Die Causa Andrej Holm: Der lange Schatten linker Hybris

Linkssein, das war in Westdeutschland oftmals ein Versuchsfeld des Widerständigen. Im Duktus der 68er-Revolte hatten viele Posen des Rebellischen den gefälligen Duft der Marotte des besser gestellten Bürgertums, das seine eigenen Kinder nicht im Griff hatte. Was waren da schon die Leichen eines Arbeitgeberpräsident, eines Generalbundesanwaltes oder eines Flugkapitäns im Vergleich zur universellen Wahrheit wert. Nichts. Opfer und Täter wuchsen nach, veränderten sich, überholten sich. Waren am Ende ersetzbar, wie alles in einer Welt die sich Wertgesetzlichkeiten verschrieben hat. Die RAF war ein Elitenproblem. Ein Machtkampf unter Gleichen. Wer mal dafür war, konnte zwanzig Jahre später folglich auch dagegen sein. Dem gesellschaftlichen Aufstieg in der Bundesrepublik bis in höchste Staatsämter stand dies kaum entgegen.

Interessant, dass dies für den klassenkämpferischen Beitrag zum untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat nicht zu gelten scheint. Eine vergleichsweise unterschwellige Beteiligung an der Verwaltungsdiktatur des ostdeutschen Realsozialismus soll nun einem frisch ernannten Berliner Staatssekretär das gerade erst angetretene Amt kosten. Der Beitrag zum ganzen Ungemach von Preußens Rache am Sozialismus blieb kleinteilig. Das Elend junger Kaderspießigkeit und die selbstgefällige Unbedingtheit einer Spitzeldiktatur im Angesicht familiärer Tradition folgen zu wollen, all das beißt sich geradezu mit der danach folgenden subkulturellen Auflehnung gegen den bürgerlichen Staat namens Bundesrepublik Deutschland. Brüche einer ostdeutschen Mitvierziger-Biographie der Wendezeit, deren Auflösung sich schlussendlich im akademischen Findungsprozess hochprofessioneller Befassung von Macht und Selbstbestimmung im urbanen Lebensraum logisch verdichtet hat.

Ohne Frage: Andrej Holm ist die beste Wahl für das angestrebte Amt. Wohl kaum ein Anderer hat Aspekte von Stadtentwicklung, Entrechtung und Enteignung des öffentlichen Raums besser beleuchtet als er. Gentrifizierung, heute in aller Munde, ist einer dieser Begriffe, die er geprägt hat. Für Die Linke wird es in Zukunft von zentraler Bedeutung sein klassengesellschaftliche Auseinandersetzungen im intimsten Lebensbereich der Menschen (Wohnen, Arbeiten, Freizeitkultur) richtig treffen zu können. Seinesgleichen könnte Wege öffnen, dass das alte Thema der PDS, dass „Neue Solidarität von unten wächst“, nicht bloß auf dem Verschiebebahnhof großer Phrasendepots abgestellt wird. Hier wäre ein Tätigkeitsfeld zurückzuerobern, welches tatsächlich viel mit Formen kultureller Hegemonie am Saum von Tagespolitik und realer Erlebniswelt prekarisierter Gesellschaftsschichten zu tun hätte. Versprochen wurde dieser Ansatz immer wieder. Ausgefüllt wurde er noch nie.

Holm hat im Alter von vierzehn Jahren unterschrieben, dass er einem Spitzelsystem dienen will. Er ist damit Täter und Opfer eines perfiden Systems zu gleichen Teilen. Das macht ihn nicht sympathisch, ist aber fairerweise auf eine Biographie runterzubrechen, die sich nahtlos in die Irrtumskultur westdeutscher Terrorismuserfahrung subsumieren lässt, weil alle Beteiligten meinten im Auftrag einer besseren Zukunft, spitzelnd und mordend durch die Weltgeschichte ziehen zu können und am Ende eines Besseren belehrt wurden. So weit so gut.

Auf der anderen Seite kann Die Linke nun aber nicht alleine darüber entscheiden, dass die Opfer bindungslos in den Modus tätigen Verzeihens fallen müssen. Denn für ein gemeinsames Verzeihen von Tätern und Opfern fehlt der Linken genau diese Kultur der Empathie für ihre Opfer. Bis heute deutet ein Teil der linken Nomenklatur jedes Gedenken außerhalb des eigenen Kalküls in eine Gegnerschaft um. Hier darf dann alles rein in den Schmelztiegel namens Klassengegnerschaft. Eine Partei, die selber seit Jahren ohne Klassenanschluss ist, stempelt ihre Gegner und Kritiker wahlweise zu verbitterten alten Männern, Agenten der Reaktion oder Günstlingen des Kapitalismus ab. Dieses Perpetuum mobile der Selbstgerechtigkeit braucht keinen neuen Schwung, dafür sind einfach zu viele Täter und Täterversteher in das Gebilde Die Linke überführt worden.

Es war immer einfacher als Spitzel des MfS in der Linken Karriere zu machen, denn als scharfer interner Mahner gegenüber dem Unrecht, welches die eigene Ideologie über vermeintliche und echte Gegner gebracht hat. Die faulen Kompromisse mit den Genossinnen und Genossen in der Partei, die in der DDR nur einen Anlauf, einen ersten Versuch zur sozialistischen Einheitsgesellschaft sehen und sich folgerichtig positiv und relativierend auf die Weltanschauungsdiktatur beziehen, werden in der Linken auch weiterhin gemacht. Allein das verbietet es, nun eine gemeinsame Erinnerungskultur von Tätern und Opfern lauthals einzufordern. Denn auch die durchaus vorhandenen Wortführer einer aufgeklärten Geschichtsaufarbeitung müssen sich schlussendlich nicht an ihrem Aufklärungswerk, sondern an eben diesen faulen Kompromissen mit denen messen lassen, für die die DDR immer noch ein Bezugsprojekt von Unbesiegten ist, die vom Siegen lediglich ermüdet wurden. Aber so weit runter ist die Bundesrepublik noch nicht, dass jetzt schon die Täter und ihre Nachkommen über das Verzeihen in diesem Land bestimmen.

Bei all dem Geschachere um Ämter und Kompromisse ist es der Linken entgangen, dass sie sich einen Dreck um eine angemessene gemeinsame Trauerkultur gekümmert hat. Sie hatte immer wieder gehofft, dass die Probleme linker Täterprofile individualisierbar waren. Menschen wie Andrej Holm hat sie dabei Gewalt angetan, weil es Usus wurde schwierige Personalentscheidungen auf dem Rücken derer auszutragen, die beim Schwindeln mit ihrer Vergangenheit allzu ungeschickt waren oder deren unrühmliches Erbe an interessierter Stelle oder zur „richtigen“ Zeit aufgedeckt wurde. Selbst hier, unter ihresgleichen, ist Die Linke ein kalter, unsolidarischer und menschlich fremdelnder Ort. An diesem Ort ist schlecht verweilen ohne die Gunst der wirklichen Herren eines Erbes, das bis heute nur dann über seine Opfer trauert, wenn es zu Wahrung der politischen Etikette unbedingt nötig ist.

Und so gibt es am Ende dieses Beitrags plötzlich einen tiefen Wunsch eines Bloggers, der unter dem Label schreibt, das POTEMKIN eine Zeitschrift für eine kritische Linke ist. Man möchte sich bei den Opfern des Stalinismus, bei den Opfern der Verwaltungsdiktatur namens DDR entschuldigen. Auch weil es ist richtig ist, dass bis heute diese Partei ein Ort ist, der linken Tätern- und Täterfamilien-Biografien eine bessere Heimstatt ist, als den bedingungslosen Kritikern des Elends einer Philosophie, die einen Alleinvertretungsanspruch für das Denken der Menschen formulierte und um dies zu kontrollieren Kinder zum Bespitzeln ihrer Mitmenschen erzogen hat. Man möchte sich dafür entschuldigen, dass viel von der kaltherzigen und opfervergessenen aktuell geäußerten Solidarität für Andrej Holm verletzend sein muss, weil das ganze Unvermögen der Linken über ihre Opfer zu trauern an diesem Präzedenzfall wieder deutlich zu Tage getreten ist. Und trotzdem gibt es gute Gründe all diese Kritik in der Linken und nicht außerhalb der Partei anzumelden. Nur dafür mag am Ende eines solchen Artikels um ein wenig Verständnis gebeten werden.
(jpsb)

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