Traumastart statt Traumstart! Linkes Wahlkampfauftaktdesaster

Ein Traumstart in ein Superwahlkampfjahr sieht sicher anders aus. Parteivorsitzende, die eine Spitzenkandidatin zur Ordnung rufen. Eine Spitzenkandidatin, die wiederum parteiinterne Heckenschützen gegen sich vermutet und politisches Spitzenpersonal (mehr oder weniger zumindest), die der eigenen Galionsfigur attestieren, dass diese „Scheiße“ redet. All das lässt den politischen Gegner normalerweise aus dem Schenkelklopfen nicht mehr herauskommen. Dass die Aufregung insgesamt überschaubar ist liegt daran, dass es sich bei der komödiantischen Darbietung um die Inszenierung einer Partei handelt, die eh niemand so richtig auf der Rechnung hat, wenn es um Realpolitik auf der Bundesebene geht.

Aber es gibt sie ja noch: Journalisten, die sich um die Linke kümmern. Und daher rätselt der politische Kommentar der Republik seit Tagen darüber, ob Wagenknechts Buhlen um Wähler rechter Parteien der Linken schaden wird oder nicht. Die einen sehen die Möglichkeit proletarische AfD-Wähler abzuwerben eher gering. Andere weisen darauf hin, dass Wagenknechts Kurs im Lager der aufgeklärten Linken zu einer folgerichtigen Verweigerung führen wird das Kreuz bei einer Partei zu machen, die sich in ihrer gelebten Spaltung nur als Notgemeinschaft politischer Funktionäre und ihrer Mitarbeiter zu verstehen scheint. Politikfähigkeit im Bund? Mitregieren um das Land zu verändern? Nein, bitte nicht das auch noch.

Eines wird gerne übersehen: Wagenknecht Strategie ist nicht Rechts, sondern eine originär linke Strategie, die sich auf ideologische Traditionen eines Teiles der Arbeiterbewegung beruft, die historisch immer wieder Rechts endeten. Diese wenig schmeichelhafte Tatsache wird derzeit in der Partei im wahrsten Sinne des Wortes links liegen gelassen und durch den Vorwurf überspielt, dass Wagenknecht bei der AfD abkupfern würde. Nationale Schutzgemeinschaften gehörten jedoch schon immer ins Portfolio des linksgestrickten Arbeitsfetischismus. Der Internationalismus war keiner, der darauf beruhte Schutzsuchenden eine zweite Heimat zu schaffen, sondern er diente der Absicherung des Realsozialismus als weltweiter Führungsideologie. Die Arbeiter sollten sich vereinigen, aber bitte schön wohlsortiert in ihren Heimatländern.

Es ist kein Zufall, dass auch die parteiinternen Kritiker sich der Übung verweigern linkstraditionelles Gedankengut in Wagenknechts Argumentation zu erkennen. Zum einen wird durch den Vorwurf der Afd-Nähe eine ernsthafte Debatte über Wagenknechts Strategie verhindert. Zum anderen wird hinter den allzu plumpen Angriffen ein weitaus wichtigerer Gesprächsfaden im Nichts aufgelöst: Wer trägt die Verantwortung dafür, dass Wagenknecht und ihr Linksnationalismus in der Partei einen derart kometenhaften Aufstieg zelebrieren durften?

Die Mitarchitekten von Wagenknechts Aufstieg, die Bundestagsabgeordneten des Netzwerkes Forum demokratischer Sozialismus halten sich folgerichtig auffällig bedeckt bei der versuchten Kurskorrektur der Parteivorsitzenden. Beim Intrigenmikado ist Bartsch, im Gegensatz zum sonstigen politischen Leben, nämlich die Nummer eins. Genüsslich schaut er zu wie die Parteivorsitzenden gerade ins offene Messer laufen, um als Mitverantwortliche von Wahlschlappen zu gelten, wenn die gelebten Widersprüche der Partei der Linken im diesem Wahljahr das Genick brechen könnten.

Während die Vorsitzenden das offene Gefecht suchen, um die eigene Zielklientel in Sicherheit zu wiegen, machen Bartsch, Korte & Co. in gewohnt gespielter Lässigkeit gar nichts, um drohendes Ungemach von der Partei abzuwenden. Ob der Versuch Kipping gegen Wagenknecht auszuspielen gelingt bleibt abzuwarten. Gleichzeitig scheint Bartsch ohnehin nur das Furunkel am Gesäß Wagenknechts zu sein. Der Begriff Spitzenduo bekommt da eine ganz neue Bedeutung. Egal wo Bartsch auftaucht. Wagenknecht war schon da. Warum sollte also Bartsch in Lage sein die Frau zur Ordnung zu rufen, die er am meisten fürchtet. Der Ko-Fraktionsvorsitzende gefällt sich in der Rolle des Prinzen Valium von der Ostseeküste. Abwarten, das kann er.

Und das ist vielleicht auch gar nicht so unklug, wenn auch schmutzig. Denn der nächste, der Fakten schafft, ist Oskar Lafontaine am 26. März im Saarland. Allein das Erreichen des Ergebnis der Landtagswahl aus dem Jahre 2012 wird dafür reichen, den linksnationalen Provokationen etwas Volkstribunenhaftes zukommen zu lassen. Ab da dürfte bis zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai aus allen linksnationalen Rohren jegliche Munition verschossen werden, die in der Villa Lafontaine im Saarland bevorratet ist. Geht die Rechnung auch im einwohnerreichsten Bundesland auf, dann kann der parteiinterne Wagenknechtkritikerchor nur noch billig krächzen, es kommt dann auf deren Kritik nicht mehr. Auf Gedeih und Verderb steht und fällt die Partei mit ihrem neuen weiblichen Gregor Gysi. Und wenn die Rechnung in NRW nicht aufgeht. Dann verliert die Partei mit Wagenknecht, wie sie ohne sie auch nicht mehr gewinnen kann.

Wer also dieses Jahr nicht Die Linke wählt kann richtig oder falsch liegen. Eine andere Erkenntnis ist aber interessanter: Es ist zweifelsfrei, dass dieses Land eine linke, soziale und demokratische Partei benötigt. Immer weniger klar ist jedoch, ob die Republik die Partei braucht, die sich in ihrer maßlosen Borniertheit völlig zu unrecht „Die Linke“ nennt.
(jpsb)

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