Der infektiöse Kapitalismus

Ein Virus ist ein seltsames Ding. Im Grenzbereich zwischen reproduktiven Leben und molekularen Vorstufen desgleichen, bleibt die Entstehungsgeschichte dieses zunächst scheinbar simplen Produkts der Evolution immer noch rätselhaft. Zu seinem Wirt entwickelt es ein rein ausbeuterisches Verhältnis. Zu seiner systemischen Behauptung bedarf es der Aneignung fremder Produktionsstätten. Als Eindringling in ein wertschöpfendes bakterielles Medium beutet es dessen Fähigkeit zur Mitose (Arbeit) aus, um im selben Atemzug zur Vernichtung dieses Wirts beizutragen. Dieser Wechselwirkungsprozess zwischen Konkurrenzprodukten der Evolution ist Teil biologischer Entwicklungsräume. Unaufhaltsam, beständig und präzise treibt sich die biologische Dimension des Daseins zu immer neuen Variationen ihrer eigenen Idee voran.

Für die Menschheit sind derlei Herausforderungen nichts Neues. Krankheiten, das Ergebnis der molekulargenetischen Bühne auf dem sich die Auseinandersetzung der Grundbausteine der Evolution entwickelt, gelten als sorgenvolle Wegbegleiter individueller Existenzen. Das Sterben mit und an solchen Krankheiten ist ein integraler Bestandteil individueller Biografien. Und so müsste eigentlich die Gewöhnung an derlei Ungemach Teil des kollektiven Verständnisses eigener Existenzverwirklichung sein.

Mit der Corona-Pandemie scheint es aber anders zu sein. Mit ungewohnter Heftigkeit (Virulenz) bricht diese neue und doch so alte Herausforderung in die globalen Wohlstandszentren und Leistungsaggregate der Moderne ein. Die politische Klasse der  Bourgeoise und die wirtschaftlichen Eliten kapitalistischer Produktionslogik steuern mit bisher in Nachkriegsgesellschaften undenkbaren Einschnitten in individuelle Freiheiten dagegen. Es gilt den Versuch zu unternehmen der Destabilisierung des Gesundheitswesens entgegenzuarbeiten.

Nun mag ein Virus mutieren und tatsächlich eine nie gekannte Herausforderung an die medizinische Wissenschaft formulieren. Allein trägt die Destabilisierung des Gesundheitswesens nicht nur die Signatur des Coronavirus selbst, sondern auch die Handschrift eines von Menschenhand entwickelten katastrophalen Ereignisses. Der Neoliberalismus in all seinen Variationen, ob nun als radikaler Wirtschaftstotalitarismus eines Milton Friedman oder einer euphemistisch als Third Way verklausulierten Variation des gleichen Themas, hat die öffentliche Daseinsfürsorge soweit heruntergefahren, dass selbst die Gesellschaften der Gewinnerökonomien des postideologischen Zeitalters nicht umhin kommen, die desaströse Hilflosigkeit des Gesundheitswesens vor dem Coronavirus schonungslos zugeben zu müssen. Eines Virus, der scheinbar wesentlich ungehemmter soziale Schranken überspringt und nicht nur die üblichen wirtschaftlich abgehängten Opfer einer Grippewelle inkludiert, sondern sich als infektiöser Kapitalist ohne Klassenbewusstsein seine Wirte jenseits jeglicher ökonomischer Attitüde sucht. Vielleicht mag diese „neue“ Wahllosigkeit gar das Besondere an Virus und Krisenmanagement sein?

Die Handschrift des Sterbens trägt ungeachtet dessen sowohl biologische als auch gesellschaftliche Züge. Ein Umstand ,der in den aktuellen Debatten gerne hinter einer modernistisch aufgehübschten Krisenrhetorik versteckt wird. Zwischen der Finanzkrise und der Coronakrise gibt es einen dezidierten Nexus.  Die den Krisenstaaten verordnete Sanierungspolitik, das Retten der Staatsfinanzen durch die Absicherung  der privaten Geldgeber auf dem Anleihemarkt (EZB-Politik seit Draghi) wurde durch das Gesundschrumpfen staatlicher Grundleistungen finanziert. Die „Schwarze Null“  des SPD-Finanzministers Scholz oder der soziale Kahlschlag der EU-Troika in Süd- und Südwesteuropa zeigen nun ihre tödliche Wirkung. Hand in Hand mit dem mutierten Coronavirus.

Es hätte einer Linken gut zu Gesicht gestanden den Krisenpakten dieser Täter im Bundestag die Stimme zu verweigern. Die Gelder werden nicht dort ankommen, wo sie für die Wähler und die Zielklientel einer linken Massenbewegung von Nöten wären. Diese Burgfriedenpolitik war falsch. Sie beraubt sich der notwendigen ideologischen Zuspitzung, wenn diese am nötigsten sein wird; Wenn die Stimmung kippt, weil das Krisenmanagement der bürgerlich kapitalistischen Klasse versagen könnte. Dann, wenn die Zeit reif ist die wahren Täter der Coronakrise politisch zur Verantwortung zu ziehen.

jpsb

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