Das Ende der freien Liebe?

Quelle: Rotbuch Verlag

Quelle: Rotbuch Verlag

Was wurde nicht alles über die 68er geschrieben, besonders über deren vermeintliche sexuelle Revolution, doch bislang fehlte ein vollständiges Geschichtswerk des 68er-Sexes und ihrer Wirkung bis in die Gegenwart. Jetzt hat die Schriftstellerin und Journalistin Ulrike Heider endlich ein solches langersehntes Buch geschrieben, nämlich Vögeln ist schön. Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt. Leider ist dieses Buch der Alt-68erin in vielen Teilen ziemlich verfehlt und von zweifelhafter Seriosität.

Ihr Werk ist eine Mixtur aus Autobiographie und historisch-sozialer Analyse der Sexrevolte: Sehr viel Persönliches und Subjektives, eigene Lebenserfahrungen in den 68ern, wie sie etwa die freie Liebe lebte und mit ihren eigentlich aufgeschlossenen Eltern über vorehelichen Sex stritt, vereinen sich mit Analysen von Filmen, wie von Oswald Kolle, über philosophische Werke von Herbert Marcuse, Michel Foucault oder Judith Butler bis hin zu gelebten Versuchen des freien, nicht von Prüderie oder Unterdrückung gekennzeichneten Sexes in der Kommune I. Leider ist ihre Auswahl an besprochenen Phänomenen ebenfalls sehr subjektiv und keinesfalls erschöpfend. So lässt sich nur schwer nachvollziehen, nach welchen Kriterien sie etwa so wenig über Simone de Beauvoir oder Ulrike Meinhof schreibt oder anderes ganz verschweigt, diesbezüglich bleibt sie intransparent und arbeitet hier ohne stringente Methodik.

Der Titel Vögeln ist schön stammt von einem Grafitti an einem nordhessischen Gymnasium im Jahre 1968, das damals für heftige Diskussionen sorgte. Dementsprechend ist der überlange Anfang des Buches auch von sexuell offenen, progressiven Gymnasialzeitschriften in der spießigen, antikommunistischen und repressiven Ära Adenauer zu hören.

Das Werk ist in drei Großkapitel unterteilt, die abermals in kleinere Unterkapitel verarbeitet wurden. Das erste Kapitel handelt von der Erotisierung des Lebens in der Sexrevolte selbst, geht im zweiten über zu Feminismen der 70er und 80er, bis in die Gegenwart, zu zeitgenössischen Genderkonzepten, Pornos und dem Missbrauch des Sexes.

Bedenkliche Relativierungen

Ihre Positionen dabei sind eher als einseitig bis schwach zu klassifizieren. Zwar lobt die korrekt das emanzipatorische und hedonistische Element in Marcuses utopische Sozial- und Sexualtheorie, fernab der Leistungsgesellschaft, lobt auch korrekt die Möglichkeit der Polygamie und der Rechte sexueller Minderheiten auf sexuelle Erfüllung, bemerkt auch korrekt, das Oswald Kolles Filme im Rückblick nur partiell, wenn überhaupt als emanzipatorisch zu titulieren sind; jedoch zeigt sie etwa völlige Unkenntnis, wenn sie Foucault für seine diskursive Sexualtheorie, die immer im Zeichen von Machtgefällen steht, kritisiert und diese auch teil schlicht verleugnet ohne sinnvolle gedankliche oder politische Argumente anführen zu können. Gleiches gilt, wenn sie etwa Butler kritisiert. Zwar lobt Heider sie größtenteils für die Queer-Theorie, die den Geschlechtsdualismus alter Feminismen kritisieren und sich einer sexuellen Klassifizierung entziehen wollen, um einander schlicht als Menschen wahrzunehmen, und dabei auch die Trennung von Sex und Gender negieren, kritisiert aber diese Neukonzeption insofern, als dass sie Butler unterstellt im philosophischen Elfenbeintum zu wohnen, der aktuelle Genderdiskriminierung ignoriere, obwohl gerade diese Anlass für Butlers feministisch-sexuelles Denken sind.

Höchst bedenklich an dem Buch ist vor allem ihre Relativierung und Revidierungen von den Verfehlungen der 68er und ihrer Renegaten, wie beispielsweise dem vollkommenen Versagen der Kommune I oder den Vorwürfen der Pädophilie gegen Daniel Cohn-Bendit, die schlicht als reaktionär tituliert werden.

Ihr Stil ist dabei ebenfalls voll dem hybriden Genre des Buches unterworfen: Kühle Analysen, im sachlichen Stil wechseln sich kurz aufeinander ab, mit stark emotional gefärbten Passagen über ihr Leben und die Sexrevolte, die jedoch stets in einem gut lesbaren, wenig blumigen, sondern sauberen journalistischen Stil verfasst sind.

Am interessantesten und besten ist wohl noch das letzte Kapitel geraten. Denn darin liegt auch Heiders Intention begraben. Ihre These lautet nämlich, dass wir in Zeiten einer sexuellen Restauration leben, die paradox daherkommt und sich gut etwa am Schundroman Fifty Shades of Grey zeigt, der zwar sexuelle Freiheit proklamiert, aber andererseits die Frau in die freiwillige Unterdrückung bringt, in die Monogamie und die spießige Ehe mit dem Bourgeois.

Letzteres ist ein bemerkenswerter Gedanke des gegenwärtigen Paradoxes unserer teiloffenen Gesellschaft, die dabei ist, die Werte der 68er zu verlieren und der Grund, warum man dieses, sonst weitgehend verfehlte Buch von Ulrike Heider doch lesen könnte.

Ulrike Heider: Vögeln ist schön. Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt, Rotbuch Verlag, Berlin 2014. Englishce Broschur, 320 Seiten, 14,05 Euro. Weitere Informationen gibt es unter: http://www.rotbuch.de/buch/sku/B10440/ulrike-heider-voegeln-ist-schoen.html

Philip J. Dingeldey

Dieser Beitrag wurde unter Kultur, Linke Literatur, Rezension abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.