Von Opportunisten und Dissidenten

Quelle: Verlag Kiepenheuer & Witsch

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Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war sie der Star – die estnisch-finnische Gothic-Subkultur-Autorin Sofi Oksanen, die mit ihrem neuen Roman Als die Tauben verschwanden eine ergreifende Geschichte über die estnische Besatzung durch das deutsche Nazireich und die Sowjetunion im zwanzigsten Jahrhundert erzählt – ein Roman über Dissidenten, Freiheitskämpfer, Opportunisten, totale Herrschaft und gescheiterte Existenzen.

Als die Tauben verschwanden ist bereits Oksanens dritter Roman, und er ist sehr mit der Geschichte Estlands und ihren eigenen Eindrücken verbunden. In sechs Buchteilen umfasst der Roman die estnische Geschichte von 1941, über den Kampf gegen die Nationalsozialisten bis zum Jahr 1966, nun unter sowjetischer Besatzung. Den Beginn – daher auch der Titel des Romans – der Besatzung und der Unterdrückung markiert das Verschwinden der Tauben, als die Nazis diese brutal schlachten, um nicht auf Fleisch verzichten zu müssen. Ihr Verschwinden ist äquivalent mit dem Auftauchen der totalitären Herrschaft.

Ich-Erzähler ist Roland Simson. Dieser kämpft für die Freiheit und Independenz seines Landes. Zuerst gegen die Rote Armee, bis 1941 die Nazis im Land die Macht übernehmen; dann verschwindet er im Untergrund, glaubt aber immer noch naiv an die Möglichkeit der Befreiung. Seine Verlobte aber ist tot, ist, während seiner Abwesenheit, still und heimlich begraben worden. Während sie offiziell Selbstmord begann, glaub Roland an ihre Ermordung durch einen Nazi.

Der eigentlich wichtigste und interessanteste Protagonist ist aber Edgar Parts, Rolands Cousin. Er fungiert als sauber konstruierter Antagonist zum Ich-Erzähler: Denn Edgar ist ein amoralischer und rückratloser Opportunist, der zunächst den Nazis dient, die er sogar glühend verehrt und denen er beim Bau eines Konzentrationslagers assistiert, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aber sich als Widerstandskämpfer stilisiert, propagandistische Bücher über sein Leben schreibt, in welchen er Roland als Feind des Sowjetsozialismus tituliert und sich selbst zum glühenden Kommunisten beschreibt.

Klar, präzise und brutal

Während Edgar seine latente Homosexualität negiert, führt er eine unglückliche Ehe mit Juudit, die konträr zu den Cousins, zwischen die sie auch gerät, eher schwach skizziert ist: Sie wünscht sich nur Banales, Unemanzipiertes, wie eine glückliche Familie, Getränke mixen etc. Durch das familiäre Unglück aber beginnt sie eine Affäre mit einem SS-Mann und wird schließlich zur Alkoholikerin. Dieser eher schwache Charakter ist – auch wenn Oksanen diesen Terminus ablehnt – ein Opfer des chauvinistischen Patriarchats. Dadurch bekommt das Buch nicht nur einen Duktus des Freiheitskampfes gegen Nationalsozialismus und Kommunismus, sondern auch eine feministische Note.

Feinfühlig schildert Oksanen die Biographien der drei Protagonisten durch ein viertel Jahrhundert hindurch und zeigt damit auch typische, partiell auch stereotype Charaktere in der Unterdrückung Estlands. Ihre Sprache ist dabei nicht nur sensibel und melancholisch, sondern auch immer klar und präzise, manchmal auch brutal in ihrer Schilderung. Etwa werden grausige Anekdoten eingebaut, wie ein KZ-Aufseher, der bei der Exekution eines Häftlings eine Erektion bekommt.

Mit Als die Tauben verschwanden liefert Oksanen einen resignativen, teils historisch beschreibend, teils überzeitlich und resignativ verfassten, und in jeden Fall lesenswerten osteuropäischen Roman, der die Unterdrückung von rechts- und linksextremen Totalitarismen beleuchtet.

Natürlich ist diese Beschreibung der Unterdrückung historisch korrekt, jedoch neigt Oksanen hier, wie auch in einem Interview mit der taz, zur übermäßigen Simplifizierung: Kommunismus und Faschismus sind für sie – etwas bourgeois – zwei Seiten einer Medaille, vor allem da Russland heutzutage immer auf den Kampf gegen den Faschismus verweist und alle Gegner als solche tituliert, ohne den eigenen Sowjetimperialismus einzuräumen. Zwar ist auch das richtig, und die Geschichte der UdSSR ist ein guter historischer Grund vom Glauben an den Sozialismus oder Kommunismus abzufallen, aber während dem Faschismus der totale Unterdrückung inhärent ist, schließt sich letzterer eigentlich mit der Marxschen Theorie aus, obgleich dieser Ausschluss zahlreiche Diktatoren nicht hinderte, die marxistischen Gedanken zu missbrauchen.

Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden, übersetzt von Angela Plöger, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. Gebunden, 431 Seiten, 19,99 Euro. Weitere Informationen gibt es unter: http://www.kiwi-verlag.de/buch/als-die-tauben-verschwanden/978-3-462-04661-8/

Philip J. Dingeldey

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