturell nicht von denen unterscheiden, die systematisch Foltern und Morden.

Von der These der ganz normalen Deutschen distanziert er sich, nicht nur, da er die normale und pervertierte Organisation vor den Menschen betont, sondern auch belegt, dass nicht nur deutsche ideologisch Verblendete den Holocaust mit betrieben. Jedoch kritisiert er ebenso Arendts These der Banalität des Bösen, auch da diese nicht an der Organisationsebene ansetzt. Im Grunde jedoch entwickelt Kühl Arendts These nur auf eine soziologische Weise weiter, und schließt dabei implizit – obwohl ein Anhänger des bürokratisch-konservativen Systemsoziologen Niklas Luhmann – auch an die linke kritische Theorie von Theodor W. Adorno und Max Horckheimer von der Dialektik der Aufklärung an. Besonders die Banalität des Bösen kann Kühl nicht widerlegen, nur wesentlich konkretisieren, indem er die einseitigen Erklärungen von Strukturalismus und Voluntarismus jeweils negiert; da immer noch die Individuen im Zuge systematisch agierender, manchmal auch widersprüchlicher Organisationen immer noch intelligent agieren, aber unfähig sind, moralisch zu denken und damit eine Dialektik der Aufklärung vollends offen legen. Auch das ist ein Grund, warum der linke Philosoph Giorgio Agamben in seinem Homo-Sacer-Konzept den Holocaust als das charakteristische, biopolitische Phänomen der Moderne sieht – etwas, das Kühl auch gekonnt ignoriert respektive nur die gemäßigte Version von Zygmunt Baumann kurz rezipiert.

Abgesehen davon hat Kühls Studie jedoch einige Schwächen. Da er sich methodisch bourgeoisen Theoretikern, wie Luhmann und Max Weber, verpflichtet fühlt, glaubt er immer noch, den Holocaust neutralisierend zu analysieren, als ob eine Werturteilsfreiheit überhaupt möglich wäre. In dieser umstrittenen soziologischen Methodik distanziert er sich klarer von Arendts oder Adorno und Horckheimers Erklärungen. Doch auch historisch baut Kühl, trotz sehr guter Aktenkenntnis, einige Schnitzer ein, stilisiert etwa den Judenhass im Vergleich zum Hass auf andere Feinde des Nationalsozialismus herunter, obgleich der Antisemitismus in der Ideologie des Nationalsozialismus das treibende, charakteristische Element war, und war außerdem eines der deutschen Spezifika, die auch den Nationalsozialismus vom gewöhnlichen, aber nicht weniger totalitären oder blutigen Faschismus trennen.

Stefan Kühl hat mit seinem Buch Ganz normale Organisationen eine provokante, aber auch sehr kompetente und sachliche Studie zur Soziologie des Holocaust vorgelegt, die auch für Nichtsoziologen, in ihrer kalten klaren Sprache, gut verständlich ist. Mit seinem systemtheoretischen Ansatz und seiner genauen Kenntnis des Polizeibataillons 101 liefert er neue Ansätze in der Holocaustforschung, die noch über die nächsten Jahre hinweg in verschiedenen wissenschaftlichen und philosophischen Disziplinen beschäftigen werden wird. Einige Details oder Fehler in der partiell rückständigen Bielefelder Methodik unterminieren das Projekt jedoch. Dennoch ist das Buch auch aus linker Perspektive sehr lesenswert, da sich Kühls Ergebnisse teils auch sehr gut in die linken Theorien zum Holocaust einbetten lassen.

Stefan Kühl: Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. Taschenbuch, 411 Seiten, 16,00 Euro. Weiter Informationen gibt es unter: http://www.suhrkamp.de/buecher/ganz_normale_organisationen-stefan_kuehl_29730.html

Philip J. Dingeldey

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