Nahles Rücktritt: Die Tränen des Dietmar Bartsch…

Für die bigotten Momente im Leben sorgen in letzter Zeit gerne Personen des öffentlichen Lebens, die auf dem Feld der Politik ihrem Broterwerb nachgehen. Ob nun der Wagenknecht Abgang oder der Rücktritt von Andrea Nahles. Immer ist davon die Rede, dass im Politikbetrieb offensichtlich mit harten Bandagen Machtkämpfe ausgefochten werden. Und ja, der öffentliche Charakter politischer Prozesse sorgt dafür, dass die Sache bisweilen nicht nur hemdsärmlig wird, sondern auch noch jeder bei der theatralen Selbstentleibung zuschauen darf.   

Vergessen wird dabei, dass all diese Personen nicht nur wirtschaftlich weich fallen, sondern, gesegnet mit einem Hang zum Exhibitionismus, samt und sonders darauf gedrängt haben an die Stellen gesellschaftlicher Macht zu gelangen, die für ihren öffentlichen Charakter bekannt sind. Hier werden erlittene Verletzungen mit dem Pfeffer der öffentlichen Meinungsmache bestreut. Dies ist die Natur der Sache. Geradezu Teil der Diskurseigenheiten  politischer Prozesssteuerung.

Im Gegenzug werden den Protagonisten sehr weitreichende soziale, aber auch ökonomische, Vorteile offeriert. Und auch dies liegt in der Natur des politischen Betriebes. Kaum einer geht, im Vergleich zu einer normalen Erwerbsbiografie, arm aus dem politischen Abenteuer heraus. Oder um es anders zu formulieren: Von dem Schmerzensgeld, welches in der Politik offeriert wird, können diejenigen nur Träumen, die von der  Politik derer betroffen sind, die sich aktuell in einem parteiübergreifenden Schulterschluss  mit Nahles in den Armen liegen.

So auch der Fraktionschef der Linken, Dietmar Bartsch, der  recht genau zu bestimmen wusste, dass der Umgang mit Nahles grenzüberschreitend war. „Politik dürfe so nicht sein“, diktierte Bartsch seine Betroffenheit der geneigten Hauptstadtpresse in die sonntägliche Feder. Bartsch als moralische Instanz? Der König des Hinterzimmers als Schutzschild für die scheidende Frontfrau der SPD?

Er hat recht. Politik darf so nicht sein. Sie darf nicht so sein, dass es in den letzten dreißig Jahren eine historisch einmalige Umverteilung von Unten nach Oben gab. Dass von der Bevölkerung erwirtschaftete Rentenanwartschaften mit gesetzlichen Federstrichen erodiert wurden. Dass das Hartz-IV-System ganze Lebensleistungen missachtet und die staatliche Fürsorge, wirtschaftliche ohnehin überlasteten Familienangehörigen überträgt. Es darf nicht sein, dass ein überkommenes Wirtschaftssystem die Lebensgrundlagen der Menschheit zerstört. Es darf nicht sein, dass geringe Mindestlöhne dazu führen, dass am Ende einer Arbeitsbiografie die staatliche Grundversorgung nur ein Mindestmaß an Lebenswürde garantiert. Es darf nicht sein, dass das Studieren für Arbeiterkinder fast unmöglich geworden ist und in einem  kaum zu bewältigenden Schuldenberg endet. Es kann nicht sein, dass Menschen aus ihrem Lebensumfeld gerissen werden, weil sie ihre Mieten nicht bezahlen können. Sie ihren Lebensunterhalt aus Mülltonnen bestreiten müssen, weil die staatliche Grundsicherung ein Leben in Würde nicht zulässt.  Es darf nicht sein, dass die Gesundheitsversorgung auf dem Rücken der dort Beschäftigten wirtschaftlich saniert wird. Es darf nicht sein, dass alleinerziehende Mütter das höchste Armutsrisikos dieser Gesellschaft tragen. Es darf nicht sein, dass sich die Versorgung mit Kindertagesstätten auf dem Niveau eines Entwicklungslandes befindet. All das und vieles mehr darf nicht sein.

Bartsch treibt aber scheinbar anderes um: Mitleid mit denen, die dieses Übel seit Jahren verantwortlich mitgestalten. Die aus Machtgeilheit in eine „Große Koalition“ eingeschwenkt sind, die absehbar zum Totengräber der SPD wurde.

Politik darf also für die Betroffenen von Politik grausam sein, für die politische Klasse hat sie edel, sensibel und als Hinterzimmerspektakel  zu funktionieren. Ungewollt hat Bartsch sein ganz persönliches elitäres Politikverständnis gezeigt. Einer der wohl immer dafür dankbar sein wird, dass er sowohl im Realsozialismus, als auch in der bürgerlichen Gesellschaft zur Elite gehören durfte. Eine bigotte Existenz in einer abgehobenen Politikblase.

Für viele andere ist der Sturz der Andrea Nahles ein Segen. Selbstgerecht, abgehoben, eigenverliebt, borniert, peinlich und ohne jegliche sittliche Reife für die übertragenen Ämter hat sich Nahles in den politischen Selbstmord getrieben. Sie hat sich die Bühne für diese Tragödie höchstselbst ausgesucht. Dem tiefen Fall wird eine weiche Landung folgen.

Es ist Zeit über die Opfer zu trauern, die die von ihr mitverantwortete Politik erzeugt. Das wäre eine Aufgabe, die eines Fraktionsvorsitzenden einer sozialistischen Partei würdig wäre.

(jpsb)

Dieser Beitrag wurde unter Dietmar Bartsch, Kommentar, LINKE, SPD veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

One Response to Nahles Rücktritt: Die Tränen des Dietmar Bartsch…

  1. Pingback:     DEMOKRATISCH – LINKS » Blog Archiv » Potemkin – Nahles Rücktritt:

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.