Dehms Antisemitismus

Es mag Ironie des Schicksals sein, dass an dem Wochenende, an dem der Befreiung der Überlebenden von Buchenwald gedacht wurde, der Kreisverband der Linken in der Region Hannover nichts besseres zu tun hatte, als durch seine Vorstandswahlen ein personell unterlegtes Signal für die Öffnung der Partei in Richtung der rechtspopulistischen Bewegungen von Mahnwachen, Friedenswinter und Endgame zu setzen. Das klingt zynisch und das ist es auch, weil die damit einhergehende Logik einiger Parteimitglieder nicht minder zynisch ist. Denn hinter dieser Strategie der Öffnung der Partei nach Rechtsaußen steht das berechnende Kalkül eines Mannes, der im Zwang steht für seine politische Zukunft wieder Wahlerfolge im Westen zu liefern. Dass es dabei auch um die Vorherrschaft in der Bundestagsfraktion der Linken im Jahr 2017 geht und dass Diether Dehm dabei für seine Herrin Sahra Wagenknecht die Machtbasis für ihren zukünftigen Anspruch als alleinige Fraktionsvorsitzende zu liefern hat, sei hier nur am Rande erwähnt.

Für diese halluzinierten Zukunftserfolge mit und im rechten Lager gilt es zunächst sowohl personell, als auch ideologisch den Weg zu ebnen und dafür ließ es sich Dehm nicht nehmen auf der Kreismitgliederversammlung in der Landeshauptstadt höchstpersönlich den Anheizer zu geben. Um der Kandidatur von Johannes Drücker für den Kreisvorsitz den nötigen Nachdruck zu verleihen, peitschte Dehm die Versammlung seiner Anhänger mit der Feststellung ein, dass der Begriff des Antisemitismus inflationär vernutzt werden würde. Er, Dehm, würde sich daher dafür einsetzen, dass dieser Begriff allein dem industriellen Massenmord vorbehalten bliebe. Die nicht gerade mit Intelligenz gesegnete Restgemeinde der Schutz- und Wirtschaftsbefohlenen des Schlagersängers klatschte spätestens da so eifrig Beifall, dass einem plötzlich nicht mehr klar war, ob dies eine Veranstaltung der Linken oder der extremen Rechten war. Allein, nach dieser Logik wäre erst die Wannseekonferenz der Ausdruck antisemitischer Tendenzen in Europa gewesen, aber wohl nach Dehms wirrer Phrasendrescherei immer noch kein Antisemitismus, weil in den Konferenzräumen keine Juden umgebracht wurden und der Beschluss des Massenmordes von seiner Durchführung ideologisch zu unterscheiden sei. Von hier ist es nur noch ein verbaler Steinwurf bis zu Holocaustumdeutung, der methodischen Grundlage des aktuellen Faschismus.

Was Dehm und seinen Jüngern bei ihrem gemeinsamen intellektuellen Totalausfall offensichtlich entgeht, ist der Umstand, dass der Antisemitismus natürlich eine ideologisch-historische Erscheinung in Europa und insbesondere in Deutschland ist und keineswegs die Kennzeichnung des Höhepunkts eines staatlich organisierten Verbrechens darstellt. Für den Begriff des industriellen Massenmords gibt es andere und in der Zivilgesellschaft anerkannte Begriffe, gerade weil dieser Massenmord die Endstufe des Antisemitismus darstellt, der sich eben gerade nicht in dieser tödlichen Zuspitzung erschöpft. Im Gegenteil. Der Antisemitismus ist der Ursprung und Wegbereiter dieses Massenmordes, weil er ihn in den Tätergesellschaften vorbereitet hat. Eben dieser Antisemitismus wurde benötigt um das Verbrechen propagandistisch perfide rechtfertigen zu können und es nicht nur auf eine industrielle Basis zu stellen, sondern es zu einer akzeptierten und tolerierten gemeinsamen Sache in und mit der Masse der Bevölkerung werden zu lassen. In diesem Verständnis, dass der Massenmord auch auf Massenakzeptanz gestoßen war und in der Kritik genau dieses Umstandes, hatte sich Ende der sechziger Jahre in den westdeutschen Jugend- und Studentenrevolten ein linkes Selbstbewusstsein entwickelt, welches die Bekämpfung des deutschen Antisemitismus zum Kerngeschäft der emanzipatorischen Linken werden liess und die Republik somit nachhaltig verändert hat. Mit der Relativierung des Antisemitismus kratzt Dehm also am eigentlichen Identifikationsmerkmal der gesellschaftlichen Linken weit über die eigenen Parteigrenzen hinaus.

Wahrscheinlich ist dies alles sogar dem promovierten Heilpraktiker Dehm klar. Freilich benötigt er diese Täuschungsmanöver um existierende rechtspopulistische Tendenzen (Jebsen, Mährholz et tutti cuanti) in die Linke kanalisieren zu können. Für den Traum PEGIDA nachzueifern und damit der darbenden Westlinken neues Leben einzuhauchen um zehntausende „Wutbürger“ für einen völkischen Antikapitalismus zu mobilisieren, muss von der Tatsache abgelenkt werden, dass der Antisemitismus ein spezialisierter Rassismus zu Spaltung der sozialen Interessen der Menschen ist und eben keine zuspitzende Bemessungsgrundlage für das Ausmaß der auf ihm fußenden Verbrechen darstellt. In der Form eines demagogischen Konstrukts war er Herrschaftsinstrument brauner, aber leider auch autoritärer roter Eliten, sowie ihrer Nomenklatur und weitverbreitetes gesellschaftliches Phänomen. Die rund sechzig (!) Mitglieder (von etwas über einhundert anwesenden Genossinnen und Genossen), die Dehm am Wochenende in Hannover auf dem Weg nach Rechts gefolgt sind, wandeln also auf einem historischen Pfad, der mit blutigen Kampfstiefeln geebnet wurde.

Mit der Wahl von Johannes „Redstar“ Drücker und Jessica Kaußen zu den Kreisvorsitzenden in Hannover haben sich letztendlich Personen durchgesetzt, die nicht nur politisch inhaltlich schwach und völlig uncharismatisch sind, sondern Anhänger Dehms, die seiner Strategie die Partei ins rechtspopulistische Milieu zu öffnen dienlich oder zumindest nicht hinderlich sind. Wer sich aber anbiedert den gesellschaftlichen und geschichtlichen Antisemitismus in Deutschland und Europa zu verharmlosen, der trägt dazu bei, die Linke als antifaschistische Kraft zu erodieren. Es gibt keinen Antifaschismus, der sich dem Antisemitismus öffnet, in dem er dessen Existenz negiert und damit den Kampf gegen dieses Grundlagenprodukt aller Rassismen unterminiert.

Und somit ist nicht die Wahl von Dehms willigen Helfershelfern der eigentliche Skandal, sondern die demagogische Zumutung Dehms, dass es in der Linken keinen Antisemitismus gibt, weil der Begriff allein die höchste Eskalationsstufe eines historischen Verbrechens kennzeichnen soll und nicht mehr das sein darf, was er tatsächlich ist: Ein Herrschaftsinstrument antiemanzipatorischer und reaktionärer Kreise, um die sozialen Interessen der Menschen zu spalten und den Rassismus in den Dienst der Beherrschung des Menschen durch den Menschen zu stellen.
(jpsb)

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Ein Kommentar zu Dehms Antisemitismus

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