Dissonanz statt Resonanz – Zur Wiederwahl von Riexinger und Kipping

Es war André Brie, der kürzlich in einem Interview feststellte, dass die Partei Die Linke nur auf dem Papier besteht. Er hätte besser erklären sollen, dass sie aus Papieren besteht, die alle keinen Bezug zum eigenen Programm entwickeln, weil die eigentliche Seele der Partei auf dem Programmparteitag in Erfurt den faulen Kompromissen von Funktionären geopfert wurde. Statt der eigenen Verstaubheit mittels einer konsequenten Modernisierung entgegenzuarbeiten, wurde ein maroder Zusammenhalt politischer Dissonanzen angerührt.

Und so geistern wenige Wochen vor dem Wahlparteitag in Magdeburg etliche Papiere durch den Parteiäther, die alle nur eines gemeinsam haben: Sie sind zu lang, sie sind zu artig, sie sind zu langweilig, weil sie um das Kernproblem einer fatal falsch konstruierten Partei einen großen Bogen schlagen.

Ein Papier, es ist aus dem Reformlager, will den Umbau der Linken in eine Angebotspartei gestalten. Ein anderes, das Papier der Vorsitzenden, sieht gar die Notwendigkeit einer sozialen Revolution. Warum aber ein völlig unfähiger Gewerkschaftssekretär mit dem fatalen Hang Landtagswahlen zu verlieren und ein Kind des bundesdeutschen Parlamentarismus das Wort Revolution in den Mund nehmen bzw. auf das Papier bringen bleibt nach langatmiger Lektüre der steilen These unergründlich.

Nein, die Welt wartet nicht auf Wagenknecht im Chanel-Kostüm auf einer Barrikade oder auf einen Lafontaine, der aus einem Dienstfahrzeug des saarländischen Landtages Molotow-Cocktails wirft. Es braucht auch keiner eine Jungpionierin Kipping, die mit rot gefärbten Haaren wichtige Anweisungen für die Revolutionsgarden durch die feindlichen Linien schmuggelt. Oder einen Dietmar Bartsch, der in der örtlichen Sparkassenfiliale heimlich Kugelschreiber klaut. Und nein, auch keinen Riexinger, der auf einem Panzerkreuzer einen Betriebsrat zu gründen sucht. Sie alle wären Leergut einer Revolution, die ausbleibt. Zumindest unter Führung einer Riege von Funktionären, die es sich in der Republik und dem Elend der eigenen Wähler recht gemütlich eingerichtet hat. Nur noch die Sprache, nicht aber die Partei selbst, übt sich im radikalen Habitus. Diese Partei ist zu aller erst Ernährerin ihrer Diadochen und deren gefälligen Arbeitnehmer. Sie ist selber Spiegel einer bürgerlichen Klassengesellschaft und ist daher selber Teil eines organisierten sozialen Gefälles, welches nicht revolutionär ist, sondern selbst durch eine Revolution beseitigt werden müsste.

Und diese Revolution, vielmehr noch Konterrevolution, kommt. Nicht als lehrreiches Konvolut einer marxistischen Zitatensammlung samt angeschlossener Kommissarskaste, sondern als dumpfer Aufguss eines rassistischen, deklassierten und entsolidarisierten Teils der europäischen Gesellschaft, welche den alten Wein des völkischen Bezugssystems in ebenso alten Schläuchen eines sozialen Nationalismus zu predigen sucht. Dieser Prozess stößt ins das Herz der uninspirierten europäischen Zivilgesellschaft, allerdings viel effektiver als die europäische Linke, weil es die Weltbilder derer bedient, die außer in Verkürzungen, keine ideologische Kohärenz in der Lage zu bilden sind.

Lafontaine und Wagenknecht haben das Milieu des Arbeitslosen, der gegen seine eigenen Interessen AfD wählt, mit ihrer einfältigen Kapitalismuskritik nur vorbereitet. Petry & Co. sahnen die Arbeit der autoritären Linken einfach ab, weil erst jetzt die letzte Facette zum Faschistoiden, der strukturelle Rassismus und Antisemitismus, durch das Angebot rechter Hetzer konsequent zu Ende gedacht wurde. Die Pose ist eingeübt und fällt dennoch aus dem Rahmen vermeintlicher eingeübter Kompromisse zivilgesellschaftlicher Akteure. Sie ist aber kein transzendierender Reflex auf Flüchtlinge und offene Grenzen, eher bedient sie und spricht aus was immer in dieser Republik und anderen Teilen Europas geschlummert hat.
Ausgeträumt die Mär eines linken Nationalismus, die Wähler wandern dorthin ab, wo sie hingehören. Es gibt schlussendlich nur einen Nationalismus und der kann nur als Aufguss faschistoider Machtergreifungsphantasien seine historische Mission erfüllen. Gerne kann um AfD-Wähler gebuhlt werden. Die Linke wir dadurch nicht, links sondern holt das Rechte zurück, welches sie mit Lafontaine bedient und vermeintlich erfolgreich gemacht hat.

Es mag sein, dass sogar Kipping und Riexinger dies in ihrem Papier über Umwege ansprechen. Das neue Lieblingswort der Vorsitzenden ist das der Resonanzräume. Sie verkennt allerdings, dass es in der Partei starke Strömungen und Interessengemeinschaften gibt, die in letzter Konsequenz mit rechen Resonanzen Politik machen würden, allein wenn dadurch der Erfolg zurückkehren würde. Aber diesen Weg versperrt derzeit die AfD. Hier darf der Rassist endlich wieder so deutsch sein wie die Curry-Wurst oder der Dönerladen an der nächsten Ecke.

Wenn Riexinger und Kipping es mit einer Revolution ernst meinen würden, sie müssten wie die britische Labour Partei Teile der eigenen Truppe wegen der Bedienung antisemitischer und damit auch rassistischer Ressentiments politisch „suspendieren“. Aber bereits dafür sind beide viel zu unentschlossen, zögerlich und unfähig. Was soll dann aber das alberne Gerede von sozialer Revolution, wenn schon im eigenen Laden die Courage fehlt ein klares Signal gegen rechte Ideologieinhalte zu setzen. Beide Vorsitzenden werden mit Sicherheit wiedergewählt. Denn sie sind beide ungefährlich und langweilig. Sie haben nur auf dem Papier in einer Papierpartei eine selbstdeklaratorische fulminante revolutionäre Grandezza. Ansonsten sind und bleiben sie völlig unrevolutionäre kleinbürgerliche Totalausfälle.
(jpsb)

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