Essay 2015: Standortbestimmung! Wagenknartsch oder Bartschknecht? Wie Rechts wird die „Neue Linke“?

Nach dem Abgang von Altmeister Gysi haben sich Partei und Fraktion auf einen Kuhhandel geeinigt. Dafür haben die Reformer, in Gestalt von Dietmar Bartsch, nicht unerhebliche Zugeständnisse gemacht. Mit Wagenknecht haben sie eine gefährliche Gegnerin machtpolitisch aufgewertet ohne eine erkennbare Gegenleistung zu erhalten. Der Versuch von Teilen des selbsternannten linken Flügels im gesellschaftlichen Lager derer zu punkten, die ihren Vertrauensverlust ins bürgerliche System mit rechten Parolen hinterlegen, müsste allerdings das Auflösen fauler Kompromisse gebieten. Öffnet sich die Partei weiter Wagenknecht und Lafontaine bei dem Versuch diese Milieus ins eigene politische Kalkül einzubeziehen, wäre dies das endgültige Aus einer Mittelinks-Option in der Republik und schlussendlich der Höhepunkt des Rachfeldzugs Lafontaines gegen die Sozialdemokratie. Die Linke wird in diesem Manöver zur Geisel eines Projektes, welches in einer saarländischen Villa von kleinbürgerlichen Parvenüs konzipiert und exekutiert wird.

Er hat sich mal wieder durchgesetzt: Selbst im Abgang war es Gregor Gysi vergönnt seine Wunschnachfolge festzulegen. Nun müssen Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht die Fraktion der Partei Die Linke im Deutschen Bundestag führen. Die Lichtgestalt der parlamentarischen Linken hat damit eine überschaubare Rechnung aufgemacht. Die personifizierten strategischen Antipoden dürfen die Dichotomie der Partei in Personalunion in der Fraktion symbolisieren. Ein letztes Aufbäumen, ein letztes Signal: Kein lebender Mensch allein kann mich ersetzen!

Wagenknecht und Bartsch, das ist wahlweise der gelebte Wunschkompromiss und dann doch wiederum der Ausdruck des Gleichgewichts des Schreckens in der Partei. Verliererin ist Katja Kipping, die diesen Kuhhandel als Zaungast verfolgte und eigene Ambitionen abschreiben muss. Diejenigen, die sie in Göttingen zur Parteivorsitzenden machten, hätten ihr nie auf den Fraktionsthron geholfen. Es gilt mit Wagenknecht eigene Ziele weiterzuverfolgen. Zunächst in der Fraktion. Möglich, dass damit Kippings Projekt „Mittelerde“ beendet ist, bevor noch mehr Mittelmaß das Bild der Partei zu bestimmen in der Lage gewesen wäre.

Freilich ist das Ganze keine genial aufgesetzte Strategie. Vielmehr eine Erbhinterlassenschaft, gar ein Experiment, in der sich Not und Elend einer Partei reflektieren, der es an Kraft für einen notwendigen Neuanfang fehlt. Für die Gesamtnachfolge ist in der „Stunde Null“ nach Gysi kein Einzelangebot gut genug, um die Lücke zu füllen, die der Berliner Spitzenpolitiker hinterlässt. Hier und Da wird dieser Umstand zwar noch schön geredet. Gar von einer Schärfung des politischen Profils orakelt („Bartsch regiert, Wagenknecht zieht rote Haltelinien“). Allein klingt dies doch eher wie der Gebrauchtwagenhändler, der auch noch seinen letzten Ladenhüter einem gutmeinenden Kunden unterschieben muss. Die guten Stimmergebnisse für Wagenknecht und Bartsch bei der Wahl zum Fraktionsvorsitz lassen erkennen, dass diese Notgemeinschaft auch erhebliche Risiken in sich birgt. Die Abgeordneten mühten sich den Lack nicht vor der Inbetriebnahme des neuen bzw. alten Motors abplatzen zu lassen.

„Bartsch goes Wagenknecht“
Bartsch hatte sich für diesen Deal in den Wochen vor der Wahl zumindest sprachlich auf Wagenknecht zubewegt. Vereinfachende Welterklärungen, Dumpfrhetorik und die Bestimmung der Sozialdemokratie als Hauptfeind, all das ging dem Mann aus Mecklenburg-Vorpommern so leicht über die Lippen, als hätte er sein ganzes Leben nur in der realsozialistischen Auslaufzone der Partei und in den illustren linksschlagenden Verbindungen wie der Antikapitalistischen Linken oder der Kommunistischen Plattform verbracht.

Dabei war das doch alles völlig anders geplant. Sollte das neue Amt nicht zu mehr tagespolitischer Verantwortung für die Mitvorsitzende führen? Eine Fokussierung auf das Fachpolitische zum Ende der Abgeordneten Sahra Wohlfühlzone beitragen? Offensichtlich wurde die Rechnung ohne die Wirtin gemacht. Wagenknecht bettet das Alltagsgeschäft in ihre ideologische Scheinwelt; Ist die Meisterin des repetitiven Kanons aus Reichensteuer, Kritik des US-Imperialismus, Putin-Versteherei und SPD-Schelte. Ein neuer Typus Fraktionsführerin. Völlig ausblendend, dass der Bundestag eine Gesetzgebungsmaschine ist und Fundamentalopposition intellektuell schnell langweilig wird. Vor allen Dingen dann, wenn der eigene Wissensfundus seit leidlich 10 Jahren die immer gleichen „Fundamentalwahrheiten“ auszusondern in der Lage ist.

In einer „Realität“, in der die Weltgeschichte wohl erst mit der eigenen Geburt begann, da können natürlich auch die Vereinigten Staaten das Grundübel aller globalen Prozesse sein. In einer solchen Welt ist der Kapitalismus nicht ein historisch gewachsenes wirtschaftliches Effizienzsystem, sondern ein Objekt, welches allein durch moralisierende Betrachtungsweisen einer Analyse zugeführt werden kann. Ein Hegemon, dem sprachlich literarisch beizukommen ist. In dieser Welt ist die Reichensteuer das schärfste und einzige Instrument der politischen Palette, welches wahlweise gegen die Bourgeoisie, rote Ampeln, Fußpilz und Krebs im Endstadium zu helfen in der Lage ist. Eine Waffe, die allein die Herrschaft über das Geld als Mittel der Herrschaft über Menschen versteht und in dieser Kategorie seltsamerweise auch die Befreiung des Menschen über subjektlose Prozesse verortet. Logisch, dass nun auch die Fragen von globalen Flucht- und Vertreibungsbewegungen ganz einfach einer Lösung zugeführt werden können. Denn „einfach“ ist das neue „klug“ im Hause Lafontaine und Wagenknecht.

Nur Lafontaine konnte mit dem Nexus zwischen der Flüchtlingsfrage und der Erhöhung des Regelsatzes für Hartz-IV-Empfänger bzw. der Anhebung des Mindestlohn einem komplexen Problem ein klischeehaftes Verständnis aufzwingen. Gesellschaftliche Intoleranz wird als Unterschichtenproblem klassifiziert und dadurch denunziert, dass eine Überwindung verfestigter Vorurteilskulturen käuflich zu erwerben sei. Hassbewegungen, wie etwa in Dresden, sind aber gerade so gefährlich, weil sie alle Züge einer kleinbürgerlichen Empörung in sich tragen. Sie schlagen nicht von ungefähr einen großen Bogen zwischen vermeintlich „rechten“ und vermeintlich „linken“ Themen, gerade weil die bisherige bürgerliche politische Interessenvertretung dieser Milieus seit vielen Jahrzehnten den hilflosen Versuch betrieben hat, der Verbilligung des gesellschaftlichen Wertes der Arbeit allein ideologische Figuren entgegen zu stellen. Das intellektuelle Elend der unteren und mittleren Gehaltsklassen wurde mit dem Mythos einer perspektivischen sozialen Sicherheit im Konzert der Produktivkraftentwicklung gespiegelt. Irgendwo zwischen Facharbeitermangel, „Fordern und Fördern“, Demografischem Wandel und der Durchkommerzialisierung aller gesellschaftlicher Prozesse soll die Zukunft einer historischen Formation liegen, die auf dem Trugbild aufgebaut ist, soziale Sicherheit perspektivisch durch den Verkauf der eigenen Arbeitskraft tauschen zu können. Die Betroffenen reagieren mittlerweile skeptisch. Erleben sichtbar Anderes: Eine Welt die sich verändert. In der die Hergabe der eigenen schöpferischen Identität eben nicht zwingend eine schöne neue Zukunft schafft . Wobei sich diese Veränderung, wie so oft, hinter dem Rücken, mehr noch hinter dem Verständnishorizont der Betroffenen abspielt. Eine perfekte Grundlage Althergebrachtes indifferent und verständnislos zu hinterfragen.

Antideutsche Lügenpresse? „Rechts-Linkes Verständnis“!

Denn wenn zentrale Angriffsvokabeln wie „Lügenpresse“ oder „Allparteienherrschaft“ des neuen rechtslinken Wutbürgers wirklich so etwas wie Gehalt hätten, einen entwickelbaren Kern an Elitenkritik in sich tragen könnten, sie würden sich nicht im dumpfen Rassismus bzw. Antisemitismus Bahn brechen. Sie wären Anknüpfungspunkt eines historischen Strukturwandels, welcher das Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital auf die Tagesordnung heben würde. Im Zusammenspiel überforderter Eliten und der fortschreitenden kulturellen Entblößung der Arbeiterklasse werden diese Zuspitzungen jedoch nur eine katastrophische Endung finden. Mit ihnen zu „spielen“ ist daher bei Strafe des Untergangs eines emanzipativen Moderneprozesses eigentlich undenkbar. Nicht jeder Vertrauensverlust hat einen revolutionären Habitus. Der aktuelle ist allein durch reaktionäre Rückschrittlichkeit markiert.

Folgerichtig schlägt dieser Vertrauensverlust auch in einem Unvermögen bürgerlicher Eliten um, den rechten Rand der eigenen Wählerschaft dauerhaft in ein konservatives Moderneprojekt zu integrieren. PEGIDA und die AfD sind eben keine Bewegungen empörter Absteiger, sondern der Reflex der unteren Mittelschicht und des Facharbeitermilieu gegen eine Moderneentwicklung, in der Fluchtbewegungen, und die auf ihnen basierenden Veränderungen kultureller Rahmenbedingungen, als ein Angriff auf den eigenen hegemonialen Lebensstil der alten Weltordnung verstanden werden. Als Störung durch ein Elend, welches den Genuss kleiner und kleinlicher Nutzvorteile in Frage stellt, in dem es an den Türen der Fluchtmitverursacher anklopft und damit das Selbstverständnis des Steifkragenproletariats als präferierten Ausbeutungspartner des Kapitals tangiert. Es sind Sorgen und Ängste derer, die noch Etwas zu verlieren haben und daher ihre Elitenkritik problemlos im antidemokratischen Gewand wahlweise rechtsextremer oder querfrontlerischer Verschwörungstheorien betten. Die Spießerideologie speist ihre Kraft aus der Mitte des Arbeitsethos und vermeintlich deutscher Werte. Dieser Nährboden der Vorboten eines spätkapitalistischen Faschismus fühlt sich von seinen bisherigen Eliten verraten. Händeringend werden neue Bezugspersonen gesucht und in extremistischen, rein sprachlich zuspitzenden, Fundamentalkritikern gefunden.

Daher muss jeder Ansatz sich dieser „Bewegung“ annähern zu wollen eigentlich auf zwingendes Unverständnis von „Links“ stoßen. Die Verkennung der Handlungsmotivation sowohl der Agitatoren als auch des Fußvolks dieser „Empörten“ scheint aber in Teilen der politischen Linken auf einen Neid zu treffen, der sich dahin strategisch auflöst, die vermeintliche Volksmobilisierung nicht der neuen Rechten überlassen zu wollen. Allzu leichtfertig wird nun dort das Wunschklientel verortet, um aus den eingrenzenden Umfragewerten (um 10 Prozent) auszubrechen. Und die Faszination ist gerade deshalb so perfide, weil Einige es einfach nicht lassen können sich einer Sache nur deshalb anzudienen, weil sie den faszinierenden Gestank verströmt die SPD und den bürgerlichen Politikbetrieb noch weiter in die Schranken zu weisen. Völlig klar also, dass der Gesprächsfaden mit dieser Bewegung und deren Klientel nicht verloren gehen darf, wie Wagenknecht noch im Januar diesen Jahres zum Besten gab.

Dehms Experiment ist Wagenknechts Experiment

Kaum verwunderlich also, dass die Stimme des linksrechten Wutbürgers durchweg anschlussfähig an ein Projekt sein soll, welches nicht zufällig vom ihrem Fraktionssekundanten Diether Dehm in den Niederungen der westdeutschen Landesverbände angetestet und von ihr bzw. ihrem Lebenspartner beim Plausch mit schweizerischen SVP-Funktionären elitär weitergedacht wird. Diese Öffnung kann nur darin münden ein Mitte-Links-Bündnis in der Republik dauerhaft zu beerdigen und damit Lafontaines Rachefeldzug gegen „seine“ SPD auf die höchste, aber auch letzte Stufe zu heben. Die Sozialdemokratie soll im Elend der christdemokratischen Juniorpartnerschaft gehalten werden.
Simplifizierung, Schwarz-Weiß-Malerei, die Dekonstruktion pointierter Fachpolitik und der Schulterschluss mit linksrechten Modernegegnern sind dafür die zwingenden Methoden. Der Vereinfachung folgt die Totalisierung mittels selbstgerecht und realitätsfern postulierter Grundsätze: Sogenannter „Roter Haltelinien“, die sich im Ergebnis als „tote“ und „tödliche Haltelinien“ Ausdruck verschaffen. Wer solche Grundsätze in der innerparteilichen Willensbildung dominiert, wird sehr bald das einzige Machtzentrum sein, welches diese Grundsätze wieder aufzuheben in der Lage ist und darüber entscheiden, ob die gesellschaftliche Linke überhaupt wieder handlungsfähig werden kann.

Die ersten Tage und Wochen im Leben der Partei nach Gysi werfen somit unheilvolle Schatten. Offenbar gefällt sich Bartsch in der Rolle Wagenknecht für ihre Manöver so viel Freiraum wie möglich zu öffnen. Vielleicht eine Kapitulation vor den eigenen Fähigkeit. Bartsch wird dem Ganzen ohnehin wenig entgegensetzen können. Im Gegensatz zu ihm ist Wagenknecht in der Lage einen Parteitag allein durch Rollenzuordnungen zu dominieren. Sie ist Pawlow und die Delegierten bilden ihre Reflexsubjekte. Dieser Klatsch- und Jubelmechanismus von Parteitagsinszenierungen wirkt keineswegs unattraktiv. Er baut auf die Implantierung von Alleinstellungsmerkmalen ohne selbst politische Kompetenz zu entwickeln. Letztendlich ist das Alles aber auch nur eine Reminiszenz in Richtung des bürgerlichen Politikbetriebs. Die Alleinstellungsmerkmale beschreiben kommerzielle Markenkerne, die selber gar nicht mehr sein müssen als ideologische Gerippe. Aneinanderreihungen von sprachlichen Logos, die selber nicht mehr zum Politischen vorstoßen, gerade weil die Politik in der Republik von anderen Parteien und Akteuren gemacht wird und gemacht werden kann.

Grabesruhe der parteiinternen Gegenkritik

Scheinbar beruht diese Taktik auf einem Kompromiss zwischen Bartsch und Wagenknecht. Das Ausdünnen von Gegenkritik zu den Entscheidungseliten und den faulen Grenzziehungen in der Linken ist im vollen Gange. Simpelste Weltbilder dominieren die Diskurslage in der Partei. Sie sorgen perfide dafür, dass wichtige Parteimilieus in einem Akt intellektueller Unterforderung sprachlich mit dem neurechten Wutbürger anschlussfähig bleiben. „Lügenpresse“, „Allparteienherrschaft“ und zu guter Letzt „Antideutscher“, all das sind Bezugsmetaphern auf Endlösungen fixierter Brachialbewegungen. Die traditionsreaktionären Arbeitsbewegungsmarxisten wollen genauso Blut sehen wie ihre Pendants von PEGIDA, Endgame und den Köpfen der Trutherbewegung. Die Wiedergeburt eines Korpsgeist, der fatal an realsozialistische Einheitsparteien und totalitäre Parteiformationen des Kleinbürgertums erinnert. Parteiintern, in den angeschlossenen sozialen Medien, werden immer öfter die Köpfe von Abweichlern gefordert. Von Personen, die auch aktuell eine höhere tagespolitische Handlungsfähigkeit von der Bundespartei fordern, um der wachsenden kopflosen Dekonstruktion des bürgerlichen Moderneprozesses entgegenzuwirken. Wehe dem, der in den Einflusszonen dieser „Politikkommissare auf Abruf“ verbandspolitisch organisiert ist. Der ostdeutsche Reformzirkus hat sich dagegen längst mit dieser Realität arrangiert. Versucht in den Landesverbänden in den neuen Bundesländern Eigenschutzzonen zu halten, um wenigstens dort so etwas wie Regierungsfähigkeit zu ermöglichen. Kritik am Deal um die neue Fraktionsführung soll aber auch hier kleingehalten werden. Wagenknecht liefert als Fleisch gewordene Politikvermeidung die einfachen Botschaften für ihr Gefolge. Die Reformer gewinnen Zeit für ihre weitere Berufsplanung.

Der Preis wird aber weit höher sein als allein der Verlust parteipolitischer Optionen. Das Ergebnis ist flügelübergreifend eine Politik der Sprechblasen, in der sogar Katja Kipping eine Rolle finden könnte. Droht gar ein Wettlauf der am härtesten möglichen Aneinanderreihung von inhaltsfernen Allgemeinplätzen. Mündend in einen Personenkult der besonderen Art? Eine politische Masturbation zur Befriedigung der Gier nach einfachsten Botschaften? Wagenknecht liefert die rhetorischen Gemeinplätze der denkbar simpelsten und daher verfehltesten Kapitalismuskritik. Die damit einhergehende Popularität bei einer gewissen Zielklientel wirkt wie ein zweischneidiges Schwert, weil sie sich in einer virtuos verschleierten Unfähigkeit parlamentarische Projekten zu bearbeiten verdichtet und damit diese gesellschaftliche Kompromissfindungsinstitution für linke Handlungsoptionen in Frage stellt. Nur in der Linken wird eine Person Fraktionsvorsitzende, die nach und nach von ihren eigenen Zukunftsvisionen geplagt Fraktion und Partei ins parlamentarisch gesellschaftliche Abseits bugsiert. Alle kommunikativen Brücken einreisend, die in der Lage sind aus einer Minderheit eine Mehrheit im Bundestag entstehen zu lassen. Gefährlich wird es, wenn Bartsch ihre Thesen eifrig nachplappert und in das politische Nirwana folgt, das nur eine selbsterfüllende Wirklichkeit politischer Parvenüs in sich trägt, die ihren traurigen Höhepunkt da erreichen, wo sie die kritisierte bourgeoise Lebensform eifrig adaptieren und dies als avantgardistische Formel des Beginns des „Reichtums für Alle“ sarkastisch verteidigt wird.

Das Schicksal der eigenen Klasse teilen, das sind Attitüden einer vergangenen Zeit. Heute muss linkes Funktionärstum auf Augen- und nicht auf Schamhöhe agieren. Die Partei hat von den Gewerkschaften gelernt. Sie ist ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse und nicht der Motor eines kulturellen und zeitkritischen Neuanfangs. An dieser Nahtstelle des kleinbürgerlichen Selbstverständnis zelebriert der Bartsch-Wagenknecht-Deal seinen kleinsten und doch größten gemeinsamen Nenner. Solche Akteure sind nicht einmal mehr in der Lage sich vor sich selber zu ekeln. Wären sie doch nur französische und keine deutschen „Intellektuellen“.

Möglich eine solche Kritik am politischen Funktionspersonal für naiv zu halten. Vielleicht geht es immer nur um messbaren Erfolg. Aber auch der bleibt bisher aus. Die Partei bewegt sich trotz der vermeintlich beflügelnden „Großen Koalition“ auf Umfrageergebnissen, die sich im Bereich der letzen Bundestagswahl einsortieren. Die Grünen überholen Die Linke in den Zustimmungswerten, obwohl hier überhaupt keine spannenden Köpfe die personelle Leere nach Joschka Fischer zu füllen in der Lage waren. Die Frage bleibt auf der Tagesordnung, wer politische Verantwortung übernimmt, wenn auch dieses Geschäft zwischen den Flügeln die Partei weiterhin nur auf der Stelle treten lässt und gleichzeitig die selbstgesuchte Isolation deutlich vertieft wird. Wahrscheinlich wie immer niemand. Die Partei ist längst eine wehrlose Beute ihrer Funktionäre und ihrem Jubelgefolge. Allein die Dachlatten bleiben noch eingepackt.

Ekelfreie Parvenüs als Platzpatronen der Systemkritik

Dieses Unvermögen eine weit aufgestellte moderne Kritik der geltenden Reproduktionslogik offerieren zu können, macht die Kapitalismuskritik von Wagenknecht & Co. bisweilen sogar attraktiv für die Verwalter der geltenden Macht- und Einflussordnung. Das saarländische Duo ist nicht rein zufällig gern gesehener Gast beim Palaver der Mächtigen. Nicht wegen ihrer Gefährlichkeit, sondern wegen der Ungefährlichkeit ihrer Kritik. Letztlich gilt das alle Eliten, ob „rechte“ oder „linke“, davon leben, dass es eine selektive Zuordnung gesellschaftlicher Rollen gibt. Die Form der Dominanz über die Bestimmungsinhalte dieser Selektion ist allen dogmatischen Systemen gleich. Es geht immer um die Verfügungsgewalt über die menschliche Kreativität. Ihrer Urbarmachung in abstrakten Prozessen, die Beherrscher und Beherrschte hervorbringen. Dieser Entäußerung entgegenzuarbeiten ist nur in einer dialektischen Vorstellung möglich, die viel weiter geht als die Modernentwicklung in eine reine Verteilungsfrage münden zu lassen. Mit anderen Worten: Wortartefakte wie „Reichensteuer“ oder „Mindestlohn“ bedingen keinen Jota Fortschritt, weil sie selber nur aus der Ungleichverteilung gesellschaftlich produzierten Reichtums die Quelle ihrer Kraft beziehen. Soziale Zielvorstellungen werden in das Schema bestehender Ausbeutungsverhältnisse zurückgeworfen. Archaische Rollenzuordnungen werden domestiziert und nicht beseitigt. Schon längst sollte allerdings bei Strafe des Untergangs eine Neujustierung der Inhalte der Produktion selber auf der Tagesordnung stehen. Von einem mächtigen Schatten gefolgt, der auch die Hinterfragung des westlichen Konsumptionsmodells bedingen muss.

Genau diese Ideen auf die Tagesordnung zu setzen ist radikaler als jede Kapitalismuskritik, die jemals von Lafontaine oder Wagenknecht kommen könnte. Sie muss in einer leidenschaftlichen Radikalität des Denkens und in einer reformpolitischen Klugheit des Handelns ihre Selbsterfüllung finden. Schade, dass der Reformzirkus in dieser Partei diese Überlegung nicht teilt. Schon längst herrscht hier bei den Funktionären der selbe Korpsgeist, der auch Wagenknecht & Co treibt. Ein größtmöglichst Maß an Verachtung für die eigene programmatische Zielklientel. Diese gipfelt in der vermeintlichen Erkenntnis, dass Rassismus durch die leidliche Erhöhungen von Geldzuwendungen zu bekämpfen ist, weil der Alltagsrassismus ein Unterschichtenphänomen sein muss und nicht als Vorbote eines reaktionären Faschismus richtig eingeordnet wird.

Dieses Missverständnis hat nichts mehr von Modernekritik. Es ist reiner sozialer Voyeurismus. Er wirkt nur durch Alleinstellungsmerkmale, ohne selber je gegenständliche Gegenkritik sein zu können. Nicht von ungefähr stützt sich diese Zuspitzung auf abgeschwächte marxistische Sprachartefakte ohne jemals wirklich Marxismus werden zu können. Würde es anders sein, diese Kritik würde die Hegemonie des Kapitalismus als eine Hegemonie über die Anschauungen und die tätige Verrichtung, schlussendlich als Herrschaft über die Kreativität der Menschen begreifen. Folglich die kulturell und historisch gewachsene Diktatur als eine Dominanz über das Arbeiten und über die Freizeit der Menschen erkennen. Sie würde begreifen, dass die Durchbrechung dieser Hegemonie eine zuspitzende Kulturkritik ohne jeden Rassismus, Antisemitismus und Sexismus notwendig machen würde. Und letztere Dreifaltigkeit des Faschismus und Totalitarismus schon im Schlangenei bekämpft werden muss und nicht durch fadenscheinige Gesprächsangebote aufgewertet werden darf.
Was ist radikaler Reformismus?

Dieser radikale Reformismus wird davon getragen komplex verdichten zu können und darf im Gegenzug erwarten, dass die zu seiner Genussentfaltung notwendigen Sprach- und Denkapparate beherrscht werden. Er wird interdisziplinär sein und sich nicht in Vereinfachungen flüchten oder sich in einer Art philosophischer reductio ad absurdum erschöpfen. Vielmehr seine Selbstbestimmung als den Kraftakt begreifen, den jede emanzipative Bewegung einer Befreiung voranstellt. Diese Kritik kann nicht mehr aus der Mitte der Beherrschungszentren und der affekthaften Aneignung des Lebensstils der Unterdrückung und Unterdrücker seinen Weg ins Neue finden. Daher sind Wagenknecht und Lafontaine denkbar ungeeignet einen Plan B zu entwickeln, weil sie sich ganz persönlich zu den kulturellen Eliten des Plan A hingezogen fühlen.

All dies vorausgesetzt ist das Geschäft mit Wagenknecht ohne jegliche Gegenleistung ein schlechter Handel. In ihm sind die Vorboten eines weiteren linken Versagens angelegt. Die Zeit wird zeigen, ob statt des Deals nicht jetzt hätte um diese Partei gekämpft werden müssen. Jetzt eine Lösung hätte gesucht werden müssen. Lieber den Untergang des Projektes billigend in Kauf nehmend, als seiner absehbaren Öffnung in eine rechte Empörungsbewegung die Steigbügel zu halten. Schon lange stellt sich indes die Frage, wer diesen Kampf in der Partei führen soll.

Wahre Radikalität kann in der Partei nur ein Ziel haben: Den wirklichen Bruch mit tradierten sexistischen, chauvinistischen und rassistischen gesellschaftlichen Rollenzuordnungen zu fordern. Aufgehoben im reformorientierten Wandel der Gesellschaft. Ob Bartsch die Person ist diese Erkenntnis leidenschaftlich zu vertreten, dies darf ernsthaft bezweifelt werden. Um es musikalisch zu deuten: Bartsch wirkt nicht wie Heavy Metall, sondern wie Fahrstuhlmusik. Oder noch klarer ausgedrückt: Niemand hat in der Partei Angst davor einen wie Bartsch aus politischen Ämtern abzuservieren oder erst gar nicht an diese heranzuführen. Das ist der große Unterschied zu Wagenknecht. Daher wurde hier durch die Reformer ein Handel begonnen, der mit großer Sicherheit in eine Niederlage münden wird.
(jpsb)

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