Kurz notiert: Meinungsfreiheit, Religion und Leichenfledderei

Der Mangel unserer Zeit ist nicht der Mangel an Meinungen, sondern der Mangel an der Lust einer systematischen Ordnung eigener Erklärungsansätze. Zu diesem Schluss kann zumindest ein jeder gelangen, der sein Denken darin schult eine gewisse Kategorialität einzuhalten. Sie ist Voraussetzung tieferer Erkenntnis. Das Gegenteil von einer nur ungestümen emotionalen Reaktion auf das Verständnis, dass der Mensch und damit seine Konfrontation mit der Wirklichkeit, eingebettet in prozesshafte Abläufe ist, die insofern eine Vorgeschichte haben, als das eigentlich Menschliche das Ergebnis eines Prozesses ist, in dem sich Voraussetzungen zusammengefunden haben, die dieses Eigentliche erst ermöglicht haben.

Bedeutende Teile dieses menschlichen Daseins finden somit in Prozessen statt, die insofern uneigentlich menschlich sind, als dass der Mensch sich zwar in ihnen spiegelt, er aber eben Produkt und nicht Schöpfer derselben ist. Dies stellt menschliche Seinsreflexion vor eine nicht unproblematische Aufgabe. Wesentliche tragende Elemente der Gestaltung seines Existenzraums waren bestimmend für den Menschen, sie waren und sind aber externe Bedingungen in denen er sich einrichten musste und eben nicht umgekehrt Realabstraktionen, die er sich nach seinen Wünschen gestalten konnte. Dazu gehört, dass der Mensch in abgeschlossenen vollkommenen biologischen Stoffkreisläufen existiert, die sich evolutionären Wirkungszusammenhängen ausgesetzt sehen.

Eine tragende Rolle spielen in diesen Räumen Momente biologischer Erneuerung, die gemeinhin als Entropie auf das Reziprok einer ökologischen Gruppe bzw. Population wirken und für die im deutschen Sprachraum der Begriff des Alterns allgemein gebräuchlich ist. Dieses Altern findet in der Terminierung des Reziprok seine evolutionäre Selbstbestimmung, weil nur diese Terminierung in geschlossenen biologischen Prozessen eine notwendige Erneuerung und damit verfestigte Nachhaltigkeit der Gattung im Gesamtprozesses erlaubt.

Was über die Milliarden Jahre evolutionärer Vorgeschichte überwiegend mit einer kalten Ästhetik nahezu geräuschloser Effizienz immer wieder zu einer ungeahnten Diversität der biologischen Lebensformen führte, wird zu einem prosaischen Akt von Fehldeutungen, wenn das Ich-Bewusstsein die Bühne der Existenz betritt. Oder wie es der vorfreudianische Karl Marx sagen würde, sich die Gedankentotalität namens individueller Mensch zum Ganzen aufblähen muss, wo er doch offensichtlich in seiner kompletten individuellen Geworfenheit nicht einmal ansatzweise etwas Ganzes ist, sondern erst als soziales Wesen seine eigentliche Bestimmung findet. Erst als soziales Wesen ist er Teil des funktionierenden evolutionären Bestätigungsprozesses, der in der Folge dialektischer Selbstbefreiung, Entwicklung und Fortschritt ermöglicht. Diese wiederum bedingen auf der anderen Seite Erkenntnismodelle, die archaische Deutungsmuster der Welt überwinden und zu immer komplexeren Anschauungsmodellen über das führen, was der Mensch und sein Entwicklungsraum eigentlich sind.

Freilich, zu Beginn der Menschwerdung mussten aber die verkürzenden Abstraktionen, gestützt auf Unkenntnis und mangelnde Kulturentwicklung, tonangebend sein. Menschliche Erklärungsmodelle konnten niemals entwickelter sein, als der Stand seiner Befreiung von den Naturabhängigkeiten.
Genau letzterer Akt der Selbstbefreiung von den Naturabhängigkeiten wird in der Folge das Denken befördern, das zur Eliminierung fehlender Erkenntnis führt. Bis zu diesem Erfüllungspunkt mussten tendenziell religiöse Abstraktionen dieses fehlende Wissen ersetzen, um zu einer gedanklichen Kohärenz zu gelangen, also im Schwerefeld der Ursache-Wirkung-Notwendigkeit, all das mit imaginären Begründungen be- und ersetzen, was sich gemeinhin als Unerklärlich darstellte. Religiöse Glaubensmodelle sind somit unvollendete und unvollendbare philosophische Modelle, die fehlendes Wissen mit Allmachtsphantasien und deren Zuordnung zu sphärischen Wesen füllen. Zu Letzteren können Menschen vermeintlich Kontakt finden, wenn sie sich deren „Gesetzen“ unterwerfen. In den meisten Religionen dient dieser Kontakt der Umgehung der individuellen Terminierung im biologischen Gesamtprozess.

Diese dauerhaft unvollkommene Welterklärung kann sich somit natürlich nicht allein auf die unvollständige Beschreibung der Existenz fokussieren. Da wo die menschliche Gesellschaft die Bedingungen ihres Zusammenlebens nicht selbst dechiffrieren kann, weil sie wie Marx feststellt, ihre Wirkung hinter dem Rücken der Beteiligten entwickelt (u.a. fehlende Sozialwissenschaft), dehnt sich der religiöse Ansatz neben der Metaphysik der Existenz auch auf die Gestaltung der Beziehungen der Menschen untereinander aus. Die fehlende Wissenschaftlichkeit, die fehlende Bestimmtheit aufgrund fehlender Kategorialität, erlaubt es religiöse Modelle aufs Gesellschaftliche auszudehnen. Religionsgemeinschaften machen aus der unvollkommenen Welterklärung eine institutionelle Maschinerie der gesellschaftlichen Machtentenfaltung, die sich im Prozess kultureller Entwicklungsfindung zu einem mächtigen Instrument der Massensuggestion in der Dialektik zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten entwickeln lässt.

Auch wenn sich bereits in der griechischen Philosophie der Mensch von den Bedingungen unvollständiger Erklärungsvariablen, die selber nicht widerspruchsfrei sind, zu lösen versucht, ist es erst der Materialismus und seine Reziprozität zwischen naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise (Befreiung von der Naturabhängigkeit) und revolutionärer Seinsdialektik (Gestaltung dieser Befreiung), die der Menschheit die Instrumente in die Hand legt zu komplexen, spannenden und herausfordernden Seinsreflexionen vorzustoßen. In der Folge fordern diese Gedankenmodelle das althergebrachte unvollständige Nachdenken über das Dasein soweit, dass laizistische Gesellschaften entstehen, in denen der alllmachtsfixierte Glaube als Privatsache deklariert werden kann und auch der Einfluss von Religionsgemeinschaften soweit zurückgedrängt wird, dass Meinungsfreiheit eben auch bedeutet, dass die Negation imaginärer allmächtiger Wesen allenthalben zu Selbstbefreiung von religiösen Wahnvorstellungen führt. Eben auch der Wahnvorstellung vor einer sicheren Erkenntnis eines Lebens nach dem Tod sofern bestimmte und bestimmbare Regeln eingehalten werden, die sich Menschen im Namen und der Vorstellung einer allwissenden, allmächtigen und über uns Gericht haltenden Instanz geschaffen haben.

Aber diese autoritäre Erzählung ist bis heute geeignet Menschen immer dann zu verblenden und zu unterdrücken, wenn sie als einzig gültige festgelegt wird. Und allein da zeigt es sich, dass die Befreiung des Menschen von der Diktatur des Religiösen weltweit immer noch nicht abgeschlossen ist, weil die Freiheit der Selbstbestimmung der Seinsanschauung weltgesellschaftlich immer noch nicht vollständig verwirklicht ist. Antiklerikalismus, Atheismus und die blasphemische Zuspitzung sind also weiterhin notwendige Instrumente der Freiheit über den religiösen Mechanismus alleinige und krüppelhafte Anschauungen über die Welt zu liefern. Diesen Kampf hat Charlie Hebdo geführt und für diese Freiheit sind die Macher des Blatts gestorben.

Es mag ja da Draußen jämmerliche Gestalten und intellektuelle Gartenzwerge geben, die Charlie Hebdo als Rassisten bezeichnet haben. Und es gibt diese mit Hummer gemästeten Wohlfühlpolitiker im Chanelkostüm, denen jede Leichenfledderei immer gleich ist, weil sie in der Scheinwelt des Politikbetriebs nur noch sich selber als Revolutionshomunkulus inszenieren. All diesen Menschen sollte aber zugerufen werden, dass sie niemals Charlie Hebdo sein werden. Sie werden niemals etwas riskieren, um Teil der kulturellen Befreiung der Herrschaft des Menschen vor dem Hass derer zu sein, die in der fortschreitenden Erkenntnis des Menschen über sich selbst und seinen Bedingungsraums, die größte Gefahr ihrer bereits unterhöhlten Machtpositionen sehen müssen. Ganz gleich ob sie Kapitalisten, religiöse Fanatiker oder einfach nur Stalinisten sind.

Niemand ist Charlie Hebdo, der dafür nicht bereit ist auch den höchsten Preis zu zahlen!
(jpsb)

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