Nach der Wagenknechtdämmerung – Linke Quo Vadis?

Wagenknecht, der autistische Automat des nationalen Linkspopulismus, hat sich in einem dramatischen Abgang von der politischen Bühne verabschiedet. Allein Katja Kipping wird nicht die Siegerin dieses Rückzugs sein.

Krank? Am vorläufigen Ende ihrer politischen Laufbahn schafft es Sahra Wagenknecht zu menscheln. War es nicht Teil ihrer politischen Selbstdarstellung immer ein wenig unnahbar zu wirken? Hatten ihre überschaubaren politischen Thesen nicht den Anschein von ihr immer wieder automatenhaft vorgetragen zu werden? Wirkte sie in ihrer Außendarstellung nicht schlussendlich so makellos wie eine Schaufensterpuppe? Und hatte sie nicht schon längst alle Attitüden der bürgerlichen Gesellschaftsordnung in ihrem Lebensstil inkarniert? Das alles machte sie selber zu einem Abziehbild einer kleinbürgerlichen Aufsteigerbiografie.

Ihr angekündigter Abschied bei Aufstehen und als Fraktionsvorsitzende durfte auch in diesem finalen Akt des Aufreibens für die eigene Sache nicht den Makel politischen Scheiterns in sich tragen. Und trotzdem blieb sich Wagenknecht auch in diesem Moment treu. Sie hielt es wie immer für unnötig mit politischen Vertrauten oder Weggefährten ihr Handeln abzustimmen. Bei Wagenknecht  geben sich bis zum Schluß Hybris und Autismus die Klinke in die Hand. Solchem Personal keine Macht über Menschen zu geben, ist daher ein Erfolg politischer Prozesssteuerung. In ihrem dramatischen Abgang von der Bühne verwirklichte sie nochmals die Distanz, mit der sie Menschen und die in diesen Menschen ruhenden Biografien, zu betrachten wusste. Mit Wagenknecht verabschiedet sich zu gleichen Teilen der Abgesang einer völlig unempathischen politischen Existenz und zudem der größte Hemmschuh für eine Zusammenarbeit zwischen der Linken, der SPD und den Grünen im Bundestag.

Es bleibt jedoch fraglich, ob dieser Rückzug allein ausreicht um die Partei in eine sichere und gestaltungsaktive Zukunft zu führen.  Denn, ob Parteivorsitzende Kipping wirklich die Siegerin im internen Machtkampf der Linken ist, bleibt zunächst unbeantwortet. Die Auseinandersetzung mit Wagenknecht hat Kipping nicht nur die Autorität ihres Amtes gekostet, sondern im erheblichen Maße dazu beigetragen, dass ihr Innerstes nach Außen gekehrt wurde.

Kipping hat sich im Machtkampf mit Wagenknecht selber aufgerieben

Gerne gibt Kipping die dynamische Junglinke mit ostdeutschen Wurzeln zum Besten. Tatsächlich ist sie jedoch eine sehr typische Vertreterin des Parteimilieus der Mittvierziger in der Linken. So gut wie alle Hoffnungsträger sind parteipolitische Eigengewächse, die außer dem politischen Handwerk wenig fachlich Kompetentes vorweisen können. Der Personenkreis um Kipping besteht eben aus dieser Klientel politischer Linkshipster, die sich besser in den Hemdsärmligkeiten parteiinterner Machtkämpfe auskennen, als dass sie wirklich Fühlung zu den Problemen derer besitzen, die sie vorgeben zu vertreten.

All diese Karrieren beginnen mit Parteiämtern und enden in ihnen. In solchen Biografien reflektiert sich der unangenehme Umstand, dass die Partei selber ein Spiegel der bürgerlichen Gesellschaft ist. Der Linken fehlt es somit nicht nur an einem überzeugenden Zugang zur angestrebten mehrheitenbildenden Zielklientel, sie ist auch selber kulturell ausgeblutet, weil sie zu einer strukturellen Kritik der realen Abhängigkeiten des modernen bürgerlich-bourgeoisen Gesellschaftszusammenhanges (Arbeitszwang im tautologisches Wertschöpfung- und Leistungsprinzip, ökologisch zerstörerischer massenkonsumistischer Lebensstil)  gar nicht mehr in der Lage ist. Kipping fehlt damit die intellektuelle Expertise Wagenknechts nationalen Linkspopulismus zu ersetzen. Sie hat sich im Machtkampf mit Letzterer schlicht aufgerieben.

Bleibt die Frage, wer der Partei mittelfristig zum politischen Überleben verhelfen soll. Und da läuft alles auf das zukünftige Spitzenduo Janine Wissler und Jan Korte hinaus.

Wissler, die eine erfolgreiche Oppositionsarbeit der Partei in Hessen zu organisieren weiß, kann als politische Pragmatikerin die einzigen Erfolge der Linken in einem westdeutschen Flächenland vorweisen. Ihre Ursprünge in der trotzkistischen Sekte Marx 21 interessieren die bürgerlichen Mainstreammedien nicht. Sie selber ist dafür bekannt diese Wurzeln nicht in den Vordergrund ihres politischen Lebenslaufs zu stellen.

Jan Korte hat sich im Bundestag als parlamentarischer Geschäftsführer bewährt und wurde zu Beginn seiner Karriere in einer Art politischer Kinderlandverschickung in Sachsen-Anhalt „verostet“. Schon früh hatte er sich in der Partei im reformpolitischen Flügel verortet und sich für eine Zusammenarbeit der Linken mit den Sozialdemokraten und den Grünen stark gemacht. Nicht ungewöhnlich für eine politische Biografie, die in Niedersachsen in letztgenannter Partei gestartet war.

Ob diesen beiden Protagonisten der Partei den Weg zu einer modernen linken Mitregierungspartei  weisen, wird davon abhängen, weniger das handelnde Personal und dafür mehr die Umsetzung wichtiger linker parlamentarischer Projekte in den Mittelpunkt der politischen Arbeit zu stellen. Der Europaparteitag der Linken hat eine solche Zukunft schon angedeutet. Es wäre erfreulich, wenn dieser Weg mit neuen und unverbrauchten Akteuren seine Fortsetzung finden würde.

(jpsb)

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