Folter im Film

Quelle: transcript Verlag

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Folter, davon ist der Medienwissenschaftler Reinhold Görling überzeugt, ist ein theatraler und performativer Prozess, zu dem, außer Folterer und Opfer auch immer ein Dritter gehört, eine Instanz, vor der die Tat geschieht, der die Szene der Gewalt präsentiert wird. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Görlings neues gleichnamiges Buch – also Szenen der Gewalt – Folter als einen solchen Akt behandelt und die Verbindung von Folter und Film demonstriert, begonnen bei den Filmen von Roberto Rossellini, die Mitte des zwanzigsten Jahrhundert gedreht wurden, bis hin zu aktuellen Folterdarstellungen bei Kathryn Bigelow und Joshua Oppenheimer.

Die komplexe These Görlings lautet stark zusammengefasst, dass Gewalt das Opfer entstellt und zerstört. Doch dadurch wird auch das Subjekt nur sichtbar in einem performativen Prozess, in dem es in Beziehung mit anderen einen Ausdruck findet. Im Bild der Folter hat der Film diese Grenze der Sichtbarkeit immer wieder thematisiert. So sei der Film seit 1945 in einer Darstellung der Folter vor einem Dritten geboren worden, nämlich eben in Rossellinis Film Roma cittá aperta.

Görling liefert dabei einen philosophischen und filmologischen Rundumschlag über das Phänomen der Folter im Film, von Rosselini, über George Orwells Roman 1984, den Michael Radford verfilmte, über Samuel Becketts Film Was wo und Roman Polanskis Death and the Maiden, bis hin zu Bigelows Zero Dark Thirty.

Rossellini etwa hätte in vielen seiner Filme die Folter in Deutschland thematisiert, wobei seine Folterbühnen mit extrem langen Folterszenen, fast im Foucaultschen Sinne, weitere Bühnen haben. Die Rezeption des Filmes Roma cittá aperta ginge ergo nach innen und außen, um den Opfer in einem performativen Paradox die jede Anerkennung zu verweigern, die Integrität von Körper, Person und Leben zu zernichten.

Abstrakte incommunicado-Differenz

Orwell und Radford würden mit 1984 primär die Folter in totalitären Systemen thematisieren und würden so eine Analyse der Folter in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vorlegen. Dabei geht es nicht nur um Traumatisierung, sondern auch um den Rand der verfügbaren Sprache, um die absolute Unsicherheit und Hilflosigkeit vor dem Folterknecht, der keine Informationen begehrt, der, egal wie die Antwort ausfällt, Winston Smith mit Elektroschocks foltern wird, und der den absoluten Verrat der Liebe will, indem er Winston mit seinen schlimmsten Traumata und Phobien lebensbedrohlich konfrontiert.

Bei Becketts Was Wo würde dagegen wieder die komprimierte Absurdität der Folter demonstriert werden. Es geht um angebliche Informationsfolter, wobei es sich bei der Information, die nie ausgetauscht wird, um eine abstrakte incommunicado-Differenz handelt.

Der interessanteste und aktuellste Part des Sachbuches ist das letzte von vier Kapiteln. Hier geht es primär um Bigelows Zero Dark Thirty, über die Ausfindigmachung und Ermordung des Al-Qaida-Chefs Osama bin Laden. Görling liefert auch hier zunächst eine sachliche Analyse des Filmes und der Folterdarstellung, wie auch bei den vorherigen Filmen, setzt Bigelow aber gerne in Vergleich zu seinem heißgeliebten Rossellini, um Bigelow harsch zu kritisieren, und das natürlich mit guten Argumenten und richtigen Überzeugungen: er wirft Bigelow eine Relativierung des Folterverbots und eine Legitimierung der Informationsfolter im War on Terror vor, da der Film behauptet, durch Folter bin Laden aufgespürt zu haben, was erwiesener Maßen unkorrekt ist. Demgegenüber stünde ein antigemeinschaftlicher, unhinterfragter Patriotismus, der das Opfer zum Staatfeind deklariert und sich nicht weiter dafür interessiert.

Mutmaßliche Terroristen als rechtsfreie Wesen

Die einzelnen Kapitel sind abermals in kleine Häppchen und plakative Unterüberschriften separiert, die die ansonsten schwere Kost von Szenen der Gewalt leichter verdaubar gestalten. Denn einfach ist das Buch nicht: Zwar sind die Schilderungen der Gewaltszenen sachlich und neutral, aber doch ist die dahinterstehende filmische Aktion jeweils extremderb und brutal – ob nun um Folter zu kritisieren oder zu legitimieren.

Görlings Position dabei ist übrigens klar: Das Folterverbot gilt absolut! Bei seinen – auch sprachlich zuweilen recht komplexen – Erklärungen und Schilderungen greift er zurück auf anerkannte, meist linke Medien- und Kulturtheoretiker oder auch Psychoanalytiker, wie etwa Giorgio Agamben, Walter Benjamin, Jacques Derrida, Sigmund Freud oder auch Charles Peirce Sanders (wenn es etwa um Ikonizität geht). Das macht das Buch anspruchsvoll und kompliziert, aber auch für den linken Leser kulturtheoretisch überaus interessant und informativ.

Szenen der Gewalt kommt zur richtigen Zeit – vielleicht auch schon zu spät. Denn das Diktaturen foltern, überrascht kaum einen mehr, was natürlich die Folter dort nicht weniger schlimm macht, als andernorts; aber dass Staaten, die sich selbst als Demokratie deklarieren, wie die USA, foltern, schockiert viele. Das passiert mit verschiedenen Argumenten, vornehmlich mit rein hypothetischen Ticking-Bomb-Szenarien, laut denen eine Folter nötig sei, um eine von einer Zeitbombe bedrohten Stadt zu retten, oder auch dem Argument, (mutmaßliche) Terroristen seien rechtsfreie Wesen, für die Menschenrechte nicht gelten würden. Beides verarbeitet auch Görling in seinem Buch und legt damit auch eine eigene Theorie und Phänomenologie der Folter vor. Umso wichtiger ist Szenen der Gewalt, da es nötig ist, in Zeiten von Menschenrechtsrelativierungen in westlichen Staaten, die Bevölkerung für die inakzeptable Grausamkeit und Unterminierung des Rechtsstaates zu sensibilisieren.

Reinhold Görling: Szenen der Gewalt. Folter und Film von Rossellini bis Bigelow (= medien – kultur – analyse, Bd. 7), transcript Verlag, Bielefeld 2014. Taschenbuch, 216 Seiten, 29,99 Euro. Weitere Informationen gibt es unter: http://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-2654-4/szenen-der-gewalt?c=7

Philip J. Dingeldey

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