Katja Kipping: „Die Unverstandene“

Ende Oktober wählt der Bundesparteitag der Linken einen neuen Bundesvorstand. Katja Kipping hält sich an die Vorgaben der Partei und wird nach 8 Jahren das Amt der Parteivorsitzenden abgeben. Es bleibt dahingestellt, ob Kippings Rückzug taktischer Natur ist, sie also einem Machtkampf ausweicht, um einer Niederlage zu entgehen oder aber ihre Entscheidung tatsächlich einer demokratischen Selbstverzichtserklärung gleichkommt. Richtig ist, dass die kommende Doppelspitze aus Janine Wissler und Susanne Henning-Wellsow keinesfalls so glamourös daherkommt, dass eine Abwahl Kippings gesetzt gewesen wäre.

Mit der weiblichen Doppelspitze umgeht die Partei indes einer männlichen Kandidatur die geeignet wäre die instabilen Kompromisse in der Linken zu sehr zu gefährden. Jan Korte? Diese Option müsste in der Partei erst noch reifen. Bartsch? Göttingen 2.0 will wohl keiner. Bodo Ramelow? Ein klares Signal, dass die Reformer einen Machtkampf organisieren. Ein Jahr vor einer Bundestagswahl ein zu gewagtes Manöver. Henning-Wellsow wäre dann ohnehin die strategische Platzhalterin für diese Option. Es gab schon schlechtere Pläne.

Bernd Riexinger durch eine profilierte Landespolitikern aus dem Osten zu ersetzen muss daher nicht die schlechteste Wahl der Linken sein. Zudem Wissler als Westangebot eine Traditionalistin ohne traditionalistische Patina ist.

Und Kipping? Bleibt zu fragen, ob Kipping ein Vermächtnis hinterlässt, dass als nennenswertes Erbe verstanden werden könnte. Ohne Zweifel: Kipping hatte bereits vor dem Göttinger Parteitag im Jahre 2012 eine rasante Karriere vorzuweisen. Aus einem Konvolut mehrerer junger Hoffnungsträger stach sie durch ihre mediale Präsenz hervor. Die Partei kannte sie schon damals wie ihre Hosentasche. Unprätentiös in der Außendarstellung, nach innen aber durchaus Machtpolitikerin, konnte sie sowohl Strippen ziehen, als auch verbindend auftreten. Aus den wirren des Göttinger Parteitages geht sie als taktische Siegerin hervor. Dennoch ist der Preis hoch: Das Lager der Reformer wird dauerhaft gespalten. Dass Hufeisen aus Bartsch und Wagenknecht exekutierte in der Folge einen schrägen Kompromiss zwischen Traditionsnostalgikern und Betonreformern aus dem sich die Partei seit Jahren nicht regierungsfähig heraus entwickeln kann. Und dennoch schaffen es Riexinger und Kipping  ihre eigene Machtbasis und Funktion in dieser Ausgangslage zu entwickeln. Nicht als ge- und beliebte Parteivorsitzende, sondern als unverzichtbares Funktionsprinzips des Zusammenhalts. Mehr noch schaffen sie es als lebender und gelebter Kompromiss des organischen Fortbestands der Partei zu erscheinen.

Eine solche Klammer des Zusammenhalts zu sein sichert zwar den Fortbestand der Truppe, engt aber die eigene Handlungsfähigkeit massiv ein. Kipping konnte in der von ihr selbstgewählten Funktion keine inhaltliche Dominanz entwickeln. Selbst dann nicht als Wagenknecht  mit der Nichtsammlungsbewegung „Aufstehen“ eine schwere Niederlage einfährt und sich ins selbstgewählte Burnout wegtrudelt.

Überhaupt bestimmte der Streit zwischen Wagenknecht und Kipping zu viele Jahre die Szenerie. Diesem Streit fehlte jegliche intellektuelle Brillanz. Mehr als ein interner Kampf um leidlich abgetragene Positionen zwischen vermeintlichen Traditionalisten und Reformern konnte aus diesem Konkurrenzkampf nicht entstehen. Die Partei entwickelte sich nicht aus dem Ungemach rein interner Debattengegensätze sondern überlagerte wichtige interne Veränderungsnotwendigkeiten in den langweiligen Bereich von Schattenkämpfen. Von den bürgerlichen Medien wurde dies in einen übergigantisch aufbereiteten „Zickenkrieg“ uminterpretiert, besser noch inszeniert.

Während sich also die Partei ständig mit sich selbst beschäftigte ging die Welt einfach ihren Veränderungsgang. Die Klimafrage bewegt die Jugend, das Scheitern des Neoliberalismus vollstreckt sich in der Realität zu einer historischen Dimension. Der zinslose Defizitkapitalismus tritt in seine Fußstapfen und der Keynesianismus kommt in Gestalt einer globalen Pandemie fast geräuschlos zurück auf die Weltbühne. All das scheinen die Genossen offenbar im Schlafwagen der Geschichte mitzuerleben.

Und Kipping? Entgegen eines gern kolportierten Klischees begreift die Pateivorsitzende die Epochebrüche. Sie versucht sich den Milieus zuzuwenden, die erkennbar den Finger in die Wunde des Krisenkapitalismus legen. Es sind junge urbane Bevölkerungsgruppen, die die Wissensträger des digitalen Kapitalismus sein werden und die gleichzeitig ein Interesse an der Weiterentwicklung der bestehenden Zivilgesellschaft haben. Ihnen fühlt sich Kipping verbunden, ihnen gilt die Ansprache der Ideologin Kipping. Damit entfernt sich Kipping immer mehr von der eigenen Partei. Sie wird schlichtweg in den eigenen Reihen nicht verstanden. Zudem ist sie glücklos. Die Grünen schaffen es Spitzenpersonal ins Rennen um diese Wählergruppe zu entsenden, das wesentlich befreiter von faulen Kompromissen, besondere personelle Angebote beinhaltet um die kritischen Modernegewinner anzusprechen.

Das Ergebnis ist ernüchternd. Die Linke kann vom Zerfall der Schröder-SPD nicht profitieren. Die Grünen katapultieren sich zu einer modernen Volkspartei und das Modell links von der SPD eine neue Volkspartei aufzubauen kann auf viele Jahre auf Eis gelegt werden.

Und trotzdem gebührt Kipping großer Dank. Sie widersteht während ihrer Amtszeit der Verlockung mit nationalen Tönen in Lafontaines oder Wagenknechts Populismus einzuschwenken. Sie bleibt antifaschistische Bastion in der Partei, selbst als Einige verschwörungstheoretische Ansätze in der Linken hoffähig machen wollen.

Die Geschichte, mehr noch die Parteigeschichte, kann grausam sein. Dass Kippings Strategie der Öffnung in die urbane Kulturlinke derzeit keine Früchte trägt ist absehbar. Dass kann sich aber ändern. Schwenken Habeck und Baerbock in ein grün-konservatives Experiment ein sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Dass dann der wirre Traum einer ökologisch-wertekonservativen und pseudoantikapitaltischen Mitte-Grün-Regierung  aus allen Wolken platzt kann als gesetzt gelten. Die Karten würden  gesellschaftlich neu gemischt. Kipping könnte dann sehr schnell wieder gebraucht werden. Jung genug wäre sie. Dann könnte aus „Katja der Unverstandenen“ sehr schnell „Katja die dringend Benötigte“ werden.

jpsb

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